Heinkelwerke - Rostock

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Gerfried Eisen
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Heinkelwerke - Rostock

Beitrag von Gerfried Eisen » 03.04.2019 17:52

Hallo allerseits,
an der einen oder anderen Stelle im Forum wurde schon manchmal Bezug genommen auf die Ernst Heinkel Flugzeugwerke GmbH, aber ein qualifizierter Forenbeitrag hat bisher dazu gefehlt.
Da möchte ich mich mal "dran versuchen"...

Heinkelwerke Rostock - Teil 1: Allgemeiner Überblick

Mit keinem anderen Unternehmen in der Stadtgeschichte tut sich die offizielle Geschichtsschreibung so schwer, wie mit diesem: der Ernst Heinkel Flugzeugwerke GmbH (Heinkelwerke, EHF). Wie kein anderes Unternehmen haben die Heinkelwerke die Entwicklung der Stadt Rostock beeinflusst.

Das 1922 in einer gemieteten Halle des Seeflugzeug-Versuchskommandos in Warnemünde gegründete Unternehmen wuchs schnell; mit dem Erfolg der Heinkelwerke wuchs auch die Stadt Rostock innerhalb kurzer Zeit zur Großstadt und wurde zum bedeutendsten Industrie- und Hochtechnologiestandort in Mecklenburg. Ganze Stadtviertel entstanden neu – die Heinkelwerke bezahlten nicht nur überdurchschnittlichen Lohn und stellen Kantinenessen zur Verfügung, sondern errichteten ganze Wohnviertel und betrieben ein Krankenhaus und andere Einrichtungen.
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Dennoch ist es ein Ort voller Widersprüche. Ein Ort, der von den Errungenschaften deutscher Ingenieurskunst kündet, genauso wie von der schuldhaften Verstrickung im nationalsozialistischem System des Deutschen Reiches.

Hier entwickelte Ernst von Oheim 1939 das erste Düsenflugzeug der Welt – doch einen offiziellen Ort, der an dieses bedeutende Stück Luftfahrtgeschichte erinnert, findet sich nicht in der Stadt, nur ein privat finanzierter Gedenkstein, passend auf dem Gelände platziert, wo sich einst der große Werksflugplatz befand.
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1931 zogen die Heinkelwerke aus Warnemünde zunächst nach Rostock in die Bleicherstraße – der Mietvertrag für die Hallen in Warnemünde war gekündigt worden.

Zu diesem Zeitpunkt baute Heinkel verschiedene Flugzeugtypen für das Reichswehrministerium und Postflugzeuge. 1932 erhielten die Heinkelwerke den Auftrag zur Entwicklung und zum Bau eines Schnellflugzeuges für die Lufthansa.

1932 verstärkte Ernst Heinkel die politische Lobbyarbeit und richtete eine ständige Vertretung der Heinkelwerke in Berlin ein. Hierhin wurde einer der Direktoren der Heinkelwerke entsandt: Baron von Pfistermeister. Er pflegte Kontakte nicht nur zu den staatlichen Institutionen sondern auch zu Wettbewerbern. Die Lobbyarbeit sollte sich bald auszahlen: zunächst besuchte Hermann Göring 1932 die Heinkelwerke; 1933 kündigte sich weiterer hoher Besuch bei Ernst Heinkel in der Bleicherstraße an: der Chef des noch geheimem Luftwaffenverwaltungsamtes und späterer Generalfeldmarschall Albert Kesselring. Er regte an, ein neues Werk bei Rostock für ca. 3.000 Arbeiter zu errichten; im Gegenzug garantierte er hohe Abnahmepreise für die Flugzeuge. Die unheilige Allianz zwischen Flugzeugtechnologie und Nationalsozialismus begann.

Im Frühjahr 1934 konnte mit dem Neubau auf dem Gelände in Rostock Marienehe begonnen werden; der Rohbau für den ersten Bauabschnitt war im Dezember 1934 fertig; der Start der Produktion in Marienehe erfolgte ab 1935.

