Höfen bei Monschau

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Landvogt1756
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Re: Monschau-Höfen

Beitrag von Landvogt1756 » 18.04.2024 10:17

Eifeler hat geschrieben: 21.09.2018 13:06 Das Thema ist zwar schon älter, aber ich kann noch einige Informationen beisteuern.
Die Anlage in Höfen-Brath diente der Pullacher Dienstelle, unterstand aber offiziell der Bundeswehr. Die genauen Unterstellungsverhältnisse wurden ja schon in einem früheren Beitrag richtig genannt. Die Tätigkeit fur Pullach erklärt auch die hohe Ansiedlung in der Bw-Befehlsstruktur.
Zwar wurde das Objekt "Talsperre" in Monschau-Heidgen auch von dem Pullacher Dienst betrieben, aber diente anderen Aufgaben. Die offizielle Bezeichnung "Bundesstelle für Fernmeldestatistik" ist dabei schon ein Hinweis auf die Tätigkeit, ohne jedoch das Kind beim Namen zu nennen.
Zur Zeit des Kalten Krieges war Bonn noch die westdeutsche Hauptstadt und naturgemäß waren auch dort die meisten ausländischen diplomatischen Vertretungen angesiedelt. Das galt auch für die diplomatischen Vertretungen der Warschauer-Pakt-Staaten. Alle diese Vertretungen betrieben zur Kommunikation Weitverkehrsfunkverbindungen mit ihren jeweiligen vorgesetzten Dienststellen in den Heimatländern. Auf bundesdeutscher Seite lag es natürlich nahe, diesen Funkverkehr auszuwerten. Als Standort für eine Abhöranlage bot sich Monschau-Höfen an, da es in der geografischen Verlängerung der Funkverbindungen von Osten nach Bonn lag. Die logarithmisch-periodischen Richtantennen in Monschau-Höfen taten ein Übriges. Der gesamte Weitbereichsfunkverkehr in Richtung Bonn konnte mit dieser Anlage erfasst und (auch) statistisch ausgewertet werden. Daher die unverfängliche Bezeichnung der Dienststelle.

Die Anlage in Höfen-Brath hatte eine andere Aufgabe, folgte aber der gleichen Logik hinsichtlich der Nomenklatur, auf die ich zuerst eingehe.
In Höfen-Brath waren zwei Dienststellen angesiedelt – eine Außenstelle der Materialerfassungsgruppe Nord und eine Außenstelle der Versorgungsstaffel Nord.
Das „erfasste Material“ waren Funkmeldungen eigener und von Mitarbeitern befreundeter Staaten, vulgo „Agenten“, die in Höfen-Brath empfangen wurden. Für diesen Zweck diente die in einem früheren Beitrag von einem Forumsmitglied beschriebene Antenne. Es konnten aber von hier auch bei Bedarf Meldungen an die Agenten gesendet werden. Dies war aber nicht die Regel, da die Anlage in Höfen-Brath dadurch nicht kompromittiert werden sollte. Es kamen Kurzwellenverbindungen zum Einsatz.

Die „Versorgung“ war die Aufgabe der zweiten hier ansässigen Dienststelle. Die „Mitarbeiter im Aussendienst“ konnten von hier mit allem versorgt werden, was diese für ihre Arbeit benötigten. Es handelte sich also um eine Logistik-Einrichtung des Pullacher Dienstes, die über die Logistik hinaus aber weitergehende Unterstützung bot.

Nun könnte man sich fragen, warum dieser Support gerade an dieser geografisch eher abgelegenen Stelle aufgebaut wurde. Aber das hat natürlich konkrete Gründe.

Das in Grenznähe zu Belgien gelegene dünn besiedelte Gebiet der Eifel war aus vielen Gründen und jeher ein viel genutzter Raum für Agententätigkeiten. Besonders im Gebiet zwischen Monschau im Norden und Prüm im Süden kam es während der Zeit des Kalten Krieges zu intensiver nachrichtendienstlicher Tätigkeit, die die dortige Topographie als auch Infrastruktur nutze. Das galt übrigens für „beide Seiten“, wobei es im Laufe der Zeit auch zu Austausch von Agenten und Treffen mit der „anderen Seite“ sowie eigenen Mitarbeitern an der grünen Grenze zu Belgien und auch den grenznahen Gebieten in Belgien kam. Besonders beliebt war das Gebiet des Oleftales. Dabei waren auch andere deutsche Dienststellen, falls unbedingt erforderlich, involviert.

