Kinderheim in Ratzenried/Allgäu

Zivile und sonstige Bauten mit geschichtlichem Hintergrund und deutlichem Bezug zu den Fachthemen, die jedoch nicht eindeutig zuzuordnen sind
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zulufox
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Kinderheim in Ratzenried/Allgäu

Beitrag von zulufox » 11.02.2018 10:04

Liebe Mitforisten,

ich hatte im Frühsommer 1953 das "Vergnügen" eines Aufenthalts in einem von katholischen Nonnen geführten Kinderheim in Ratzenried (heute OT von Argenbühl). Die Erinnerungen an diesen Aufenthalt habe ich, das muss ich ganz ehrlich sagen, lange Jahre einfach verdrängt. Daher kann ich heute, fast 65 Jahre später, auch nicht mehr sagen, wo im Ort oder in der Umgebung sich dieses Kinderheim befand.

Wer kann mir mit Angaben helfen?

MfG
Zf :holy:
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Demosthenes (384 - 322 v. Chr. Athen)
"Nichts ist leichter als Selbstbetrug, denn was ein Mensch wahrhaben möchte, hält er auch für wahr."

tobias
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Beitrag von tobias » 11.02.2018 10:13


zeppelin
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Kinderhein Ratzenried

Beitrag von zeppelin » 11.02.2018 11:00

Hallo - es dürfte sich um das Schloss in Ratzenried handeln. Hier einiges zur Geschichte: http://www.ratzenried.de/index.php/schloss.html
Diese Kinderheime aus den 50igerund 60iger Jahren sind oft ein dunkles Kapitel der Pädagogik.Das Netz ist voll von Erlebnisberichten ehemaliger Zöglinge.

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zulufox
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Beitrag von zulufox » 12.02.2018 18:37

Liebe Mitforisten,

herzlichen Dank für alle Hinweise und links. Ich habe inzwischen auch mit dem Leiter des Heimatvereins telefoniert.
So wie die Lage der Dinge ist, kann ich wohl sagen, dass ich mit zu den ersten Kindern von Angehörigen der Bundespost aus Baden-Württemberg gehörte, die hier bei einem mehrwöchigen Aufenthalt Erholung finden sollten.

Die deutschen Nonnen des Borromäus-Ordens waren aus Trebnitz in Schlesien vertrieben worden.

Mehr bei Gelegenheit.

Zf :holy:
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dermike
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"barmherzige Schwestern" wie die wirklich waren

Beitrag von dermike » 12.02.2018 19:37

Hallo zusammen,

zu diesem Thema gibt es wahrscheinlich tausende Geschichten.
Und alles unter dem Deckmantel christlicher Nächstenliebe.
Mich wundert, dass überhaupt noch jemand Kirchensteuer bezahlt.

dermike

Bernd-aus-Berlin
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Re: Kinderheim in Ratzenried/Allgäu

Beitrag von Bernd-aus-Berlin » 27.10.2019 13:39

Hallo in die Runde!

Aufgerüttelt durch einen Filmbeitrag in "Report" am 10.09.2019 in dem es um "Kinderkuren" ging, kamen mir die eigenen Erinnerungen wieder hoch.

Mein Bruder (Jg. 1956) und ich (Jg. 1957) waren im Frühjahr 1962 zu einer Kinderkur in Ratzenried. Mit dem Zug fuhren wir von Bonn dorthin. Ohne Eltern.

Wir beide haben keine konkreten Erinnerungen mehr an diesen Aufenthalt, dennoch er auf mich bis heute Auswirkungen.

Seit diesem Aufenthalt esse ich keine Butter bzw. Margarine. Das geht sogar soweit, dass ich keine belegten Brote/Brötchen anrühre. Es könnte ja Butter/Margarine drunter sein. Auch Messer, an denen Spuren davon zu sehen sind, sind für mich ein no go.

Meine Mutter hat diese, meine Abneigung, ja ich denke, es ist eine echte Aversion, immer in Zusammenhang mit dem Aufenthalt in Ratzenried gebracht. Seit dem Tag meiner Rückkehr hätte ich nichts mehr davon angerührt.

Was mir noch in Erinnerung geblieben ist: auf der Fahrt in den Urlaub nach Österreich im Sommer 1962 bin ich in Panik geraten, als meine Eltern uns Kindern erzählten, sie wollten noch einen kurzen Abstecher über Ratzenried machen und den Schwestern einen Besuch abstatten. Das war zuviel für mich. Ich hatte richtig Angst, dass ich hätte da bleiben müssen.

Ich frage mich, was ist uns Kindern in Ratzenried und - den Berichten zufolge auch - anderswo angetan worden?

Nach allem, was ich bisher dazu gelesen habe, scheint es offensichtlich zu systematischen Misshandlungen an Kindern gekommen zu sein. Und dies oftmals mit dem Segen der Kirche.

Leider - oder muss man sagen Gott sei Dank ? - können die damals Verantwortlichen wahrscheinlich nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.

Vielleicht finden sich aber hier in dem Forum Zeitzeugen, die ein wenig Licht ins Dunkel führen können.

Grüße aus Berlin
Bernd

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Pinguin der 2.
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Re: Kinderheim in Ratzenried/Allgäu

Beitrag von Pinguin der 2. » 27.10.2019 16:51

Bernd, ich kann dir folgen. Seit meinem Einsatz in AFG habe ich auch ein paar harmlose aber seltsame Angewohnheiten entwickelt.
sapere aude

Hans-1962
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Re: Kinderheim in Ratzenried/Allgäu

Beitrag von Hans-1962 » 11.12.2019 23:31

Bernd-aus-Berlin hat geschrieben: 27.10.2019 13:39 Hallo in die Runde!