Extra für die Heinkelwerke wurde zunächst die Straßenbahn bis nach Marienehe verlängert und ab 1935 wurde ein separater Haltepunkt der Vorortbahn für die Werksangehörigen eingerichtet.
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Parallel zu den Bauarbeiten in Marienehe wurde der werkseigene Flugplatz unweit des Dorfes Schmarl (nördlich von Marienehe gelegen und ebenfalls mit der Vorortbahn erreichbar) angelegt – er hatte drei fächerförmig angelegte und befestigte Haupt-Start- und Landebahnen und zwei Neben-Start- und Landebahnen. Die Haupt-Start-und Landebahn war eine West-Ost-Startbahn mit 1.500 m Länge, die anderen beiden verliefen von Nordwest nach Südost bzw. von Südwest nach Nordost. Das Werksgelände in Marienehe zog sich bis zum Flugplatz hin, die Ausflughalle befand sich in dessen unmittelbarer Nähe.

Der Standort Marienehe wurde zum modernsten Flugzeugwerk Europas und avancierte schnell zum Stammwerk der Heinkelwerke. Die Heinkelwerke hielten mehr als 1.300 Patente im Bereich des Flugwesens und knapp 600 Schutzrechte rund um Triebwerke.

Ab 1934 wurde zusätzlich in den Hallen der von Heinkel übernommenen Firma Norddraht in der Roststocker Werftstraße produziert.

1936 begannen die Arbeiten an der Errichtung eines neuen Heinkel-Zweigwerkes in Oranienburg (was die Vermutung nahe legt, das zu diesem Zeitpunkt der Aufbau des Marieneher Standortes abgeschlossen war).

1939 sind in den Heinkelwerken in Rostock 9.000 Menschen beschäftigt (1933 waren es 400!) – die Seestadt Rostock weist für 1938 erstmals Vollbeschäftigung aus. Mehr als 1.000 Wohnungen werden in Rostock neu gebaut – hauptsächlich für Heinkel-Werksangehörige; der Heinkel Chefarchitekt und Leiter der Heinkelbauabteilung ist zugleich Mitglied der Geschäftsführung der städtischen Siedlungsgesellschaft – unter seiner Regie entstehen z.B. die Häuser am Gustloff -Platz (heute Thomas Münzer Platz).
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1943 werden alle Gesellschaften aus der Heinkel-Firmengruppe zwangsweise zur Ernst Heinkel Aktiengesellschaft (EHAG) fusioniert. Ernst Heinkel behielt zwar die Aktienmehrheit, war nunmehr jedoch nur noch Vorsitzender des Aufsichtsrates.

Beginnend ab 1942 nach den ersten schweren Bombardements auf Rostock begann die Dezentralisierung, die insbesondere ab 1944 forciert wurde (man kann hier nicht wirklich von „U-Verlagerung“ sprechen, obwohl es kleinere Ansätze dazu gegeben haben schien – z.B. mit der Verlagerung von Teilen der Produktion in verbunkerte Produktionsstätten im Wald bei Schwarzenpfost). Die Dezentralisierung führte dazu, das nunmehr auch an verschiedenen kleineren Standorten für die Heinkelwerke produziert wurde, so z.B. in Barth und in Lübz).

1945 – zum Ende des Krieges – waren in den Rostocker Heinkelwerken mehr als 17.000 Menschen beschäftigt, darunter einige Tausend Zwangsarbeiter.

Als Rüstungsbetrieb wurden die Rostocker Heinkelwerke nach dem Ende des Krieges (die Truppen der Roten Armee erreichten Rostock am 01.Mai 1945) vollständig demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht. Fast alle Werkhallen – insbesondere in Marienehe – wurden gesprengt und dem Erdboden gleich gemacht.

Die Start- und Landebahnen des Werksflughafens wurden entfestigt (auf Luftbildern aus dem Jahr 1957 kann man deren Verlauf noch erkennen) und wurden in der Zwischenzeit mit einem Gewerbegebiet überbaut.

Die gründliche Zerstörung dieses deutschen Hochtechnolgiestandortes macht eine Erinnerung und eine Aufarbeitung dieses spannenden Kapitels deutscher Geschichte beinahe unmöglich.

