Volksempfänger

Militärische Objekte und Anlagen des 2. Weltkriegs (und 1933-1945)
petzolde
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Beitrag von petzolde » 17.12.2010 21:12

Interessante Themen, die Du da ansprichst!
(Radio-) Technik-Lenkung durch den Staat hat mich eher nebenbei interessiert, als ich in den 60ern Volksempfänger und andere Radios der 30er und 40er Jahre zerlegt habe, um daraus andere Radios zu bauen. Ich weiß, es war etwas respektlos, und heute würde ich diese Geräte nicht mehr ausschlachten.
Die große Verbreitung des Volksempfängers war ja beabsichtigt, damit jeder den Gröfaz & Co hören konnte und sollte. Aber man konnte darauf ja auch BBC hören. Was ich mich damals schon gefragt habe: Gab es irgendwelche Einbauten, Vorkehrungen oder Leistungsbegrenzungen, daß man zwar deutsche Sender, nicht aber BBC hören konnte? Aus meiner Sicht gab es das nicht, aber evtl. habe ich da was übersehen?
gruß EP

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erlenmeier
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Beitrag von erlenmeier » 18.12.2010 20:13

Moin Petzolde!
DKE38 und VE301, beide im Bakelit-Gehäuse, mit extrem niedrigem Metall-Anteil der Einzelteile und konzipiert als ganz simpler Geradeaus-Empfänger, wurden unter´s Volk gebracht, um die Reden, Nachrichten, später Kriegsberichterstattung in jeden Haushalt zu bringen.

Beispiel Deutscher Klein-Empfänger von 1938, der DKE38.

Bakelit-Gehäuse waren ab 1930 der Renner, profitabel für den Fabrikanten, weil in einem Press-Vorgang hergestellt.Leicht zu reinigen für die Hausfrau, weil wasserunempfindlich.

Niedriger Metallgehalt war wichtig, weil schon ab 1933 die Kriegsvorbereitungen im Stillen im Gang waren. Metalle wie Stahl, Kupfer, Messing wurden bei diesen Massen-Erzeugnissen nur da eingesetzt, wo es wirklich notwendig war.So wurden die Metall-Reserven für die Rüstungsproduktion geschont.[/u]
Das Chassis wurde beim DKE aus Hartpapier (Pertinax) gefertigt, ebenso Drehkondensator, Spulenkörper. Röhrenfassungen aus Bakelit. Kein Netztrafo, d.h. die beiden Röhren wurden direkt aus der Steckdose betrieben.Der Ausgangsübertrager wurde eingespart. Beides zusammen brachte so an die 400gr Eisen- und ebensoviel Kupfer-Einsparung. Das Chassis des Lautsprechers aus Presspappe......insgesamt volumenmäßig ein Metallanteil von 20%.

Geradeausempfänger bedeutet, nur wenige Bauelemente, die die Sender trennen können.Im Fall des DKE nur ein Empfangskreis, das einfachste Radio-Prinzip. Diese karge Ausstattung war auch erwünscht, um nur das Einheitsprogramm der Reichssender zu empfangen.Der Heimatsender, sog. Ortssender wie Hamburg, Berlin oder Bremen arbeiteten mit einer so hohen Sendeleistung, dass sie von jedem Einfachgerät empfangen werden konnten. Sie nahmen aber auf der Frequenzskala des Geräts einen so breiten Raum ein, dass schwächere Signale wie der BBC überdeckt wurden.
Wie behalfen sich die interessierten Hörer? Man konnte eine Langdrahtantenne, einen langen Draht, durch den Garten spannen. Dadurch konnte man weiter entfernte Stationen empfangen. Es gab aber auch sog. Sperrkreise ganz offiziell und legal zu kaufen, die den Ortssender ausfilterten. So war der Auslandssender doch zu empfangen.
An jedem Radio musste aber ein Pappschild angehängt werden mit dem Hinweis, dass das Abhören von "Feindsendern" verboten ist und bestraft wird.
Beim Volksempfänger (VE301)ging man seitens Regierung und Industrie sogar noch einen Schritt weiter. Für ihn konnte man Vorsatzgeräte kaufen, die die Empfangsempfindlichkeit erheblich verbesserten.
So, das war nun sehr langatmig, aber zum Schluss habe ich deine Frage doch noch beantwortet. Wenn doch nicht so ganz, bitte noch mal nachfragen.

