Vernichtungslager Sobibor

Zwangsarbeit, Fremdarbeiter-, Konzentrations- und Kriegsgefangenenlager (STALAG, DULAG etc.) und deren Außenlager
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TimoL
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Vernichtungslager Sobibor

Beitrag von TimoL » 09.05.2022 05:12

Hiho!

Aus Anlass des zwanzigjährigen Jubiläums des Forums habe ich mir gedacht, ich stelle Euch hier mal einen Auszug aus einer Arbeit rein, die ich im Wintersemester 2019 an der Universität Wien geschrieben/ verfasst habe.

Ich habe die Arbeit hier [fürs Forum] ein wenig verkürzt und die Überschrift geändert.



Zusammenfassung des Begriffs „Vernichtungslager Sobibor“-
Dargestellt am Beispiel von Annika Wienert „Das Lager vorstellen: Die Architektur der nationalsozialistischen Vernichtungslager“ (Berlin: Neofelis-Verlag 2015)


Den Schwerpunkt der Arbeit von Wienert bildet die Architektur- und Baugeschichte [1] der drei Vernichtungslager der „Aktion Reinhard“ [2]. Zwischen März 1942 und November 1943 wurden im Rahmen der „Aktion Reinhard“ in den drei eigens dafür errichteten Lagern Belzec [3], Sobibor [4] und Treblinka [5] mindestens 1, 7 Millionen Juden und Jüdinnen ermordet.

Die Lager der „Aktion Reinhard“, und damit auch das Lager Sobibor, unterschieden sich sowohl organisatorisch als auch baulich ganz erheblich von den übrigen nationalsozialistischen Konzentrationslagern [6]: Dienten die KZ primär der Inhaftierung von politischen Gegnern, Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, [angebliche] „Asozialen“ und der Ausbeutung durch Zwangsarbeit. Die [systematische] Ermordung der Gefangenen in den KZ war eher sekundär. Sie [die systematische Ermordung] geschah hier in der Regel durch geplante und gezielte Einzelaktionen (z.B. Massenerschießungen, Vergasungsaktionen [7], medizinische Experimente („Reihenuntersuchungen“), usw.) und vor allem durch die systematische Ausbeutung durch Zwangsarbeit („Vernichtung durch Arbeit“).

Anders die Lager der „Aktion Reinhard“: Diese Lager, und damit auch das Lager Sobibor, wurden ausschließlich zum Zwecke der systematischen Ermordung, Ermordung hier im Sinne von Vernichtung (daher auch der Begriff und die Bezeichnung Vernichtungslager für diese Lager [8]), der jüdischen Bevölkerung [9] errichtet. Im Gegensatz zu den Konzentrations- und Vernichtungslagern Auschwitz [10] und Majdanek fanden in den Lagern der „Aktion Reinhard“ keine Selektionen von Arbeitsfähigen und Arbeitsunfähigen [11] satt. Stattdessen wurden bei der Ankunft in den Lagern der „Aktion Reinhard“ nur einzelne Personen, meistens Fachkräfte oder Facharbeiter, für die täglich und regelmäßig anfallenden Arbeiten und Tätigkeiten im Lager ausgewählt.

Die im Lager Sobibor angekommenen Juden und Jüdinnen wurden nach ihrer Ankunft im Lager noch an der sogenannten „Rampe“ [12] lediglich nach Männern und Frauen getrennt, bzw. aufgeteilt und dann im Abstand von ca. drei bis fünf Stunden direkt in die Gaskammern gebracht (die Frauen und Kinder gingen immer zuerst) [13], wo ihre Ermordung durch Kohlenmonoxyd [14], das direkt vor Ort von zwei Benzinmotoren erzeugt wurde, erfolgte.

Von Mitte April 1942 bis zum 14. Oktober 1943 [15] wurden im Lager Sobibor auf diese Weise zwischen 150.000 und 250.000 Menschen [16] aus ganz Europa ermordet.



[1] D.h. die bauliche Gestalt und Entwicklung der Lager (Entstehung, Veränderung, Nutzung und Rückbau).

[2] „Aktion Reinhard“ war die Tarnbezeichnung für die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements (deutsch besetztes Polen und Ukraine), des Generalgouvernements Polen (Warschau, Lublin, Radom, Krakau und Galizien) und des Bezirks Białystok, der nach dem Beginn des Krieges des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion durch den ersten Erlass über die Einführung der Zivilverwaltung in den neu besetzten Ostgebieten vom 17. Juli 1941 gegründet wurde.

[3] polnisch Bełżec

[4] polnisch Sobibór

[5] Fälschlicherweise werden häufig u.a. auch die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau (auch Auschwitz II genannt) und Majdanek (auch KL Lublin genannt) mit zu den Lagern der „Aktion Reinhard“ gezählt, was durch die Doppelfunktion dieser Lager als Konzentrations- und Vernichtungslager kommt.

