Nicht mehr bestehende Verbindungen im deutschen Hoch- und Höchstspannungsnetz

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ElexTro
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Nicht mehr bestehende Verbindungen im deutschen Hoch- und Höchstspannungsnetz

Beitrag von ElexTro » 16.03.2022 00:47

Hallo zusammen

Da ich hier im Forum noch keinen (allgemeinen) Thread zu diesem Thema gefunden habe, öffne ich einfach mal einen. Thema sind vorrangig heute nicht mehr existierende Freileitungen auf der Hoch- und Höchstspannungsebene.

Sehr viele Menschen empfinden Freileitungen als unästhetisch, doch bei einem genaueren Blick auf diese technischen Bauten erkennt man, dass diese nicht nur einfache Zweckbauten sind, sondern auch Aufschluss über die Entwicklung und vor allem die Allgegenwärtigkeit der landesweiten Versorgung mit elektrischer Energie geben.

Viele Leitungen der 1910er und 1920er Jahre zeugten und zeugen vom Pioniergeist dieser Zeit, als das Drehstromnetz, wie wir es heute kennen, sich gerade im Aufbau befand. Weg von den alten Elektrizitätswerken mit nur wenigen Kilowatt Leistung und einem städtischen Gleichstromnetz hin zu einem sich weit in alle Himmelsrichtungen ausdehnenden und als Verbund mit mehreren großen Kraftwerken betriebenen Netz, das schließlich auch die hintersten Winkel mit Strom versorgt. Man denke nur an ehrgeizige Projekte wie die Nord-Süd-Leitung des RWE (hier gibt es schon einen großen Thread) oder Versorgung Berlins aus den Kraftwerken des Bitterfelder Raums direkt nach dem Ersten Weltkrieg.

Bedingt einerseits natürlich durch die Energiewende (von den Kraftzentralen hin zu einer dezentraleren Energieversorgung), andererseits aber auch aus Altersgründen und sonstigen Umstrukturierungen im Übertragungsnetz verschwinden Leitungstrassen aus der Landschaft, werden zu einer neuen gebündelt oder es werden einfach nur die Masten ersetzt. Die Masten, die damals Verwendung fanden, unterschieden sich in ihrer Bauform noch deutlich von den heutigen Standards. Unabhängig vom jeweiligen Energieversorger - von denen gab es in den 1920er Jahren noch eine ganze Menge mehr als heute - errichtete man Leitungen, die auf Masten mit einer A-förmigen Spitze verlegt waren und einfach gebaute Traversen (Querträger) ohne zusätzliche Verstrebungen hatten. Auch waren sie in der Regel schlanker und kleiner als heute und hatten häufig schon fast etwas kunstvoll-ästhetisches in ihrer Schlichtheit. Das Abspannportal am Walchenseekraftwerk ist ein schönes Beispiel hierfür:

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... ftwerk.jpg

Einen guten Vergleich zwischen Vor- und Nachkriegsbauart bieten diese beiden Leitungen bei Stockstadt (Lkr. Aschaffenburg). Links eine Leitung von 1924, rechts eine später gebaute.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... -27_06.jpg

Leider verschwinden diese alten Masten aus Altersgründen immer häufiger, weshalb es besonders für einen Freileitungs-Interessierten wie mich jedes Mal ein Fest ist, so etwas noch zu sehen. Insbesondere interessiert mich auch das ehemalige Netz der PreußenElektra, das mit solchen Masten einst bis nach Frankfurt reichte - zum einen aufgrund der geografischen Nähe, zum anderen weil mich das Thema seit einigen Jahren nicht mehr loslässt. Es mag vielleicht etwas verrückt oder gar absurd wirken, aber so ist es bei mir nun mal :)

Auf älteren Fotos der Frankfurter Heimatsiedlung (liegt in Sachsenhausen, südlich des Mains) erkennt man auch eine alte Freileitung auf Masten ähnlich derer bei Stockstadt. Dabei muss es sich um eine der Leitungen im Ring Borken-Gießen-Wölfersheim-Frankfurt-Dörnigheim gehandelt haben. Wie verlief diese Leitung z.B. durch das Frankfurter Stadtgebiet weiter? Alles dort ist heute sehr dicht bebaut, ich kann mir natürlich vorstellen dass die Anwohner froh sind, heute ohne Kabeln über ihren Köpfen zu leben.

https://ait-xia-dialog.de/storage/2018/ ... iedlun.jpg
http://abload.de/img/fm932682a36yji.jpg

Wo gab noch alles heute verschwundene Leitungen? Welche Verbindungen sind in den letzten ca. 30 Jahren verschwunden und welche Überreste gibt es noch von ihnen? Wie sahen sie aus? Was war der Grund, weshalb sie abgerissen wurden? Alles Fragen und Antworten, die hier gerne besprochen werden können :)

Viele Grüße
ElexTro

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Re: Nicht mehr bestehende Verbindungen im deutschen Hoch- und Höchstspannungsnetz

Beitrag von Toliman » 18.03.2022 01:13

Ich würde zuerst einmal die Schwarzwaldleitung ( https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzwaldleitung ) nennen, dann fällt mir noch die einstige 110 kV-Leitung von Kirchheim/Teck nach Nürtingen ein.