Gruß von Hans

petzolde
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Beitrag von petzolde » 18.12.2010 21:28

Danke, und keineswegs langatmig!! Da kommen doch neue Fragen auf:
War man denn auffällig, wenn man eine Langdrahtantenne im Garten hatte? Oder Sperrkreise und andere Filter kaufte, die ja wohl nur eines zum Ziel hatten: Feindsender hören ?
Kann natürlich auch sein, daß bestimmte Landstriche so weit weg von allen starken deutschen Sendern waren, daß man sowieso eine Langdrahtantenne und anderes Zubehör brauchte.
Gibt es denn eine Aufstellung, wieviele Sender mit welcher Leistung im Kriegs-Deutschland sendeten?
Ich habe zwar noch Radios der 50er mit MW-Skalen, auf denen Motala, Hilversum, Königgrätz,... geschrieben standen. Aber galten diese Skalen auch schon zu Drittereichs-Zeiten?
Für mich war immer unklar, ob diese ausländischen Sender auch als "Feindsender" mit Hörverbot galten. Hilversum und Königgrätz waren sicherlich gleichgeschaltet, aber Motala? Andererseits sprach damals in Deutschland wohl kaum jemand Fremdsprachen (außer etwas Französisch), so daß schon aus diesem Grund solche Auslandssender für das Regime wenig gefährlich waren. Oder sendeten solche Sender auch in Deutsch?
gruß EP

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erlenmeier
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Beitrag von erlenmeier » 19.12.2010 18:57

Moin petzolde!
Langdraht-Antenne war auf dem Lande eher normal. Sah manchmal eher wie eine Wäscheleine im Garten aus. In der Stadt hat man einen Draht von Gardine zu Gardine gespannt oder unter dem Teppich verlegt.
Wegen Verdacht erregen war das wie während der ganzen 12 Jahre der NS-Zeit. Wenn dich einer anscheissen wollte, hat er immer einen Grund gefunden.
Meine Großeltern hatten übrigens bis weit in der 50er einen Volksempfänger mit Sperrkreis in Betrieb. War wichtig, weil der NDR so stark reinblies.
Wegen Feindsender oder erlaubter Sender. Da gibt es Listen von Sendern, die mit den Geäten zusammen ausgeliefert wurden. So wie die besagt Karte, die am Radio befestigt werden musste.
Wegen der Liste müsste man mal bei Radiomuseum.org nachsehen. Die haben eine Rubrik Funkgeschichte.
Nun noch die Sache mit den Sendernamen auf der Radioskala.
1949 hat es die Kopenhagener Wellen-Konferenz gegeben. Da wurde die Frequenzen neu verteilt. Deutschland bekam da gerade so viel ab, wie es nun groß war, also keine ca. 20 Reichssenderfrequenzen mehr.
Wenn du also ein Radio findest, auf dessen Skala z.B. noch Königsberg oder Breslau draufsteht, dann ist es bis 1949 gebaut worden. Steht dort NWDR oder Berlin-Ost drauf, dann ist es entweder eins aus der Zeit danach oder....man konnte auch Ersatz-Glasskalen mit der neuen Sender-Verteilung kaufen. Das sind dann Fälle für Spezilisten.
Im Folgeden habe ich dazu einfach mal was bei WIKIPEDIA unter dem Stichwort Feindsender im III.Reich kopiert.

Mit Kriegsbeginn 1939 wurden vom NS-Regime zahlreiche neue Gesetze und Verbote eingeführt. Eines der neuen Gesetze war die „Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“ vom 1. September 1939. Sie bedrohte das Hören ausländischer Rundfunksender mit hohen Strafen. Hörer satirischer Beiträge oder Musiksendungen wie Jazz und Swing kamen oft mit einer Verwarnung durch die Gestapo davon, mussten aber auch mit dem Einzug des Rundfunkgerätes oder gar einer Gefängnisstrafe rechnen. Verbreitung von abgehörten Nachrichten der Feindsender konnte Zuchthausstrafen nach sich ziehen oder sogar mit dem Tode bestraft werden.

