unterirdische Bahnlinie rund um Köln?

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deku
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unterirdische Bahnlinie rund um Köln?

Beitrag von deku » 19.02.2016 14:02

Das opulent bebilderte Buch Festungsstadt Köln, das Bollwerk im Westen (Henriette Mayen, Hrsg.) ist eine vorbildliche Darstellung der großen Gürtelfestung Köln bis in die Zeit der Entfestigung (20er Jahre). Insbesondere die Verstärkungsmaßnahmen an den Bieler Forts des äusseren Festungsrings sowie die hinzugekommenen Neubauten (Befestigunsgruppen etc.) in Beton nach der Brisanzgranatenkrise sind komplett dokumentiert.

Der Grund für diesen Beitrag aber ist ein kleines Kapitel innerhalb des exzellenten Buches, welches den Titel eine Hypothese - unterirdische Verkehrswege der Festung Köln trägt. Der Autor des Kapitels trägt Indizien zusammen, die darauf hinweisen, dass die Forts, Zwischenwerke und Befestigungsgruppen des äusseren Verteidigungsrings unterirdisch miteinander verbunden waren (bombensichere Stollensysteme, die auch Werkgruppen miteinander verbinden, sind für 1890-1918 nicht ungewöhnlich, wo das Terrain dergleichen ermöglicht).

Das faszinierende an diesem "Gerücht", an dieser "Legende" ist die Möglichkeit, dass es eine den kompletten (!) äusseren Festungsring unterirdisch verbindende und versorgende Bahn in zwei Röhren in ca. 18m Tiefe gegeben haben könnte; sie hätte ungefähr den Umfang der Militärringstraße und hätte zweimal den Rhein unterqueren müssen (technisch machbar, vgl. Elbtunnel 1911) - das wäre eine kuriose Festungs-Ubahn con ca.84km; hinzu kämen unterirdische Verbindungen zum inneren Festungsring, was ein verzweigtes Tunnelsystem von insgesamt 224km bedeuten könnte...

Fatalerweise gibt es, da alles verschollen oder zerstört ist, keine schriftlichen Aufzeichnungen aus der Kölner Festungszeit, welche auf das hypothetische Tunnelsystem verweisen - aber, wie man im erwähnten Buch nachlesen kann, gibt es verblüffende Indizien - - - und passend zum Thema dieser Rubrik hier (Gerüchte, Legenden) gibt es zahlreiche Vermutungen.
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g.aders
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Beitrag von g.aders » 22.02.2016 15:48

Hallo,

die Herausgeberin kenne ich aus langen Jahren der dienstlichen Zusammenarbeit, und da kann ich sagen, dass die Publikation seriös ist. Mit etlichen der Autoren hatte ich auch Kontakt - sehr engagierte Herren, aber ich habe gewisse "Bauchschmerzen", was so manche "Indizienbeweise" betreffen. Nicht nur, dass es eine große Ringbahn gegeben haben soll, auch einen unterirdischen Verschiebebahn, außerdem Stollen, die von Forts bis weit in das Umland gehen, oder von einem innerstädtischen Depot entlang der Severinstraße zu einem Fort.
Von gewaltigen unterirdischen Lagerbunkern ist die Rede und von vielen anderen mehr.
Gefunden ist bislang nichts. Aber, so wurde mir von Mitgliedern einer Forschergruppe geschrieben, man stoße bei der Stadt und anderen Behörden, auch Bundeswehr, auf eine Mauer des Schweigens und Blockierens. Tunnel, die einstmals Ausfalltruppen dienen sollten, und bis unter den Autobahnring führen würden, seien von der Buwe bis in die neuste Zeit instandgehalten worden und mit Sprengvorrichtungen versehen, die im Kriegsfall die Autobahnen hochjagen sollten.

