Hilfskrankenhaus Hamburg

Zivile bzw. nicht-militärische Schutzbauwerke und Anlagen des Kalten Krieges
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klaushh
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Hilfskrankenhaus Hamburg

Beitrag von klaushh » 30.03.2020 14:13

Moin!
Für / In Hamburg gab es drei (baulich vorbereitete) Hilfskrankenhäuser:
1. Hilfskrankenhaus in Wedel ( zwar in Schleswig-Holstein liegend, aber organisatorisch zu Hamburg gehörig)
2. Gymnasium Alstertal (Langenhorn, Erdkampsweg)
3. Gorch-Fock-Schule (Blankenese, Karstenstraße)
Während das befestigte Hilfskrankenhaus Wedel es auch hier im Forum bereits mehrfach zu Beiträgen (auch bebildert) gebracht hat, sind die beiden anderen relativ unbekannt (sie sind nur im Militarisierungsatlas listenmäßig aufgeführt)(vor Jahren habe auch ich noch behauptet, für Hamburg gäbe es nur das HKH Wedel) geblieben. Diesem Zustand soll nunmehr abgeholfen werden. Anlaß dazu ist der Fund zweier Akten im Staatsarchiv Hamburg (StaHH 321-3 I_376 und _391).
In den Erläuterungsberichten von August bzw. September 1966 heißt es „… Im Rahmen der Erfassung geeigneter Objekte zur Schaffung zusätzlicher Krankenbetten für den Notstandsfall wurde ……. die Schule „Gymnasium Alstertal“ / die Gorch-Fock-Schule für die Nutzung als Hilfskrankenhaus unter Notstandsbedingungen ausgewählt …..“. 1965 bzw. 1966 wurden die beiden Schulen entsprechend umgebaut.
Hier nun bauliche Details: beiden Schulen ist gemein, dass sie oberirdisch liegen und die über Erdgleiche liegenden Hochkellerräume sich nicht zum Ausbau im Grundschutz (strahlengeschützt und trümmersicher) eignen.
Zu2. Vorgesehen waren in 9 Stationen, verteilt über vier Geschosse 440 Krankenbetten (davon 208 Betten 1-stöckig und 232 Betten 2-stöckig). Für das Personal sollten 136 Betten (2-stöckig) aufgestellt werden.
Zu 3. Vorgesehen waren in 4 Stationen, verteilt über drei Geschosse in drei Gebäuden 300 Krankenbetten (davon 156 Betten 1-stöckig und 144 Betten 2-stöckig). Für das Personal sollten 96 Betten (2-stöckig) aufgestellt werden.
Für die Kochküche waren in beiden HKH jeweils zwei Feldkochherde vorgesehen.
Einzelnen Räumen wurden bereits bestimmte Funktionen zugeordnet (z.B. OP, Röntgen, Labor, Krankenzimmer usw.) und zweckmäßig ausgestattet (Steckdosen, Waschbecken, Spülbecken, Ausgüsse, WC, Fäkalienspüler usw.).
Auf Verlangen der Schulbehörde musste ein Teil der zusätzlichen Waschbecken-, Ausguss- und Spültischanlagen in den Klassenräumen mit einer „zweckentsprechenden, stabilen Holzverkleidung als Schutzverkleidung“ versehen werden.
Zur Notstromversorgung wurde an der Hauswand ein mehrpoliger 100 A-Stecker installiert, um dort ein 60 kVA_Einheitsaggregat anzuschließen. Dieses sollte ggf. unter einem entsprechenden Wetterschutz aufgestellt werden.
Bei Ausfall der städtischen Wasserversorgung wäre auf die Notwasserbrunnen auf den neben liegenden Sportplätzen zurückzugreifen. Auch zur strahlensicheren und trümmersicheren Unterbringung wurde die Möglichkeit erörtert, unter den unmittelbar neben den Schulen liegenden Sportplätzen eine unterirdische Schutzraumanlage zu errichten.
Die Schlußabnahme zu 2. erfolgte am 10.12.1965, die Kosten betrugen ca. 144.000 DM (ohne medizinische und pflegerische Ausstattung).
Die Schlußabnahme zu 3. Erfolgte am 19.12.1966, die Kosten betrugen ca. 130.000 DM (ohne medizinische und pflegerische Ausstattung).
Ob noch heute von den damaligen Ein- und Umbauten etwas vorhanden ist, konnte ich noch nicht ermitteln. Ich habe jedoch wenig „Hoffnung“, da beide Schulen zwischenzeitlich umfassend überholt worden sind.

