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FTC - Fighting Town Centre, Berlin

Geschrieben von: Michael Grube   

Krieg in der Stadt

Sowjetischer Soldat in StalingradJeder kennt sie aus den Fernsehnachrichten, die Bilder von Häuser- und Straßenkämpfen in Städten im Irak, in Afghanistan oder Ex-Jugoslawien. Bereits während des Zweiten Weltkriegs hatten unglaublich viele Menschen ihr Leben in solchen unübersichtlichen und brutalen Kampfhandlungen um Städte wie Stalingrad und Berlin verloren. Seit dem Kriegsende 1945 gab es rund um die Welt immer wieder derartige Gefechte im urbanen Umfeld. Anders als die althergebrachten Feld- und Stellungsschlachten bringen militärische Operationen in Städten und Dörfern ganz andere Probleme mit sich: Der in einem solchen Szenario eingesetzte Soldat ist ständig mit einer Freund-/Feind-Erkennung beschäftigt, muß gleichzeitig die durch die Bebauung und andere Hindernisse unübersichtliche Situation im Blick behalten und ist durch Scharfschützen und Sprengfallen zusätzlich besonders gefährdet. In einer amerikanischen Dienstvorschrift heißt es dazu: "Die stärksten Belastungen der Soldaten beim Kampf im bebauten Gelände sind die hohe psychologische Belastung und die hohe Verlustrate. Einheiten haben darauf vorbereitet zu sein, isoliert zu kämpfen; neben guter Ausbildung ist eine entsprechende psychologische Vorbereitung wichtig. Ebenso sind die eingesetzten Soldaten für den Nahkampf auszubilden, da dieser ständig zu erwarten ist."



Die seit dem Zweiten Weltkrieg stark gestiegene Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit derartiger Situationen ließ eine entsprechende, spezielle Ausbildung der Truppe oder zumindest bestimmter Truppenteile militärisch schon bald sinnvoll erscheinen und tatsächlich ist diese heute Ausbildungsbestandteil in fast allen Armeen. FIBUA (Fighting in Built-Up Areas) nennen es die Briten und Kanadier, MOUT (Military Operations in Urban Terrain) die Amerikaner, NATO-weit ist auch der Ausdruck CQB (Close Quarter Battle) gebräuchlich. Bei der Bundeswehr heißt es schlicht Häuserkampf oder "Kampf in bebautem Gelände". Geübt wird in Deutschland in sogenannten Stadtkampfanlagen, die es auf einigen Truppenübungsplätzen im Bundesgebiet gibt - zu den bekanntesten zählen wohl die Übungsdörfer "Bonnland" auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg, "Tin City" bei Sennelager und "Scholzenslust" auf dem TrÜbPl Lehnin. Die letztgenannte Anlage existierte schon vor der Wende und gehörte zu den wichtigsten dieser Art in der DDR. Weitere, weniger gut ausgebaute Kleinanlagen waren und sind auf Truppen- und Standortübungsplätzen quer durch Deutschland verteilt.

Da während des Kalten Krieges Berlin als ein wahrscheinlicher Kampfschauplatz angesehen wurde, hatten die Alliierten natürlich auch dort entsprechende Objekte errichtet, um ihre Soldaten dem vermuteten Einsatz entsprechend ausbilden zu können. Zum Teil wurde zunächst in Abbruchgebieten mitten in der Stadt - mindestens einmal sogar im Klinikum Westend - geübt, also quasi in der "richtigen Welt" - was natürlich nicht gerade auf die Gegenliebe der Anwohner stieß. Seit 1975 verfügte die US Army auf dem Übungsgelände "Parks Range" an der Osdorfer Straße in Lichterfelde, gelegen direkt an der Grenze zu Teltow-Seehof, über eine entsprechende Häuserkampf-Anlage, die unter dem Namen "Doughboy City" bekannt wurde. Nach dem Abzug der US-Truppen aus Berlin wurde das Dorf abgerissen und das Gelände renaturiert. Heute erinnert kaum noch etwas an dieses Übungsobjekt.

US-Übung in Doughboy City, 1981US-Übung in Doughboy City, 1981US-Übung in Doughboy City, 1981US-Übung in Doughboy City, 1981

Die Briten, neben ihrer Aufgabe in Berlin auch und vor allem im Nordirland-Konflikt mit Häuserkampf-Situationen konfrontiert, errichteten bereits Ende der sechziger Jahre ein kleineres Übungsdorf auf ihrem Gelände am Berliner Murellenberg.

