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Munitionswerk Malchow

Geschrieben von: Sven Bardua und Michael Grube   

1938 ist die verschlafene 5.000-Seelen-Stadt Malchow aus ihrer Ruhe gerissen worden. Im westlich benachbarten Wald begann der Bau eines großen Munitionswerkes, in dem im letzten Kriegsjahr etwa 5.500 Menschen beschäftigt waren. Heute führt die Autobahn 19 Berlin-Rostock mitten durch das 340 Hektar große Werksgelände, das eine dicht bewaldete Trümmerlandschaft ist. Vor allem die Lager für die Zwangsarbeiter und die 1940 begonnenen Bauten der Sandfeld-Siedlung aber erinnern noch heute eindrucksvoll an dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte.

Aus Sicht der Rüstungsindustrie ist der Standort Malchow nahezu ideal gewesen. Die abseits gelegene Region in der Mecklenburger Seenplatte galt als strukturschwach. Das Werksgelände war abgelegen, preiswert und durch den Wald gut getarnt. Dank der Chaussee und der Bahnlinie Karow-Malchow-Waren war die Verkehrsinfrastruktur günstig. Plauer See und Petersdorfer See im Zuge der Elde-Müritz-Wasserstraße sicherten den hohen Wasserbedarf der Chemiefabrik. Und für die Lager und Siedlungen gab es genug Baugrund.

Reste der Eisenbahnbrücke

Ein Jahr lang baute die Dynamit Nobel AG (DAG) am Werk. Dann nahm ihre Tochterfirma, die GmbH zur Verwertung chemischer Erzeugnisse (Verwertchemie), es Ende 1939 mit etwa 2.000 Beschäftigten in Betrieb. Eigentümer aber war die Montan Industriewerke GmbH, ein Unternehmen des Deutschen Reiches. Damit hatte das Reich Einfluß auf die Rüstungsproduktion, trat aber nicht als Produzent auf. Außerdem nahm es der DAG, die es auch wegen des Know-hows benötigte, große Teile der Investitionskosten und damit das wirtschaftliche Risiko weitgehend ab. Die Gewinne waren einträglich, nicht zuletzt, weil die Verwertchemie ausländische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge einsetzte. Nach diesem Muster wurden damals viele Rüstungsfabriken betrieben. So hatte die Verwertchemie auch Munitionswerke in Ueckermünde und Dömitz, die Pommerschen Industriewerke eines in Barth. Im Ersten Weltkrieg soll das in Dömitz mit 30.00 Beschäftigten sogar größter Rüstungsbetrieb in Mecklenburg gewesen sein. In Malchow erreichte die Produktionsmenge im Dezember 1939 550 Tonnen, im September 1944 lag sie bei rund 600 Tonnen. Der Anteil an PETN lag 1940 bei etwa 150 Tonnen/Monat, 1944 bereits bei rund 450 Monatstonnen, dazu kamen monatlich etwa 50.000km Sprengschnur und 50 Millionen Sprengkapseln.

Das Malchower Werk stellte vor allem den Sprengstoff Nitropenta her. Dafür wurde der kristalline Alkohol Pentaerythrit in drehbaren Kesseln mit Salpetersäure vermischt, gefiltert, gewaschen, umkristalliert, getrocknet und schließlich mit Wachs vermischt, um es gegenüber Erschütterungen unempfindlicher zu machen. Nitropenta und auch andere Sprengstoffe wurden dann zu Zünd- und Sprengladungen für Granaten gepresst. Außerdem wurden Sprengkapseln, Sprengschnüre und Zündpillen hergestellt. Im ersten Jahr wurden auch Bomben gefüllt. Die Produktion war auf Dutzende von relativ kleinen, in die Erde eingelassenen Stahlbeton-Gebäuden im Wald verteilt. Sie war damit gut getarnt und bei auftretenden Explosionen blieb das Unglück auf das jeweilige Gebäude beschränkt.

Bunkerruine
BunkerruineBunkerruineBunkerruine

Etwa die Hälfte der Beschäftigten waren ausländische Zwangsarbeiter, welche die Machthaber zum Arbeitseinsatz nach Deutschland verschleppt hatten. Später wurden auch Häftlinge aus dem Konzentrationslager Ravensbrück unter äußerst unmenschlichen Bedingungen eingesetzt. Sie lebten alle beengt in sogenannten Bereitschaftslagern im Nordwesten von Malchow, deren Steinbauten noch heute in der West-Siedlung erhalten sind. Nach dem Krieg wurden die Lager überwiegend als Wohnraum genutzt; im Gemeinschaftshaus des Frauenlagers sitzt heute eine Jugendherberge, in dem des Männerlagers war lange der VEB Herrenkonfektion Leipzig ansässig. Die zehn Baracken des KZ-Außenlagers, die für jeweils einhundert Personen gebaut und teilweise fünffach überbelegt waren, wurden abgerissen. Das Lager wurde am 2. Mai 1945 befreit.

Das Werk selbst wurde nach Kriegsende zunächst grob demontiert und von 1948 bis 1952 dann systematisch zerstört bzw. gesprengt. Noch jahrelang bargen örtliche Handwerker Baumaterial aus den Ruinen. Inzwischen lässt sich die Struktur des Werkes im Wald nur noch erahnen. Der Wald ist heute ein Refugium der Natur; in vielen Ruinen leben Fledermäuse. Erhalten sind die Zwangsarbeiterlager, der für das Werk stark ausgebaute Bahnhof und das Wasserwerk (Straße der Jugend), das Verwaltungsgebäude (heute Alten- und Pflegeheim) und die Wohnhäuser für die leitenden Angestellten (heute Ernst-Thälmann-Siedlung) an der Karower Chaussee sowie die Wohnhäuser für die "deutschen Beschäftigten" im Süden und Westen der Sandfeld-Siedlung.

Die Thälmann-Siedlung
Garagengebäude im VerwaltungsbereichStromanschlußVerwaltungsgebäudeLuftschutzbunker der Verwaltung

Die für das Dritte Reich durchaus typischen Bauten im Stil des Heimatschutzes sind nicht automatisch schlecht, weil sie von den Nationalsozialisten bevorzugt wurden. Sie haben durchaus ihre Qualitäten und werden von ihren heutigen Nutzern - nicht zuletzt wegen des hohen Grünflächenanteils - geschätzt. Einige werden gepflegt und im alten Stil rekonstruiert, andere sind mit unpassenden Türen, Fenstern, Verblendfassaden und anderen Anbauten erheblich verschandelt worden. Architektonisch und historisch gesehen ist hier ein wertvolles Ensemble erhalten geblieben, das aber besser gepflegt und vermittelt werden müßte. Immerhin hat die Stadt Historische Spaziergänge ausgearbeitet und weist mit großen Tafeln auf einige Reste des Malchower Munitionswerkes und seine unselige Vergangenheit hin.

Quellen(Auszug):
- Sawatzki/Treu/Bröcker/Nill, "Das Munitions- und Sprengstoffwerk in Malchow 1938-1945", Stadt Malchow
- United States Strategic Bombing Surv
ey

 
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