Militär in Friedrichshafen am Bodensee

Militärische Objekte und Anlagen ab 1945
Piemont
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Re: Militär in Friedrichshafen am Bodensee

Beitrag von Piemont » 27.05.2021 18:35

Hallo miteinander,
kann mir vielleicht jemand sagen, WO genau der frz. Schiessstand und WO genau der Standortübungsplatz war. Der Standortübungsplatz war wohl zwischen den V2-Produktionsanlagen und der heutigen Mülldeponie kann das sein ?
Besten Dank und viele Grüße
Piemont

thomasbreitenbacher
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Re: Militär in Friedrichshafen am Bodensee

Beitrag von thomasbreitenbacher » 16.08.2021 20:27

Hallo,

nachstehend meine Aufzeichnungen zu den Liegenschaften und Einheiten der französischen Streitkräfte in Friedrichshafen und Umgebung (mit der in Bezug auf die französischen Streitkräfte üblichen Anmerkung, dass Quellen hierzu dürftig und nicht selten widersprüchlich sind).

Der Flugplatz als größte Liegenschaft führte während der Zugehörigkeit zu den französischen Luftstreitkräften (armée de l’air) mehrere Bezeichnungen: anfangs base aérienne tactique 157, dann base aérienne 157, ab 01.04.1954 section de l’air 3/257, ab 01.05.1955 base aérienne 257 und in den sechziger Jahren base aérienne 521 bis zur Übergabe an die Landstreitkräfte (armée de terre) 1968.
Unter der armée de terre hieß die Kasernenanlage des Flugplatzes Quartier Barbier.

Bis 1954 war der Flugplatz regelmäßig und mit außerordentlichem häufigem Wechsel durch verschiedene Jagdfliegereinheiten belegt (ausgerüstet anfangs mit F-47D Thunderbolt, ab November 1949 mit Vampire FB.Mk. 5). Nach 1954 waren keine ständigen fliegenden Einheiten der armée de l’air mehr auf dem Platz stationiert. Dafür wird ein Radar Post (und ein CRC, control and reporting center ?) der groupement de contrôle tactique aérien 451 (zeitweise in Achern, später in Drachenbronn) eingerichtet.

Im Oktober 1961 kommt aus dem Aufstellungsstandort Fort Bliss (USA) die 521e brigade d’engins
(„Raketenbrigade“ i.S.e. Flugabwehrraketenbataillons) (ab 01.04.1963 umbenannt in 521e brigade aérienne) mit ihren vier Staffeln (escadrons d’engins, EE) Nike Hercules und wird auf dem Flughafen untergebracht. Die Batterien werden zum 01.12.1961 einsatzbereit. Vorgesehen war die Verlegung des Bataillonsstabes (später nur noch des Battalion Operations Centers, BOC) sowie einer Batterie nach Schemmerhofen-Altheim bei Ehingen. Da die Stellung Schemmerhofen-Altheim bis zum Abzug der Nike nie ausgebaut wurde, kam es nicht dazu. Zum 01.04.1963 verlegte die Batterie EE 3/521 nach Inneringen (und wird dort zur EA 3/520), ebenfalls 1963 verlegt die EE 4/521 nach Böttingen (und wird zur EA 1/520). Dafür wird dem Bataillon die bisherige EE 1/520 in Mengen als neue EA 3/521 und die bisherige EE 3/520, welche von Stetten am kalten Markt nach Münsingen verlegt, als EA 4/521 unterstellt. Zum 01.04.1963 Umbenennung in 521e Brigade aérienne. Die EE 1/521 und 2/521 verbleiben bis zur Auflösung in Friedrichshafen. Die 521e BA wurde zum 30.04.1967 aufgelöst.

Ebenfalls auf dem Flugplatz befand sich ab 1963 bis zur Auflösung 1966 der Stab der französischen Nike-Verbände in Deutschland, die 500e groupement d’unités d’engins bzw. ab 01.04.1963 500e groupement de brigades aériennes (analog einem Stab Flugabwehrraketenregiment).

