Erster ziviler Schutzbau in der BRD?

Zivile bzw. nicht-militärische Schutzbauwerke und Anlagen des Kalten Krieges
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derlub
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Erster ziviler Schutzbau in der BRD?

Beitrag von derlub » 21.01.2011 21:25

Hallo.

Ich stelle mir zur Zeit die Frage, wann und vor allem wo genau in Westdeutschland die ersten zivilen (auch behördlichen) Schutzbauten der Nachkriegszeit errichtet wurden. Zur Zeit vermute ich, dass dies etwa in den Jahren 1953-54 geschehen sein müsste.
Denn Anfang des Jahres 1953, ca. ein Jahr nach Aufhebung des Luftschutzverbotes der Westalliierten und Herausgabe einer vorläufigen Richtline des Bundesamtes für Wohnungsbau für den freiw. Bau von Luftschutzräumen, scheint noch nicht viel in dieser Richtung geschehen zu sein:
"In Deutschland wird sehr eifrig gebaut. Sucht man aber in den nach Zehntausend zählenden Neubauten eine Schutzraumanlage, so wird man enttäuscht und gelangt zu der ebenso betrüblichen ,wie überraschenden Feststellung, daß ein Jahr nach dem Start des neuen deutschen Luftschutzes die Bevölkerung noch genauso schutzlos einem Luftangriff preisgegeben ist wie vorher . Es gibt im Bundesgebiet Westdeutschlands praktisch noch keinen "nahtreffersicheren" Schutzraum. Zwischen Theorie und Praxis klafft also eine nicht mehr übersehbare Lücke."
Quelle: Ziviler Luftschutz, Heft 2, 1953


Ein Kandidat für den ersten zivilen Schutzbau ist Neumünster:

"Luftschutzkeller in Neumünster
Die im Zehnläderprogramm 1954 des sozialen Wohnungsbaues in Bundesauftrag entstehenden Neubauten werden mit Luftschutzkelelrn, die den einheitlichen Bundesrichtlinien entsprechen, gebaut. So erhalten die Häuser eines in Neumünster begonnenen derartigen Bauvorhabens Luftschutzkeller von einer Größe 4,2 x 3,3m die für 22 Personen ausreichen. Die Bodenflächen liegen unter der sonstigen Kellersohle, die Wände sind aus 40cm dickem hochwertigem Stahlbeton. Jeder Keller wird mit einer Belüftungsanlage ausgerüstet und erhält einen Rettungsgang, der außerhalb des Trümmerbereichs führt.
Durch diese Bauvorhaben mit Bundeshilfe soll ermittelt werden, inwieweit sich der Wohnungsbau durch den Einbau von Luftschutzkellern verteuert
"
Quelle: Ziviler Luftschutz, Heft 9, 1954

Um welche Gebäude in Neumünster könnte es sich handeln?

Wer kennt ebenfalls zivile Luftschutzbauten aus dem Jahre 1954 oder jünger?

Danke für die Hilfe,
Christoph

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TimoL
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Beitrag von TimoL » 21.01.2011 22:36

Neumünster kann ich bestätigen !

Es handelt sich dabei um eine Neubausiedlung die in den Jahren 1950 bis 1960 geplant und gebaut wurde.

Sie bestet aus insgesamt 18 Gebäuden; 17 Wohngebäuden, zweistöckig, und einem kombinierten Wohn- und Geschäftsgebäude und umfasst eine Fläche von ca. 4 ha.

Von den 18 gebäuden wurden jedoch nur vier mit Luftschutzkellern ausgestattet.

Der Artikel aus Ziviler Luftschutz, Heft 9, 1954 hat übrigens einen Fehler:
Es handelte sich bei diesem Bauprojekt NICHT um einen Bundesauftrag, sondern um eine rein kommunale Planung der Stadt Neumünster.
Lediglich die Luftschutzkeller wurden mit Bundesmitteln finanziert.
Zuletzt geändert von TimoL am 21.01.2011 23:00, insgesamt 1-mal geändert.
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klaushh
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Beitrag von klaushh » 21.01.2011 22:38

Moin, moin!

@Christoph

Ein recht interessantes Projekt hast du dir da vorgenommen.

Als Überschrift schreibst du "Erster ziviler Schutzbau....".
Hier müssen erst einmal einige Begriffe geklärt werden. Ohne hier auf alle Feinheiten eingehen zu wollen, muss sicher unterschieden werden zwischen u.a.
- Instandsetzungen alter Schutzbauten aus dem 2. Weltkrieg und
- Neubauten (vermutlich meinst du diese)

Bei den Neubauten wäre m.E. wenigstens zu unterscheiden zwischen
- Kellerräume, später Hausschutzräume genannt (dazu gehört offenbar der Keller in NMS)
- Mehrzweckanlagen und
- ZS-Schutzanlagen (allgemein "Bunker" genannt.

Schließlich: an welchem Ereignis willst du den "ersten Schutzbau" festmachen? Beginn der Planungen, Beginn der Baumaßnahme, Rohbauabnahme oder Schlußabnahme/-besichtigung nach Erledigung letzter Mängel oder oder oder ....?

