Geheimgeschwader KG 200

Militärische Objekte und Anlagen des 2. Weltkriegs (und 1933-1945)
oldmen
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Geheimgeschwader KG 200

Beitrag von oldmen » 17.06.2016 16:57

Der umfangreiche Flugzeug-Flottenbestand des KG 200 wurde im Ablauf dieses Threads schon mehrfach erwähnt.

Bei dem vorher geschilderten, misslungenen Attentatsversuch auf Stalin ( Aktion Zeppelin ) wurde eine mit Sonderausrüstung versehene Transportmaschine vom Typ Arado Ar 232 B verwendet, die nach der Landung - weil nicht mehr startfähig - den Sowjets bei Smolensk in die Hände fiel.
Der Spiegel in seiner Ausgabe 30/67 schilderte ausführlich aus einer sowjetischen Publikation das Erstaunen der Sowjets beim ersten Anblick ihres Beutestücks. Das Außergewöhnliche war das Fahrwerk, das neben dem üblichen auch ein 22-Räder-Fahrwerk ( 11-paarig ) hatte und damit auf jedem Kartoffelacker starten und landen konnte. Die Vorgabe an die Konstrukteure seinerzeit war, ein Fahrwerk zu entwickeln, das auch Schützengräben von 1,5 m Breite überrollen konnte.

Von diesem Typ hat Arado 20 Exemplare gebaut, je 10 in der Version 232 A ( 2-motorig ) und 232 B ( 4-motorig ).
Auf dem anhängenden Bild sind hinter dem zurück geklappten Bugrad als Fahrwerk die Zwillingsräder schemenhaft zu erkennen.

Bis dann `mal - Oldmen.

Quellen:
Wiki - Arado Ar 232
Bild : P.W. Stahl - Motorbuch-Verlag - KG 200
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4V+GU
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Kampfgeschwader 200

Beitrag von 4V+GU » 21.06.2018 03:22

Zur KG 200 kann ich ggf. etwas aus den Memoiren meines Großvaters beitragen.

Kurz zu seiner Person:
Horst Soppa (geb. 1922 in Königsberg, gest. 2005 in Pforzheim)
1940-1942: Ausbildung im Fliegerausbildungsbatallion 16, anschließend weitere Ausbildung im Seefliegerhost Warnemünde, in der Luftnachrichtenschule (See) in Dievenow (Bordfunkerlehrgang), Blindflugschule 7 auf dem Flugplatz Gardemoen (Norwegen) und Radom (Polen), Fernaufklärerschule in Perleberg, Kampffliegerschule in Barth und Transportfliegerlehrgang in Bialystok (Polen)
Sommer 1942: Versetzung zur Kampfgruppe für besondere Verwendung 500 (Einsätze in Demjansk, Kuban/Krim, Italien, Tunesien)
Mai 1943: Überführung der Kampfgruppe ins Transportgeschwader 3, IV. Gruppe, 14. Staffel (Einsätze in Italien/Griechenland/Serbien/Ungarn)
August 1944: Versetzung zur Schülerkompanie der Flugzeugführerschule Görlitz, wegen mangelndem Treibstoff kein Flugunterricht und daher Bitte um Frontversetzung
September 1944: Versetzung zur KG 200 (Details siehe unten)
April 1945: Versetzung zum Fallschirmjäger Ersatz- und Ausbildungsregiment 2
2. Mai 1945: Gefangennahme in Mecklenburg
Auszeichnungen: EK2, EK1, bronzene, silberne und goldene Frontflugspange für Transport- und Luftlandeflieger

Hier die - leider sehr dünnen - Infos aus der Zeit bei der KG 200, die ich seinen Erinnerungen entnehmen konnte:

