Objekt 04/358 - QUELLE 1 bei Rhinow

Elektronische Aufklärung ab 1945 (ELOKA / SIGINT / COMINT / ELINT / EW)
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MikeG
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Objekt 04/358 - QUELLE 1 bei Rhinow

Beitrag von MikeG » 29.01.2012 21:18

Moin!

Heute hatte ich kurz Gelegenheit, mir einmal die ehemalige MfS-Liegenschaft 04/358 in Rhinow (Tarnname „Quelle 1“) von außen anzusehen – ein paar Fotos anbei. Zur Aufgabe der Liegenschaft schreibt Andreas Schmidt in „Westarbeit des MfS“:
Der technische Fortschritt zwang das MfS, sich mit seiner Abhörtechnologie den Neuerungen jeweils anzupassen, um die Informationsgewinnung auf gleichem Niveau zu halten. Insbesondere die Digitalisierung der Fernmeldenetze bildete für das MfS eine „Herausforderung". Im Dezember 1983 wurde in einem Sachstandsbericht darauf verwiesen, daß von der Deutschen Bundespost „der Einsatz eines Glasfaserkabels, bestehend aus 40 Fasern mit einer Übertragungskapazität von 140 Mbit = 1 920 Kanäle je Faser" geplant sei. Dieses Glasfaserkabel werde zwischen Westberlin und der Bundesrepublik (Uelzen) verlegt. Im April 1985 wurde deshalb auf Anweisung des Leiters der HA III eine nichtstrukturelle Arbeitsgruppe mit dem Ziel gebildet, dieses Glasfaserkabel für die Informationsgewinnung zu nutzen. Das Vorhaben trug die Tarnbezeichnung „Saphir A/2-1". Noch vor der Inbetriebnahme wurde das Glasfaserkabel von der Deutschen Post der DDR angezapft. Die entsprechenden Kabel wurden zum Stützpunkt „Quelle 1" geführt. Dieser Stützpunkt befand sich in Rhinow und wurde von der Abteilung 7 betrieben. Dort wurden die Gespräche und Nachrichten abgehört. Dabei wurden die einzelnen Fasern (Leitungen) mit Hilfe entsprechender westlicher Technik aufgelöst.
Darüber hinaus betrieb „Quelle 1“ Aufklärung der Richtfunkverbindungen zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin. Heute wird der große Antennenträger von der Telekom und anderen Mobilfunkanbietern genutzt. Die Glasfaser-Anbindung wurde scheinbar zum Aufbau eines DSL-Hauptverteilers genutzt.

Mike
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Tower
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Beitrag von Tower » 03.02.2012 18:03

Ich weiß immer nicht, wenn ich all diese Abhörerfolge seitens der damaligen DDR, gegen über der BRD lese, waren die unsrigen damals gnadenlos Arrogant oder einfach nur leicht gläubig. Oder dachte man die da drüben haben gegen unsere super Westtechnik sowieso keine Chance. Konnte man sich den wirklich nicht vorstellen, das wenn man Glasfaser Kabel durch die DDR legt, es die nicht schaffen würden diese abzuhören???. Oder glaubte man da werde sowieso nur belanglose Telefonate geführt. Ich habe z.b. in meiner Aktiven Zeit so manche Gespräche zwischen zwei Dienststellen live mitbekommen, wo ich mich gefragt habe was das mit Geheimhaltung zu tun hat. Wie seht Ihr das?. Habt Ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?

Gruß
Tower

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MikeG
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Beitrag von MikeG » 03.02.2012 21:22

Nun, es gab ja nur wenige Möglichkeiten: Glasfaser legen in der Gewißheit, dass diese angezapft würde oder schlicht und einfach keine Leitungen nach Westberlin haben. Da fällt die Wahl nicht sehr schwer. Und wollte man etwas verschlüsseln, so konnte man das ja an den Endgeräten (Telefonen) immer noch tun - mit mehr oder weniger Erfolg.

Mike

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Beitrag von Tower » 04.02.2012 19:05

Ja das es mehr oder weniger keine andere Wahl gab ist schon klar, nur der lachse Umgang mit bestimmten Themen am telefon haben mich doch immer sehr verwundert.

Volker
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Beitrag von Volker » 23.03.2012 07:28

Tower hat geschrieben:Ich weiß immer nicht, wenn ich all diese Abhörerfolge seitens der damaligen DDR, gegen über der BRD lese, waren die unsrigen damals gnadenlos Arrogant oder einfach nur leicht gläubig.
Gruß
Tower
gewiß eine Mischung von Überlegenheitsdenken und technischem Unverstand "ich will nicht abgehört werden, darum schicke ich das Dokument sicherheitshalber als Fax".

So ist der Mensch. Er fühlt sich anderen permanent überlegen. Und wer macht sich schon beim telefonieren gedanken darüber, auf welchem Wege das Gespräch von A nach B gelangt?

