Bunker in Neumünster

Luftschutzbunker, zivile Bunkeranlagen und Schutzbauwerke des 2. Weltkriegs
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klaushh
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Beitrag von klaushh » 23.04.2008 22:30

Moin, moin!

Im ersten Beitrag schrieb Timo, dass die Anlage eine Gesamtlänge von ca. 100 m habe und für ca. 1000 Schutzsuchende vorgesehen gewesen wäre.

Wenigstens eine dieser beiden Zahlen halte ich für völlig fehlerhaft!
Pro lfd. Meter hätten sich dann 10 Menschen aufhalten müssen. Dabei war die typische Breite von solchen Splitterschutzbauten ca. 2 m. Und 10 Menschen auf 2 m² Fläche geht auch bei größter "Packungsdichte" kaum.

Bei dem Neumünsteraner Bau handelt es sich um ein "Schutzbauwerk". Der offizielle Name war in Norddeutschland hierfür "Röhrenschutzbauwerk" (im Bochumer Raum lt. Maehler wohl auch "Deckungsgraben", obwohl das in Norddeutschland wiederum eine ganz andere Bauart ist). Die Röhrenschutzbauwerke wurden im Volksmund häufig auch "Röhrenbunker" genannt.

Die von Timo beschriebene und in Fotos gezeigte Bauweise ist wenig verwunderlich. Es handelt sich hier um splittersichere Bauwerke, die regelmäßig so gut wie kein Armierungseisen enthielten und auch offiziell nie den Anspruch hatten, bombensicher zu sein.

"Bunker" hießen offiziell nur bombensichere Bauten und "bombensicher" setzte im Hochbau in den ersten Kriegsjahren Außenwände von mind. 1,10 m "armierten Beton" und Abschlußdecken von mind. 1,40 m "armierten Beton" voraus.

Nichtsdestotrotz spricht der Volksmund und in ständiger Übung auch mehr oder weniger die Fachwelt immer von "Bunker", wenn eine Luftschutzanlage gemeint ist (zwischen "Einmannbunker" und "Flakbunker" sind bei Weltkriegsbauten eben alles "Bunker").
Während der Zeit des Kalten Krieges sprach man offiziell nicht von "Bunkern" sondern von "Schutzbauten"

Gruß
klaushh
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TimoL
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Beitrag von TimoL » 23.04.2008 23:39

Die Gesamtlänge von ca. 100 Metern ist schon richtig, da der "Bunker" ;) von den Baufirmen vor dem Abbruch mehrfach vermessen wurde (insgesamt sogar viermal wenn ich mich richtig entsinne).
Durch die Anordnung der "Röhren" wirkt das Bauwerk allerdings kleiner.
In die Gesamtlänge sind auch die drei Eingangsbauwerke, die beiden Gasschleusen und ein ca. 15 Meter langer Verbindungstunnel zu einem neben dem Schutzbauwerk liegenden Gebäude einbezogen.

O.K., bei der Schutzplatzanzahl ist mir ein Fehler unterlaufen, bzw. habe ich einen Zusatz/ Erklärung vergessen wie ich zu dieser Zahl gekommen bin (schaut aber mal auf die Uhrzeit wann ich das geschrieben habe :lol: ) :oops: :
Es gibt in Neumünster noch ein weiteres baugleiches "Röhrenschutzbauwerk", das bereits 1935/ 36 errichtet wurde und während der Luftangriffe wohl häufig überbelegt war.
In einem Bericht der Luftschutzpolizei ist vermerkt, dass das betreffende Luftschutzbauwerk (dieser Ausdruck wird dort verwendet) bei dem Luftangriff am 6. November 1944 mit 720 Personen überbelegt war.
Diese Zahl scheint sich aber auf die Gesamtzahl der Personen zu beziehen, und nicht, wie ich zuerst angenommen hatte, auf die zusätzlichen Personen, die zu den 300 für die das Bauwerk ursprünglich ausgelegt worden war, hinzugekommen sind, d.h. das Bauwerk war wohl mit 420 Personen überbelegt.

Da das von mir hier vorgestellte Bauwerk aber erst bei Kriegsende fertiggestellt wurde und niemals als Luftschutzbauwerk genutzt wurde, sondern eine andere interessante Nachnutzung erhielt, gibt es folglich keine Informationen über die tatsächlichen Belegungszahlen.
Eine Zahl von 300 ist aber durchaus realistisch, da in dem Schutzbauwerk, zumindest in einem Teil des Bauwerkes, vornehmlich die Patienten und ein Teil des Personals des nahegelegenen Krankenhauses mit untergebracht werden sollten.

