Heeresmunitionsanstalt Walsrode & EIBIA-Lager Beetenbrück

Rüstungsindustrie, Waffen- und Munitionsproduktion, Munitionsanstalten, Tanklager, Depots, U-Verlagerungen etc.
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bettika
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Beitrag von bettika » 09.11.2015 23:09

Hallo,
die im Rahmen der "Aktion Zunft" in die Muna gelangten. Allerdings war die HMa Walsrode auch offiziell für die Lagerung von Kampfstoffmunition vorgesehen. Dies geht aus einer zeitgenössischen Karte hervor, deren Quelle ich mir gerade nicht sicher bin (evtl. Preuß/Eitelberg - HMa Lübbecke =>
Die gesuchte Karte ist aus dem BAMA "Bereitstellung und Auslagerung von Kampfstoffen und kampfstoffmunition im Frühjahr 1945"
auch hier zu finden
"walsrode 3870t + 1 lwzg"

Grüße
Beate
„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana

HarmWulf
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Beitrag von HarmWulf » 10.11.2015 19:03

Moin,

@Mike: danke für die Korrektur des Titels und die Karte

@Beate: danke für den Link, nun weiß ich wieder, wo....

interessant sind auf der von Beate verlinkten Karte die jeweiligen Mengenangaben der vorhandenen bzw. abzutransportierenden Kampfstoffmunition (und auch fehlende Mengenangaben, z.B. der HMa Bodenteich). "LwZg" deute ich als "Lastwagen-Züge", wobei ich mir darunter konkret nichts vorstellen kann. Ähnliches bei dem Begriff "Zg", welcher wohl für "Züge" steht. Welche Kapazitäten hatte solch ein Zug (Anzahl & Art der Waggons, Ladegewicht pro Waggon). Die angegebenen Tonnagen sind mit Sicherheit Bruttoangaben. Möglicherweise muss hier auch noch zwischen gtrennter und patronierter Munution unterschieden werden, so dass hinsichtlich der Nettokampfstoffmengen keine Aussagen getroffen werden können. So tauchen diesbezüglich auch für die HMa Walsrode (mal wieder) Fragen auf. Davon ausgehend, dass in grösserem Umfang Treibladungspulver der EIBIA verabrbeitet wurden, vermute ich in erster Linie die Herstellung von Treibladungen für die Heeresartillerie.
Das Vorhandensein von Kampfstoffmunition indiziert die Lagerung auch von Geschossen, sofern es sich nicht eh' um patronierte Munition (oder Schwelpulver wie Adamsit, die EIBIA in Dörverden hat dieses jedoch an die PIW in Barth geliefert) gehandelt hat. Sinnigerweise wurde Artilleriemunition in sogenannten "Kalibereinheiten", d.h. bestimmten Mengen an Geschossen und zugehörigen Kartuschen/Treibladungen pro Eisenbahnwaggon an die Truppe ausgeliefert. So lässt sich für die HMa Walsrode möglicherweise schliessen, dass es sich bei den angegebenen Mengen an Kampfstoffmunition entweder um kampfstoffgefüllte Geschosse oder um Patronenmunition kleinerer Kaliber gehandelt hat.
Abhängig von der Art der der gelagerten KSM ist natürlich auch die Frage nach dem Platzbedarf und damit für die HMa Walsrode auch die Frage der Lagerung in Muna I oder Muna II (grob gesagt: in Bunker oder Schuppen).