Die Täler und weitgehend menschenleere Waldgebiete in Grenznähe boten zwar Schutz, aber hatten auch den Nachteil, dass Aktivitäten und Personen die Aufmerksamkeit des Zolls auf sich zogen, der neben den festen Grenzübergangsstellen auch mit mobilen Gruppen die Grenze auch an und in den Waldgebieten überwachte. Da musste es früher oder später zu Aufgriffen von Personen kommen, die alles andere als Interesse daran hatten, entdeckt zu werden.
Wenn es sich um „eigene“ Mitarbeiter handelte, konnte immer sehr schnell mit einem einzigen Telefonanruf die konspirative Person die Mitarbeiter des Zolls davon überzeugen, sie direkt wieder auf freien Fuß zu setzen und keine weiteren Fragen zu stellen. Aber auf diese Weise gelangten an sich unbeteiligte Personenkreise doch zu Erkenntnissen, die nicht für sie bestimmt waren. Aber ab und zu gingen bei solchen „Unfällen“ auch Mitarbeiter östlicher Dienste ins Netz. Meist handelte es sich dabei aber um Personen mit Diplomatenstatus, die Immunität besaßen und ihrer Arbeit bald ungestört weiter nachgehen konnten.

Die deutschen Dienste waren in dieser geografischen Gegend im Vorteil, da sie die Einrichtungen anderer Dienste nutzen konnten, ohne dabei besonders in Erscheinung zu treten. Beliebt war z.B. eine Ferieneinrichtung der Bundesfinanzverwaltung, die regelmäßig von bestimmten Pullacher Mitarbeiten für „Erholungsurlaube“ genutzt wurde. Als Wanderer fiel man in den Waldgebieten nicht weiter auf und konnte auch die grüne Grenze unauffällig überschreiten. Waren größere Aktionen geplant, wurden die oberen Zollbehörden vorab informiert. Der zuständige Oberzollrat im Hauptzollamt Aachen wies dann das Zollkommissariat in Monschau an, in dem fragliche Gebiet für eine bestimmte Zeit keine Kontrollen durchzuführen. Wurde die Ferieneinrichtung der Bundesfinanzverwaltung genutzt, wurde in besonderen Fällen auch der dortige Verwalter , ein Zollhauptsekretär, angewiesen, wegzuschauen.
Für längerer andauernde oder regelmäßige Grenzübertritte war das Verfahren allerdings nicht geeignet, da zu viele Personen daran beteiligt waren. Hier konnte man auf ein andere Hilfestellung zurückgreifen.

Unweit von Höfen-Brath lag in südlicher Richtung der Grenzübergang Wahlerscheid. Neben der Nähe bot er den Vorteil, nur wenig Durchgangsverkehr zu haben und unmittelbar im Wald zu liegen. Das Gebiete war schlecht einsehbar und – was der größte Vorteil war – nachts nicht besetzt. Stattdessen wurden in seinem Gebiet mobile Kontrollgruppen eingesetzt, die die Grenze mehr oder weniger überwachten.

Sollte der Grenzübergang regelmäßig nachts genutzt werden, konnte der Pullacher Dienst über das Grenzschutzamt West in Aachen für seine Mitarbeiter einen Dauerpassierschein beantragen, mit dem der Grenzübergang auch nachts genutzt werden konnte. Bei eventuellen Kontrollen durch die mobilen Kontrollgruppen des Zolls wurde der Passierschein vorgelegt, was freie Weiterfahrt garantierte. Da auch Ortsansässige der Nachbargemeinen prinzipiell beim Vorliegender entsprechender Gründe diesen Passierschein beim Zollkommissariat Monschau beantragen konnten, fiel der nächtliche Grenzverkehr, auch bei zufälligen Zollkontrollen, nicht weiter auf und der kontrollierende Zollbeamte blieb ahnungslos.

Aber auch der damals noch bestehende Bundsgrenzschutz wurde zuweilen für Amtshilfe bemüht. So wurde im Winter 1974 vom Pullacher Dienst ein russischer Überläufer direkt vor den Augen der Mitarbeiter der russischen Militärmission per Hubschrauber vom Bundesgrenzschutz in unmittelbarer Grenznähe evakuiert. Allerdings ging dies Aktion nicht ganz reibungslos vonstatten, da es sowohl Augenzeugenberichte als auch Fotos von der Aktion gab.


Die Bereitstellung von Unterstützung für solche und ähnliche Aktivitäten im Gebiet der Nordeifel lagen im Aufgabenbereich der Außenstelle der Versorgungsstaffel Nord in Höfen-Brath.

Aber so ganz unbekannt war die Anlage wohl auch bei der Gegensite nicht. So wurde einmal versucht, die in der Anlage frei herumlaufenden Wachhunde mit über den Zaun geworfenen Fleischstücken zu vergiften, was aber nicht erfolgreich war. Der gestellte Täter gab an, die hungrigen Tiere nur füttern zu wollen. Diplomatische Immunität verhinderte auch hier eine Festnahme.

Ich hoffe, diese Informationen bringen etwas Licht ins Dunkel der Vergangenheit.
Moien,
ähnlich geartete Aktionen liefen auch im Bereich der unteren Sauer und der Benutzung von ehemaligen Zollhäusern (welche dem BMF als Urlaubshäusern dienten) ab. Bei Nachstreifen "stolperte"man schonmal über die Akteure!! Dazu gab es ab und an auch merkwürdige Hubschraubertieflüge zu gewissen nächtlichen Uhrzeiten.
Gruß
landvogt

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