Interessant ist, dass in den (wenigen erhaltenen) Unterlagen der Stadt Neumünster für Luftschutzbauwerke mehrfach der Ausdruck "Deckungsgraben" verwendet wird.
Der größte "Deckungsgraben" sollte übrigens eine Länge von 150 Metern haben...
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Beitrag von butti » 26.04.2008 13:55

Da das Bauwerk weg ist: Warum wird nicht konkret geschrieben wo es war? Ich finde Geheimhaltung ok, wenn es dem Schutz des Objektes dient (Sprayer und Metalldiebe). Hier wirkt die Verschleierung aber unpassend.
Leider hat die Pressestelle des FEK "vergessen" den Lokalzeitungen zu sagen, wann der Bunker abgebrochen wird. Daher gibt es nun hier bei Euch im Forum eine "Exklusiv-Story" mit Spitzenfotos. Meine Bilder zeigen nur eine verdichtete Erdlandschaft vom vergangenen Freitag.

Also nochmal Glückwunsch Timo!

Falls Du doch noch ein paar Fotos verkaufen möchtest: redaktion@wochenanzeiger-nms.de


Bernd

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klaushh
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Beitrag von klaushh » 26.04.2008 18:58

Moin, moin!

@Timol:

Da das von Dir vorgestellte (und inzwischen wohl restlos abgebrochene) Lunftschutzbauwerk (nach dem Krieg !?) "eine andere interessante Nachnuctzung erhielt",
lasse uns doch mal daran teilhaben, welcher Art die interessante Nachnutzung war

Gruß
klaushh
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Beitrag von butti » 26.04.2008 19:22

Bunker muss FEK-Neubau weichen
Luftschutzbunker stören die Neubaupläne im FEK. Die Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg werden abgerissen.

Neumünster

– Auf dem Mitarbeiterparkplatz des Friedrich-Ebert-Krankenhauses birgt ein unscheinbares Gebäude ein dunkles Kapitel Stadtgeschichte. Der Abgang hinter der Metalltür führt direkt in eine Bunkeranlage des Zweiten Weltkriegs hinab. Sie wird demnächst dem FEK-Neubau weichen müssen.

Der Courier begab sich mit dem technischen Leiter des FEK, Matthias von Appen, und dem Boostedter Militärhistoriker Timo Lumma auf Erkundungstour. Der Bunker – Experte Lumma spricht lieber von einem „Luftschutzdeckungsgraben“ – erstreckt sich in einer Höhe von 2,01 und Breite von 1,73 Metern über etwa 80 Meter Länge mehrfach verwinkelt vom Westflügel des Altbaus in Richtung Boostedter Straße.

Mit dem Bau wurde Ende 1944 begonnen. Er war die Reaktion auf zwei verheerende Tagesluftangriffe der US-Streitkräfte auf Neumünster am 25. Oktober und 6. November 1944. Mehr als 1000 Menschen hätten hier Platz finden können. Die Anlage wurde, so Lumma, aber nicht mehr fertig gestellt. Die Probe aufs Exempel musste die Luftschutzeinrichtung nicht bestehen. „Sie wäre zum Massengrab geworden“, ist Lumma überzeugt. Einen direkten Treffer, ja selbst einen Naheinschlag hätten die hier Schutz Suchenden nicht überlebt. Aus Materialmangel wurde auf eine obere Zerschellplatte verzichtet und auch nur wenig Baustahlarmierung in den 30 Zentimeter dicken Betonwänden eingesetzt.

Etwa die Hälfte des Bunkers ist noch zugänglich. Er wurde nach dem Krieg noch bis zum Bezug des Neubaus 1977 von der FEK-Apotheke als Abfülllager für Äther und Infusionsflaschen genutzt. „Die Abfüllvorgänge wurden unter strengen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt“, sagt von Appen und weist auf die Kabel an der Bunkerwand. Mit ihnen wurden die Abfüllinstrumente geerdet, um eine hochexplosive Funkenbildung zu verhindern.

Die Bunkeranlage, deren Verlauf im nicht zugänglichen Teil vom Tüv Nord per Radarmessung ermittelt wurde, muss dem geplanten ersten Neubauabschnitt weichen. Die Abrissgenehmigung für den Bunker und den ehemaligen Kindergarten liegt seit drei Wochen vor. Neu errichtet werden sollen 2008 ein Bettenhaus, die Küche, das Casino und zentrale technische Versorgungsanlagen.

