DDR-Grenzer

Bauliche Infrastruktur der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze und des Eisernen Vorhangs
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MikeG
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Re: DDR-Grenzer

Beitrag von MikeG » 07.04.2020 15:20

Moin!

Eigentlich ist das ja nicht Thema dieses Forums. Natürlich gab es in der DDR wesentlich weiter gehende Indoktrination schon von Kindesbeinen an, keine Frage. Aber zu sagen, im Westen hätte es gar keine gegeben, ist dann vielleicht doch nicht so ganz richtig. Das fing schon im Kleinen an - so waren die "Bösen" im Manöver eigentlich fast immer "Rot", wenn es um feindliche Aktivitäten ging, fiel schon mal öfter ein Begriff wie "MotSchütze", die "Informationen für die Truppe" waren vor allem in den sechziger Jahren fast ausnahmslos "Meinungsbildend" gefärbt und selbst Fernsehserien wie "Die fünfte Kolonne" machten keinen Hehl daraus, wer gut und wer böse ist.

Ich will das gar nicht groß kritisieren, auch das gehörte zum Kalten Krieg und sicher hatte das Ganze hüben und drüben ganz unterschiedliche Ausprägung - aber es existierte auf beiden Seiten.

Wenig Verständnis habe ich für Leute wie etwa die Herren aus o.g. Videos, die offenbar nicht in der Lage sind, zumindest im Nachhinein mit etwas Abstand mal über die Vergangenheit zu reflektieren.

Mike

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Pinguin der 2.
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Re: DDR-Grenzer

Beitrag von Pinguin der 2. » 08.04.2020 09:21

Dann bin ich wohl in einem anderen Land auf einem anderen Planeten groß geworden.
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turul
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Re: DDR-Grenzer

Beitrag von turul » 08.04.2020 17:50

Als Jahrgang 1956 gehöre ich wahrscheinlich zu den älteren Semestern dieses Forums. Geboren und aufgewachsen in der äußersten Nordostecke Bayerns, mit 3 km bis zur tschechischen Grenze und 4 km bis zur damals noch „Zonengrenze“ genannten Grenze zur „SBZ“, habe ich den Kalten Krieg durchaus noch mitbekommen, auch noch als Soldat ab 1976.
Ich muss daher aus meinen Erfahrungen Mike in jeder Hinsicht recht geben. Es gab auch im Westen diese Propaganda gegen den potentiellen Gegner, also in diesem Fall gegen die DDR, die UdSSR und den Kommunismus. Und im Regelfall wurde das auch geglaubt, was amtlicherseits über den „Osten“ verbreitet wurde, weil man gerade als Grenzlandbewohner deutlich vor Augen hatte, dass die Lebensumstände jenseits des Stacheldrahtes zumindest materiell deutlich schlechter waren als im Westen. Auch die Versuche der DDR, Grenzbegradigungen herbeizuführen, waren tief als Bedrohung in der Bevölkerung verankert. Und als im Sommer 1968 die sowjetischen Panzer an den Grenzübergängen zur CSSR standen, wurde diese Gefahr wieder real.
Ich bezweifle auch, ob die Möglichkeiten objektiver Information damals so gut waren. Es gab nur wenige Fernseh- und Rundfunkprogramme, die Presse bestand für die meisten Leute aus der örtlichen Tageszeitung und der BILD-Zeitung und das war es dann. Die Fernseh- und Radioprogramme waren sehr staatstragend ausgerichtet, allenfalls beim WDR gab es mal leichte Abweichler. Die Magazin-Sendung "Kennzeichen D" mit Hans-Werner Schwarze, die ab und zu der Ostpolitik der Regierung Brandt zugeneigt war, galt lange als verdächtig. Zum Ausgleich gab es aber dafür das "ZDF-Magazin" mit Löwenthal als West- Pendant zum "Schwarzen Kanal" Karl Eduard v. Schnitzlers auf dem DDR-Fernsehen.

