Ausspann - Gasthäuser in Schleswig-Holstein

Verkehrsgeschichte - Straßen, Autobahnen und sonstige Straßenverkehrs-Bauwerke
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erlenmeier
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Ausspann--Holsteiner Chaussee

Beitrag von erlenmeier » 05.01.2019 22:18

Im Anbau der Gastwirtschaften entlang der Holsteiner Chaussee, dem Ausspann, konnten die Reisenden im Trockenen aussteigen und von dort in den Gastraum zum Speisen gehen. Ihr Gepäck war auf diese Weise sicher untergebracht, und am nächsten Tag wurde die Fahrt mit derselben Kutsche fortgesetzt.

Die Ausspannhöfe wurden nahe der Einnehmerhäuser (Chausseehäuser) erreichtet, an denen die Fuhrleute sowieso zum Zahlen des Wegegeldes halten mussten. Auch Schmieden siedelten sich dort an, um Reparaturarbeiten anzubieten.
Daraus entwickelten sich dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten Tankstellen und Kfz-Reparaturwerkstätten, als die Zahl der Motorfahrzeuge zunahm.

Von Beginn an waren die Betreiber der Wirtschaften verpflichtet, die Straße vor ihrem Grundstück sauber zu halten. Bei dem Schmutz handelte es sich in erster Linie um Pferdekot und Laub. Zuwiderhandlungen wurden mit einer Geldstrafe von 1 Taler=30 Schillinge courant (von Strom=Umlauf) geahndet.

Die Gasthöfe wurden im Laufe der vielen Jahrzehnte immer wieder umgebaut, wechselten häufig ihre Besitzer und wurden in den letzten Jahrzehnten z.T. anderen Nutzungen zugeführt.

Die letzten verbliebenen zu dokumentieren ist Aufgabe von...................den gs-Forum-Aktiven, die in SH wohnen??????
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Leif
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Beitrag von Leif » 05.01.2019 23:36

Moin,

kennt Ihr die Seite https://www.altona-kiel.de/die-route/ ? Dort sind einige Lokalitäten beschrieben.

Auf der Homepage des Catharinenbergs sind passende Bilder zu sehen:
https://www.catharinenberg.de/index.php ... geschichte

Beim Bärenkrug könnte man es erahnen:
http://baerenkrug.de/gastgeber/geschichte/

Auf den ersten Blick gehe ich davon aus, dass der alte Haidkrug in Bordesholm nicht mehr existiert. MAn findes unter dem Namen eine Senioren-WG.
http://www.ak-ansichtskarten.de/ak/91-A ... ssenpartie

Viele Grüße
Leif

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erlenmeier
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Ausspann--Holsteiner Chaussee

Beitrag von erlenmeier » 07.01.2019 22:35

Zwei haben wir noch.

Heute die Wärterhäuser der Holsteiner Chaussee (heute Kieler Str.).

Zu den Chausseehäusern zählen die Wärterhäuser (heute Straßenbauämter u. Unterstellen) und die Einnahmehäuser (heute Maut-Messstationen).

Die Planung begann für die Holst. Chaussee 1829. Im Jahre 1834 waren insgesamt 13 Wärterhäuser im sog. Inventarium (Liegenschaftenliste) aufgeführt.

Die Straßenwärter hatten die Aufgabe das Pflaster und den daneben verlaufenden Sommerweg instand zu halten. Oberhalb der Haustür wurden Eisenschilder mit einer Kennzeichnung wie z.B. W No6 angebracht. W=Wärterhaus, No 6= 6ter Standort in der Zählfolge,. Die Gebäude bestanden aus Vordiele mit Speisekammer, Wohnstube, Schlafraum, Materialkammer, Keller und Dachbodenraum.

Die Gärten waren mit Obstbäumen bepflanzt, am Standort Neumünster-Tungendorf z.B. mit 24 Stück zur Selbstversorgung.

Von den ursprünglich 13 Gebäuden sind heute noch die im folgenden aufgeführten erhalten.

