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Kampfstoff in Munster-Nord - Heeresversuchsstelle Raubkammer

Geschrieben von: Michael Grube   


1892 war Munster noch ein verschlafener Ort in der Lüneburger Heide und hatte gerade mal 470 Einwohner. Dann kam das Militär, der Truppenübungsplatz (heute TrÜbPl Munster-Süd) und das Munster-Lager wurden eingerichtet. In den Folgejahren wuchs Munster unaufhörlich. Dann kam der erste Weltkrieg und das Lager wurde nun auch für Kriegsgefangene benutzt, insgesamt rund 21.000 Mann. Wir wollen uns an dieser Stelle allerdings nur mit einem Teil der vielen militärischen Einrichtungen aus Munsters Geschichte befassen.

Offiziersbaracken im Munster-Lager

1.Weltkrieg: Gasplatz Breloh

1916 wurde in Munster zunächst von Gaspionier-Regimentern das sog. Breloh-Lager errichtet. Im Januar 1917 erteilte das preußische Kriegsministerium den Befehl zum Aufbau einer Gasmunitionsanstalt auf einem rund 6.500ha großen Gelände in der Raubkammer-Forst (ein Teil des heutigen Truppenübungsplatzes Munster-Nord). Im Februar wurde mit dem Bau des "Gasplatzes Breloh" begonnen (Der Begriff "Gas" ist eigentlich nicht richtig, da die meisten Kampfstoffe dieser Zeit nicht gasförmig waren). Bereits im Juli desselben Jahres lief die Produktion an, bis zum Kriegsende hatte man umfangreiche Anlagen errichtet und größtenteils in Betrieb genommen:

Die Anlagen des Gasplatzes Breloh im Überblick
Klopperwerk I 560m² Grünkreuz: Phosgen, Chlorpikrin (Klop) und Perstoff (Per)
Klopperwerk
Klopperwerk II 560m²
Lostwerk I 2.400m² Gelbkreuz: Schwefellost, Lewisit und Dick
Lostwerk 1
Lostwerk II 660m²
Lostwerk 2
Clarkwerk > 2.500m² Blaukreuz: Clark I/II (Chlor-Arsen-Kampfstoff), wurde bis Kriegsende nicht fertiggestellt.

Darüber hinaus die dazugehörige Infrastruktur:

  • Kraftwerk
  • mehrere Barackenlager für insgesamt etwa 4.500 Personen
  • rund 100km Schienen der Werksbahn
  • eine Schießbahn (bis zu 4.000m) zu Versuchszwecken
  • mehrere Versuchsgelände und -gebäude
  • mehrere Beutemunitionslager
  • Geplant war außerdem eine Versuchsanstalt im Gut Westerhorn

Rund 6.000 Menschen (75 Offiziere, 677 Unteroffiziere und 5.775 Mann) produzierten in diesen Anlagen rund ein Viertel der gesamten Kampfstoffmunition für das damalige deutsche Heer. Die Arbeitsbedingungen waren, nach heutigen Maßstäben, einfach katastrophal - echte Schutzkleidung existierte nicht und man ging recht sorglos vor, wie auch das folgende Bild zeigt.

Arbeiten mit Kampfstoffmunition

Neben der Produktion und Lagerung der eigenen Kampfmittel wurde hier auch Kampfstoffmunition befüllt. Daneben lagerte in Munster auch Beutemunition, so u.a. etwa 20.000 Chlorgasflaschen russischer Herkunft und Nebeltöpfe. Auf Schießbahnen und Erprobungsflächen wurden umfangreiche Versuche mit Kampfstoffen und -Munition durchgeführt.

Zwischen den Weltkriegen

Nach Kriegsende lagerten auf dem Gasplatz etwa 48.000 Tonnen Kampfstoff-Munition, mehrere tausend Tonnen kampfstoffgefüllte Beutemunition und 40 Kesselwagen unverfüllte Kampfstoffe. Es wurde entschieden, die Vorräte in Nord- und Ostsee zu versenken. Bei den Vorbereitungen kam es am 24.10.1919 zu einem tragischen Unfall - ein mit Kampfstoffen und Kampfstoffmunition beladener Zug explodierte und richtete verheerenden Schaden an. Bis auf das Clarkwerk und die Kraftwerksgebäude wurde fast die gesamte Anlage vernichtet - insgesamt 42 Gebäude. Kampfstoffgranaten wurden kilometerweit durch die Gegend geschleudert, Giftwolken bedrohten umliegende Ortschaften, die zum Teil evakuiert werden mußten. Viele Häuser im Umkreis wurden stark beschädigt. Neben den direkten Explosionsopfern kam es in den Folgemonaten zu vielen weiteren Todesfällen.