Diese Propaganda und damit die unterschwellige Indoktrination fand natürlich auch in der Bundeswehr statt. Neben den von Mike bereits genannten Beiträgen aus den „Informationen für die Truppe“ ist hier vor allem die „Schriftenreihe Innere Führung“ zu nennen. Hier gab es eine eigene Reihe „Reihe Bolschewismus“, sinnigerweise mit rotem Einband und so schönen Titeln wie
- Der rote Kontinent
- Die Armee der Weltrevolution
- Grundlagen kommunistischer Ideologie
- Der sowjetische Imperialismus
usw. In der Reihe „Psychologische Waffen“ gab es auch ein Heft „Agitation und Propaganda“.
Einige Titelbilder habe als Beispiele im Anhang beigefügt.
SIF Weltrevolution.jpg
Sowjetische-Imperialismus.jpg
Grundlagen-der-kommunistischen-Ideologie-Reihe-Bolschewismus-Heft-9.jpg
Grundbegriffe-des-Kommunismus-Reihe-Bolschewismus-Heft-1.jpg
Diese Hefte enthielten vielfach ausgearbeitete Unterrichtsbeispiele für den Offizier, der in der Kompanie die Politische Bildung und die Aktuelle Truppeninformation durchzuführen hatte. Natürlich bedienten sich die meisten Kompaniechefs dann dieser fertigen Unterlagen, bevor sie selbst etwas ausarbeiteten. Damit entstand innerhalb der Bundeswehr durchaus die erwünschten Überzeugungen.
Selbst eine Zeitschrift wie „Soldat und Technik“, die sich eigentlich mit Militärtechnik beschäftigte, brachte mehrfach Sonderhefte zum Warschauer Pakt heraus, die sich aber nicht mit der Technik des T-54 oder des BTR-6, sondern allein mit der Ideologie des Ostblocks befassten. Auch hier Beispiele im Anhang, allein die Gestaltung der Titelseiten spricht Bände.
Soldat und Technik (6).jpg
Soldat und Technik (2)-1965.jpg
ST 1965.jpg
Hingewiesen sei zu dieser Thematik noch auf diverse Bundeswehr-Lehrfilme , von denen es den einen oder anderen auch bei Youtube gibt, so z.B. „Die rote Gefahr“. Hier werden die vermeintlichen oder tatsächlichen Bedrohungen durch den Kommunismus in Form eines Zeichentrickfilms dargestellt.
https://www.youtube.com/watch?v=m9ohmsT9ses

Die Rolle der PSV-Schule der Bundeswehr als Hauptlieferanten der Textbeiträge der genannten Schriften darzustellen, würde den Rahmen des Forums sprengen.

Grüße
Jörg
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Re: DDR-Grenzer

Beitrag von Christel » 08.04.2020 18:27

Moin,

und auf dem zivilen Sektor und hier ganz besonders in Westberlin möchte ich nur mal an den "R I A S Berlin" erinnern. Auch dort waren nicht alle Sendungen uneigennützig. ;)

LG, Christel

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Re: DDR-Grenzer

Beitrag von turul » 08.04.2020 18:39

Christel hat geschrieben:
08.04.2020 18:27
ganz besonders in Westberlin möchte ich nur mal an den "R I A S Berlin" erinnern.
Genau - RIAS sprach immer voller Verachtung von "Pankow", wenn die sowjetische Militärregierung und insbesondere die Stadtkommandantur Berlin gemeint war, weil die eine Zeitlang im Pankower Rathaus residiert.
Da wir in Oberfranken in Hof/Saale einen großen RIAS-Sender stehen hatten, war das neben den beiden Programmen des bayerischen Rundfunks eines der wenigen Radioprogramme, das damals auch mit normalen Rundfunkgeräten zu empfangen war. Soviel zum Thema der damaligen Medienvielfalt.

Grüße
Jörg

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Re: DDR-Grenzer

Beitrag von Pinguin der 2. » 09.04.2020 09:24

Zwischen Indoktrination (von Kindsbeinen an) und Manipulation gibt es aber schon noch einen Unterschied. Abweichende Meinungen und systemkritische Einstellungen führten bei uns im Westen keineswegs zu Verfolgung und Bestrafung. Und einen Schießbefehl sowie ein Spitzelsystem der Stasi gab es im Westen auch nicht. Die Weltherrschaft zu erringen war kein Ziel unserer Staatsraison. Beide Gesellschaftssysteme auf die gleiche Stufe zu stellen ist da schon sehr verwegen. Ach ja, welches System ist doch gleich noch durch Inkompetenz und moralischer Verwerflichkeit implodiert?
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Djensi
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Re: DDR-Grenzer