Er wurde zunächst einer Besatzung auf dem Flugplatz Seriate bei Bergamo (Italien) zugeteilt, kam allerdings einen Tag zu spät dort an, weshalb seine Besatzung ohne ihn auf einen Erprobungsflug ging. Die Ju188 stürzte dabei ab und er war daher Ersatzmann für bei anderen Besatzungen ausfallende Funker und flog Einsätze unter dem Kommando "Carmen" auf dem Balkan sowie in Italien und Frankreich.
Drei Wochen später wurde er auf den Fliegerhorst Finow bei Eberswalde versetzt und war fortan auf Dienstreisen zu den verschiedenen Einsatzkommandos ("Klara" - Nordabschnitt der Ostfront / "Olga" - Westfront) unterwegs.
Am 6. Januar 1945 wurde er zur Erprobungsstelle der Luftwaffe in Rechlin versetzt und erlebte dort den Bombenangriff vom 10. April, der sein Ziel wegen starkem Wind verfehlte. Seinen letzten Frontflug hatte er am 14. April 1945 auf einer Ju88 (NJ+TA) mit dem Auftrag Oderbrückenköpfe zu zerstören. Er selbst konnte nicht mit Sicherheit sagen ob diese Mission erfolgreich war, es wird aber im Lagebuch vom 15. April ein Brückenkopf als zerstört angegeben.
Er hatte schon kurz vor diesem Flug um Versetzung zur Front gebeten und kam am 16. April zum Fallschirmjäger Ersatz- und Ausbildungsregiment 2, womit seine Tätigkeit in der KG 200 beendet war.

Leider ging sein Flugbuch in den letzten Kriegstagen verloren und auch einen Wehrpass habe ich nicht in seinem Nachlass gefunden. Genauere Einzelheiten kann ich nicht geben, ich hoffe aber, dass es vielleicht doch für den ein oder anderen interessant ist. Gibt es vielleicht Möglichkeiten noch an genauere Informationen zu seinen Einsätzen zu kommen? Interessant wäre für mich z.B. so etwas Profanes wie sein Rang am Ende des Krieges, aber auch spezielleres wie die genaue Anzahl seiner (Front-)Flüge.

Besten Dank und viele Grüße!

Deadalus
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Beitrag von Deadalus » 22.06.2018 20:50

Sehr interessante Ausführungen, die, soweit ich das einschätzen kann, auch stimmig sind.

Du erwähnst einen Flug mit einer Ju 88 NJ+TA - was übrigens eine Ju 188 wäre - im April 1945. Darf man fragen, woher die Informationen über diesen Flug und das Kennzeichen NJ+TA stammen? Weiter oben schreibst du ja, dass das Flugbuch verloren gegangen ist. Gibts da vielleicht noch andere Unterlagen?

Vielen Dank und viele Grüße
Peter

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bettika
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Beitrag von bettika » 22.06.2018 22:25

Hallo,
Danke für die persönlichen Infos :thumbup:
Seinen letzten Frontflug hatte er am 14. April 1945 auf einer Ju88 (NJ+TA) mit dem Auftrag Oderbrückenköpfe zu zerstören. Er selbst konnte nicht mit Sicherheit sagen ob diese Mission erfolgreich war, es wird aber im Lagebuch vom 15. April ein Brückenkopf als zerstört angegeben. 
Über einen Einsatz vom 14.4. gegen die Oderbrücken sind weder im Buch von Stahl "Geheimgeschwader KG 200" noch bei Gellermann "Moskau ruft Heeresgruppe Mitte..." Informationen zu finden.
Was meinst Du mit "Lagebuch", steht da welche Brücke zerstört wurde ?

Grüsse
Beate
„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana

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Beitrag von 4V+GU » 23.06.2018 09:54

Deadalus hat geschrieben:Sehr interessante Ausführungen, die, soweit ich das einschätzen kann, auch stimmig sind.

Du erwähnst einen Flug mit einer Ju 88 NJ+TA - was übrigens eine Ju 188 wäre - im April 1945. Darf man fragen, woher die Informationen über diesen Flug und das Kennzeichen NJ+TA stammen? Weiter oben schreibst du ja, dass das Flugbuch verloren gegangen ist. Gibts da vielleicht noch andere Unterlagen?