1. Bönningstedt, W No IV, Nr.28, Kielerstr. 40,

2. Quickborn, W No VI, Nr. 33, Kielerstr.7,

3. Lentförden, W No VI, Süderweg 1,

4. Bad Bramstedt, W No IX, Nr. 36, Altonaer Str. 34,

5. Neumünster, W No IX, Nr. 36, Altonaer Str. 382,

6. Neumünster, W No X, Kieler Str. 395 (397?),

7. Bordesholm, W No XI, Kieler Str.1.

Das Gebäude in Neumünster W No X wurde mit Abschluss 2000 auf Grund historischer Zeichnungen, Inventarliste und Bildern in den urspr. Zustand versetzt.
Die weiteren wurden im Laufe der Jahre immer wieder den Zeitansprüchen entsprechend umgebaut und werden bis heute privat genutzt.

Einer geht noch. Zuletzt werden die Einnahmestellen folgen. Heute wären es die Maut-Messstellen, die Fahrzeugtyp und Kfz-Kennzeichen einlesen können. Vor 100 bis 150 Jahren ging das noch alles viiiiiel analoger ab.
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erlenmeier
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Ausspann--Holsteiner Chaussee

Beitrag von erlenmeier » 08.01.2019 23:08

Die Einnehmerhäuser an der Holstein Chaussee

Für die Kassierer des Wegezolls wurden ähnliche Häuser wie für die Straßenwärter errichtet. Entsprechend der Liste der Auspannhöfe kann man im Nachhinein den ehemaligen Standort nachvollziehen.

Zur Nummerierung dieser Haustypen: Hier stand E= Einnehmerhaus über der Eingangstür.

Eine Kuriosität ist über das Haus in Hamburg-Schnelsen zu berichten. 1833 wurde es an der Chaussee mit der Hausnummer 319 gebaut. Aber die Fuhrleute verhielten sich wie heute die LKW-Trucker. Sie versuchten nämlich mit Tricks die Wegeabgabe im eigenen Beutel zu lassen und umfuhren die Zahlstelle über umliegende Nebenstraßen.

Wurden sie von einem der Kassierer gestellt und zum Zahlen aufgefordert, dann gaben sie z.B. vor zu einem Stellmacher, zu einem Schmied, zum Proviant einkaufen oder einem anderen Zielort fahren zu wollen.

Irgendwann hatte der Chaussee-Inspektor Bruhns in Neumünster die Faxen dicke und beantragte den Bau eines neuen Einnahmehauses näher zur Stadtgrenze von Hamburg. 1853 wurde der Neubau an der Chaussee Nr. 431 seiner Bestimmung übergeben. Jeder Fuhrmann, der zwischen HH und Holstein unterwegs war, musste jetzt an der Schranke halten und zahlen.

Ebenso lief es mit der Zahlstelle südlich von Hasloh ab. Hier wurde als Sperre ein Erdwall errichtet, um das Umfahren über den Ort zu unterbinden. Der Wall wurde aber immer wieder über Nacht abgetragen.

Von den 14 ursprünglichen Gebäuden ist heute (2019) nur noch die Nummer E No III/Nr.27 in Hasloh, Kieler Str. 35, erhalten.
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Beitrag von nordfriese » 09.01.2019 19:31

Moin!

In Nordfriesland und drumherum gab es solche Gasthäuser in
sehr vielen Dörfern/Städten und manchmal auch dazwischen.

Hier der Friesenkrug auf dem Stollberg nördlich von Bredstedt.

Gruss aus NF!
Rolf
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Die Holsteiner Chaussee

Beitrag von erlenmeier » 09.01.2019 22:19

Ausblick

In allen Teilen des späteren Deutschen Reiches gab es befestigte Handelswege mit Meilensteinen, Gastwirtschaften usw. wie bisher beschrieben.
Die Holsteiner Chaussee gehört zu den ersten "Fernstrecken", die ingenieurskundlich angelegt wurden. D.h. in Bezug auf Unterbau aus Bruchgestein, Fahrbelag und Entwässerung durch Seitengräben griffen die Planer auf Erfahrungen, u.a. auch aus England zu. (Siehe dazu auch die Ausführungen der Forschungsgruppe Meilensteine e.V. unter http://www.forschungsgruppe-meilensteine.de.)