Beitrag von Djensi » 09.04.2020 11:48

Moin Pinguin der 2.,

ich glaube auch nicht, dass Mike "unser" System auf eine Stufe mit dem der DDR stellen wollte, ich habe das so jedenfalls nicht verstanden. Es ging, so interpretiere ich es, um eben auch eine auf dieser Seite geführte Propaganda, auch wenn diese bei Weitem nicht so offensichtlich gewesen ist.
Was die abweichende Meinung und eine systemkritische Einstellung betrifft, die war in Westdeutschland nicht uneingeschränkt! Der Staat hatte Instrumente, um "Abweichler" auszugrenzen oder auf den Pfad der Tugend zu bringen. Es sei da nur der "Radikalenerlass" erwähnt, der für politisch Andersdenkende Einschränkungen bei der Berufswahl mit sich brachte. Selbst Mitglieder der Jugendorganisation der F.D.P. waren damals betroffen, weil der Staat mit sooo viel Liberalismus nicht umgehen konnte(wollte).
Das war Ende der 70er, als ich begann politisch interessiert und aktiv werden wollte, ein großes Thema. Selbst die Teilnahme an Anti-AKW-Demos oder der "freundschaftliche" Kontakt zu Jugendorganisationen der DKP ist durchaus ein Hinderungsgrund gewesen, im öffentlichen Dienst beschäftigt zu werden - natürlich nicht offiziell ;)

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Re: DDR-Grenzer

Beitrag von Pinguin der 2. » 09.04.2020 11:59

Möglicherweise reagiere ich so empfindlich auf dieses Thema, weil meine Eltern mit uns 2 Kindern damals aus der sog. DDR mit nichts als 2 Koffern geflohen waren. Und deshalb habe ich auch demnächst einen Termin bei der Stasi Unterlagenbehörde in MD. Da kann man relativieren wie man will, für mich war das ein Verbrecherregime.
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Re: DDR-Grenzer

Beitrag von Djensi » 09.04.2020 12:08

Uneingeschränkte Zustimmung meinerseits!

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Re: DDR-Grenzer

Beitrag von zulufox » 09.04.2020 12:32

Zwei Antworten zu den Aussagen von Jörg (turul) von einem, der noch einige Jahre älter ist:

Ich habe beide deutschen Staaten life erlebt: In der Bundesrepublik geboren, weil sich mein Vater nach seiner Entlassung aus britischen Gefangenschaft nicht getraut hat, in seine Heimatstadt in der damaligen sowjetischen Besatzungszone zurückzukehren. Die Großeltern in dieser Heimatstadt habe ich bis 1963 immer wieder besucht.
Bei den Besuchen hatte ich dann ab 1960 immer wieder einmal die Gelegenheit, mir den "Schwarzen Kanal" anzusehen. Zu dessen Inhalten hier https://www.tagesspiegel.de/gesellschaf ... 87318.html ein recht ausgewogener Beitrag.

1963 habe ich auch Folgendes erlebt: Ich war mit meinem Großvater in der sächsischen Kleinstadt unterwegs und wir trafen dabei einen guten Bekannten meines Opas, der sich mit diesem zunächst lange unterhielt. Erst als Opa mich dann als seinen "Enkel aus dem Westen" vorstellte, war das Gespräch dann sehr schnell zu Ende. Eine Weile später kam derselbe Herr uns wieder entgegen und wechselte deutlich erkennbar auf die andere Straßenseite.
Opa hat mir darauhin erzählt, dass dieser Herr bei der Stadtverwaltung angestellt sei und jeden Westkontakt melden müsse.

Ich habe einige Tage später bei der Rückreise in Leipzig auf dem Hauptbahnhof einen Doppelstockwagen der Deutschen Reichsbahn fotografiert. Das gab einen Aufstand. Erst fühlte sich ein Schaffner bemüßigt, mich wegen "Spionage" festzuhalten und nach der Polizei zu rufen. Kurz darauf kam dann auch ein Zivilist in einem Sommermantel, der zunächst mal nur den Film aus der Kamera ausgehändigt erhalten wollte. Mit dem verschwand er dann. Nach fast 2 Stunden, die der Interzonenzug mit der Abfahrt wartete, kam er dann zurück und händigte mir den Film wieder aus.
Beim nächsten Antrag auf Einreise wurde meine Einreise abgelehnt, auf die Frage der Antragstellerin zum Grund der Ablehung wurde ihr vom "Rat des Kreises" nur gesagt, man sei nicht verpflichtet, den Bürgern die Gründe mitzuteilen.

Zum Ablauf der Ein- und Ausreise-Kontrollen im Interzonenzug an der Grenzübergangsstelle ließe sich auch noch viel berichten.

MfG
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"Es gibt nur eine Sünde, die gegen die Menschheit mit allen ihren Geschlechtern begangen werden kann, und dies ist die Verfälschung der Geschichte."

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