"Russenlager"

Zwangsarbeit, Fremdarbeiter-, Konzentrations- und Kriegsgefangenenlager (STALAG, DULAG etc.) und deren Außenlager
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Blueeye2307
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"Russenlager"

Beitrag von Blueeye2307 » 15.12.2013 10:47

Durch meine Recherchen über den Luftkrieg hier in meinem Heimatort bin ich an zwei Stellen auf ein Lager gestoßen, welches sich in unmittelbarer Nähe eines großen Bauernhofes im sogenannten Isingort gestossen.

Zitat aus dem Tagesbericht der Ortspolizeibehörde Amt Legden (Tgb-Nr 364-I)

"Am 21.Februar 1945 in der Zeit von 3-5 Uhr wurden durch feindliche Flieger 15 Bomben (500kg) mit Zeitzündern am Gehöft xxxx, Gefangenenlager, Isingort und in Wehr II zu beiden Seiten der Straße Legden-Ahaus km 24km geworfen.
Die fernmündlich gemeldeten vermissten Kriegesgefangenen sind alle lebend geborgen worden. Die Gefangenen hatten nur kleine Verletzungen (Handscchriftlich 1 Gefr. Armbruch).
Sachschaden: Gehöft P. stark beschädigt
Gefangenlager zerstört
1 Gehöft in Wehr leicht beschädigt)"


eine andere Quelle:

"Auf dem Hofe xxx im benachbarten Legden, Bauernschaft Isingort fiel eine Sprengbombe in das auf dem Hofe stehende Russenlager. Frau P. und 12 Russen wurden getötet."


Dem vernehmen nach soll das Lager etwa 50-100 Insassen gehabt haben. Weitere Infos dazu habe ich nicht. Auch über die "Verwendung", d.h. die Beschäftigung der Gefangenen weiss ich rein gar nichts. Möglich ist deren Einsatz in einer Weberei im Dorf, vielleicht auch in der Landwirtschaft, wobei zu sagen ist, dass im Isingort nicht soooo viele landwirtschaftliche Betriebe waren (sind), die einen großen Personalbedarf hatten. Vielleicht auch Einsatz in zwei Schreinereien im Dorf? Für Schanzarbeiten, die hier einen Monat später begannen, holte man Frauen und Mädchen aus dem Ruhrgebiet bzw aus Legden selbst.

Möglicherweise weiss hier im Forum mehr über dieses Lager?

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MikeG
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Beitrag von MikeG » 15.12.2013 13:27

Moin!

Ein Einsatz Kriegsgefangener in der Landwirtschaft war häufig - der Landwirt selbst war ja meist als Soldat im Felde. Ich würde es im Orts- und im Kreisarchiv einmal versuchen (falls Du dort noch nicht warst). Ein guter Anlaufpunkt sind auch die Archive der Landeszentralen für politische Bildung.

Mike

Blueeye2307
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Beitrag von Blueeye2307 » 15.12.2013 15:53

Stimmt schon. Was mich halt wundert,dass so viele bei EINEM Hof untergebracht waren. Bei anderen Bauern war immer nur einer oder zwei, eben so viele, wie auf dem Hof beschäftigt waren, untergebracht. Das war allgemein betrachtet die Regel. Zudem war der Hof kein grosser Gutshof, der so viele Arbeitskräfte benötigte. Ähnlich grosse Lager sind mir in Ahaus (Lager Berta) in der Nachbarschaft bekannt. Dort waren sie in der "kriegswichtigen" Zündholzfabrik eingesetzt.

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nordfriese
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Beitrag von nordfriese » 15.12.2013 23:04

Moin!

Ich schreibe mal von meinen Erfahrungen aus NF, vielleicht hilft es dir ja weiter und
du kannst darauf aufbauen...;-)

In NF war die Unterbringung der in der Landwirtschaft eingesetzten Kriegsgefangenen
(KG) auf den Höfen eher selten.

Hier gab es eine eine Einheit der Landesschützen, die auf die Orte verteilt waren.
Viele Dörfer hatten ein Gebäude (feste Scheune, Tanzsaal von Gastwirtschaften,...)
ausgewählt, in denen die KGs von den Landesschützen (von nur einem bis zu vieren
ist die Rede) nach dem "Einsammeln" abends weggesperrt wurden. Morgens wurden
sie von den Soldaten dann wieder auf die Höfe "verteilt". Einige KG durften sich
auch allein auf den Weg zu den Höfen machen. Diese Gebäude wurden hier auch teil-
weise als "Russenlager" bezeichnet.

Die Anzahl der KG lang meist bei min. 20, die an ein Dorf "abgegeben wurden". Einem
Dorf wurde z.B. der Einsatz von KG verwehrt, da man dort nach einer Anfrage, wieviele
KG denn benötigt würden, nicht auf 20 kam.

50-100 KG ist für die Landwirtschaft schon eine "grosse Hausnummer". Ich vermute, dass
dort noch weitere Betriebe gab, die von den KG profitierten. Die von dir angesprochene
Weberei könnte dafür durchaus in Frage kommen.