Die Flugabwehrraketenstellung(en) der beiden Friedrichshafener Batterien soll sich nach dem ersten Beitrag in diesem thread dort befunden haben, wo später das Krankenhaus neu erbaut wurde. Dies kann ich nach Betrachten der Orthobilder 1968 nicht nachvollziehen, auf diesen Luftbildern sind hier keine Spuren von Flugabwehrraketenstellungen zu erkennen. Von daher ist meine Vermutung, dass sich die Stellungen einschließlich IFC auf dem Flugplatzgelände befanden (welches auf den Orthobildern leider geschwärzt ist). Die Stellungen dürften dann anschließend vom FlaRakBtl 33 als Hawk-Ausbildungsstellungen genutzt worden sein.

1967/68 verlegte, aus Radolfzell kommend, die 302e groupe d’artillerie (Raketenartilleriebataillon) mit zwei Batterien Honest John (zu dieser Zeit nur noch mit konventioneller Rolle). Sie wechselt 1969 in das Quartier Durand de Villiers.

Fliegerisches Leben zieht auf dem Flugplatz wieder ab dem 01.09.1973 mit dem Stamm der zum 01.08.1974 offiziell aufgestellten groupe d’aviation légère du 2e corps d’armée ein (GALCA 2, Heeresfliegerbataillon des 2e Armeekoprs) ein. Die groupe verfügt nach vollständiger Aufstellung 1976 über zwei Staffeln (escadrilles) mit zusammen 22 SA-330B Puma sowie zwei Staffeln mit 22 SA-341F Gazelle, davon 10 mit HOT-Panzerabwehrlenkflugkörpern.

Zum 01.09.1978 geht die GALCA 2 im neu aufgestellten 2e régiment d’hélicoptères de combat (2e RHC, Kampfhubschrauberregiment) auf. Dessen Stab sowie die beiden Puma-Staffeln und eine Gazelle-Staffel befinden sich in Friedrichshafen, die drei, später zwei Panzerabwehrhubschrauberstaffeln des Regiments mit SA-342M Gazelle HOT befinden sich bis zur Verlegung 1985 nach Friedrichshafen in Freiburg/Breisgau, die Puma werden 1985 auf eine Staffel reduziert. Nach 1985 verfügte das Regiment in Friedrichshafen über 16 Panzerabwehrhubschrauber SA-342M Gazelle HOT, 10 Begleithubschrauber SA-341F2 Gazelle mit 20mm Maschinenkanone und neun Transporthubschrauber SA-330Ba Puma. Das Regiment wäre im Mobilmachungsfall aus den Heeresfliegerschulen in Frankreich heraus um 10 weitere SA-342M HOT, 10 Verbindungs-/Beobachtungshubschrauber SA-341F Gazelle und 10 Transporthubschrauber SA-330Ba Puma verstärkt worden. Das 2e RHC wird zum 31.07.1992 aufgelöst.

Zusammen mit dem 2e RHC wurden zum 01.09.1978 in Friedrichshafen die 2e groupement de soutien ALAT (Heeresfliegerinstandsetzungsbataillon) aus dem bis dahin existierenden 671e centre de réparation ALAT (671e C.R.ALAT) aufgestellt. Es verfügte über Außenstellen in Freiburg i. Breisgau und Föhren bei Trier. Die 2e G.S.ALAT wird zum 30.06.1992 aufgelöst.

1993 verließen die letzten französischen Soldaten das Flugplatzgelände.
Die Unterkunftsbereiche aller Heeresfliegereinheiten befanden sich überwiegend im Quartier Durand de Villiers.


Das Quartier Durand de Villiers (ehemalige Flak-Kaserne) wurde ab 1945 von den französischen Streitkräften bis 1992 genutzt.

Untergebracht waren hier ab unbekanntem Zeitpunkt das 7e régiment de chasseurs d’Afrique, ab Juni 1963 umbenannt in 7e régiment de chasseurs („Jägerregiment“) , welches zum 01.06.1964 zum 5e régiment de dragons („Dragonerregiment“) wird (leichtes Panzerregiment mit leichten Kampf- und Aufklärungspanzern AMX-13). Das Regiment verlegt im Juni 1968 nach Tübingen.

