Berlin - Gesundbrunnen

Luftschutzbunker, zivile Bunkeranlagen und Schutzbauwerke des 2. Weltkriegs
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haardy
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Berlin - Gesundbrunnen

Beitrag von haardy » 17.10.2009 14:33

An der U-Bahn Station "Gesundbrunnen" in Berlin hat der Verein "Berliner Unterwelten e.V" eine Tour für Jedermann eingerichtet, an der ich kurzfristig Gelegenheit zurt Teilnahme hatte.

Lageplan siehe unter http://berliner-unterwelten.de/lageplaene.355.0.html

Das Foto zeigt das Werbeplakat über dem Eingang auf dem Hintergrund der typischen Wandverkleidung für Berliner Bahnhöfe und U-Bahn Stationen: der türkisfarbenen Kachel.

Viele Leute gehen an dieser Tür vorbei, ohne zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Der Verein versucht auf authentische Weise die bedrückende Atmosphäre der Nutzungszeit der Einrichtung aufrecht zu erhalten. Hinweise auf den berlintypischen "Bunkerhumor" runden das Bild ab.

Beispiel: "Berlin: Stadt der Warenhäuser. Her waren Haus, da waren Haus...." (Treffender kann man den Begriff 'geschichtsspuren.de" wohl kaum in eine Sentenz zwängen )

Zur Veröffentlichung weiterer Fotos läuft derzeit eine Anfrage beim Verein. Empfehlen möchte ich die Arbeit dieses Vereins schon vorab, denn gerade die Führung am letzten Mittwoch wurde kurzfristig, flexibel und professionell umgesetzt. Besonders gut, wenn man weiß, daß der Verein seine Arbeit ausschließlich über die Eintrittsgelder finanziert.

Bestimmt gibt's im Forum Leute, die diese Arbeit schon kennen, aber einen Beitrag über diesen "lost place" gab es noch nicht.
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Der Eingangsbereich

Beitrag von haardy » 20.10.2009 20:10

U-Bahn Station Berlin Gesundbrunnen, nachmittags im Oktober. Es wird schon ziemlich kalt. Menschen hasten an der grünen Stahltür vorbei, hinter dem der Verein Berliner Unterwelten ein kleines Büro betreibt. Plakate hängen aus, Flyer gibt es an der Tür. Pünktlich zur angegebenen Zeit erscheinen zwei junge Männer bei der wartenden Gruppe, die sich aus ganz Deutschland zu einem Seminar getroffen hat. Wir begeben uns eine Treppe tiefer zu einer weiteren grünen Stahltür, die sich jetzt einem interessierten Publikum öffnet. Schon jetzt macht sich etwas Beklemmung bei einigen breit, denn wir wissen, daß man hier nicht jeden Tag und einfach so herein kommt. Licht, Luft, Temperatur, das ganze 'look-and-feel" einer U-Bahn Station ändert sich während weniger Schritte. Nach dem schließen der Tür ist die Zeitreise perfekt. Nur die Warnwesten und Taschenlampen unserer führenden (Tja, Führer passt ja wohl auch nicht) erinnern daran, daß wir nicht wegen eines Bombenalarms gekommen sind, sondern wegen einer Führung. (Ok, Führung ist nicht so negativ belegt...)

Schummriges Licht empfängt uns. Es wirft Schattenlandschaften an die Wände, die durch Treppen, Lampenschirme und Wandstruktur entstehen. Es riecht noch nach U-Bahn, aber das ist auch schon alles, was noch an das Leben draussen vor der Tür erinnert.

Außer Messingschildern, Kabeln und Farbstreifen sind die Wände schmucklos und roh. Tausendjähriger Beton eben.

Die Inschriften an der Wand sind ebenso roh und kalt. Die Begriffe "Rauchen verboten" und "Gasschleuse" bilden eine merkwürdige Zusammenstellung. "Abort" wirkt irgendwie fremd, aber zur Hauptnutzungszeit dieser Anlage waren die Begriffe "Closet" oder "Toilette" noch fremder, denn sie entstammten dem feindlichen Sprachschatz.

Auch wenn die Luft steht: Hier weht der Hauch der Geschichte. Und er geht vielen unter die Haut.

Dazu passen die Hinweise: "Beton ist hart, Bücken in den Türen, die sind nicht alle hoch genug. Die Leuchtfarbe ist nicht sehr gesund, bitte nicht berühren. Einer von uns ist immer vorne, der andere immer hinten. Wer uns beide nicht mehr sieht, ist auf sich allein gestellt."

Ein klein wenig "Berliner Schnauze" klingt schon durch: authentisch, passend und nicht aufgesetzt - trotzdem schonungslos. Die Erwartung steigt.
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Fortsetzung folgt....