Vielen Dank und viele Grüße
Peter
Mein Großvater hat seine Memoiren anhand seines Tagebuchs geschrieben und dort womöglich einzelne Kennzeichen notiert. Die Maschinen, auf denen er viele Einsätze geflogen sind, werden jedenfalls mit Kennzeichen/Kennung erwähnt. Ggf. hat er sich dort bzgl. Ju 88/Ju188 geirrt. Das von ihm erwähnte Tagebuch liegt mir allerdings nicht vor.

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Beitrag von 4V+GU » 23.06.2018 09:59

bettika hat geschrieben:Hallo,
Danke für die persönlichen Infos :thumbup:
Seinen letzten Frontflug hatte er am 14. April 1945 auf einer Ju88 (NJ+TA) mit dem Auftrag Oderbrückenköpfe zu zerstören. Er selbst konnte nicht mit Sicherheit sagen ob diese Mission erfolgreich war, es wird aber im Lagebuch vom 15. April ein Brückenkopf als zerstört angegeben. 
Über einen Einsatz vom 14.4. gegen die Oderbrücken sind weder im Buch von Stahl "Geheimgeschwader KG 200" noch bei Gellermann "Moskau ruft Heeresgruppe Mitte..." Informationen zu finden.
Was meinst Du mit "Lagebuch", steht da welche Brücke zerstört wurde ?

Grüsse
Beate
Er wurde wie schon erwähnt am 6. Januar an die Erprobungsstelle der Luftwaffe in Rechlin versetzt. Mir ist unklar, ob er damit auch einer anderen Einheit zugeführt wurde oder im KG 200 verblieb. Normalerweise hat er die Wechsel der Einheiten alle erwähnt, weshalb ich davon ausging, dass kein Wechsel stattfand. Sicher bin ich allerdings nicht.
Von diesem letzten Einsatz liegt mir noch die Fliegerkarte vor, auf denen sechs Oderbrückenköpfe nördlich von Küstrin markiert sind.

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Beitrag von Deadalus » 23.06.2018 12:55

Besten Dank für die Erläuterungen.

Das Kennzeichen macht aber insofern Sinn, als die Ju 188 NJ+TA eine Erprobungsmaschine der E-Stelle Rechlin war, u.a. eingesetzt zur Bombenvisiererprobung. Mein bisheriger letzter Nachweis für die NJ+TA stammt aus dem September 1944 mit Flügen in Rechlin und Lärz. Schön, einen späteren Nachweis für die Maschine zu haben.

Gruß
Peter

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Frontflug auf Oderbrücke

Beitrag von 4V+GU » 25.06.2018 20:30

bettika hat geschrieben:Hallo,
Danke für die persönlichen Infos :thumbup:
Seinen letzten Frontflug hatte er am 14. April 1945 auf einer Ju88 (NJ+TA) mit dem Auftrag Oderbrückenköpfe zu zerstören. Er selbst konnte nicht mit Sicherheit sagen ob diese Mission erfolgreich war, es wird aber im Lagebuch vom 15. April ein Brückenkopf als zerstört angegeben. 
Über einen Einsatz vom 14.4. gegen die Oderbrücken sind weder im Buch von Stahl "Geheimgeschwader KG 200" noch bei Gellermann "Moskau ruft Heeresgruppe Mitte..." Informationen zu finden.
Was meinst Du mit "Lagebuch", steht da welche Brücke zerstört wurde ?

Grüsse
Beate
Habe den letzten Teil die Tage völlig überlesen. Mit "Lagebuch" ist das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht vom 15. April 1945 gemeint.