Mein Tipp: http://www.zwangsarbeiter-s-h.de
Dort geht es zwar um S-H, aber dort gibt es eine interessante Link-/Quellenseite, die
du einmal durchsehen solltest. Darauf kannst du bestimmt aufbauen...

Gruss aus NF!
Rolf
"Whatever you do, don't mention the war." (Basil Fawlty)

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Beitrag von g.aders » 29.12.2013 12:26

Guten Morgen,
Rolf kann ich dazu nur zustimmen. Nach meinen Kenntnissen/Erfahrungen aus dem Raum Köln wurden einzelnen Bauern nur Kriegsgefangene aus Polen, Beneluxländern und Frankreich zugewiesen bzw. Zivil/Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten, die auch bei den Bauern untergebracht waren.
Daneben gab es KG-Lager als Außenstellen von StaLags, die meist in Wirtschaften bzw. deren Tanzsälen untergebracht waren, und deren Wachpersonal Landesschützen waren
oder in Barackenlagern, die der Deutschen Arbeitsfront unterstanden, die von DAF-Personal gesichert wurden. Diese Lager sind im Münsterland durchweg aus Lagern des Freiwilligen Arbeitsdienstes oder des RAD hervorgegangen, damals meist für Entwässerungsarbeiten, Wasser- und Wegebau eingesetzt, nach 1940 wurden die ausländischen Insassen meist in Betrieben eingesetzt.

Die Frage ist: Was gab es in Legden für Betriebe? Auch unbedeutende Kleinbetriebe können im Krieg als Zulieferer der Rüstungsindustrie eingespannt gewesen sein.

Ich nehme an, die Mitteilung der Polizeibehörde stammt aus dem Gemeinde- oder Kreisarchiv.
Da sollte man mal einen weiteren Suchbogen schlagen. In dem Archiv meines Wohnorts im Münsterland habe ich über Ausländerlager etliches finden können.
Noch ein Tipp: Mal im Forschungszentrum zur NS-Zeit Villa ten Hompel in Münster nachfragen.
Beste Grüße
Gebhard Aders

Blueeye2307
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"Russenlager"

Beitrag von Blueeye2307 » 29.12.2013 14:19

Vielen Dank für Eure Tipps:-)

Ich werde die mal zeitnah aufgreifen. Legden war damals ein von Landwirtschaft geprägter Ort. Es gab hier zwei grössere Möbelschreinereien, die mit Sicherheit direkt oder indirekt für die Rüstung gearbeitet haben. Es ist ja bekannt, dass zum Beispiel die Startroste für die R4M Luft-Luftraketen der Me262 in kleineren Schreinereien gefertigt wurden, der Rohstoffmangel führte ja dazu, dass man auch eine "deutsche Mosquito" entwickelte, die aufgrund von Problemen mit dem verwendeten Leim und der Kriegslage nicht mehr serienreif wurde.

Mit euren Aussagen bzgl von Zwangsarbeitern u Kriegsgefangenen habtihr durchaus recht. Ich weiss von einigen Höfen, die"ihren" Polen, Belgier, Holländer oder Franzosen hatten. Oft sind enge Bande entstanden, die gerade bei Kriegsgefangenen u Fremdarbeitern aus westlichen Ländern, noch lange nach Kriegsende Bestand hatten und haben. Global lässt sich sagen, dass sie fast ausschliesslich in der Landwirtschaft eingesetzt waren.

Gerade das verwundert mich ja, dass zusätzlich noch ein Lager mit einer solch verhältnissmässig grossen Zahl an Gefangenen bestand.

An grösseren Betrieben bestanden:

1 grössere Molkerei
1 Weberei
2 Schreinereien
1 Betrieb,für den Bau und Betrieb von Überland-E-Leitungen und Kleinkraftwerken
1 Sägewerk

Ich halte Euch auf dem laufenden, Posts folgen sobald ich Infos habe
;)

g.aders
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Beitrag von g.aders » 31.12.2013 11:27

Hallo,

hat es in den 20er/30er-Jahren größere "Meliorations"-Arbeiten um Legden gegeben, also Trockenlegung von Feuchtgebieten, für die damals Männer des FAD, nachher RAD eingesetzt wurden? Diese Arbeiten könnten auch nach 1940 von KG fortgesetzt worden sein. Denkbar auch Einsatz bei der Reichsbahnstrecke nach Ahaus und in Ahaus selbst - ein Anmarsch von 9 km zur Arbeitsstelle war damals nichts ungewöhnliches, möglich wären auch Einsätze in der Landwirtschaft, wo die Russen "schwerpunktmäig" bei einigen Großbauern" eingesetzt wurden.

Beste Grüße
G. Aders

Nerd
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Beitrag von Nerd » 02.11.2014 14:33

Ich kenne ein Beispiel, in dem der Landkreis ein Gefangenenager auf einem Bauernhof unterhielt, und dem Bauern für das verwendete Grundstück Miete zahlte.
Die russischen Kriegsgefangenen arbeiteten in diesem Fall nicht für den Bauern, sondern wurden für Forstarbeiten eingesetzt. Der Bauernhof wurde als Standort ausgewählt, da er nah am Waldrand lag.

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