Gasplatz Breloh vor der Explosion 1919 auf dem GasplatzGasplatz Breloh nach der Explosion 1919 auf dem Gasplatz

Bis 1925 sollte das Gelände geräumt werden, dies geschah aber damals natürlich noch furchtbar blauäugig. Suchgeräte standen noch nicht zur Verfügung, so daß das Gelände nur oberflächlich abgesucht wurde. Geräumt wurde von etwa 1.000 Arbeitern, allerdings generell nur im Umkreis von 3km um das Explosionszentrum. Häufig stapelte man die gefundene Munition einfach aufeinander und sprengte sie, im wahrsten Sinne des Wortes, in die Luft. Aus diesen Gründen blieb eine beträchtliche Menge von Kampfstoffmunition scharf in der Landschaft zurück.

1921 übernahm die Hamburger Firma Stolzenberg die Arbeiten, die bis dahin von den Firmen König und Evaporator AG durchgeführt worden waren. Stolzenberg errichtete eine Kampfmittel-Verbrennungsanlage sowie eine Anlage zur Umwandlung von Chlorgas und Perstoff. Letztere explodierte bei der Inbetriebnahme im April 1922. Die Räumungsarbeiten wurden tatsächlich im Jahr 1925 abgeschlossen, die verbliebenen Anlagen auf Befehl der Siegermächte gesprengt.

Wie man sich leicht vorstellen kann, haben diese Arbeiten viele Tote und Verletzte gefordert, die man strenggenommen zu den weit über 50.000 Kampfstofftoten des ersten Weltkriegs addieren muß. In "Chemie der Kampfstoffe" findet sich hierzu der folgende Bericht eines Zeitzeugen:

"Frühling 1922. Ich komme an einem Märzmorgen zu den Arbeitern, die auf dem Gasplatz Breloh seit langer Zeit Gelbkreuzgranaten entlaborieren. Die Frühlingssonne scheint, sie scheint so schön und doch so erbarmungslos in die Gesichter.

Ich erschrecke: Wie sehen die meisten Arbeiter aus? Was mir die ganzen Wintermonate über nicht aufgefallen war, fällt mir heute im hellen Licht der Frühlingssonne auf. Obwohl doch der Arbeitstag erst beginnt, machen so viele Arbeiter einen so müden, elenden, hinfälligen Eindruck; besonders die älteren Leute sehen so schlecht aus. Ihre Stimme ist heiser, fast tonlos; Die Augen sind gerötet und schimmern etwas gelblich durch; der Blick ist müde und an den Händen sind überall kleine eiternde Schwären, die zum Teil notdürftig verbunden sind. Ganz besonders macht mir der Arbeiter B. Sorge, ein sonst kräftiger, gesunder Mensch. Er ist auffallend abgemagert. Ich frage, was mit ihm ist. Er weiß so recht keine Antwort zu geben; in letzter Zeit "hänge ihm das Zeug so am Leibe"; trotzdem er gutes Essen hätte, magere er immer mehr ab, und die kleinen Spritzer und "Dinger" auf der Haut, die früher noch abgeheilt wären, wollten überhaupt nicht mehr heilen.

Was ist mit diesen Arbeitern? Durch die monatelange Einatmung allergeringster Spuren Gelbkreuz (Dichlordiethylsulfid) ist eine langsame, fast unmerkliche Schädigung im Gesamtstoffwechsel eingetreten, die sich in einem allmählichen Kräftezerfall äußert .