1969 zieht die vom Flugplatz kommende 302e groupe d’artillerie mit ihren Honest John ein. Sie wurde am 01.07.1970 in 60e régiment d’artillerie umbenannt und wird 1975 aufgelöst.

In dieser Zeit befand sich auch die 63e compagnie légère de réparation du matériel (leichte Instandsetzungskompanie) in der Kaserne.

Am 07.11.1986 zieht, aus Langenargen kommend, die 2e compagnie du 13e régiment de dragons parachutiste in die Kaserne ein. Das Fernspähbataillon der französischen Armee ist bis auf diese 2. Kompanie in Dieuze, département Moselle, stationiert. Die Kompanie verlegt im Juni 1992 dann ebenfalls nach Dieuze.


Neben den beiden großen Liegenschaften Flugplatz und Quartier Durand de Villiers gab es noch eine weitere große französische Liegenschaft: das Centre de réparation auto-Sud (C.R.A.S.) (Heeresinstandsetzungswerk für Panzer und Kraftfahrzeuge), 1947 eingerichtet auf dem früheren Zeppelin-Werksgelände und 1985 aufgegeben bzw. Verlagerung der Aufgaben nach Sarrebourg, département Moselle). Heute durch ZF Friedrichshafen überbaut. Hier waren v.a. zivile Mitarbeiter beschäftigt. Das C.R.A.S. nutzte bis 1955 das Gelände des ehemalige Seewerks in Immenstaad als Außenlager.

In der französischen Wohnsiedlung oberhalb der ZF war der Friedrichshafener Gendarmeriezug (brigade prévôtale de Friedrichshafen) und das Militärpostbüro bureau postal militaire 605 (BPM 605) untergebracht.

Das Standort-Munitionslager (dépôt de garnison) befand sich, wie schon an anderer Stelle beschrieben, im Seewald nicht weit vom Flugplatz entfernt. Es bestand 1968 aus drei (kleineren) erdüberdeckten Munitionslagerhäusern, 16 Munitionslagerhütten mit Splitterschutzwällen, zwei größeren Lagerhallen, drei Freilagerplätzen mit Splitterschutzwällen und weiteren Einrichtungen.

Bei Raderach befand sich ein Treibstoffdepot (direkt westlich an die heutige Mülldeponie angrenzend) mit 20 teilweise im Erdboden versenkten Tanks.
Der Standortübungsplatz befand sich ebenfalls bei Raderach und ist heute unter der Mülldeponie „begraben“, die Standort-Schießanlage befand sich südöstlich von Raderach (Zufahrt über Unterraderach) und ist heute noch als Schießanlage vorhanden.


In Langenargen befand sich von 1945 bis zur Auflösung zum 01.12.1949 eine größere Militärschule der französischen Armee (école de cadres des forces d’occupation (Schule für Berufs-/Zeitsoldaten der Besatzungsstreitkräfte), dann umbenannt in annexe de Langenargen de l’école des sous-officiers de Saint-Maixent (Außenstelle Langenargen der Unteroffizierschule Saint-Maixent).

Die Bezeichnung der recht umfangreichen Liegenschaften in Langenargen (welche aus den ehemaligen Gebäuden der Marine, beschlagnahmten zivilen Gebäuden und vielen neu errichteten Bereichen bestand) ist verwirrend und konnte von mir noch nicht nachvollzogen werden. In Quellen tauchen auf Camp de Langenargen, Quartier Verdun, Quartier Niel, Quartier de Lattre.