Schnell entwickelte sich die Londoner BBC zum stärksten ausländischen Feindsender, ebenso galt Radio Vatikan als Feindsender. Weitere ausländische, in Deutschland gehörte Sender waren Radio Moskau, Radio Oranje, eine Sendung der Niederländischen Exilregierung in niederländischer Sprache auf der Welle der BBC, der schweizerische Landessender Beromünster[1] und die britischen Propagandasender in deutscher Sprache Gustav Siegfried 1 und Soldatensender Calais. Innerhalb des Landes entstanden verschiedene, eher kleine Schwarzsender.


Ich denke, damit ist auch die Frage anch den deutschsprachigen Auslandssendern a bisserln geklärt.

Die Leute, die z.B. BBC in deutscher Sprache hörten, wurde amtlich als Rundfunkverbrecher bezeichnet. Die Blockwarte in den Wohngebieten/Mietskasernen/Mehrfamilienhäusern hatten die Aufgabe, solche Vorkommnisse zu melden. Als Strafe gab es das Unbrauchbarmachen des Radios, meist den Entzug. Freiheitsstrafen zwischen Zuchthaus, KZ-Lager-Inhaftierung und Hinrichtung.

Über Radio Motala aus Schweden weiss ich nur, dass es ein Langwellensender war. Mit guter Antenne in D zu empfangen. Gesendet 1927 bis in die 70er-Jahre.

Tschüß EP

Frag mich doch noch mal was.

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Volksempfänger / Eingeschränkter Rundfunkempfang

Beitrag von erlenmeier » 20.12.2010 10:28

Noch ein Nachtrag zum Thema Abhörverbot von Feindsendern.

Im Radiomuseum.org gibt es ein Verzeichnis der europäischen Rundfunksender aus dem Jahre 1933, also alle empfangbaren Stationen.Diese Beiträge sind aber nur von Mitgliedern einzusehen.

Im Tread Olympia 405W Radio im Dritten Reich Ausländische Radiosender -->Radio im dritten reich stellt der Autor Wolfgang Scheida den ganzen Komplex um Volksempfänger und Hörverbot sehr gründlich mit Dokumenten und Quellenangaben dar.

In dem Aufsatz ist auch eine Liste der erlaubten Sendefrequenzen vorhanden.

Ca. 1939 wurden übrigens die ersten Geräte mit Stationstasten auf den Markt gebracht, z.B. der Telefunken 770WKK oder der Körting Amatus40. Diese Geräte hat aber neben den Festsendertasten auch noch einen Drehkondensator für Handabstimmung. Wer wollte konnte damit also jeden erreichbaren Sender empfangen.

Das Kleingerät von Sachsenwerk Olympia 405W geht da aber einen Schritt weiter. 8 Stationstasten wurden, meist schon vom Händler, auf die Frequenzen des Großdeutschen Rundfunks vorabgestimmt. Das Gerät wurde wegen seiner einfachen Bedienung angepriesen. Hinweis:"leicht leicht von der Hausfrau zu bedienen". Wer unbedingt wollte, konnte aber auf der Rückseite mit einem Schraubendreher andere Frequenzen einstellen.Das Ding brachte aber auch ein Folgeproblem.
Wenn nämlich eine besetzte Sendestation von gegenerischen Truppen zurück erobert wurde, stand auf dem eingelegten Blatt Papier in der Taste plötzlich der Name eines Feindsenders. Beispiel 1944 Sender Paris.

In der Vereins-Zeitschrift FUNKGESCHICHTE der Gesellschaft der Freunde der Geschichte des Funkwesens(GFGF) wurde im Heft 192, Aug 2010, auf den Seiten 111/112 zu diesem Gerät ein Bild-Aufsatz von Amleto Melloni veröffentlich.Siehe dazu die homepage unter gfgf.org.

