Junghenn-Gerät/-Verfahren

Luftverteidigung durch Flak und andere Fliegerabwehr, Scheinwerferstellungen, Scheinanlagen und ähnliche Objekte
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nordfriese
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Junghenn-Gerät/-Verfahren

Beitrag von nordfriese » 25.11.2016 14:08

Moin!

Ich bin auf der Suche nach Informationen über das sogenannte "Junghenn-Gerät",
welches (nur?) bei der Marineflak Verwendung fand.

Hier meine bisherigen Informationen:

In einem Kriegstagebuch habe ich das erste Mal darüber gelesen, dort im Abschnitt
Wilhelmshaven. Am 28.6.40 bekämpften Batterien feindliche Flugzeuge "nach Planfeuer
und Schallortungsverfahren Junghenn". Auch am 1.7. wurden Flugzeuge auf diese Art
bekämpft. Am 3.7. nutze die Batterie Seefeld (ich vermute, das war ein anderer Name
für die Batterie in Augustgroden) das Verfahren. Am 5.7. und 6.7. wird im Bereich
WHV auf die folgende Art Flugzeuge bekämpft: "Es werden 30 Anläufe Planfeuer und
10 Anläufe nach Schallortung Junghenn geschossen." Am 7.7. heisst es: "4 Anläufe
von Batterie Seefeld nach Verfahren Junghenn." Am 21.7. taucht das Verfahren bei der
Batterie Blauhand auf "mit 2 Anläufen nach Verfahren Junghenn", die Batterie Seefeld
bekämpft "mit 5 Anläufen nach eigenem Verfahren". (?)

Bei den Kollegen im Axis-Forum wurde hierüber auch schon einmal diskutiert:
http://forum.axishistory.com/viewtopic. ... 0&t=196280
Am 8.3.1943 ist Batterie Konstantia (soweit mir bekannt im Abschnitt Emden) klar zum
Schiessen mit Junghenn-Gerät (Neuaufstellung). Etwa einen Monat später wird dort ein
kleines Würzburg neu aufgestellt.
Ohne Datum hat auch die Batterie Midlum (Gross-Midlum, Abschnitt Emden) das Verfahren
genutzt.

Hier kommt es auch drin vor:
http://www.bunkermuseum.de/archiv_bunke ... anssen.pdf
Mitte 1943: "Die neue 'Flakbatterie Kapelle' besteht aus einem Leitstand mit Dreiwag
und Junghenngerät, 4 10,5 cm Geschützen, 1 2 cm Oerlikon, 1 Würzburggerät, 1 M.G. (holl.)
und ein M.G. (franz.)."
Die 6. Batterie der Marine-Flak-Abt. 236 „Wykhof“ schoß am 20.10.41 "zum ersten Mal mit
dem EM3 Zielfeuergerät (Junghann)".

War das "Junghann-Gerät" der EM3 (Entfernungsmesser?) oder nur ein "Zusatzgerät"? Es
liesst sich ja so, als ob das "Schallortungsverfahren" einer Art Horchgerät war, das Daten
erhielt, welche irgendwie an die Kanonen weitergegeben wurde und sie dementsprechend
"geleitet" hat.

Besten Dank im Voraus!

Gruss aus NF!
Rolf
"Whatever you do, don't mention the war." (Basil Fawlty)

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nordfriese
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Beitrag von nordfriese » 27.11.2016 22:34

Moin!

Ich hatte gehofft, dass der ein "Flakallwissender" schnell einmal eine Antwort "aus dem
Ärmel schütteln" könnte. Hier meine weiteren Recherchen...

Nachdem ich noch etwas tiefer in die Materie des "Schallortungsverfahren" für die Flak
eingestiegen bin, fand ich in einer NARA-Rolle den folgenden Text, allerdings ohne Da-
tum. Ich vermute, dass er irgendwann aus dem ersten Halbjahr 1940 stammt.

"Die Luftwaffe hat gleichzeitig ein Horchortungsgerät für einfaches Planfeuerschiessen
entwickelt. Ein Probegerät wird der Marine Ende April 1940 zu Verfügung gestellt. Mit
Abschluss der Versuche ist Mitte Juni 1940 zu rechnen. Wenn die Versuche befriedigend
ausfallen, soll das Gerät als Reserve-Gerät für die Marine übernommen werden, wobei mit
Beginn der Massenfertigung Anfang Juni 1940 zu rechnen ist."



In einem Schreiben vom 11. April 1940 aus der selbiger Rolle wird folgendes geschrieben:

"- Schallortungsgeräte.

a) Schallortungsgerät (Marineausführung)

Die A.J. [Artillerie-Inspektion?] hat ein Gerät entwickelt , das zur Zeit in Kiel erprobt
wird. Mit der Einführung ist nicht mehr zu rechnen, da es durch das nachstehend genannte
A.V.K.L.-Gerät als überholt anzusehen ist.

Zu gleicher Zeit ist vom A.V.K.L. ein Schallortungsgerät für gerichtetes Abwehrfeuer
gegen unsichtbare Ziele entwickelt und mit eigenen Mitteln behelfsmässig angefertigt
worden.

Auf Grund einer Besprechung bei A Wa mit A.V.K.L. am 26.2.40 (A Wa C IIIflak 2402 geh.
vom 27.2.40) wurden 20 Stck. Schallortungsgeräte dieser Art mit A Wa C IIe 3114 geh.
vom 13.3.40 bei der Firma Telefonbau und Normalzeit, Berlin, [1] in Auftrag gegeben. Ma-
terial wurde sofort zugeteilt.