Tut mir leid, aber ich bin da ein ungläubiger Thomas, und werde erst gläubig, wenn ein archäologischer Beweis vorliegt. Bislang passen diese Hypothesen in den gleichen Topf wie die unterirdischen Hangars mit Me 262 am ehemaligen Flugplatz Butzweilerhof und die Hangers mit Bf 109 unter dem Flughafen Wahn, oder das Halbkettenfahrzeug, das im Fort Gremberg stecken soll.

Mit besten Grüßen
Euer
G. Aders

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Cremer
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Beitrag von Cremer » 22.02.2016 16:16

Es mag ja sein, dass es Ferstungsbahnen gegeben hat. Aber bestimmt nicht unterirdisch. Solche Festungsbahnen in Meterspur gab es auch rund um Mainz. Aus einem solchen Teilstück wurde dann eine Vorortbahn.
MfG Euer Fernmelder
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deku
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Beitrag von deku » 23.02.2016 01:11

Vielen Dank für die rege Beteiligung!

Ich bitte darum, meine nachfolgenden Überlegungen nicht zu missverstehen: ich selber habe erhebliche Zweifel an dieser Kölner Festungs-U-Bahn. Allerdings ist trotzdem zu konstatieren, dass eine solche im fraglichen Zeitraum (um 1900) sogar in diesem Ausmaß und inklusive der Flußunterquerung technisch möglich gewesen war. Denn andernorts bauta man schon längst U-Bahnen: https://de.wikipedia.org/wiki/U-Bahn#Geschichte (ich weiß, Tante Wiki ist nicht immer zuverlässig, aber nachts auf die schnelle hab´ ich nichts besseres gefunden) Also sowohl mit Dampflokomotiven als auch mit E-Loks wäre es machbar gewesen.

Meine Zweifel sind weniger technischer, als mehr historischer Natur:
1. hätte sich der Bau einer solchen Anlage nicht geheim halten lassen (irgendwas sickert durch und weckt dann das Interesse der gegnerischen Militärs: man denke nur an den streng geheimen Ausbau der Festung Nowogeorgiewsk, welcher dank Verrat/Spionage den kaiserlichen Truppen (von Besseler) bestens bekannt war...)
2. Das Entfestigungsamt arbeitete sehr gründlich! Nahezu alle brauchbaren modernen Festungsbestandteile und Festungsinfrastruktur wurden gründlich demontiert, unbrauchbar gemacht, gesprengt. Genau das ist allen (!) modernen Kölner Festungsanlagen widerfahren - deswegen gibt es von diesen nur noch Betontrümmer.
3. Noch vor den Sprengungen der Betonwerke / Werkgruppen der kompletten "Selztalstellung" (das ist der Name der Festung Mainz in ihrer letzten Ausbaustufe während des Ersten Weltkriegs) demontierte man die - oberirdische - Festungsringbahn komplett.
4. Helgoland, Isteiner Klotz usw. wurden auch gründlich demontiert und gesprengt (infolge des Versailler Vertrags)
=> wieso hätte das Entfestigungsamt eine monströs umfangreiche unterirdische Festungsbahn in Köln übersehen sollen???

@Cremer - ist sicher, dass Trassen weit außerhalb von Mainz später wieder benutzt wurden? Weit innerhalb des Festungsrings ist das sicher möglich, siehe http://bollwerk-mainz.de/bollwerk_festungsbahn.html , aber die Verbindungsbahn der Befestigungsgruppen (Fort Muhl usw.) ist nach meiner Kenntnis komplett demontiert worden.
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Beitrag von deku » 23.02.2016 01:18

g.aders hat geschrieben:die Herausgeberin kenne ich aus langen Jahren der dienstlichen Zusammenarbeit, und da kann ich sagen, dass die Publikation seriös ist.
@g.aders
und ganz speziell der umfangreiche kunsthistorische Aufsatz der Herausgeberin über Historismus im militärischen Zweckbau am Beispiel Köln ist exzellent! An der Seriösität des opulenten Buchs habe ich keinerlei Zweifel. Daran ändert auch das bewußt offen gelassene Kapitel über die kuriose Hypothese nichts.