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Re: Nicht mehr bestehende Verbindungen im deutschen Hoch- und Höchstspannungsnetz

Beitrag von ElexTro » 18.03.2022 15:45

An die Schwarzwaldleitung kann ich mich noch gut erinnern, die wurde zum größten Teil etwa 2009/2010 abgebaut. Das war ja die Tannenbaummastleitung von Wendlingen nach Waldshut-Tiengen. Wann wurde eigentlich der nördliche Abschnitt von Hoheneck bzw. Altbach nach Wendlingen abgebaut? In Teilen verläuft ja die Bahnstromleitung von Stuttgart nach Plochingen auf den alten Maststümpfen.

Was für eine Leitung verlief von Kirchheim nach Nürtingen? Zwischen beiden Städten verläuft heute ja die 380-kV-Leitung von Wendlingen nach Metzingen (bzw. zum Abzweig der Nord-Süd-Leitung bei Reutlingen). Die 110-kV-Umspannwerke beider Städte werden heute ja auch von Wendlingen aus versorgt.

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Re: Nicht mehr bestehende Verbindungen im deutschen Hoch- und Höchstspannungsnetz

Beitrag von Toliman » 19.03.2022 00:32

Der Abschnitt der Schwarzwaldleitung zwischen Großgartach und Hoheneck wurde 2004, der Abschnitt zwischen Hoheneck und Wendlingen 2006 abgebaut. Allerdings könnte der Abschnitt zwischen Neckarweihingen und Altbach schon seit 1984 nicht mehr in Betrieb gewesen sein.

Die Leitung zwischen Kirchheim/Teck und Wendlingen müßte 1979 demontiert worden sein.

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Re: Nicht mehr bestehende Verbindungen im deutschen Hoch- und Höchstspannungsnetz

Beitrag von ElexTro » 20.03.2022 19:14

Ich meine, der Abschnitt der Schwarzwaldleitung zwischen Neckarweihingen und Altbach wurde erst 2007/08 abgebaut (zumindest bin ich zu diesem Zeitpunkt auf der B14 noch unter ihr hergefahren). Der war wohl viele Jahre außer Betrieb und wurde nur stehen gelassen, um später die Bahnstromleitung über die vorhandenen Gestänge zu führen (diese Leitung ist von 1933 und führte vom Bahnkraftwerk S-Münster über Plochingen, Ulm und Augsburg nach München). Fraglich ist nur der Verlauf von Altbach nach Wendlingen, wie verlief diese Leitung dort und wann wurde sie dort abgebaut? War es aufgrund des Kraftwerksneubaus?

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Re: Nicht mehr bestehende Verbindungen im deutschen Hoch- und Höchstspannungsnetz

Beitrag von Toliman » 21.03.2022 20:07

Das mit 2007/2008 kann auch sein. Zwischen Altbach und Wendlingen wurde die Schwarzwaldleitung 1984 abgebaut. Ob sie bei Altbach blind endete oder ob sie mit der 220 kV-Leitung Wendlingen-Hoheneck verbunden war, ist mir nicht bekannt.

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Re: Nicht mehr bestehende Verbindungen im deutschen Hoch- und Höchstspannungsnetz

Beitrag von ElexTro » 21.03.2022 21:55

Also, ich bin mal die Orthophotos von 1968 (https://www.leo-bw.de/web/guest/karte-v ... p=DOP_1968) abgeflogen und siehe da:

Die Schwarzwaldleitung führte früher westlich am (alten) Kraftwerk Altbach vorbei, über den Neckar und die B10 und dann westlich an Köngen vorbei. Direkt westlich der Anschlussstelle Wendlingen wurde die A8 überquert und dann unter der 220-kV-Leitung Wendlingen-Möhringen hindurch. Anschließend folgte bei Unterensingen ein "dreiarmiger" Abzweigmast, denn die Leitung nach Wendlingen bildete einen Abzweig, der eigentliche Strang führte von Hoheneck direkt nach Tiengen weiter. 1984 (ist diese Jahreszahl so zu bestätigen?) wurde dann wohl der Abschnitt nördlich von Altbach bis Unterensingen abgebaut, der Abzweig nach Wendlingen in die durchgehende Leitung umgebaut (dafür entstanden einige Donaumasten zur Verschwenkung).