Quellen:
[Hrsg.] Friedrich-Ebert-Stiftung Landesbüro Mecklenburg Vorpommern; „Technikgeschichte kontrovers: Zur Geschichte des Fliegens und des Flugzeugbaus in Mecklenburg Vorpommern“; Reihe Beiträge zur Geschichte Mecklenburg-Vorpommern Nr. 13; Schwerin; 2007
Wagner, Andreas; „Der Streit um die Geschichte der Heinkel-Flugzeugwerke in Rostock“; in: Demokratische Geschichte 17, Malente, 2006, Seite 235 ff.
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Geschichte ist etwas, das vielleicht im Grunde erst geschrieben werden kann, wenn alles so lange vorbei ist, dass niemand mehr lebt, der ein aktuelles Interesse daran hat, wie es gewesen sein sollte.
(Carl Friedrich von Weizsäcker)

Gerfried Eisen
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Heinkelwerke - Rostock - Standort Bleicherstraße

Beitrag von Gerfried Eisen » 03.04.2019 18:02

Heinkelwerke Rostock - Teil 2: Heinkelwerke - Standort Bleicherstraße

Im Jahre 1931 erhielt Erich Heinkel die Kündigung für seine angemieteten Hallen in Warnemünde vom zuständigen Reichskommissariat – der Warnemünder Standort befand sich auf dem Gelände des Seeflugzeug – Versuchskommandos, also einer militärischen Einrichtung.

Als Notlösung zogen die Heinkelwerke daraufhin in die Rostocker Bleicherstraße. Es war ein recht überschaubares Gelände und hatte keine Erweiterungsmöglichkeiten, bot jedoch durch die unmittelbare Nähe zum Güterbahnhof zumindest unter logistischen Aspekten gute Voraussezungen.
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Zu diesem Zeitpunkt baute Heinkel verschiedene Flugzeugtypen für das Reichswehrministerium und Postflugzeuge. 1932 erhielten die Heinkelwerke den Auftrag zur Entwicklung und zum Bau eines Schnellflugzeuges für die Lufthansa.

1933 kündigte sich hoher Besuch bei Ernst Heinkel in der Bleicherstraße an: der Chef das noch geheimem Luftwaffenverwaltungsamtes und späterer Generalfeldmarschall Albert Kesselring. Er regte an, ein neues Werk bei Rostock für ca. 3.000 Arbeiter zu errichten; im Gegenzug garantierte er hohe Abnahmepreise für die Flugzeuge. Der kleine Standort in der Bleicherstraße ließ keine Massenproduktion zu – für die Rüstung sollte und musste in größeren Maßstäben gedacht werden; so begannen die Planungen für einen riesigen Produktionsstandort „auf der grünen Wiese“.
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Nachdem in Marienehe der neue Stammsitz des Unternehmens aufgebaut war, wurde der Standort in der Bleicherstraße nicht aufgegeben, sonder weiter genutzt – die Produktion in Marienehe war durch die Rüstungsaufträge voll ausgelastet. Hier in der Bleicherstraße konnte an neuen Entwicklungen und an Einzelstücken und Einzelteilen gearbeitet und probiert werden

Nach 1945 wurde auch hier alles demontiert und ausgebaut, was nicht niet- und nagelfest war und in die Sowjetunion abtransportiert. Von einer Sprengung hat man vermutlich aufgrund der Nähe zum Güterbahnhof und zu den damaligen Städtischen Werken abgesehen.

Die Abteilung Spedition des VEB Kraftverkehr Ostseetrans fand hier ab 1949 sein Domizil; das Gelände wurde teilweise umgestaltet – einige Produktionshallen wurden abgerissen, dafür wurde ein Garagenkomplex errichtet. Ab 1990 stand das Gelände leer – nun rollen auch hier die Abrißbagger, unbemerkt von der Öffentlichkeit.
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Heinkelwerke - Rostock - Standort Marienehe

Beitrag von Gerfried Eisen » 03.04.2019 18:15

Heinkelwerke Rostock - Teil 3: Heinkelwerke - Standort Marienehe

Auf Anregung durch den Chef des noch geheimem Luftwaffenverwaltungsamtes, Albert Kesselring, nach einem Besuch der Heinkelwerke in der Bleicherstraße begannen 1933 die Planungen für ein neues Werk bei Rostock für ca. 3.000 Arbeiter; im Gegenzug garantierte das Luftwaffenverwaltungsamt hohe Abnahmepreise für die Flugzeuge.

Die Suche nach einem geeigneten Standort erwies sich schwieriger als gedacht. Zunächst war geplant, sich neben dem Arado-Flugplatz in Warnemünde anzusiedeln. Diese Idee wurde jedoch schnell wieder fallen gelassen, da zwei dicht beieinander liegende Flugzeugwerke besonders gefährdet wären im Falle eines Luftangriffes.