Übrigens war in der Schule „Gymnasium Alstertal“ bereits während des Krieges eine Rettungsstelle untergebracht. 1960 ergab eine Bewertung: „solides Gebäude, Wiederherstellung bei reduzierten Anforderungen möglich“.

Gruß
klaushh
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Re: Hilfskrankenhaus Hamburg

Beitrag von MikeG » 30.03.2020 17:47

Moin!

Das ist interessant und passt zu einem Bestand aus dem Jahr 1968, den ich vor einigen Jahren im Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv Hannover eingesehen habe (Nds.120 Lüneburg 15/86 Nr.526). Diese Liste enthält eine große Zahl von vorgesehenen Hilfskrankenhäusern im Regierungsbezirk Lüneburg mit Bettenanzahl etc.. Da zwei dieser Objekte bei mir in der Gemeinde liegen und ich sie auf Grund anderer Recherchen schon gut kannte, habe ich meine Recherche damals natürlich nochmals in diese Richtung vertieft. Beide Objekte wurden offenbar in diesem Zusammenhang mit stationären Netzersatzanlagen ausgerüstet. Dabei handelt es sich aber eher um Notstrom und nicht um Aggregate, die einen Vollbetrieb erlaubt hätten. Über darüber hinaus gehende, bauliche Vorbereitungen wussten die mir bekannten, ehemaligen Beschäftigten nichts zu berichten.

Generell scheint es sich um ein sehr frühes Programm gehandelt zu haben, dass dann wohl später von dem für die HKH in der uns bekannten Art ersetzt, ergänzt oder übersteuert wurde. Leider ist es mir bisher nicht gelungen, Primärquellen zu finden, welche diesen Schritt zwischen dem damaligen Plan und dem späteren, bekannten Konzept der HKH dokumentieren.

Mike

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Re: Hilfskrankenhaus Hamburg

Beitrag von thokos » 30.03.2020 20:56

Was ist denn hiermit gemeint

"musste ein Teil der zusätzlichen Waschbecken-, Ausguss- und Spültischanlagen in den Klassenräumen mit einer „zweckentsprechenden, stabilen Holzverkleidung als Schutzverkleidung“ versehen werden"

bzw. was muss man sich unter so einer Verkleidung vorstellen (und wozu sollte das gut sein)?

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Re: Hilfskrankenhaus Hamburg

Beitrag von MikeG » 30.03.2020 21:08

Moin!

Ganz einfach: Das Waschbecken hängt nicht offen im Klassenraum, sondern in einer Art Schrank.Anbei mal ein Beispiel mit geöffneter Schranktür (HKH Alzey).

Mike
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Re: Hilfskrankenhaus Hamburg

Beitrag von klaushh » 30.03.2020 22:33

Moin,

danke Mike für die Beantwortung der Frage von thokos.

Was wäre wohl aus den verschiedenen sanitären Anlagen in den Klassenzimmern im Laufe der Zeit geworden? Man rechnete sicher nicht zu unrecht schon in den 60-er Jahren mit dem "kreativen Verhalten" der Schüler.

Noch ein Hinweis aus den Erläuterungsberichten: "... Die Abwicklung der baulichen Maßnahmen ist für den Zeitraum 1.10.1965 bis 30.12.1965 (bzw. 3.10.1966 bis 30.12.1966) vorgesehen." und "... müssen die Arbeiten täglich nach Schulschluß, d.h. von 14.00 Uhr bis 22.00 Uhr durchgeführt werden...".

Gruß
klaushh
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Re: Hilfskrankenhaus Hamburg

Beitrag von thokos » 27.04.2020 10:31

Vielen Dank auch von mir!

Ich erinnere mich, so eine Schrankkonstruktion auch in meiner Grundschule gehabt zu haben. Also geht es da nur um Schutz vor der Kreativität der Kinder, mit dem HKH hat das nichts zu tun, richtig?

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Re: Hilfskrankenhaus Hamburg

Beitrag von klaushh » 27.04.2020 11:10

Moin!

Richtig, es ist nur wegen der Kreativitaet der Schüler (welch nette Umschreibung!). Für den Betrieb als HKH dürften diese "Waschbeckenschränke" eher hinderlich sein.

Gruß
klaushh
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Re: Hilfskrankenhaus Hamburg

Beitrag von Pinguin der 2. » 28.04.2020 14:38

Kreativitaet der Schüler
Das waren bei uns Wabos (Wasserbomben), mit Wasser gefüllte Luftballons die dann über dem Zielgebiet auf dem Pausenhof abgeworfen wurden. :mrgreen: Ich schäme mich immer noch. :schimpf:
sapere aude

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