Folgende Fragen müssen im Laufe der nächsten Zeit m. E. noch geklärt werden.

1. Eine Karte der beschriebenen Gebäude-Standorten, evtl. sogar mit den Abständen untereinander, anfertigen.
2. Bilder der noch existierenden Gebäude erstellen.
3. Welche Warenarten wurden transportiert?
4. Warum reisten Personen per Postkutsche auf dieser Strecke, sowohl geschäftlich als auch privat.
5. Wie hoch waren die Wegegebühren? Nach welchen Kriterien wurden sie erhoben?
6. Aus welchen Mitteln wurde der Straßenbau mit der ersten Infrastruktur finanziert?
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Re: Die Holsteiner Chaussee

Beitrag von Djensi » 11.01.2019 12:55

erlenmeier hat geschrieben: Folgende Fragen müssen im Laufe der nächsten Zeit m. E. noch geklärt werden.

6. Aus welchen Mitteln wurde der Straßenbau mit der ersten Infrastruktur finanziert?
Moin,

in dem Buch
"Die kostbarste Meile" ein Beitrag zur Historie der Hamburg-Lübecker Chaussee,
Buch von Heinz Waldschläger, Erstveröffentlichung: 1996

stehen einige Dinge über die Finanzierung und die Durchführung dieser Infrastrukturmaßnahmen.
Ich müsste es aber auch erstmal rauskramen!

Grüße

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Ausspann

Beitrag von erlenmeier » 12.01.2019 00:03

Danke Djensi für den Hinweis.
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Tagung zur Geschichte der Chaussee

Beitrag von klaushh » 11.02.2019 15:45

Moin, moin!

In diesem Zusammenhang hier der link zu einem Seminarprogramm, welches sich mit der alten Chaussee Altona - Kiel befaßt:

https://www.eash.de/fileadmin/Download/ ... Altona.pdf

Für Interessenten der Chaussee sicher eine interessante Veranstaltung (wie übrigen generell die Veranstaltung in der "Akademie Sankelmark").

Gruß
klaushh
Bei Interesse für Bunker und unterirdische Bauwerke in Hamburg mal http://www.hamburgerunterwelten.de besuchen!

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Krug zur alten Schanze

Beitrag von erlenmeier » 13.02.2019 23:20

Die Stadt Neumünster hat mir ein touristisches Angebot zugesandt. In einem Heft werden 20 Sehpunkte beschrieben, die sich der Radler oder Wanderer ansehen sollte.

Sehpunkt 14 ist die ehemalige Einfelder Schanze, ein Verteidigungsbauwerk, da gelegen, wo ab 1830 die Chaussee gebaut wurde. Mit deren Hilfe wollte man die dänischen Truppen im Falle eines Angriffes stoppen.
Im 19.Jhdt führte hier Pastor Kruse, ein Hobby-Historiker, Grabungsarbeiten durch und legte Reste dieses Bauwerks frei.
Es handelte sich ursprünglich um 2 mehrere 10m lange Wälle (min. 40m), 4m hoch, die seitlich noch mit Gräben versehen waren.

Schon vor dem Bau der Kunststraße (1830) wurde an dieser Stelle 1813 ein Gasthof eröffnet, der "Krug zur alten Schanze". Schon zur Zeit der Gründung des Gasthofes gab es einen Ausspann für Pferde und auch Ochsen als Zugtiere, den Einfeld lag damals am sog. Ochsenweg.

Das Restaurant im Hause wurde 2014 wieder neu eröffnet und nennt sich jetzt "Schanze am See".

Unter http://www.geschichtsverein-bordesholm. ... erChausseesind noch einige weitere Auspanne beschrieben, die in diesem Thread bisher noch nicht erwähnt wurden.
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