Eine verlassene 50er Jahre - Siedlung

Zivile und sonstige Bauten mit geschichtlichem Hintergrund und deutlichem Bezug zu den Fachthemen, die jedoch nicht eindeutig zuzuordnen sind
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Käptn Blaubär
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Eine verlassene 50er Jahre - Siedlung

Beitrag von Käptn Blaubär » 02.08.2008 00:04

Moin!

Hier mal wieder etwas aus der Abteilung Architektur und Baugeschichte.
Ich hol mal etwas weiter aus. Wer sich nur für das konkrete Objekt interessiert, kann ja gleich zum nächsten Beitrag springen. ;)

Ende des Zweiten Weltkriegs bestand in Deutschland eine enorme Wohnungsnot. Zu den zahllosen Opfern der Bombenangriffe (die Hamburger Baubehörde gab zum Kriegsende den zerstörten oder unbewohnbaren Teil des Vorkriegswohnungsbestandes mit 52,7 % an, in den Städten an Rhein und Ruhr lag der Anteil zum Teil noch deutlich höher) kamen Hunderttausende von Flüchtlingen aus den östlichen Gebieten, die ebenfalls mit einer Unterkunft versorgt werden mussten. Angesichts des gigantischen Bedarfs, der Dringlichkeit und der knappen zur Verfügung stehenden Mittel mussten in den ersten Monaten und Jahren vor allem provisorische Bauten errichtet werden. Aus Hamburg sind die Bilder der endlosen Reihen der sog. Nissenhütten in Mitten der zerstörten Wohngebiete bekannt. Als nächste wichtige Maßnahme begann man mit dem Ausbau und der Wiederherstellung von ausgebrannten Wohnungen, bei denen zumindest die Grundkonstruktion der Häuser noch erhalten und verwendbar war.

Erst ab Anfang der 1950er Jahre konnte der Neubau von Wohnungen in größerem Umfang aufgenommen werden. Auch dabei spielte der noch immer enorme Bedarf auf der einen und die knappen Ressourcen auf der anderen Seite eine entscheidende Rolle. Es entstanden deshalb vielfach zunächst sehr einfache Wohnungen in flächen- und materialsparender Bauweise, die ihren Bewohnern aber doch schon eine sichere und vergleichsweise komfortable Unterkunft für zumindest einige Jahre bieten sollten.

Viele dieser so genannten Schlichtwohnungen bestehen noch heute – und stellen ihre Eigentümer vor große Probleme. Die Wohnungen sind in ihrer Konzeption (kleine Wohnflächen, viele kleine Räume, gefangene Zimmer) und Ausstattung (allenfalls Duschbäder in der Wohnung, oft Gemeinschaftsbäder im Keller) längst nicht mehr zeitgemäß. Brand-, Schall- und Wärmeschutz genügen nicht annähernd den heutigen Ansprüchen. Die einfache Bauweise (dünne Wände, 10 cm dicke Betondecken mit Trümmerschutt als Zuschlagsstoff) lässt aber Umbauten und Modernisierungen in größerem Umfang nicht zu. Viele dieser Bauten sind daher inzwischen abgerissen und durch Neubauten ersetzt worden, viele der noch verbliebenen werden in den nächsten Jahren folgen.

Die Schlichtbauten wurden in den meisten Fällen flächen- und materialsparend als Geschoßbauten erstellt. Es gibt aber auch einige wenige Beispiele von Einfamilienhaussiedlungen, die in dieser Art errichtet wurden. Eine der wenigen, in wesentlichen Teilen noch original erhaltenen Siedlungen will ich hier vorstellen.

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Käptn Blaubär
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Beitrag von Käptn Blaubär » 02.08.2008 00:12

Die Siedlung am Küperstieg in Tonndorf wurde 1952 errichtet und umfasste ursprünglich etwa 100 Wohneinheiten in Zeilen von jeweils 6 – 7 Häusern. Die Häuser sind in sehr interessanter Bauweise als Gartenhofhäuser auf sehr langen und schmalen Parzellen errichtet worden. Die Häuser haben nur etwa 50 m² Wohnfläche, verteilt auf Wohnzimmer, zwei Schlafräume, Kochnische, Flur, Duschbad und WC. Die Räume sind auf zwei leicht versetzten Ebenen angeordnet, wodurch die innenliegenden Räume Dusche, WC und Flur über Oberlichter belichtet und belüftet werden können.