...dass aber die Gerüchteküche so sehr ins Kraut schießt, dass außerhalb des Buchs von noch mehr Tunnels und riesigen Lagerbunkern usw. die Rede ist, verblüfft mich doch sehr... als ob die Festungs-U-Bahn allein nicht genügen würde für ein saftiges Gerücht :) (fehlt nur noch, dass das Bernsteinzimmer im Kölner Untergrund verortet wird)
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Beitrag von kuhlmac » 23.02.2016 12:59

deku hat geschrieben:fel. Daran ändert auch das bewußt offen gelassene Kapitel über die kuriose Hypothese nichts.

...dass aber die Gerüchteküche so sehr ins Kraut schießt, dass außerhalb des Buchs von noch mehr Tunnels und riesigen Lagerbunkern usw. die Rede ist, verblüfft mich doch sehr... als ob die Festungs-U-Bahn allein nicht genügen würde für ein saftiges Gerücht :) (fehlt nur noch, dass das Bernsteinzimmer im Kölner Untergrund verortet wird)
Tja, diverse Gerüchte hört man immer wieder, die definitiv immer wieder auftauchen und auch mit logischer Argumentation nicht besiegbar sind. Ein Historien-Hoax, sozusagen.
Noch nie was von den komplett fahrbereiten und aufmunitionierten Tiger-Panzern unter den Krupp-Geländen in Essen-Stoppenberg oder unterirdischen LKW-Hallen der Wehrmacht im Kaukasus gehört? :lol:
Wenn du in die älteren Teilen dieses Forums stöberst, kommt das eine oder andere Gerücht zur Sprache.

Das schließt im übrigen nicht aus, dass manches ein Körnchen Wahrheit hat. Unterirdische Bauten der Wehrmacht, der Bundeswehr usw. gibt/gab es natürlich bzw. waren in Planung und/oder Bau. Aber eben nicht in dem Umfang, wie man immer hört, meist.

Freundliche Grüße - und natürlich ein "Willkommen" im Forum!
"Wir essen jetzt Opa!" Satzzeichen retten Leben!

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Beitrag von g.aders » 23.02.2016 13:31

Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes liegen Akten und Pläne der Entfestigungskommission, die ich selbst benutzt habe für einen größeren Beitrag über die rechtsrheinischen Befestigungen, der in einem Historischen Jahrbuch erschienen ist.
Aus den Plänen geht hervor, was damals alles gesprengt und beseitigt worden ist. Da finden sich keine Hinweise auf kilometerlange Gänge ins Vorland oder Verbindungstollen zwischen den Forts (ausgenommen die Stollen bzw. Röhren für die Fernmeldekabel). Es war ein deutscher Offizier, der die Entfestigung beaufsichtigte, und nun gibt es Leute die sagen: "Aha, wenn da in Akten und Plänen nichts zu finden ist, ist das der "Beweis", dass man die Alliierte Aufsicht an der Nase herumgeführt hat" und die "wirklich geheimen Sachen" hier nicht zerstört worden sind.
Im Geheimen Staatsarchiv Berlin habe ich die Akten und Pläne des Kriegsministeriums eingesehen und da auch nichts über Stollen und Bahnlinien usw gefunden. Im Gegenteil: Es gibt einen Plan über die Sand- und Kiesgruben, die bei dem Bau der Außenforts angelegt wurden, und da hätte man verdammt tief in die Erde gehen müssen, um unter dem kies einen Stollen bauen zu müssen.