Aufgerüttelt durch einen Filmbeitrag in "Report" am 10.09.2019 in dem es um "Kinderkuren" ging, kamen mir die eigenen Erinnerungen wieder hoch.

Mein Bruder (Jg. 1956) und ich (Jg. 1957) waren im Frühjahr 1962 zu einer Kinderkur in Ratzenried. Mit dem Zug fuhren wir von Bonn dorthin. Ohne Eltern.

Wir beide haben keine konkreten Erinnerungen mehr an diesen Aufenthalt, dennoch er auf mich bis heute Auswirkungen.

Seit diesem Aufenthalt esse ich keine Butter bzw. Margarine. Das geht sogar soweit, dass ich keine belegten Brote/Brötchen anrühre. Es könnte ja Butter/Margarine drunter sein. Auch Messer, an denen Spuren davon zu sehen sind, sind für mich ein no go.

Meine Mutter hat diese, meine Abneigung, ja ich denke, es ist eine echte Aversion, immer in Zusammenhang mit dem Aufenthalt in Ratzenried gebracht. Seit dem Tag meiner Rückkehr hätte ich nichts mehr davon angerührt.

Was mir noch in Erinnerung geblieben ist: auf der Fahrt in den Urlaub nach Österreich im Sommer 1962 bin ich in Panik geraten, als meine Eltern uns Kindern erzählten, sie wollten noch einen kurzen Abstecher über Ratzenried machen und den Schwestern einen Besuch abstatten. Das war zuviel für mich. Ich hatte richtig Angst, dass ich hätte da bleiben müssen.

Ich frage mich, was ist uns Kindern in Ratzenried und - den Berichten zufolge auch - anderswo angetan worden?

Nach allem, was ich bisher dazu gelesen habe, scheint es offensichtlich zu systematischen Misshandlungen an Kindern gekommen zu sein. Und dies oftmals mit dem Segen der Kirche.

Leider - oder muss man sagen Gott sei Dank ? - können die damals Verantwortlichen wahrscheinlich nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.

Vielleicht finden sich aber hier in dem Forum Zeitzeugen, die ein wenig Licht ins Dunkel führen können.

Grüße aus Berlin
Bernd
Hallo, ich war vermutlich auch 1962 dort und zwar drei Monate. Besonders negativ ist mir Schwester Adelw. in Erinnerung geblieben.
Viele Grüße Hans

MichaG

Re: Kinderheim in Ratzenried/Allgäu

Beitrag von MichaG » 03.01.2020 22:13

Moin,

ich wollte nicht in diesem Thema schreiben, aber nach Jahrzehnten muß ich das einfach loswerden...

1960er Jahre, zwei verwöhnte Knaben, beide Mütter alleinerziehend, Geld war kein Thema, die Mütter hatten uns nicht
mehr unter Kontrolle, beide Mütter vermutlich überfordert...

4 Wochen Kinderheim in Bad Rothenfelde, das hatten unsere Mütter geplant.

Uns verwöhnten Knaben die Verzogenheit abgewöhnen, vier Wochen "Drill", das war der Wunsch der Mütter.

Wir waren damals auf der Kippe vom Kind zum Jugendlichen, Mädels waren schon interessant, aber eher nur im
Kopf, weniger im Körper.

Die Frauen in dem Kinderheim hatten wir als "Tanten" zu bezeichnen, in meiner Erinnerung dicke alte Frauen, die
in einer Art Tracht unterwegs waren.

Erinnerungsfetzen, ist zu lange her, aber ich erinnere den Begriff Missbrauch, wenn ich an diese Wochen zurückdenke.
Der Begriff uns Kindern damals natürlich nicht bekannt, aber es gab eine Art Peitsche, es wurde geschlagen,
Essen wurde nicht ausgeteilt, etc.

Schlimm waren die täglichen Duschen, alle Kinder hatten sich splitternakt auszuziehen, standen in einer Reihe,
und die "Tanten" seiften jeden einzeln ab, besonders gerne die Jungen.

Wer nicht folgte, wurde eiskalt abgeduscht, und wurde ohne Abendbrot zu Bett geschickt...

Das war in den 1960er Jahren, ich träume all diesen Scheiss manchmal immer noch, ist so eine dieser verdrängten
Erinnerungen, aber unser Kopf vergisst nichts, gar nicht!

Micha

Katrin
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Re: Kinderheim in Ratzenried/Allgäu

Beitrag von Katrin » 06.01.2020 18:30

Hallo,

du diesem Thema erschien im November u.a. im Spiegel ein Artikel:

www.spiegel.de/geschichte/verschickungs ... 97086.html

Die damals Verschickten beginnen sich zu organisieren, für manchen vielleicht eine Hilfe zur Verarbeitung des Erlebten.

Ich bin froh, dass mir ein sog. Kuraufenthalt erspart geblieben ist. Die Betreuerinnen müssten nachträglich wg. Misshandlung
Schutzbefohlener angezeigt werden, wenn sie überhaupt noch am Leben sind. Ebenso kann ich nicht nachvollziehen, warum die Eltern so selten auf die "Hilferufe" ihrer Kinder reagiert haben bzw. nach der Verschickung nichts unternommen haben. Es ist wahrscheinlich der Zeit geschuldet.

Viele Grüße
Katrin

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