Ein rätselhaftes Gift! Wenn man diese Arbeiter aus den Betrieben hinausnimmt und sie besonders gut ernährt, dann erholen sie sich zwar, aber sehr langsam, oft erst nach Monaten. So zeigt sich die chronische Einwirkung geringster Gelbkreuzspuren auf den menschlichen Organismus. Die akute, plötzliche Einwirkung ist aber noch bedeutend schlimmer. Wenn Gelbkreuz in Substanz direkt auf die Körperoberfläche, also besonders auf die Haut, kommt und wenn flüchtiges gasförmiges Gelbkreuz eingeatmet wird, dann ist die Wirkung noch viel augenfälliger und verheerender als bei der chronischen Einwirkung.

Werfen wir deswegen - ehe wir vom Gasplatz zurückkehren - noch einen Blick in die Revierstube, in der mehrere akut verletzte Gelbkreuzkranke liegen. Es herrscht in dem Krankenzimmer eine gedrückte Stimmung. Die Kranken tragen große Verbände. Die Augenlieder der Kranken sind zum Teil vollkommen verquollen, auch die Gesichter sind verquollen und aufgedunsen. Die Stimme ist tonlos, der Husten ist bellend und heiser. Die Kranken liegen zusammengekauert da, mißmutig und verzweifelt. Sie murmeln und stöhnen leise vor sich hin. Sie sind so gar nicht zugängig für ein freundliches Wort. Wenn man sie neu verbinden will, dann bitten und flehen sie: nur nicht an den Verbänden rühren; nur nicht neu verbinden! Denn sie hätten so gräßliche Schmerzen.

Es gibt Kranke, die schon monatelang hier im Revier liegen. So außerordentlich schlecht heilen die Wunden. Das ist die akute Wirkung von Gelbkreuz auf den menschlichen Organismus. Während bei den Grünkreuzkampfstoffen (Phosgen, Perstoff, Chlorpikrin, Chlor) sich häufig das Schicksal eines Kranken in den ersten 24 Stunden zum Guten oder Schlechten entscheidet, so daß wir schon nach wenigen Tagen verhältnismäßig gesunde Menschen vor uns haben können, ziehen sich die Folgen der Gelbkreuzschädigungen oft monatelang hin. Dieser Kräfteverfall und diese Wunden, die Wochen und Monate zum heilen brauchen, machen den Verletzten außerdem so wenig widerstandsfähig gegen andere Krankheiten. Bei Grünkreuz gibt es vor allen Dingen keine Hautverletzungen, sondern die Grünkreuzkampfstoffe sind reine Einatmungsgifte, während Gelbkreuz uns Menschen nicht nur durch die Einatmung mit allen ihren Folgen schädigt, sondern ganz besonders auch die Haut aufs schwerste verletzt, die bei Einwirkung von Grünkreuzkampfstoffen vollkommen intakt bleibt. So ist Gelbkreuz wohl das gefährlichste und auch das rätselhafteste Gift von allen chemischen Kampfstoffen. Wir müssen uns damit eingehend beschäftigen."

Zweiter Weltkrieg: Die Anlagen der Heeresversuchsstelle

Das Heereswaffenamt beschloß schon 1935, daß Gas- bzw. Kampfsroff-Munition hergestellt werden solle. Geplant war eine Gesamt-Aufteilung auf 15 Prozent Kampfstoff- und 85 Prozent Brisanzmunition. Als Füllungen waren Lost und Chloracetophenon vorgesehen. Die ca. 6.500 Hektar des ehemaligen Gasplatzes waren bereits Anfang 1934 an das Reichswehrminsterium gegangen und wurden nun durch Ankäufe und Enteignungen auf rund 10.800ha erweitert.

Typischer Kampfstoffbunker

Das Gesamtobjekt, das zum Großteil in den Jahren 1935 bis 1938 errichtet wurde, erhielt den Namen Heeresversuchstelle Munster-Nord, oft auch als Heeresversuchsstelle Raubkammer bezeichnet. Sie war dem Waffenprüfamt 9 des Heereswaffenamtes untergeordnet, der Hauptzweck der Anlagen war die Erprobung chemischer Kampfstoffe, die Entwicklung erfolgte dagegen in Berlin (Heeresgasschutzlaboratorium, Zitdelle Spandau). Die Wa.Prüf 9 und das Heeresgasschutzlabor zogen Anfang März 1945 aufgrund der Bombenangriffe auf die Hauptstadt nach Munster um und arbeiteten hier bis Kriegsende weiter. Aufgrund der Situation konnten allerdinmgs nur wenige Abteilungen des HGL ihre Arbeit tatsächlich fortsetzen - letztlich waren dies nur die Ábteilungen VIcL (Prüfung und Entwicklung von Kampfstoff-Munition) und VIIIL (Herstellungsmethoden für chem. Kampfstoffe, Kleinproduktion). Als die Briten eintrafen, waren einige Waggons mit Ausrüstung und Material des HGL noch nicht einmal entladen.