Gruß,

Olli
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bettika
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Beitrag von bettika » 10.11.2015 21:04

Hallo Olli,
einige Schnipsel aus meiner Sammlung zu Kampfstoffen
Am 10.4.1945 war die Spitzenkampfmunition aus der Heeresmunitionsanstalt
noch nicht abgefahren, die Gestellung von Güterwagen dafür jedoch
veranlaßt (RW 4/v. 720).
aus Brauch/Müller "Chemische Kampfstoffe"

Die Briten haben bereits 1945 CW-Munition aus Walsrode über den Nordhafen Kiel mit der "Emmy Friedrich " versenkt, mehrmals werden 5.500t genannt. Ob es sich dabei um mehrere Fahrten oder nur die Planung der Versenkungsfahrt der "Emmy Friedrich" am 17.10.45 im Skagerrak handelt, kann ich nicht genau herauslesen.
aus http://www.amazon.com/European-Disposal ... 1490927654
Grüße
Beate
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Beitrag von HarmWulf » 10.11.2015 23:09

Moin Beate,

danke für Deinen Hinweise! Wieder Schriftwerke auf meiner Liste. Erneut zeigt sich die bedingte Zuverlässigkeit historischer Quellen. 4000t auf Seite des Bundeslandes Niedersachsen (vermutlich ermittelt anhand historischer Unterlagen oder auch Aussagen), 5500t auf Seite zeitgenössischer britischer Quellen (ermittelt vermutlich auf Grund vorgefundener Munitionsbestände). Beide genannte Quantitäten werden unmöglich in nur einer oder auch nur wenigen Güterzügen abgefahren worden sein.
5500t Munition, untergebracht in Bunkern, bedingen entsprechende Lagerkapazitäten. In Anbetracht der in der Muna I vorhandenen MLh liegt die Vermutung nahe, dass vielleicht auch Kapazitäten der Aussenmuna für die Lagerung von KS-Munition genutzt wurden.
Interessant auch die Verbringung der KS nach Kiel, liegt doch der Transport in Richtung Nordsee auf Grund der Entfernung nahe.
Eine weitere Frage: woher stammen die (meine Vermutung) Kampfstoffgranaten?
Beate, Du zitierst den Begriff "Spitzenkampfstoff". Also handelt es sich hier um Heeresmunition mit dem Kampfstoff Tabun (Grünring III). Sarin wird in diesen Mengen nicht vorhanden gewesen sein.

Gruß,

Olli
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Beitrag von MikeG » 11.11.2015 15:26

Moin1

Im amerikanischen T-Force Bulletin 16.-24. April 1945 (NARA-Signatur: RG 331 Ent 18A Box 160/322.21A) wird zusammenfassend auf Untersuchungen in verschiedenen Rüstungsbetrieben eingegangen. Zu Walsrode heisst es dort „An ammunition dump was found to contain aircraft and nebelwerfer bombs, both types with a gas filling. These are being examined.” Leider habe ich das Folgedokument nicht, nähere Angaben fehlen.

Im US Intellegence Division Report No.3815 (enthalten in PRO WO208/2176) „German Army and Luftwaffe Dumps containing toxic munitions“ werden für Walsrode am 23.5.1945 300.000 Schuss nicht näher bezeichnete Munition gelistet. Ob es sich dabei um K-Munition handelt, bleibt unklar, allerdings iwirde bei allen anderen im Dokument genannten Liegenschaften nur solche und keine konventionelle aufgelistet.

Ein unveröffentlichter (seriöser) Altlasten-Report, der sich auf deutsche und britische Unterlagen stützt, vermerkt zu Walsrode zwei Sätze: „Am 20. März 1945 sollten 3870 t Kampfstoff-Munition durch die deutsche Wehrmacht ausgelagert werden. Nach Schätzung der Briten Lagerung im Juli 1945 von ca. 5000 t Granaten.“.

So weit mal die „Schnell-Durchsicht“ meiner Unterlagen hinsichtlich CW und Walsrode...