Ich zitiere hier einfach aus seinen Aufzeichnungen:

"[...] Der allgemeine Treibstoffmangel hat bei uns zur Folge, daß ein Großteil der fliegenden Verbände inzwischen aufgelöst und das fliegende Personal weitgehend in die am Boden kämpfenden Einheiten eingereiht sind. Anscheinend gibt es zu diesem Zeitpunkt kaum noch einen einsatzfähigen Kampffliegerverband, wenn man von Sondereinsätzen einer Gruppe des KG 200 absehen will, die im "Mistel-Verfahren", von einer aufgesetzten Me 109 gesteuert, eine mit Sprengmitteln vollgepackte Ju 88 mit großer Genauigkeit ins Ziel bringen konnten; doch die waren inzwischen wohl aufgebraucht.
Nur so ist zu erklären, daß die Erprobungsstelle den Befehl erhält, mit Bomben einen improvisierten Angriff gegen die Brücke von Großneuendorf zu fliegen.
Das Aufgebot ist kläglich genug. Die einzeln fliegende Ju 88 mit dem Kennzeichen NJ+TA hebt um die Mittagszeit in Rechlin vom Boden ab, am Knüppel ein Stabsingenieur ohne Fronterfahrung. Ich bilde den Rest der Besatzung und habe vom Bombenwerfen nur fragwürdige theoretische Kenntnisse.
Mit Kurs 135 Grad geht es über Fürstenberg und Finow hinweg bis Eberswalde, dort Kurswechsel auf 155 Grad bis Müncheberg an der Bahnlinie Berlin-Küstrin, Kurswechsel auf 80 Grad bis zum Bahnhof Werbig bei Seelow, westlich von Küstrin, wo zwei Tage später Sowjet-Marschall Shukow seine Panzerrudel zum Angriff auf Berlin antreten ließ. - Die Verteidiger der Seelower Höhen konnten dem ersten Ansturm standhalten, doch dann mußten sie der gewaltigen Übermacht weichen. -
Vom Bahnhof Werbig geht es mit 360 Grad in den Zielanflug, die Sonne im Rücken. In wenigen Minuten sind wir über dem Ziel und lassen die Bomben aus den Schächten. Als "Single" werden wir in der Sonne erst spät erkannt. Über dem östlichen Oderufer Steilkurve auf 270 Grad; im Abflug verdeckt das Flakfeuer die Sicht auf den Zielbereich. Nie haben wir erfahren können, ob die Bomben im Ziel oder völlig daneben lagen.
Nach wenigen Minuten ist Wriezen am Rand des Oderbruchs überflogen, wo mit 315 Grad über Eberswalde der Gegenkurs nach Rechlin anliegt. Feindliche Jäger waren nicht aufgetaucht - es wäre uns auch schlecht bekommen auf diesem Feindflug, der mein letzter war.
Das lange nach Kriegsende veröffentlichte Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht verzeichnet im Lagebuch vom 15. April 1945 die Zerstörung einer feindlichen Brücke bei Küstrin. Sollten wir mit unserer Ju 88 das blinde Huhn gewesen sein, das die Brücke aufs Korn genommen und auch getroffen hatte? Ich konnte es schon deshalb nicht erfahren, weil ich mich einige Tage vorher erneut zur Fronttruppe gemeldet hatte und nach der Landung in Rechlin den Marschbefehl zu einem Fallschirmjäger-Regiment erhielt.
Angesichts der Kriegslage war mein Versetzungswunsch aus heutiger Sicht sinnlos. Damals waren die Einsichten anders: Die Propaganda sprach viel von den Wunderwaffen, die vermehrt zum Einsatz kommen sollten. Ich hatte in Rechlin die Mistel-Gespanne und die Flugzeuge mit der neunen und in der Welt bisher einmaligen Antriebstechnik selbst gesehen. Wenn diese und andere neue Waffen noch zur Auswirkung kommen sollten, kam es darauf an, daß die im Osten an der Oder stehende Front standhielt. Hitlers Feldherrenkunst wurde längst in Zweifel gezogen; für ihn war die Bezeichnung "Gröfaz" - Größter Feldherr aller Zeiten - bei den Soldaten schon lange zum geflügelten Wort gereift. Aber die Forderung der Alliierten nach der bedingsungslosen Kapitulation verstärkte den Willen, mit weiterem Einsatz das Schlimmste doch noch abzuwenden. [...]"

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