Volker

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kuhlmac
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Beitrag von kuhlmac » 24.03.2012 07:13

Volker hat geschrieben: gewiß eine Mischung von Überlegenheitsdenken und technischem Unverstand "ich will nicht abgehört werden, darum schicke ich das Dokument sicherheitshalber als Fax".
:mrgreen:
und wer macht sich schon beim telefonieren gedanken darüber, auf welchem Wege das Gespräch von A nach B gelangt?
Die wenigsten, richtig. Für Wirtschaftsspionage des MfS sicher gut. Aber die Dienststellen, die es vermutet haben, haben hoffentlich entsprechende Technik zum Verschlüsseln genutzt.
Da das BZR ja in Berlin war, wurde wohl auch dafür eine derartige Leitung gelegt. Haben die ihre Daten verschlüsselt versandt? Sonst wäre das ja für das MfS ein gefundenes Fressen gewesen....
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-zAc- (†)
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Beitrag von -zAc- (†) » 24.03.2012 12:49

Hallo zusammen,

das Übertragungsmedium Glasfaser ist zunächst einfach nur dumm. Es wird das übertragen, was übertragbar ist.

Nicht sensible Inhalte werden in Form von Sprache und Daten in Masse unverschlüsselt übertragen. Teilnehmer bestimmen selbst, was sie als sensibel einstufen und in der vorgenannten Form am Telefon, per Fax oder via Datenübertragung über die Leitung gehen soll.

Sollen fernmündlich sensible Inhalte (was auch immer das bedeutet bzw. Sensibilität geregelt ist) besprochen oder entsprechende Daten übertragen werden, sollten die Beteiligten oder müssen sie (staatliche Stellen) dafür Sorge tragen, das die Anschlussgeräte, mit denen die die Kommunikation erfolgen soll, die Verschlüssung des Inhalts vornehmen

Militärische Stellen benutzten beispielsweise für Telefongespräche ELCROVOX-, für Faxnachrichten ELCOFAX- und für Datenübertragungen ELCODAT-Geräte. Für Fernschreibübertragungen wurden ELCROTEL-Geräte zur Kryptierung genutzt.

Link Google-Books, Blitz & Anker, Band 2, Seiten 291 bis 293:
http://books.google.de/books?id=ISXaUUP ... OX&f=false
-zAc-
Mit leerem Kopf nickt es sich leichter. (Žarko Petan)

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Beitrag von hollihh » 25.03.2012 13:47

Moin,

man kann auch gezielt Informationen verbreiten :mrgreen:
Zudem hatte das MfS - wie so viele Geheimdienste - das Problem, der Datenflut einfach Herr zu werden. Wer will denn schließlich unterscheiden, was wichtig ist und was nicht, was verschlüsselt ist und was nicht ? Da werden unheimlich Kräfte gebunden...

Gruß

Holli

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Beitrag von Techniker » 30.11.2013 17:46

Hallo,

ich beziehe mich mal auf den Eröffnungsbeitrag von Mike.

Die Quelle 1 war m.M.n. Ende 89 der modernste Stützpunkt der HA III. Dort wurden die 140-MBit Digitalrichtfunkstrecke, das 140-MBit LWL Kabel und die analogen Richtfunkstrecken aufgeklärt. Die Gebäude auf den Photos wurden meine ich so 85-86 errichtet. Auf dem alten Stützpunkt befand sich die noch zu sehende Kuppel. Davor war eine eingeschossige Holzbaracke, in dieser war die Technik, Auswert- und Unterkunftsräume angeordnet.

Der Neubau hatte einfach mehr Raum und durch die Technikerweiterungen hätte in der alten Baracke der Platz nicht gereicht. Der große Fernmeldeturm war ein RiFu Turm der Deutschen Post und wurde auch durch diese genutzt und betrieben. Das MfS wurde mit der Errichtung der digitalen RiFu-Strecke 1986 von Westberlin nach der BRD dort in einem Raum "Untermieter".

Im Turm wurde das 140-MBit Signal der Zwischenregeneratoren mittels Leistungsteiler abgegriffen. Dieses Signal wurde dann im "extra" Raum demoduliert und das 140 MBit Basisband über ein 6 Tubenkabel in das Dienstobjekt übertragen. Die 140-MB Demodulatoren waren im NSW beschafft worden. Diese Technik stand auf der Embargoliste und hätte auch nicht kurzfristig in der DDR hergestellt werden können. Im Dienstobjekt wurde dann dieses 140-MBit Signal mittels Demultiplexer in 4 x 34 MBit Datenströme zerlegt. Dies geschah mittels in der DDR gebauter (Sonderentwicklung in Dresden) Demultiplexer. Die Bauteile für die digitale Signalverarbeitung (IC der AS-TTL/ ECL) Serien wurden ebenfalls im NSW besorgt. Es sollten zwar IC aus SU Produktion eingesetzt werden die das auch konnten, aber diese waren einfach nicht lieferbar. Das weitere Aufbereiten der Datenströme bis in die NF-Lage, erfolgte mit DDR-typischer Fernmeldetechnik (PCM 480/120).

Weiter gehts im nächsten Beitrag, Fragen werden gerne beantwortet.

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Beitrag von MikeG » 30.11.2013 19:04

Moin Michael!

Danke für die hochinteressante Info!

Ich vermute, dass zumindest ein Großteil der Bandbreite (wenn nicht sogar die ganzen 140MBit) für Telefonie genutzt wurde. Das wären dann selbst in ISDN-Qualität immer noch etwa 2240 Sprachkanäle (Steuerkanäle mal nicht berücksichtigt).

Wie muss man sich denn bei dieser Zahl an gleichzeitig möglichen Gesprächen die Erfassung vorstellen? Wurde da auf dem D-)Steuer-)Kanal die abgehende bzw. angerufene Nummer ausgewertet und so gezielt nur bestimmte Anschlüsse überwacht? Es wäre toll, darüber etwas mehr zu erfahren.

Mike

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