Es blieb nur ein recht unattraktives Grundstück übrig, das logistisch schwierig zu erschließen war – nach Abgabe des Bauantrages meldete sich der Mecklenburger Gauleiter Hildebrandt bei Ernst Heinkel und bot diesem ein anderes Grundstück an: ein 300 Hektar großes Grundstück der Staatsdomäne in Marienehe. Im Januar 1934 startete das öffentliche Ausschreibungsverfahren zum Neubau eines Flugzeugwerkes für die Ernst Heinkel Flugzeugwerke GmbH in Rostock. Den Zuschlag für die Gestaltung des neuen Areals erhielt der bis dahin unbekannte Architekt Herbert Rimpl, der kurz darauf zum Chef der Bauabteilung in den Heinkelwerken avancierte.

Für den seriellen Bau von Flugzeugen in großem industriellen Maßstab gab es bis dahin keine Vorbilder. Es wurde eine städtebauliche Anlage aus modularen Gebäudeteilen entworfen, die sich am direkten Produktionsprozess orientierten. Die Fertigungshallen waren standardisiert und getrennt nach Flugzeugteilen – vom Rumpf über Tragflächen und Leitwerk hin zur Endmontage.
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Im Frühjahr 1934 konnte mit dem Neubau auf dem Gelände in Rostock Marienehe begonnen werden; der Rohbau für den ersten Bauabschnitt war im Dezember 1934 fertig. Die Produktion – vorrangig der He 111 (sowohl als Transportflugzeug genutzt, als auch als Bomber) – begann 1935.

Eigens für die neu erbauten Heinkel- Werke wurde zunächst die Straßenbahn bis nach Marienehe verlängert (Betriebsaufnahme 1934) und an der Vorort-Bahn zwischen dem Rostocker Hauptbahnhof und Warnemünde der Haltepunkt Marienehe eingerichtet. Der Bahnhaltepunkt (Eröffnung 1935) war zunächst nur für die Arbeiter der Heinkelwerke vorgesehen und wurde 1940 für die Öffentlichkeit freigegeben. Der Haltepunkt hatte zu dieser Zeit nur einfache Bahnsteige, die mit Kies aufgeschüttet wurden. Der Gleisanschluss hatte für die Heinkelwerke jedoch besondere Bedeutung für die Zulieferungen, die zu dieser Zeit fast ausschließlich per Bahn erfolgten.
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Der Standort Marienehe wurde zum modernsten Flugzeugwerk Europas und avancierte schnell zum Stammwerk der Heinkelwerke – dies nicht nur wegen der modernen Werksgebäude nach den Entwürfen des Architekten Rimpl, sondern auch wegen der neuen Unternehmensphilosophie von Ernst Heinkel in Bezug auf moderne Arbeitsplatzgestaltung und gesunde Arbeits- und Lebensbedingungen für die Werksarbeiter.

Durch den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften bildeten die Heinkelwerke auch eigenen Lehrlinge aus – eine der Ausbildungsstätten ist noch erhalten. Der Ziegelbau ist charakteristisch für diese Zeit.
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Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges begann fast umgehend die Demontage des Heinkel-Hauptwerkes. Zunächst wurden sämtliche Maschinen und alles, was sich irgendwie demontieren ließ, als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht. Fast alle Gebäude und Hallen wurden gesprengt und dem Erdboden gleichgemacht. Die Demontagearbeiten dauerten mindestens bis 1948.

Auf dem nunmehr beräumten Gelände wurde etwas später das Fischereikombinat erbaut; auf dem Gelände westlich der Bahntrasse blieben die Lehrwerkstatt der Heinkelwerke und einige Nebengebäude erhalten – hier siedelte sich später die Fischverarbeitung an. Weiter südlich davon wurden Kleingartenanlagen angelegt.

Die einzig erhaltene ehemalige Produktionshalle steht noch, weil hier nach dem Krieg das neue Unternehmen FaGeMa (Fahrzeug- Geräte – und Maschinenbau-Werke) produzierte und bei den sowjetischen Besatzern 1948 Widerspruch gegen die geplante Demontage der Werkshalle einlegte. Halb erfolgreich – die Halle wurde als Produktionsstandort unbrauchbar gemacht und zu einer Sporthalle umgebaut.