Wie ich schon vorher schrieb, konnte man so jeden unbeliebten Nachbarn anscheissen.
Beim Besuch in der Wohnung kurz auf die Skala des Radios nach dem eingestellten geschaut, an der Haustür gehorcht, die Kinder ausgefragt oder den Briefträger als Spion genutzt.
Im Anhang die beiden Sendertabellen und das Stationstasten-Radio, vorgestellt im Rundfunkkatalog 1939.
Gruß aus Hude von HWerlenmeier
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Beitrag von hebbel » 20.12.2010 13:03

Wen es begleitend zum Thema interessiert... Das Werk von Michael P. Hensle: Rundfunkverbrechen. Das Hören von „Feindsendern“ im Nationalsozialismus. Berlin 2003, ISBN 3-936411-05-0. gibt es auch Online -> http://opus.kobv.de/tuberlin/volltexte/ ... ichael.pdf

Gruss
Hebbel

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Feindsender/Hörverbot

Beitrag von erlenmeier » 21.12.2010 21:46

Moin zusamm´!
Axel Tholen, ein Mitglied der GFGF, hat mir das Dokument im Anhang zugeschickt. Ergänzung zum Thema verbotene/erlaubte Sender.
Gruß an alle, die an Funkwesen und Lebensumstände von 33-45 interessiert sind.
HW erlenmeier
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Beitrag von ganymed12 » 03.01.2011 12:55

Hallo Zusammen,

mit meinem einfachen VE301Wn ist es sehrwohl möglich auch entfernte Sender zu empfangen. Zwar ist die Technik einfach gehalten, dafür aber sehr leistungsfähig...


Gruß
Ganymed
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Beitrag von FishBowl » 03.01.2011 20:32

Kann es sein, dass das Gerät noch eine einstellbare Rückkopplung hat?
Damit wäre es tatsächlich auch einigermassen für Fernempfang geeignet.

Rückkopplungsempfänger durften später in Kriegszeiten nicht mehr an Normalverbraucher abgegeben werden.
Im Gegenteil, die dafür erforderlichen Schnittstellen wurden bei neuen oder überprüften Geräten zunächst amtlich versiegelt, bei späteren Modellen durch Veränderung des Schaltungskonzeptes (z.B. Mehrfachröhre mit integrierten passiven Koppelgliedern) technisch unzugänglich gemacht.
Superhet- und Doppelsuper-Empfänger waren dann für die Allgemeinheit komplett verboten.

Da seit der offiziellen Einführung des Rundfunks alle (nicht heimlich / komplett selbstgebauten) Geräte einzeln angemeldet werden mussten, konnten die Behörden durchaus prüfen und ggf. auch Nachweise über den Verbleib verlangen.
Selbst der Erwerb von einzelnen Röhren war stark reglementiert und wurde erfasst.
Zeitweise galt das auch für fertige Spulen und Filter.

Diese Informationen stammen aus meiner Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker bei der Handwerkskammer Hamburg in den 80er Jahren.

Grüsse

Jürgen

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Beitrag von ganymed12 » 03.01.2011 21:03

Hallo,

laut meinen Infos haben alle Volksempfänger eine einstellbare Rückkopplung, selbst der DKE38 (deutscher Kleinempfänger oder auch "Göbbelsschnauze" genannt).

Die frühen Volksempfänger hatten einen kleinen Spulenturm mit verschiedenen Anzapfungen. Ab dem VE301 Wn wurde eine variabele Abstimmspule verbaut. Mit dieser kann man sehr genau Abstimmen und mit Hilfe der Rückkopplung die Lautstärke gut einstellen.

Ich bezweifele ob die Empfänger der damaligen Zeit absichtlich technisch "abgerüstet" wurden. Hat vermutlich eher was mit der Knappheit kriegswichtiger Rohstoffe zu tun.
Superhetempfänger kamen erst in den 1950 iger Jahren auf. Vorher wurden diese hauptsächlich militärisch genutzt.

Gruß
Andreas

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