Die Anlagen in Munster waren in die folgenden Abteilungen gegliedert:
R I Versuchsfeld-Herrichtung, fotografische Labore
R II Analyse der Versuchsergebnisse
R III Entgiftung und Instandsetzung der Schutzbekleidung


 Vorführung einer Personenentgiftung unter Teilnahme von WaPrüf 9

R IV Werkstatt- und Instandsetzungsbereich für alle Fahrzeuge und Maschinen, Fahrbereitschaft


Heeresversuchsstelle Munster-Nord - KFZ-Werkstatt


R V Toxikologie, Haltung und Pflege der Versuchstiere und Gasspürhunde
Heeresversuchsstelle Munster-Nord - R5
R VI Fertigung, Laborierung, Füllung und Lagerung von Kampfstoffmunition, Fertigung von Abschwel-Pulvern. Dieser Bereich verfügte über zwei halbautomatische Füllanlagen (Kalt- und Heiß-Füllung).
Heeresversuchsstelle Munster-Nord - R6
R VII Sanitätsbereich, medizinische Auswertung
Heeresversuchsstelle Munster-Nord - R7
R VIII Pilotanlage für die Produktion von Tabun und Sarin. Bis Kriegsende wurde hier etwa eine halbe Tonne Sarin produziert.
Heeresversuchsstelle Munster-Nord - R8
R IX Versuchsgelände für Außenerprobung. Hier erfolgten auch viele Tierversuche, vor allem mit Gasspürhunden.
Heeresversuchsstelle Munster-Nord - R9
Kasernenbereich

Verschiedene Verwaltungsgebäude, Kommandantur, Wache, Kaserne, Kasino, etc.. Hierzu gehörte auch die auf dem Gelände des ehem. Breloh-Lagers errichteten Sportanlagen.

Heeresversuchsstelle Munster-Nord - Wache
Heeresversuchsstelle Munster-Nord - Unterkünfte
Heeresversuchsstelle Munster-Nord - Offizierskasino
Übungsplatz Hier befanden sich verschiedenste Einrichtungen zur Erprobung; Schießbahnen, Meßhäuser, Bombenabwurfplätze, der sog. Vz-Turm mit zwei verkürzten Geschützen, eine Kreisbahn mit Meß-Loren um das Zielgebiet, Beobachtungsstände usw.. Im Bereich der ehemaligen Ortschaft Lopesettel gab es auch landwirtschaftliche Versuchsflächen zur Erforschung der Effekte verschiedener Stoffe auf Pflanzen.
Heeresversuchsstelle Munster-Nord - Messhaus
Nebelwerfer auf der Heeresversuchsstelle Munster-Nord -
Nebelfüllstelle Der Name dieses Bereichs war reine Tarnung, hier wurde Kampfstoffmunition gefüllt. Auf dem Gelände existierte eine Tankanlage für rund 3.000t Kampfstoff. Die Nebelfüllstelle unterstand der Gruppe "Munition" des Heereswaffenamtes und gehörte organisatorisch somit nicht zur Heeresversuchsstelle.
Heeresversuchsstelle Munster-Nord - Nebelfüllstelle
E-Stelle der Luftwaffe Erprobung von Kampfstoffbomben (50kg und 250kg) und -geschossen und Durchführung von Sprühversuchen im Tiefflug. Dieser Bereich unterstand nicht der Heeresversuchsstelle sondern dem Technischen Amt des Reichsluftfahrtministeriums. Die Anflüge erfolgten meist von Kohlenbissen, seltener von Fassberg.