Mike

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Beitrag von bettika » 11.11.2015 21:19

HarmWulf hat geschrieben:Moin Beate,
Beate, Du zitierst den Begriff "Spitzenkampfstoff". Also handelt es sich hier um Heeresmunition mit dem Kampfstoff Tabun (Grünring III). Sarin wird in diesen Mengen nicht vorhanden gewesen sein.
Hallo Olli,
im Befehl vom OKW vom 30.3.1943 werden Spitzenkampfstoffe und moderne Kampfstoffe genannt.
Im Bericht von Hauptmann Hemmen u.a. über Walsrode nur Spitzenkampfstoffe.
Ob es sich um Heeresmunition handelt oder zugeführte Kampfstoffmunition aus anderen Lägern bleibt offen.
Nach der von Mike zitierten Akte kommen auch Bomben der Luftwaffe in Frage.
Zugeführte Munition muss nicht im Depot gelagert sein, in dieser Zeit wurde die K-Munition in anderen Lagern auch unter freien Himmel gestapelt.

Zur Fragen wieviel Züge würden benötigt werden, aus Gellermann
Für den Abtransport in der MunA Lossa wurde für 20.000t Kampfstoffabwurfmunition 11 Eisenbahnzüge benötigt, es konnten täglich 3 Züge beladen werden.

Wenn Du wirklich recherchieren willst, unbedingt nach den Altlastgutachten beim Landkreis fragen

Grüße
Beate
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Beitrag von bettika » 21.11.2015 17:40

Hallo,
welche Bedeutung hat die Bezeichnung "
proofing range, rocket testing stand etc. mainly for explosive and ammunition production
( FO 1013_02244)
für Wolff & CO EIBIA Bomlitz ?
Welche Art Teststand ist damit gemeint?

Grüße
Beate
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Beitrag von HarmWulf » 21.11.2015 21:24

Moin Beate,

vermutlich ist hier die Abnahmestelle (mit Schießständen und Triebwerkprüfstand bzw. Prüfstand für Pulverpresslinge gemeint). Diese, wie du sicher weisst, befand sich nördlich der EIBIA im " Großen Löverschen => Abteilung Löverschen".
Ich komme gerade von ein ziemlich anstrengenden Drückjagd (als Hundeführer) im Elm, daher habe ich heute keine Energien mehr für Details. Werde morgen mal ein LuBi vom Löverschen hier anfügen. Ich vermute, dass die Heeresabnahme im Löverschen Voraussetzung für die weitere Verarbeitung der EIBIA-Erzeugnisse, u. A. in der HMa Walsrode, war. Pulverpresslinge hat vermutlich auch die HMa Zeven verarbeitet (logistisch ein kurzer Weg - und interessantes, neues Thema hier im Forum).

Danke an die AutorInnenn der letzen Posts, für mich mal wieder wichtige Quellenangaben und auch Literaturempfehlungen.

Hat jemand Lust & Zeit, sich an einer intensiveren Begehung der "Aussenmuna" noch vor Jahresende zu beteiligen? Keine Sonden o. Ä. bitte, ich möchte alle fünf Lagergruppen samt Infrastruktur erlaufen und dokumentieren - wahrscheinlich reicht ein Termin hierfür nicht aus.

@Mike: kannst du etwas zur Kooperationsbereitschaft der Kreisverwaltung HK sagen? Denen ist ja allerhand unangenhme Altlast in die Hände gefallen, evtl. gibt's da ja auch mittlerweile eine Art Phobie hinsichtlich historischer Recherchen (bitte per PM).


Gruß,

Olli
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Beitrag von HarmWulf » 22.11.2015 14:33

Moin,

hier nun besagtes LuBi der Abteilung Löverschen samt Ausschnittvergrösserung der Schießstände für die Beprobung und Abnahme der Pulvererzeugnisse. Der Teststand für Pulverpresslinge befindet sich möglicherweise westlich der Schießstände.

Gruß,

Olli
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@HarmWulf

Beitrag von GeorgM » 23.11.2015 07:09

Hallo Olli,
Vielen Dank für die Antwort. Ich melde mich jetzt erst, da das Thema Kriegseinsatz/ Kriegswege meines Vaters im Moment nicht ganz oben auf der Tagesordnung steht. Aber ich werde mich demnächst wieder etwas intensiver damit beschäftigen.

Gruß
Georg

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