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Beitrag von Käptn Blaubär » 02.08.2008 00:23

Der Zugang zu Haus und Grundstück erfolgt von einem Fußweg aus über die Schmalseite der Parzellen durch einen überdachten Tordurchgang. Neben dem Zugang befindet sich ein Abstellschuppen. Es folgt der etwa 11 m tiefe Gartenhof, über den man den Hauszugang erreicht. Innen gelangt man durch einen kleinen Windfang direkt in das Wohnzimmer, von dem hinter dem Windfang die Kochnische und über eine kleine Treppe der Flur mit Schlafzimmern, Dusche und WC erschlossen wird. Die Räume sind nach heutigen Maßstäben sehr klein. Viele Häuser sind daher im Laufe der Zeit mit Anbauten in unterschiedlichen Größen und Formen zum Gartenhof hin erweitert worden, um die sehr knappe Wohnfläche etwas zu vergrößern.

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Beitrag von Käptn Blaubär » 02.08.2008 00:30

Der bisherige Eigentümer hat über Jahre hin versucht, die Siedlung zu räumen und die Häuser durch Neubauten zu ersetzen. Die allermeisten Häuser stehen daher heute leer, einige Zeilen sind in den letzten Jahren auch bereits abgebrochen worden. Einige wenige Mieter haben sich bisher allerdings nicht vertreiben lassen. Wohl auch deshalb ist die Siedlung im letzten Jahr vom bisherigen Eigentümer verkauft worden. Ein Bebauungsplanverfahren für dieses Gebiet ist zur Zeit in der Vorbereitung. Das Ende der Siedlung ist absehbar.

Erstaunlich ist, dass trotz der vielen, zum größten Teil schon seit Jahren leerstehenden Häuser kaum Vandalismusschäden erkennbar sind. Dies liegt zum einen natürlich daran, dass einige Häuser noch immer bewohnt sind, aber wohl auch an der versteckten Lage. Wer diese Siedlung nicht kennt oder gezielt nach ihr sucht, wird sie kaum zufällig finden. Deshalb steht dieser Bericht auch hier, und nicht im öffentlichen Teil.

Michael

Quellen und Literatur:
[1] Hamburg und seine Bauten 1929 - 1953: AIV: Hamburg 1953
[2] Helmuth Fricke: Hamburg-Tonndorf; Reihe Archivbilder; Sutton, Erfurt 2007
[3] Geschäftsberichte 2004 – 2007 der Wohnungsgenossenschaft Hamburg-Wandsbek von 1897 e.G.


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Re: Eine verlassene 50er Jahre - Siedlung

Beitrag von Käptn Blaubär » 22.04.2021 22:08

Moinsen!
Hier mal wieder ein Beitrag aus der beliebten Reihe "wer holt den ältesten thread wieder nach oben" :mrgreen:
Vor fast 13 Jahren hatte ich hier im ersten Beitrag auch die Schlichtwohnungen am Rübengang mit Fotos und Beschreibung vorgestellt. Auch wenn es nun doch länger gedauert hat, als damals befürchtet: Aktuell werden die Häuser nun abgebrochen und durch Neubauten ersetzt.
Der Abbruch bietet nun aber die interessante Gelegenheit, sich mal die Konstruktion aus Trümmerschuttbeton anzusehen. Die Außenwände zumindest einiger Gebäude bestehen aus eben diesem Baumaterial, zermahlenen Ziegeltrümmern aus den zerstörten Stadtgebieten, mit (wenig) Zement zu Beton angemixt. Auch dies ein inzwischen seltenes Zeugnis der ersten Wiederaufbaujahre.
Viele Grüße
Michael
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Das Leben ist kurz, behauptet man.
Ansichtssache, sage ich. Die einen sind kurz, die anderen sind lang, und manche sind mittel.
Außerdem hatte ich noch dreizehneinhalb andere davon.
(Walter Moers, Die 13 ½ Leben des Käpt´n Blaubär)

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Re: Eine verlassene 50er Jahre - Siedlung

Beitrag von Djensi » 16.06.2021 14:12

Moin,

jetzt erst entdeckt! :thumbup: :thumbup: :thumbup:
Letztes Jahr war noch alles da :-)

Interessant die Querschnitte, war ja auch nicht viel Bewehrungsstahl vorhanden, ob es in den Wänden überhaupt welchen gab?

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Re: Eine verlassene 50er Jahre - Siedlung

Beitrag von Deistergeist » 16.06.2021 21:43

Danke für diese "Wohnungsbesichtigung". :thumbup:

Glückauf!
„Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“

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