Die Anlagen waren zum großen Teil mehr oder minder getarnt - entweder als "einfache" Bunkeranlage oder als Häuser und Höfe im landestypischen Stil. In einigen Bereichen, so z.B. in der Nebelfüllstelle, gab es umfangreiche unterirdische Anlagen, die teilweise mit Gängen verbunden waren. Ein weitverzweigtes Schienennetz verband die einzelnen Geländeteile miteinander und mit der Reichsbahnstrecke.

Es wurden umfangreiche Versuche mit unterschiedlichsten Geschossen verschiedener Kaliber, Werfer-, Artillerie- und Gewehrgranaten, Minen, Wurfkörpern, Bomben (bis zu 500kg) und Sprühgeräten durchgeführt. Die Literatur beziffert die zu Testzwecken verfeuerte Munition wie folgt:

  • 16.800 Schuß Weißring
  • 1.600 Schuß Blauring
  • 7.000 Schuß Lost
  • 33.700 Schuß Grünring
  • 6.700 Schuß Tabun
  • 71.390 Sprühbüchsen

In diesen Zahlen sind die von der Luftwaffe in Munster erprobten Mengen nicht enthalten. Neben deutscher wurde auch Beutemunition untersucht und erprobt. Das Foto zeigt einen kleinen Bruchteil dieser tödlichen Vielfalt.

Kampfstoffmunition OCW

Verschiedenste Substanzen wurden erprobt, darunter Arsenöl, Blausäure, Lost, Tabun, Sarin, Chlorcyan, Chloracetophenon, Adamsit, Aeroform, Excelsior und viele andere. Auch Erprobungen von Entgiftungs- und Gasschutz-Methoden und -Mitteln für Mensch und Gerät hatten einen hohen Stellenwert. Ein gewisser Teil der Kampfstoffe wurde auch in der Lufthauptmunitionsanstalt 5/XI Oerrel verarbeitet.

Über unmittelbare Opfer der Kampfstoff-Versuche ist relativ wenig bekannt. Es ist aber anzunehmen, daß doch recht viele Soldaten und Angestellte Schäden davontrugen. Während einer Sprüh-Vorführung der Luftwaffe kam es am 8.9.1944 sogar zu einem Absturz einer Do-217E-3 (W-Nr.5068, KH+CR), bei dem alle Insassen ums Leben kamen.

Insgesamt wurde das gesamte Areal auch während der NS-Zeit weiter stark verseucht, besonders natürlich in den Ziel- und Sprühgebieten.

Die Zeit nach Kriegsende

Nachdem die Briten die Anlagen im April 1945 unbeschädigt übernommen hatten, führten sie zunächst bis zum Herbst eine Bestandsaufnahme und eigene Versuche durch. Anschließend, genauer in der Zeit von Herbst 1946 bis Herbst 1948, wurden die Fabrikations- und Lageranlagen bis auf wenige Ausnahmen (Kasernen-Gelände und einige Bunker) demontiert und gesprengt.

Heeresversuchsstelle Munster-Nord - Sarinfabrik

Offenbar hatte man seit dem Ersten Weltkrieg nicht viel dazugelernt. Die Kampfstoffe, nach britischen Angaben etwa 4.000 Tonnen, wurden zu einem Großteil in Wannen gefüllt und unter Zugabe von Brandbeschleunigern im Freien offen abgefackelt. Zigtausende gefüllte Kampfstoff-Granaten, Sprühbüchsen und Fässer - alleine aus der Heeres-Munitionsanstalt Munster-Ost waren dies 17.000 Tonnen - wurden teilweise einfach auf dem Übungsplatz vergraben. Bei diesen Arbeiten war auch eine größere Zahl deutscher Kriegsgefangener im Einsatz. Einige der Bunker und Anlagenteile wurden vor ihrer Sprengung nicht einmal komplett entleert. All dies sorgte natürlich ungewollt dafür, die Kampfstoffreste und -Munition großflächig zu verteilen. So stellte man Anfang der fünfziger Jahre dann auch eine starke Belastung bestimmter Gebiete (z.B. ehem. Fabrikgelände, Zielgebiete usw.) fest und sperrte diese für übende Truppen.