Quellen:
[Hrsg.] Friedrich-Ebert-Stiftung Landesbüro Mecklenburg Vorpommern; „Technikgeschichte kontrovers: Zur Geschichte des Fliegens und des Flugzeugbaus in Mecklenburg Vorpommern“; Reihe Beiträge zur Geschichte Mecklenburg-Vorpommern Nr. 13; Schwerin; 2007
Hoppe, Timo; „Rostock. Urbane Kulturlandschaft:Stadtbilder – Transformationen – Perspektiven“, 2008
Wagner, Andreas; „Der Streit um die Geschichte der Heinkel-Flugzeugwerke in Rostock“; in: Demokratische Geschichte 17, Malente, 2006, Seite 235 ff.
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Heinkelwerke - Rostock - Standort Werftstraße

Beitrag von Gerfried Eisen » 03.04.2019 18:23

Heinkelwerke Rostock - Teil 4: Heinkelwerke - Standort Werftstraße

Unmittelbar an der Lübecker Straße in Rostock - eine der Hauptdurchfahrtsstraßen – im ehemaligen Industriegebiet Werftstraße (heute: Werftdreieck) befand sich bis 2017 das bekannteste Relikt der Rostocker Heinkelwerke: die Heinkelmauer.

Die freistehende Ziegel-Mauer erstreckte sich über eine Länge von mehr als 85 m und war ca. 9m hoch. 24 Mauerpfeiler rahmten 21 Mauerfelder mit rechteckigen Fensteröffnungen ein. Mehr als 150.000 Ziegel wurden hier verbaut. Ein Zufahrtstor ist noch erkennbar. Über dem Tor war das Logo der Heinkelwerke angebracht.
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Die Mauer wurde als sogenannte Vorsatzmauer gebaut – sie wurde vor bereits bestehende Werkhallen gesetzt und sollte das auf der anderen Straßenseite neu errichtete Wohnviertel für die Arbeiter der Heinkelwerke vor Lärm schützen. Weiterhin sollte sie einen ästhetischen Zweck erfüllen: sie sollte die dahinter liegenden unschönen Werkhallen kaschieren und so das Stadtbild aufwerten.

Zwischen den Pfeilern haben sich ursprünglich Sitzbänke befunden.

Entworfen wurde sie vom Rostocker Architekten Heinrich Alt. Gebaut wurde sie 1936 im Zuge der Übernahme der Nordischen Eisen- und Draht-Industrie Rostock (Norddraht) durch die Ernst Heinkel Flugzeugwerke GmbH im Jahre 1934. In den 18 m breiten freitragenden Hallen der ehemaligen Norddraht wurden vor allem Tragflächen gefertigt, die zur Endmontage zum Standort Marienehe transportiert wurden.

Die Rostocker Straßenbahn endete bis 1936 in der Werftstraße – also unmittelbar vor den Toren des Industriegebietes – und wurde ab 1936 bis zu den Heinkel Werken nach Marienehe verlängert und erschloss so auch die neu errichteten Wohngebiete in Reutershagen.

Die Industriestadt Rostock war mit ihrer Rüstungsindustrie im zweiten Weltkrieg Ziel von Flächenbombardements und wurde schwer zerstört; auf dem hiesigen Gelände hielten sich die Bombenschäden in Grenzen und wurden notdürftig repariert. Nach Kriegsende wurden die Heinkelwerke als Rüstungsbetrieb demontiert und oft gesprengt. Das Gelände hinter der Heinkelmauer wurde ab 1951 von der Neptunwerft übernommen und viele Baracken und einige Bürogebäude wurden neu errichtet.

Nach dem Niedergang der Neptunwerft ab 1989 wurden ab 1994 alle hinter der Heinkelmauer liegenden Gebäude und Hallen gesprengt und abgetragen – die Heinkelmauer stand seit dem alleine entlang der Straße.
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Als industriekulturelles Denkmal wurde sie 1994 unter Denkmalschutz gestellt und dennoch im Februar 2018 abgerissen, nachdem zunächst Sicherungsmaßnahmen durchgeführt worden waren. Dem Abriss vorausgegangen war ein Trauerspiel um die Abrissgenehmigung, das alles bietet, was einen guten Wirtschaftskrimi ausmacht: mutmaßliche Gefälligkeitsgutachten, Intransparenz der Behörden, verschiedene Grundstücksinvestoren mit jeweils eigenen Interessen, ein städtebaulicher Wettbewerb mit einem überzeugenden Sieger, dessen Konzept den Erhalt der Heinkelmauer vorsah und doch nicht umgesetzt wird…
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