[6] Abk. KZ

[7] Sofern das KZ über eine eigene Gaskammer verfügte oder sich im Einzugsbereich eines KZ mit Gaskammer befand.

[8] Der Begriff Vernichtungslager wurde weder im offiziellen noch im inoffiziellen Sprachgebrauch der SS verwendet. Überlebende Häftlinge des Lagers Sobibor bestätigten aber, dass sich über dem Haupttor des Lagers [Sobibor] ein großes Schild mit der Aufschrift „SS-Sonderkommando“ befand. Der Begriff Vernichtungslager fand erst durch die Berichte, Aussagen und Schilderungen der Überlebenden des Holocaust Einzug in unseren Sprachgebrauch.

[9] Nach bislang unbestätigten Quellen (Stand Oktober 2019) wurden im Lager Sobibor zeitweise auch Sinti und Roma und polnische Zwangsarbeiter ermordet.

[10] Das KZ Auschwitz-Birkenau diente von 1940 bis 1945 auch als Kriegsgefangenenlager.

[11] Die Arbeitsfähigen kamen zur systematischen Ausbeutung durch Zwangsarbeit ins Lager, die Arbeitsunfähigen wurden der sogenannten „Sonderbehandlung“ zugeführt; „Sonderbehandlung“ war die Tarnbezeichnung, bzw. die Umschreibung für die Ermordung der arbeitsunfähigen Häftlinge.

[12] Unter dem Begriff „Rampe“ versteht man in diesem Zusammenhang den Gleisanschluss, bzw. das Ladegleis des Lagers, das über eine in der Regel befestigte Umladerampe verfügte.

[13] Diese zeitliche Differenz ergibt sich aus dem Ablauf der Mordaktion (Heranführen der Opfer zum Gaskammergebäude, Entkleiden, Tötung, Entfernen der Leichen aus dem Gaskammergebäude, Entfernung der Goldzähne, Abtransport der Leichen und Reinigung der Gaskammern) und der Kapazität der Gaskammern. Die Frauen und Kinder wurden zuerst in die Gaskammern geführt/ ermordet, da sie die größere Gruppe bildeten und ihnen [den Frauen] vor ihrer Ermordung noch die Haare abgeschnitten wurden.

[14] Die Ermordung mit Cyanwasserstoff (Blausäure), in diesem Zusammenhang besser bekannt unter dem Handels- und Markennamen „Zyklon B“, erfolgte lediglich in den Konzentrations- und Vernichtungslagern Auschwitz und Majdanek (hier wurde [zusätzlich] auch Kohlenmonoxyd aus Gasflaschen eingesetzt).

[15] Am 14. Oktober 1943 kam es im Lager Sobibor zu einem bewaffneten Aufstand der Gefangenen, den ca. 500 der knapp über 600 Gefangenen zur Flucht aus dem Lager nutzten. Planung und Durchführung des Aufstands gingen von sowjetischen Kriegsgefangenen jüdischer Herkunft und einigen Zivilgefangenen aus. Die aufständischen Gefangenen töteten insgesamt zwölf der sechzehn an diesem Tag vor Ort anwesenden SS-Angehörigen. Bei der anschließenden Massenflucht starben viele der fliehenden Gefangenen durch Schüsse der verbliebenen SS-Angehörigen oder durch Angehörigen des ukrainischen Wachpersonals. Insgesamt gelang 365 Gefangenen die Flucht. Bis zum Ende des Krieges konnten aber nur 47 der 365 geflohenen Gefangenen dauerhaft untertauchen oder sich Partisanengruppen anschließen. Die im Lager zurückgebliebenen Gefangenen und die in den darauffolgenden Tagen wieder eingefangenen Häftlinge wurden von der SS durch Erschießen ermordet. Nach dem Aufstand wurde das Lager Sobibor auf persönlichen Befehl des Reichsführers-SS Heinrich Himmler noch am selben Tag geschlossen, demontiert und die baulichen Überreste bis zum Dezember 1944 geschliffen. Der Aufstand von Sobibor war zwar nicht der größte, aber der erfolgreichste Gefangenenaufstand des Zweiten Weltkriegs.

[16] Da keine schriftlichen Unterlagen und/ oder Dokumente aus der Zeit des Bestehens des Lagers Sobibor erhalten geblieben sind (Stand Oktober 2019), kann die Zahl der im Lager Sobibor ermordeten Menschen nur grob geschätzt werden.
"Die einen kennen mich, die anderen können mich!"
- Konrad Adenauer (1876-1967), erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland 1949-1963 -

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