Lufthauptmunitionsanstalt 4/XI Oerrel

Im Bereich des kleinen Ortes Oerrel in der Lüneburger Heide wurden während der NS-Zeit gleich mehrere Rüstungsanlagen errichtet (vgl. auch Heeresversuchsstelle Munster-Nord). Eine davon, die Lufthauptmunitionsanstalt 4/XI, war hauptsächlich für die Lagerung und Füllung von Kampfstoffmunition für die Luftwaffe vorgesehen. Für diese Arbeiten wurden u.a. auch etwa zweihundert Zivilarbeiter aus einem nahegelegenen Lager herangezogen.

Mit dem Bau dieser Anlage wurde im Jahr 1935 begonnen. Alleine im Lagerungs- und Füllbereich entstanden mehr als 150 Gebäude, die meisten davon als erdüberdeckte und getarnte Bunker mit Deckenstärken bis zu etwa 50cm und Maßen von bis zu 40m x 25m. Verwaltung und Versorgungsanlagen befanden sich östlich des Hauptgeländes nahe dem Ort. Westlich der Reichsbahnstrecke, an welche die Munitionsanstalt durch mehrere Gleise angeschlossen war, befand sich ein weiterer, abgesetzter Bereich.

Lufthauptmunitionsanstalt 5/XI Oerrel - Rampe

In dieser sogenannten Brandbomben-Füllstelle wurden zwischen 1941 und Kriegsende bedarfsweise 250kg- und 500kg-Brandbomben sowie Kampfstoffmunition befüllt. Darüber hinaus wurden Blindgänger und undichte Granaten vernichtet. Diese "Vernichtung" beschränkte sich häufig darauf, die Munition im nahegelegenen Dethlinger Teich, einem ehemaligen Kieselgurabbau, zu versenken. In den Teich flossen wahrscheinlich auch die Abwässer der Muna und des "Waschhauses", in dem sich die Arbeiter wuschen bzw. dekontaminierten.


Lufthauptmunitionsanstalt 5/XI Oerrel - WaschhausWaschhausLufthauptmunitionsanstalt 5/XI Oerrel - Fundamentreste

Nach dem Krieg wurde die Anlage von den Briten entmilitarisiert - sie stießen bei ihrer Ankunft noch auf rund 100.000 Kampfstoffbomben. Auch die Allierten gingen bei der Demilitarisierung recht sorglos vor und versenkten weitere Altlasten im Dethlinger Teich.

Anfang der fünfziger Jahre bestand ein beliebter Nebenerwerb einiger Anwohner darin, auf dem Gelände Munition zu sammeln und die Buntmetallanteile wie etwa Führungsringe etc. zu Geld zu machen - eine höchst gefährliche Angelegenheit, wie man sich leicht vorstellen kann. Die Gemeinde reagierte daraufhin 1952 mit der Verfüllung des Teiches mit Schutt und Sand, um sich dieses Problems zu entledigen. 1957 erkannte man, daß eine Beobachtung unumgänglich ist und richtete erste Messbrunnen ein, die in den siebziger und achtziger Jahren durch weitere ergänzt wurden. Bis heute werden die Messwerte regelmäßig kontrolliert.

Die Menge der noch heute im Dethlinger Teich vergrabenen Altlasten kann nur geschätzt werden. Die Angaben schwanken, als relativ gesichert gelten aber Mengen von etwa 200.000 Zündladungen, rund 3.000 Kampfstoffgranaten, ca. je 300 Phosgenbomben und -Fässer sowie etwa einhundert Fässer Lost. Einige Quellen sprechen sogar von ganzen Kampfstoff-Tankwaggons, die noch im Boden liegen sollen ...

Der überwiegende Teil der gesprengten Bunker wurde bereits 1971/72 komplett entfernt, so daß heute nur noch an sehr wenigen Stellen zu erahnen ist, welche gewaltige Ausdehnung diese Anlage hatte. Von den meisten Gebäuden ist heute so gut wie nichts mehr zu sehen.

Quellen (Auszug):
- Public Record Office, Bestand WO 208/2176
- OSS London, Report F-1007, 1944
- Das nationalsozialistische Lagersystem, Martin Weinmann
- 100 Jahre Soldaten in Munster - Ein Rückblick, Stadt Munster
- Der Kieg, der nie stattfand, Günther W.Gellermann
- Der lautlose Tod, Olaf Groehler
- Das bittere Ende zwischen Weser und Elbe, Ulrich Saft
- Munster - Unsere kleine Stadt - Heimat ihrer Bürger, Heinrich Peters
- Tödliche Gefahr aus der Tiefe, Andreas Oberhol
- Deutscher Bundestag, Drucksachen 11/6972, 13/2733
- Altlasten-Aufnahme des Landes Niedersachsen, NLÖ
- Abfallwirtschaft in Forschung & Praxis Nr.40/1991
- Archiv des WIS Munster
- Archiv T.Wolf, Stedden
- Aussagen von Anwohnern und Zeitzeugen
- eigene Recherche

Tags: Rüstung, Munsterlager, Chemiewaffen