Neben der Schule befanden sich noch in Langenargen die 3e escadron du 3e régiment de chasseurs d’Afrique von 1948 oder 1950 bis Februar 1956. Der Rest des Regiments befindet sich in Weingarten. Es wird auf Grund seiner Verlegung nach Algerien ersetzt durch das 5e régiment de hussards (ebenfalls in Weingarten), dessen 3e escadron wiederum in Langenargen bis 1961 oder 1963 stationiert wurde, ausgerüstet mit Aufklärungspanzerwagen EBR.
Von 1949/50 bis zur Verlegung nach Donaueschingen 1955 war das 2e bataillon du 110e régiment d’infanterie in Langenargen.
Ab April oder Juni 1960 befand sich die 7e compagnie de commandos (Kommandokompanie) hier, am 01.08.1963 abgelöst durch die 2e escadron du 13e régiment de dragons parachutiste bis zur Verlegung der Kompanie nach Friedrichshafen am 07.11.1986.

Bei Langenargen soll sich auch eine französische Peilstelle des 44e régiment de transmissions (Landau i.d. Pfalz) befunden haben (nicht identisch mit der Bundeswehr-Peilstelle). Diese war 1968 noch nicht existent, 2003 waren keine Spuren mehr erkennbar.

Bei Eriskirch im Eriskircher Ried befand sich von 1945 bis 1960 ein Luft-Boden-Schießplatz der französischen Luftstreitkräfte.

Zu guter Letzt war Kressbronn nach dem Krieg bis 1948 der Hauptstützpunkt der flotille du Lac de Constance (Bodenseeflotille) der französischen Marine.

Soweit die mir bekannten französischen Einrichtungen/Einheiten in und um Friedrichshafen (wenn es auch noch etwas über das Seewerk in Immenstaad und dessen Nutzung nach dem Zweiten Weltkrieg als Torpedoversuchsstelle und (kleine) Marinefliegerbasis der französischen Marine zu berichten gäbe).

Viele Grüße, Thomas

thburkhart
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Re: Noch was zu Friedrichshafen . 4.FlaRak33

Beitrag von thburkhart » 26.06.2022 18:00

Rick (†) hat geschrieben: 24.01.2004 23:01 zuerst noch mal zum FlaRakBtl 33. Nach einigem Stöbern habe ich noch einen Standort für die 4./33 gefunden: nahe Laimnau südöstlich von Tettnang (erwähnt in LUFTWAFFE, 9/1971). Ich gehe mal davon aus, dass es vier Einsatzbatterien gab. Dann waren diese vermutlich in Lindau und Friedrichshafen stationiert und hatten Einsatzstellungen in Wohmbrechts, Oberrengersweiler, Löwental und Laimnau. Das schaut schon fast komplett aus. Fehlt noch das BOC – vielleicht Löwental? Übrigens ging die 2./33 angeblich vorübergehend nach Murnau (Lw, 2/74), bevor sie in Bad Aibling landete.

hallo,
ich habe diesen Beitrag auf der Suche nach meinem ehemaligen Bundesdienstort gefunden ..

Ich war von 1971 bis 1973 in der 4. Batterie des FlaRak Batailons eingesetzt. Lindau war der Batailons-Standort. In Löwental (identisch mit dem Flugplatzgelände) waren quasi feste HAWK-Stellungen.
Die 1. und 4. Batterie waren direkt der NATO unterstellt und waren im Wechsel rund um die Uhr innerhalb 5 Minuten abschussbereit. Wir haben entsprechende Schichten geschoben und durften in der Zeit nicht einmal die Stiefel ausziehen.
Das BOC war in Messtetten. Weitere feste Stellungen gab es nicht. Vielmehr musste man innerhalb 30 Minuten verlegefähig sein (um einem Gegenangriff zu entkommen) und am neuen Ort wieder innerhalb kürzester Zeit abschussbereit zu sein. Das wurde mehrfach geübt.
Teilweise wurden Soldaten der 2. und 3. vom Quartier in Lindau auf LKWs nach Friedrichshafen gebracht. Dabei verunglückten 1972 ein paar tödlich, nachdem der LKW von der Straße abgekommen und umgekippt war.
Meines Wissens wurden 1973 alle 4 Batterien nach Lengries umgezogen, nachdem die dortige Kaserne frei wurde. Der Flugplatz Friedrichshafen-Löwental wurde zum zivilen Flughafen ausgebaut.
lg
Thomas

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