Dann haben die "Verschwörungstheoretiker" noch einen "Beweis": Im Stadtarchiv gab es ein dickes Aktenverzeichnis von Altakten der Bauverwaltung, in dem aufgeführt war, was Mitte der 20er Jahre sns Stadtarchiv abgegeben wurde und was vorher im Amt vernichtet wurde. Und da hat irgendein Trottel der Bauverwaltung entschieden, die ganzen Akten und Pläne über die nach dem 1. Weltkrieg entfestigten Forts ins Altpapier zu geben, weil diese Bauwerke nicht mehr existierten.
Aha, sagen dann manche Leute, hier wurde Geheimmaterial vernichtet, um die Wahrheit zu verschleiern oder zu vertuschen.

Ach ja, noch eine "schöne Geschichte": Preisfrage - warum wurde der Fliegerhorst Köln-Ostheim genau auf diesem Gelände, wo heute der Stadtteil Neu-Brück steht, gebaut? Nicht etwa, weil dort genügend Bauland preiswert zu erwerben war. Nein, weil bereits ein vom Miltärring nahe dem Fort Gremberg durch LKW befahrbarer Tunnel zu dem späteren Fliegerhorst führte, in dem man auch Flugzeuge verstecken konnte....

Ja, ja, unter dem Kölner Boden stecken noch so manche Geheimnisse. Vielleicht war der Einsturz des Stadtarchivs auch durch einen Geheimgang verschuldet und nicht von einem U-Bahn-Tunnel.
Beste Grüße
Euer
Aders

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Re: unterirdische Bahnlinie rund um Köln?

Beitrag von Zwackelmann » 25.06.2019 00:01

Hallo Herr Aders,

Der Band ist wirklich hervorragend - mit Ausnahme dieses 'Geschichten aus der Gruft'-Beitrages. Ich frage mich bis heute, wie er in dieser ansonsten grundsoliden Veröffentlichung Platz finden konnte. Schlimmer noch: die 'Festungsforscher' rund um den Autor graben tatsächlich nach Beweisen für dessen verstiegenes Hirngespinst - unter Außer-Acht-Lassung jedweder denkmal- oder arbeitsschutzmäßigen Bestimmungen!

Abgesehen davon ist die Quellenlage zur Festung Köln lange nicht so schlecht, wie auch hier m Forum angenommen wurde. Gerade in jüngster Zeit sind viele Festungspläne aufgetaucht, die absolut gegen diese unhaltbare Jules-Vernsche Festungs-U-Bahn unter Köln sprechen - bei aller theoretischen technischen Machbarkeit!

Wer sich mit dem deutschen Festungsbau der Moderne befasst hat, wird ohnedies die Abwegigkeit des Gedankens schnell erfasst haben.

Man sollte dieses Gerücht besser ad acta legen, bevor noch jemand in einer illefalen und unsachgemäßen Baugrube verschüttet wird.

Gruß, Thomas
Lirum-larum Löffelstiel, wer nichts sagt, der weiß nicht viel - larum-lirum Gabelstiel, wer nichts weiß, muss schweigen viel!

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Re: unterirdische Bahnlinie rund um Köln?

Beitrag von g.aders » 27.06.2019 11:02

Tja, so ist das nun mal mit Legenden, Gerüchten und Stories - es ist halt zu schönen und zu spannend, an das Loch-Ness-Vieh, an Aliens in der Wüste von Nevada, an die Nazi-Basis in Neu-Schwabenland und eben auch an Festungs-U-Bahnen in Köln zu glauben. Und allenthalben ist das böse Militär und seine Geheimdienste daran schuld, dass die Welt nicht die Wahrheit erfährt, und in Köln sind es seit rund 65 Jahren die verschwiegenen Wallmeister, die Bescheid wissen und die Geheimnisse mit ins Grab genommen haben.
Und so werden die Stories, Vermutungen und Verdächtigungen zur nächsten Generation weitergegeben.
Beste Grüße
Gebhard Aders

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Re: unterirdische Bahnlinie rund um Köln?

Beitrag von Marek » 13.07.2019 19:26

auf eine Mauer des Schweigens und Blockierens
Was ganz oft einfach daher kommt, das es mangels Substanz einfach nichts zu antworten gibt... :lol:

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