Das Gelände

Kaserne Ruhleben um 1900Das Areal, auf dem die britische Übungsanlage schließlich entstand, hatte schon damals eine lange militärische Geschichte: Der Murellenberg (62m ü.NN), das Murellental (ein rund dreißig Meter tiefer Einschnitt) und der Murellenteich entstanden während der letzten Eiszeit im Spree-Havel-Gebiet. Aus damaliger militärischer Sicht war das Gelände ideal - es verfügte über eine direkte Eisenbahnanbindung, lag in der Nähe wichtiger Industriebetriebe der Stadt Spandau und des Artillerie-Schießplatzes Tegeler Heide. Bereits 1854 entstand auf dem weiteläufigen, zur Königlichen Forst Grunewald gehörigen Areal die "Gewehr-Prüfungs-Kommission", wenige Monate später, am 1. August 1855, nahm die "Königliche Militär-Schießschule Spandau" ihren Dienst auf. Auf insgesamt dreizehn Schießbahnen erfolgte eine möglichst wirklichkeitsnahe Ausbildung der Offiziere und Mannschaften des Schießdienstes. Auch die "Königlich-Preußische Kriegstelegraphenschule" befand sich auf diesem Areal. Untergracht waren die Soldaten bereits zu dieser Zeit in der "Kaserne Ruhleben" (ab 1939 dann "Alexander-Kaserne") an der Charlottenburger Chaussee. Den Anlagen angegliedert waren mehrere Werkstätten, zwei Turnplätze, ein Munitionslabor und ein Munitionsmagazin. Zwischen 1918 und 1936 kamen weitere Unterkunfts- und Wirtschaftsgebäude, ein Lehrsaal, eine Reithalle mit Stallungen und Schmiede, ein Offizierskasino und eine Wache hinzu.

Während der NS-Zeit entstand im Rahmen der Vorbereitungen zu den Olympischen Spielen zwischen 1934 und 1936 in der Murellenschlucht im äußersten Südosten des Waldgeländes die im Stil eines griechischen Amphitheaters gebaute Waldbühne, vom Architekten Werner March als "kultische, nationale Weihestätte" konzipiert. Die Alexander-Kaserne beherbergte nun Truppenteile der Infanterie, daneben auch so wichtige Einrichtungen wie die von Zossen-Wünsdorf aus fernbedienbare Funkbetriebsstelle der Heeresleitung. Zwischen dem 12. August 1944 und dem 14. April 1945 wurde ein Bereich am Hang des Murellenberges als Hinrichtungsstätte für Deserteure, Wehrdienst- und Befehlsverweigerer und "wehrkraftzersetzende Elemente" benutzt. Um die dreihundert Menschen wurden hier, oft nach Urteilen des Reichskriegsgerichtes, standrechtlich erschossen. Bisher sind 232 von ihnen namentlich bekannt. Erst 1998 hob der Deutsche Bundestag die Urteile per Gesetz auf und sprach diesen Opfern der NS-Justiz "Achtung und Mitgefühl" aus. Im Mai 2002 wurde in der Nähe der Hinrichtungsstätte ein Mahnmal errichtet, das an die Opfer erinnert.

Nach dem Kriegsende übernahm die britische Armee das Gelände des Schieß- und Übungsplatzes und nutzte es für verschiedene militärische Zwecke. Die Kasernenanlage wurde zunächst für Wohn- und Gewerbezwecke sowie zum Teil als Kinderheim verwendet. 1968 erwarb das Land Berlin die Kaserne und richtete nach einigen Neubauten 1970 eine Ausbildungsstelle der Bereitschaftspolizei ein. Teile des Übungsplatzes der Briten wurden von nun an auch für die Ausbildung der Polizei benutzt, so z.B. für die Schießausbildung und die der Diensthundestaffel.

Das britische Übungsdorf


Fighting Towne Centre Berlin - PlanIm Jahr 1969 bestand das "Village Fighting Area" auf dem "Ruhleben Range" noch aus insgesamt nur elf Gebäuden. Die Ziegelbauten stellten ein eher dörfliches Umfeld mit einfachen Wohnhäusern unterschiedlicher Größe, Schuppen, einem kleinen Laden und einer Kirche dar. Bis in die 1970er Jahre hinein war der Übungsplatz nicht bzw. nur schlecht abgesperrt. Besonders die Kinder aus der Umgebung nutzten die Chance gerne, den britischen Soldaten bei ihren Manövern zuzusehen.