Wann rücken die Bagger an? Von Appen: „Wenn Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung – vielleicht schon im September – den Startschuss geben, rechnen wir mit der Auftragsvergabe noch in diesem Jahr.“ Ein Erhalt der Anlage sei nicht möglich. „Das würde zu unterschiedlichen Setzungen des Baugrunds führen und die Statik gefährden.“ Gleiches gelte für die 1935/36 erbaute Luftschutzanlage östlich des Altbauflügels. Von Appen: „Diese Anlage werden wir im Rahmen des zweiten Bauabschnitts ab 2009 zu untersuchen haben.“

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Beitrag von TimoL » 26.04.2008 20:04

Hach ja... der Artikel aus dem "Holsteinischen Courier" vom letzten Jahr... :-)

Eine ausgibige Diskussion zu dem von butti geposteten Zeitungsartikel hatten wir ja hier: viewtopic.php?t=10462&highlight=neum%FCnster

Stahl wurde übrigens nur in den drei Eingangsbauwerken verwendet, wie man auf den Bildern ja auch schön sehen kann.
Auch die Anzahl der Schutzplätze wird dort "übetrieben" dargestellt. Aber 1.000 klingt nun mal dramatischer als "nur" 300 :x

Zur Nachnutzung:
Das Abfülllager für Äther wurde übrigens nicht bis 1977 betrieben, sondern bis ca. Mitte 80er Jahre, obwohl sich im Neubau eine hochmoderne Amlage dafür befand.
Auch Teile der Apotheke befanden sich auch noch lange in dem Bauwerk.
Neben Äther und Medikamennten wohl auch OP- und Chirurgisches-Besteckt in nicht ganz unerheblichen Mengen eingelagert wurde.
Das Interessante dabei:
Es handelte ich dabei nicht um altes, ausgemustertes Besteck, sondern um neuwertige Notfall-Instrumentensätze. Leider haben wir nur noch einige wenige aufgebrochene und leere Verpackungen vorgefunden... :(

Ob diese Notfall-Instrumentensätze zum Krankenhaus gehörten oder im Rahmen des Katastrophenschutzes zeitweise in dem Bauwerk eingelagert wurden, weiß ich noch nicht.

Daher auch mal eine ernstgemeinte Frage an Klaus:
Waren die Notfall-Instrumentensätze (OP- und Chirurgisches-Besteck) besonders gekennzeichnet, wenn sie vom Katastrophenschutz eingelagert wurden?

Anbei noch zwei Bilder von der Erdungsanlage :-)
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
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Beitrag von klaushh » 26.04.2008 23:44

Moin, moin!

@Timol:

M.W. waren die Instrumentensätze für den KatS (z.B. auch für die HKH) nicht besonders gekennzeichnet. Ich denke, man hat hierfür handelsübliche Instrumente gekauft.
Was anderes ist mit der Lagerung: sehr, sehr viel Gerät aus dem Bereich Sanitätsdienst war in Kisten verlastet und diese Kisten waren wohl einheitlich grün, meist (oder immer ?) mit einem roten Kreuz versehen und trugen eine mehr oder weniger ausführliche Beschriftung (Hinweise auf Inhalt und Verwendungszweck).

Ich kenne die Neumünsteraner Anlage nicht, denke aber, dass sie weder als HKH noch als Sanitätsmittellager (des KatS) verwendet wurde. Eher vermute ich, dass das Krankenhaus den Raum als ganz normalen Lagerraum verwendet hat (Lagerraum ist überall zu knapp bemessen). Irgendwann einmal waren die Sachen dann vergessen oder unbrauchbar geworden.

Aber, wie gesagt, das sind alles Mutmaßungen. Dazu müßten Leute mehr sagen , die sich mit dem Sanitätsdienst befassen.

Gruß
klaushh
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Beitrag von TimoL » 01.08.2008 02:10

Hier gibt es noch weitere Bilder und Informationen zur Anlage:
http://www.unter-schleswig-holstein.de/ ... 409.0.html :rtfm:
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Beitrag von kuhlmac » 01.08.2008 09:28

TimoL hat geschrieben:Hier gibt es noch weitere Bilder und Informationen zur Anlage:
http://www.unter-schleswig-holstein.de/ ... 409.0.html :rtfm:
Schöner Artikel, gute Arbeit, timo! :thumbup:

Zum FEK und zum verlinkten Artikel noch zwei Fragen:
- Baujahr des Krankenhauses? Das ist doch das rote Klinkerhaus auf dem Foto hinter dem Parkplatz? Ich würde "aus der Ferne" ja entweder auf frühe 30er oder frühe 50er tippen...

- Bombenangriff durch 216 Liberator 1944.. vollständig zerstört wurde u.a. die Sick-Kaserne. Hmm, aber dann muss die nach dem Krieg aber sehr schnell und Originalgetreu aufgebaut worden sein? Mir kam es damals so vor, als ob seit 1898 an der Bausubstanz nicht viel gemacht worden sei, nur innen war es komplett "neuer". Oder sind nur die Außenmauern stehengeblieben?

Gruß
Christian

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Beitrag von zulufox » 01.08.2008 11:30

kuhlmac hat geschrieben:
- Bombenangriff durch 216 Liberator 1944.. vollständig zerstört wurde u.a. die Sick-Kaserne.

Gruß
Christian
Hallo Christian,

Frage von einem Südlicht: Wo war bzw. ist die denn?

MfG
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