Beitrag von haardy » 21.10.2009 13:36

...sorry für die Salamitaktik, aber in der von mir bevorzugten Schreibe kriege ich das zur Zeit nur scheibchenweise auf die Reihe. :thanx:
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Beitrag von MikeG » 21.10.2009 13:57

Moin!

Wir sind gespannt...

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Es geht hinein.....oder doch wieder raus?

Beitrag von haardy » 21.10.2009 19:37

Wir treten durch eine nicht mehr vorhandene Tür. Nur das Loch im Beton ist noch da. An den Seiten der Türöffnungen finden sich rautenförmige Öffnungen, in denen mal etwas gesteckt haben muß. Es ist aber nicht mehr zu erkennen, was da mal drin war.

Dafür erkennen wir die anderen Einrichtungsgegenstände im nächsten Raum recht deutlich.
Zwar nicht aus Porzellan sondern aus Blech, dafür aber sehr gut erhalten: Eine Abort-Sammlung. Hier fand wenig Wasser, viel Torf und ein klein wenig Papier Verwendung. Natürlich gab es wirklich Zwischenwände zwischen diesen "Einzylindern", mittlerweile sind die jedoch abmontiert. Nur die Winkel, mit denen sie an der Wand befestigt waren zeugen noch von der Existenz eines Minimums an Intimsphäre. Zwar sind alle Wände aus Beton, die gezeigte Sammlung befindet sich jedoch schon wieder außerhalb des eigentlichen Schutzkörpers dieser Anlage. Jegliche Verrichtung an diesem Ort konnte also gefährlich werden. Wer sich zunächst über diesen "Abort mit Handbremse" amüsierte, zieht an dieser Stelle des Vortrags unwillkürlich den Kopf ein.

Schnell wieder in die schützende Hülle. Hinter dem nächsten Durchgang befindet sich ein Raum zur Aufnahme und Inspektion der Schutzsuchenden. Alle Wände sind zu zwei Dritteln mit der leuchtenden Farbe gestrichen. Anlehnen ruiniert die Kleidung und ist auch wegen der Einwirkung auf die Haut nicht zu empfehlen. Selbst wenn in diesem Raum einmal das künstliche Licht ausfiel war hier niemand einer möglichen Panik ausgesetzt. Die Wände erscheinen auch dann noch minutenlang weiß. Man sieht zwar nur noch Konturen und Schatten an der Wand, ist aber nicht von völliger Dunkelheit umgeben.

Natürlich wird jetzt für uns das Licht ausgemacht. Zur Illustration der Fähigkeiten dieses Anstrichs stellt sich ein Gruppenmitglied vor die Wand und wird mit einem recht kräftigen Blitzgerät für einige Minuten dort festgehalten. Natürlich nur die Konturen. Mit Hilfe der Taschenlampe und der Methode "Punkt, Punkt, Komma, Strich" wird dem Abbild ein kurzes Leben eingehaucht. Dies scheint ein fester Punkt der Führung zu sein, denn das Blitzgerät bleibt liegen, als wir in die nächsten Räume gehen.

Fortsetzung folgt....
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Luftschutz oder kein Luftschutz, das ist hier die Frage

Beitrag von haardy » 21.10.2009 20:05

Wir kommen zu den eigentlichen Luftschutzräumen, die etwas über die Geschichte des Begriffs und die Entwicklung des Schutzraumbaus erzählen. Die Bauten waren sehr wohl unterschiedlich. Zwischen einer Wand- und Deckenstärke von mehreren Metern bis zu Wänden und Decken mit etwas mehr als psychologischer Wirkung gab es ein breites Spektrum. Dieser Bunker verdient schwerlich einen solchen Namen, denn er befindet sich zwischen der U-Bahn auf ca 8m Tiefe und der Oberfläche. Es gibt einige Stellen an denen man nach unten auf die Gleise sehen kann. Die durchfahrenden Züge sollten für Frischluftzufuhr sorgen. Schade nur, daß bei Bombenangriffen die U-Bahnen nicht mehr fuhren.

Trotz dieser Umstände hat die Anlage den zweiten Weltkrieg überstanden und präsentiert sich in ansehnlichem Zustand. Natürlich gab es dickere und stabilere Bunker in Berlin, diese sind aber nicht alle so gut erhalten. So auch der in der Nähe befindliche Flakbunker, der nur noch zur Hälfte steht. Dieser hatte jedoch seine eigene Geschichte, die wohl schon jedem Besucher zu Ohren gekommen ist: nach dem Krieg versuchten die britischen Kräfte mehrfach, dem Flakbunker mit TNT zu Leibe zu rücken. Viele Versuche in den fünfziger Jahren schlugen fehl. Es gab zwar jedes Mal einen Riesenknall und eine große Staubwolke, aber immer überstand der Bunker dieses Schauspiel relativ unbeschadet. Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen wurde der Berliner Wortwitz und der typische "Bunkerhumor" wieder hoffähig. Am Morgen nach einer erfolglosen Sprengung war mit großen Lettern auf dem Bunker zu lesen: "MADE IN GERMANY". Tageszeitungen zeigten davon ein Foto und spöttelten:

"Der Staub verzieht, die Sonne scheint.
Der Bunker fragt: "War ick jemeint?"