Anscheinend war die Leitung tatsächlich von 1984 bis 2007/08 auf einem relativ langen Teilstück außer Betrieb. Fraglich nur, ob die später durchgeführte Erneuerung der Bahnstromleitung auch damals schon so geplant war. Allerdings erinnere ich mich dass der Abschnitt über der B14 bei Fellbach nur vier Leiterseile trug, die beiden unteren waren demontiert.

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Re: Nicht mehr bestehende Verbindungen im deutschen Hoch- und Höchstspannungsnetz

Beitrag von ElexTro » 03.05.2022 20:15

Nordwestlich von Frankfurt, einmal in Weißkirchen und einmal direkt an der A5, stehen zwei Freileitungsmasten mit queren Traversen, die keine Leitungen mehr tragen. Anscheinend gab es von der Leitung Bommersheim-Eschborn (verzweigt sich dort nach Kriftel bzw. Höchst) einen 110-kV-Abzweig nach Osten, der über einen gemeinsamen Masten mit der 380-kV-Leitung entlang der A5 geführt wurde.

Was war das für eine Leitung? Wohin führte sie und wann, vor allem warum wurde sie abgebaut?
abzweig1.png
abzweig2.png
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Re: Nicht mehr bestehende Verbindungen im deutschen Hoch- und Höchstspannungsnetz

Beitrag von Aasmann » 09.05.2022 00:53

Bei dem Abzweg kann es sich aber auch um Vorarbeiten für eine noch zu errichtende Leitung handeln.

In Sachsen-Anhalt gab es früher ein riesen Netz aus der Vorkriegszeit, aber heute sind fast alle dieser Leitungen abgebaut worden, als die Kohlekraftwerke stillgelegt wurden, oder durch Neukonstruktionen ersetzt worden.

Bei Magdeburg gab es diese Masten in umgekehrter Donauanordnung, eine davon lief bis nach Harbke und war ofenbar für 220 kV ausgelegt (parallel oder ein Teil der Reichssammelschiene?) Als die RSS um 2017 abgebaut wurde, wurden auch andere alte Leitungen beim USW Diesdorf abgebaut und ersetzt.
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... esdorf.jpg
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... benbau.jpg
Die alte Elbe-Freileitungskreuzung, heute stehen an gleicher Stelle Masten für eine vierkreisige Leitung
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... norama.jpg
Weitere abgebaute Masten bei Diesdorf
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... pylons.jpg

Zwei alte Masten (60 oder 110 kV?) bei Harbke zeugen von ehemaligen Leitungen aus der Vorkriegszeit
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... harbke.jpg

Um Trattendorf und Zschornewitz verliefen einige Masten auf umgekehrter Tannenbaum-Anordnung oder im Donau-Typ mit Erseiltraverse
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... Deuben.jpg
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... _--_21.jpg
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... euwerk.jpg

Leider sind Fotos der alten Leitungen in Ostdeutschland äußerst rar, wurden wohl alle vor Wikipedia-Zeiten abgebaut...

Auch interessant war diese Leitung von Hirschfelde nach Dresden, die vollständig auf Portalmasten verlief (um 2020 nach und nach ersetzt)
https://www.google.com/maps/@51.1388621 ... 312!8i6656

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Re: Nicht mehr bestehende Verbindungen im deutschen Hoch- und Höchstspannungsnetz

Beitrag von ElexTro » 09.05.2022 21:33

Das mit der Vorleistung kann natürlich auch sein. Auffällig ist, dass ein genau solcher Abzweig nur wenige Kilometer südlich besteht, um das Avacon-Netz (ex PreußenElektra) über das Umspannwerk Frankfurt-West an das der Syna (ex Mainkraftwerke) zu koppeln.

Die alten Masten der Elbequerung gehör(t)en zur EWAG-Leitung Magdeburg-Spandau. Die besteht in ihrer Trasse größtenteils noch, auch gibt es noch Abschnitte auf Originalmasten (umgekehrte Donauanordnung mit zwei Erdseilen auf der obersten Traverse): https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... _Parey.jpg https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... _Parey.jpg https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... ast_02.jpg

Dass es von dem umgekehrten Tannenbaummasten noch Exemplare gibt, hat mich selber überrascht (das Bild bei Deuben). Das war die Standardbauform im Netz der Elektrizitätswerk Sachen-Anhalt AG (ESAG). Bei Magdeburg existiert auch noch eine alte ESAG-Leitung:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... bewerk.jpg
Auf dem Leunagelände gab es mal einen Masten, der stark an die Bauform des Badenwerks erinnert: https://commons.wikimedia.org/wiki/File ... %A4nde.jpg

Wie sah es eigentlich früher zur Wendezeit am UW Marke aus? Dort wurden ja die Kraftwerke Vockerode und Zschornewitz an das Reichssammelschienen-System angebunden. Bzw. gibt es noch Erinnerungen an alte Leitungen und Masten dort?

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