Die Firma ist beauftragt, wegen Einzelheiten der Ausführung sich unmittelbar mit dem
A.V.K.L. ins Benehmen zu setzen.

Nach Mittteilung der Firma werden die ersten Geräte Ende Mai 1940 geliefert.

A hat sich mit der Einführung des Gerätes einverstanden erklärt und beantragt mit A
(A I flak) 2603 geh. vom 13.3.40 weitere 30 Geräte zu beschaffen. Die Beschaffung
dieser Geräte soll so eingeleitet werden, dass Verbesserungen, die durch die Erprobung
der ersten Geräte notwendig werden, noch durchgeführt werden können.

Die Firma ist über die Anfertigung weiterer 30 Geräte unterrichtet.

Auf Antrag von A werden die 50 Stück Schallortungsgeräte wie folgt verteilt:
Abschnitt
Borkum 2
Norderney 2
Emden 3
Helgoland 2
Wangerooge 1
Wilhelmshaven
- Ugruko
Ost 2
Süd 2
West 2
Nord 2
Mitte 2

Abschnitt
Sylt 3
Wesermünde 2
Cuxhaven 2
Brunsbüttel 3
Kanal 4
(bis einschl. Hochbrück-Grünenthal)
Rendsburg 2
Kiel
- Ugruko
Ost 2
Süd 2
West 2
Nord 2
Eckernförde 2
Swinemünde 4
------
50
Die endgültige Verteilung auf die einzelnen Batterien wird von den Küstenbefehlshabern
angegeben werden.


b) Horchortungsgerät (Ausführung der Luft[waffe?]).

Von der Luft ist ein Horchortungsgerät für einfaches Planfeuerschiessen entwickelt
worden. Es wird von der Firma Wichmann, Berlin, [2] gebaut und von der Luft erprobt.
Es ist beabsichtigt, dieses Gerät nach Vervollständigung durch ein Zusatzlineal für
die Marine zu übernehmen. Das Gerät soll als Reserve benutzt werden.

Ein Probegerät wird der Marine Ende April 1940 zur Verfügung gestellt. Es wird damit
gerechnet. dass die Versuche mit diesem Gerät Mitte Juni 1940 abgeschlossen sein werden.
Mit der Massen-Fertigung dieses Gerätes könnte, wenn die Versuche befriedigend ausfallen,
Anfang Juli 40 begonnen werden."



Es wurde also ein Schallortungsgerät für die Flak hergestellt bzw. behelfsmässig ange-
fertigt und damit Versuche durchgeführt.
KK Junghenn war zu dieser Zeit Batterie-Chef in einer Marine-Flak-Abteilung. Ich halte
es für wahrscheinlich, dass er entscheidend (?) an diesen Versuchen teilgenommen hat,
denn sonst würde sein Name dort ja auch nicht auftauchen. Später war er (07.41-10.43)
u.a. Versuchsreferent schwere Flak in Swinemünde.
(Quelle: Bölscher, Hitlers Marine im Landkriegseinsatz)



[1]
Telefon und Normalzeit stellte u.a. "Geräte im Zusammenhang mit der Lenkung der Ge-
schütze der Flak" her.

http://www.dokuzentrum-tn.de/text_telefonbau.html
1930 – 1945
Kriegsproduktion für Flak und V2

1940–1945
Zwischen Sommer 1940 und Frühjahr 1941 werden auf dem Fabrikgelände die Werkhallen mo-
dernisiert, eine neue Entwässerungsanlage entsteht. Im Laufe des Jahres 1940 beginnt
die unmittelbare Kriegsproduktion von wichtigen Geräten im Zusammenhang mit der Lenkung
der Geschütze der Flak (Flugabwehrkanone) und Geräteteilen zur Steuerung der „Wunderwaffe“
V2. Ab Sommer 1940 werden Strafgefangene aus dem Lager Rollwald eingesetzt. Im April 1941
wird mit der Lehrlingsausbildung begonnen.
Neben nun auch vermehrt beschäftigten Fremdarbeitern gehören ab Frühjahr 1942 außerdem
Kriegsgefangene und später auch Zwangsarbeiter zum Industriealltag.
Der Einzug der Alliierten (USA) am 26. März 1945 führt zur Einstellung der Produktion.
Die Lehrlingsausbildung darf aber nach einer kurzen Unterbrechung, zunächst außerhalb
des Fabrikgeländes, weitergeführt werden.
http://www.dokuzentrum-tn.de/slideshow/ ... 1940-1945/


http://www.kreis-offenbach.de/index.pht ... D=1856.318
Kriegsproduktion
1933 wurde das stilliegende Fabrikgelände vom Nazi-Regime konfisziert und zunächst als
Getreidelager genutzt. 1937 wurde es der Firma Telefonbau & Normalzeit für Kriegspro-
duktion überlassen. Für die Flak (Flugabwehrkanone) wurde ein leichtes, für den Feld-
einsatz konstruiertes Gerät zur Verbesserung der Zielgenauigkeit gefertigt.


[2]
Zur Firma Wichmann, Berlin, fand ich lediglich, dass sie Rechenschieber, Zeichen- und
Vermessungsgeräte hergestellt hat. Zum Thema "Schallortung" fand ich nichts...

Gruss aus NF!
Rolf
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