Eine der ersten -wenn nicht sogar die erste- neugebauten ZS-Schutzanlagen dürfte der Schutzraum in Hamburg-Altona, Louise-Schröder-Str. gewesen sein. Im Dezember 1958 erklärte sich das Wohnungsbauministerium grundsätzlich bereit, dieses Bauwerk als Erprobungsbau zu errichten. Der echte Baubeginn war dann im Oktober 1960, die Fertigstellung mit Abnahme durch Bonner und Hamburger Vertreter im Sepzember 1962 und die entgültige Übergabe an den "Nutzer" Bezirksamt Hamburg-Mitt im September 1963.

Gruß
klaushh
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Beitrag von derlub » 21.01.2011 22:54

Hallo.
@ Timo, danke für die Ausführungen. Konntest Du die Schutzräume in Neumünster besichtigen? Hatten diese irgendwelche auffälligen Besonderheiten, die sich von den Schutzräumen nach den später entwickelten Bautechnischen Grundsätzen unterscheiden?

@Klaus:
Mir sind die Unterscheidungen zw. den Schutzbautypen natürlich bekannt.
Ich habe aber ganz bewusst "Schutzbau" geschrieben, weil ich hier nicht differenzieren bzw. ausschließen wollte. Es geht mir hauptsächlich um den zeitlichen Aspekt.
Mich interessieren also alle Schutzbauten (Neubau und Instandsetzung), die nach Aufhebung des Luftschutzverbotes der Alliierten Kommission am 26.05.1952, und vor bzw. im Jahr 1954 (Schutzbau Neumünster) errichtet wurden. Planungen interessieren mich nicht. Es geht um den konkreten Bau. Baubeginn oder Baufertigstellung ist da erstmal zweitrangig.

Grüße,
Christoph

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Beitrag von TimoL » 21.01.2011 22:58

So hier mal einige Bilder der besagten Luftschutzkeller, bzw. der von Außen sichtbaren Merkmale, aus dem Jahre 2003.

rot: Grenze der Siedlung
orange: Häuser mit Luftschutzkellern; erbaut 1955 bis 1960

Bei mindestens zwei Häusern sind die Luftschutzkeller aber mittlerweile schon wieder zurückgebaut worden.
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Beitrag von TimoL » 21.01.2011 23:02

Und die letzten beiden Bilder.
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Beitrag von klaushh » 21.01.2011 23:18

Moin, moin!

@Timo
Die Notausgänge sind ja "gewaltige" Bauwerke !
Hatte /hat in den vier Blocks jedes Haus einen eigenen abgeschlossenen Hausschutzraum mit Notausgang (d.h. vier je Block)?

Gruß
klaushh
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Beitrag von TimoL » 21.01.2011 23:22

Besichtigen ist ganz schlecht, da die Schutzräune heute als reguläre Kellerräume genutzt werden.

Die Baupläne entsprechen aber weitestgehend denen des Schutzraums B, Innenbau im Neubau mit waagerechten Notauslass gemäß den Richtlinien für Schutzraumbauten Fassung Juli 1955.

Größter Unterschied zu den späteren Hausschutzräumen dürfte sein, dass diese ersten Luftschutzkeller noch nicht für einen 14-tägigen Aufenthalt vorgesehen und ausgestattet waren, sondern für einen maximalen Aufenthalt von sieben bis 14 Stunden.
Zuletzt geändert von TimoL am 21.01.2011 23:43, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag von TimoL » 21.01.2011 23:29

Ja, jeder der vier Blöcke verfügte jeweils über vier separate Schutzräume für jeweils 30 Personen.

Macht insgesamt 16 Schutzräume mit 480 Schutzplätzen.

Diese Zahl deckt sich übrigens auch mit der in den 50er Jahren errechneten Anzahl der Bewohner der 18 Wohnblöcke.
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Beitrag von TimoL » 22.01.2011 03:12

Der erste wirkliche "neue Schutzbau", also Schutzbauwerk im Sinne von "Bunker", in Neumünster war dann das im Jahre 1969 fertig gestellte befestigte Reserve Lazarett in der ehemaligen "Scholtz-Kaserne".

Bis zum Jahre 1984 sollte dieses Schutzbauwerk mit insgesamt 550 Schutzplätzen auch das größte Schutzbauwerk in Neumünster sein.

Diese beiden Großschutzräume waren aber zu keinem Zeitpunkt als Öffentliche Luftschutzräume vorgesehen !

Wiedernutzbargemachte Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg gab/ gibt es in Neumünster NICHT !

Lediglich die LSK im Stabsgebäude der ehemaligen Hindenburg-Kaserne und der ehemaligen Polizei-Kaserne wurden mehr oder weniger wieder nutzbar gemacht.

Letzterer wurde Anfang der 70er Jahre sogar als Befehlsstelle für einen dreiwöchigen Aufenthalt ausgebaut und erweitert.

Mitte/ Ende der 60er Jahre war zwar geplant gewesen einen alten Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg wieder nutzbar zu machen, doch wurde dieses Vorhaben eingestellt.

Der private Schutzraumbau begann in Neumünster ab dem Jahre 1955 und der Behördenschutzraumbau zwei Jahre später im Jahre 1957.

Der Bau von Schutzbauwerken zum Schutze der Infrastruktur (Wasser, Elektrizität, Kommunikation) begann Anfang der 60er Jahre.
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