Anfang der Sechziger machte dann eine überdimensionierte Ladung TNT dem Bunker ein vorläufiges (wenn auch nur halbes) Ende. Er kann heute innerhalb weniger Minuten erklommen werden, um von den zwei verbliebenen Flakplattformen aus den Blick über Berlin schweifen zu lassen.

Zurück in unseren Schutzraum: Enge Bänke, kleiner Raum, keine Belüftung, Verschluß und Sauerstoffmangel erzeugten die Atmosphäre. Mit der Zeit wurden die Koffer kleiner und die Aufenthalte länger. Und es wurden natürlich immer mehr Leute in den Räumen, die zusammengepfercht darauf warteten, daß die Geräusche von Draußen nachließen.
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Beitrag von klaushh » 21.10.2009 21:06

Moin, moin!

Kleine Korrektur zu dem netten Bericht von haardy:
in seinem letzten Teil erwähnt haardy, ohne ihn namentlich zu nennen, den Flakbunker Humboldthain.
Dieser wurde allerdings nicht von den Briten, sondern von den Franzosen gesprengt.
Die Briten sprengten den Zoobunker.

Gruß
klaushh
Bei Interesse für Bunker und unterirdische Bauwerke in Hamburg mal http://www.hamburgerunterwelten.de besuchen!

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Beitrag von patchman » 21.10.2009 23:24

klaushh hat geschrieben:Moin, moin!

Kleine Korrektur zu dem netten Bericht von haardy:
in seinem letzten Teil erwähnt haardy, ohne ihn namentlich zu nennen, den Flakbunker Humboldthain.
Dieser wurde allerdings nicht von den Briten, sondern von den Franzosen gesprengt.
Die Briten sprengten den Zoobunker.

Gruß
klaushh
Klaus, der Flakturm, der in der Nähe ist und noch zu einem guten Teil zu sehen ist, das ist der im Humboldthain, und der ist in der Tat von den Franzosen gesprengt worden.

Problem ist nur, dass sich, warum auch immer, in haardys Erzählungen einiges vermischt, also einige Geschichten zu den Sprengung der jeweiligen Türme hier als eine wiedergegeben wird. Zumal auch die Jahreszahlen überhaupt nicht stimmen.
haardy hat geschrieben:Wir treten durch eine nicht mehr vorhandene Tür. Nur das Loch im Beton ist noch da. An den Seiten der Türöffnungen finden sich rautenförmige Öffnungen, in denen mal etwas gesteckt haben muß. Es ist aber nicht mehr zu erkennen, was da mal drin war.
haardy, um das Rätsel zu lösen: da waren Kanthölzer schon beim Bau mit eingegossen worden, um daran später Türzargen zu befestigen. Und später hat man die z.B. als Feuerholz aus dem Beton rausgeholt.

Ansonsten bitte weiter machen, dein Tourbericht ist schon spannend zu lesen. :thumbup:

Gruß
Patchman
Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

www.berliner-unterwelten.de

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Einwände erwünscht

Beitrag von haardy » 22.10.2009 09:48

Der Einwand, daß hier Flakbunker verwechselt und Geschichten verwoben werden ist durchaus berechtigt. Wir haben es schließlich mit mündlicher Überlieferung zu tun, wenn hier von der Tonspur einer geführten Bunkertour berichtet wird. Ich will mich da auch nicht ausnehmen, denn schließlich war ich ja Teil dieser stillen Post. ;)

Gerade um berichtigt und ergänzt zu werden kommt die Geschichte ja hier. Und natürlich auch, weil beim nachträglichen Betrachten der Bilder auch noch nachträgliche Fragen aufkommen, die man ohne das Forum hier nicht mehr so einfach stellen könnte.

Im Köcher (und damit in Vorbereitung) sind jetzt noch: Lüfterraum, Sanitätsraum, Rohrpost.

Dank noch einmal an den Vostand der Berliner Unterwelten, mit dessen freundlicher Erlaubnis alle vorgelegten Fotos zur Veröffentlichung an dieser Stelle freigegeben wurden. Ich hoffe, daß es dadurch auch zu einem positiven Effekt kommt für die Arbeit der Unterweltvereine. Ich halte es eben für ungemein wichtig, vor der selbst erfahrbaren Geschichte nicht die Augen zu verschließen.

Daher hoffe ich auf reichliches Echo, auch und gerade in Form von Berichtigungen. Wo sonst, wenn nicht hier.
ttfn
haardy


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