Die DorfstrasseRuf doch mal an - TelefonzelleMoselstrasseDie falsche Kirche

Anfang der 1980er Jahre wurde die Anlage überholt und deutlich erweitert. Es entstanden zahlreiche Wohnhäuser mit unterschiedlichem Aufbau und ein bis fünf Etagen, eine Tankstelle, ein Supermarkt mit "Tiefgarage", eine Kanalisation, mehrere Wälle und Gräben, zwei Brücken und ein Straßennetz. Als Ergänzung stellte man einige ausgemusterte U-Bahn-Waggons auf. Etwas abgesetzt wurde ein an einer Seite offenes, dreistöckiges Gebäude errichtet, das an ein überdimensionales Puppenhaus erinnert. Hier fanden Vorführungen und Lehrveranstaltungen statt, denen die Zuschauer auf einer dazugehörigen Tribüne beiwohnen konnten.

Überblick
Aus der Ferne kaum zu sehen ....Heite offenbar ausverkauft - der SupermarktZwischen Wohnblock und SupüermarktEines der höheren Appartmenthäuser mit falschem Hubschrauber.
Tanken konnte man hier nie ...Falsche U-Bahn unter einer UnterführungSogar an MLC-Schilder wurde gedachtMehrsprachigkeit
Das 'Puppenhaus' der VorführanlageDeutsch-Englisch-Mix auf einem Schild

Nachts konnte das Gelände bei Bedarf mit Scheinwerfern ausgeleuchtet werden, zahlreiche Videokameras erlaubten es den Ausbildern, die wichtigsten Bereiche immer im Auge zu behalten. Die "Kampfhandlungen" wurden aufgezeichnet und dienten als Hilfsmittel zur späteren Manöverkritik. Die Schießausbildung auf große Entfernung, beispielsweise für Scharfschützen, konnte gleich nebenan auf einer großen Schießanlage durchgeführt werden. Zaungäste waren auf diesem modernen Ausbildungsareal natürlich nicht mehr erwünscht und so wurde der gesamte Bereich großräumig mit einem Zaun gesichert.

SchießaufsichtDie Natur holt sich den Schießstand zurückBereich des Kugelfangs heute 

Häuser- und Straßenkampf gehörten (und gehören) zur Standard-Ausbildung in der britischen Armee. Neben Spezialeinheiten wie dem Special Air Service (SAS), einer der GSG 9 ähnlichen Sondereinheit, übte hier natürlich auch die British Berlin Infantry Brigade für einen Einsatz in bebautem Gelände. Im Rahmen von "Army Training and Evaluation Programs" (ARTEP) und "Field Training Excercises" (FTX) waren zeitweise US-Truppenteile und manchmal auch Franzosen Gastnutzer des Übungsplatzes. Selbst einzelne britische Einheiten aus Westdeutschland kamen zum Training nach Berlin. Nach Abzug der Briten wurden Übungen dieser Art mehr und mehr auf die schon weiter oben erwähnten Übungsplätze in Westdeutschland und vor allem in das Trainingscenter Copehill Down in Großbritannien verlagert.

Panorama
Panorama im U-Bahn-Wagen

Heute dient das nach wie vor gut gesicherte Gelände hauptsächlich der Landespolizeischule Berlin. Im Übungsdorf werden jetzt statt Soldaten Sondereinheiten der Polizei, so z.B. das SEK und die Personenschutzgruppe (PSG) ausgebildet. Daneben sind viele andere Dienste wie die Feuerwehr, das THW, verschiedene Rettungsdienste, die Rettungshundestaffel und Andere regelmäßig Nutzer der für derartige Übungszwecke fast idealen Einrichtung. Aber manchmal bevölkern auch "Zivilisten" den Ort - er ist eine gern genutzte Kulisse für Krimi- und Kinofilm-Produktionen.

Quellen (Auszug):
- Die F-Flagge, Ausgabe 1/2002
- Learning from ... - The European City, http://www.learningfrom.com/learning.html
- Das Polizeigelände in Ruhleben im Wandel der Zeiten, PHK Manfred Bertel, 1992
- Ln - Die Geschichte der Luftnachrichtentruppe, K.O.Hoffmann
- Sonderschrift zum Tag der offenen Tür der Polizei Berlin, 2000
- Firing Ranges of the U.S. Army in Berlin, Reinhard von Bronewski
- Headquarters United Kingdom Support Command (Germany), Auskunft im Rahmen des FOIA
- Der Krieg in der Stadt, Gerhard Piper
- Urban Control, Jochen Becker
- Sammlung Andree Korpys
- Informationen des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf
- Der Tagesspiegel, 14.08.2004
- taz Berlin lokal Nr. 6387 vom 3.3.2001,
- Informationen der Rettungshundestaffel Berlin

Wir danken der Polizei der Stadt Berlin für die freundliche Unterstützung.

 
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