Munster - Kampfstoffverbrennung durch die Briten

Am Rande sei bemerkt, daß eine große Menge (zwischen 42.000 und rund 70.000 Schuß) Kampfstoffmunition nach 1945 auch in der Nord- und Ostsee versenkt wurden und zum größten Teil noch dort liegt. Wieviel davon aus Munster stammte, war leider nicht zu ermitteln.

In den Jahren 1948 bis 1955 wurde abermals geräumt, diesmal unter der Leitung des Munitionsräumkommandos der Polizeidirektion Hannover. Die Suche fand auch diesmal nur an der Oberfläche statt. Die Funde wurden teilweise gesprengt, zum Teil erneut vergraben - häufig undokumentiert. Erstmals wurden dann 1958 systematische Untersuchungen angestellt und wenig später mit Räumungen begonnen. Hierbei wurden zum ersten mal Förster-Sonden eingesetzt. Bis zum Jahr 1960 wurden so insgesamt fast 50.000 Kampfstoff-Behälter, Granaten und Bomben gefunden, die bis Mitte 1960 vernichtet worden sind. Das geschah wiederum hauptsächlich durch Sprengung auf Sammelplätzen auf dem heutigen Truppenübungsplatz und andere Methoden (anbohren, aufsägen etc.) unter freiem Himmel. Das Restmetall wurde ausgeglüht und an Schrotthändler verkauft. Der Übungsplatz wurde nach Abschluß der Arbeiten zum größten Teil wieder für den Manöverbetrieb freigegeben.

Munster - Delaborierung in den 50er Jahren

In den folgenden Jahrzehnten wurden immer wieder neue Untersuchungs- und Räumaktionen mit immer besserem Gerät unternommen und jede förderte erneut Unmengen von Kampfstoffmunition zu Tage

Nach der Übernahme des Übungsplatzes durch die Bundeswehr im Jahre 1956 wurde auf Teilen der ehem. Bereiche R6 und Nebelfüllstelle die Erprobungsstelle 53 der Bundeswehr für ABC-Schutz eingerichtet. Diese Dienststelle war primär für die Erforschung von Schutzverfahren für Mensch und Material zuständig, entwickelte sich in den Folgejahren aber immer mehr in Richtung wissenschaftlicher Arbeit und wurde dementsprechend 1975 in Wehrwissenschaftliche Dienststelle der Bundeswehr für ABC-Schutz (WWD) umgetauft. Mitte 1995 erfolgte eine erneute Umbenennung in WIS (Wehrwissenschaftliches Institut für Schutztechnologien - ABC-Schutz).

1982 übernahm das heutige Wehrwissenschaftliche Institut eine erste, 1980 erbaute Verbrennungsanlage (Kapazität: ca. 70 Tonnen Schwefellost pro Jahr) und begann mit der Vernichtung von Kampfstoffen. 1985 wurden dann rund 40.000 Tonnen Boden vom Truppenübungsplatz abgetragen und auf Halden bis zur Vernichtung in der geplanten Verbrennungsanlage II zwischengelagert. Mit dem Bau dieser zweiten Anlage wurde 1993 begonnen. Eine dritte, als Sprengofen komzipierte Anlage wurde Anfang 2006 in Betrieb genommen. Aus einer Drucksache des Deutschen Bundestages (13/2733) geht hervor, daß sich auf dem Gelände heute noch ein Kampfstoffbunker befindet, der im Jahr 1947 von den Briten lediglich zugeschüttet, aber nicht gesprengt wurde. Das Bauwerk, Kampfstoffbunker 4, wurde im Jahre 2003 durch die GEKA im Auftrag des Bundes geöffnet und untersucht. Die ehemaligen Kampfstoffzisternen wurden geleert und dabei Clark-haltige Erdmaterialien geborgen und zur späteren Vernichtung bei GEKA eingelagert. Was mit den Resten des Bunkers geschehen soll, ist bisher noch nicht entschieden.

Munster - GEKA mbHMunster - GEKA mbHMunster - GEKA mbHMunster - GEKA mbH
Munster - GEKA mbHMunster - GEKA mbHMunster - GEKA mbHMunster - GEKA mbH

Weitere Informationen über die Kampfstoff-Beseitigung gibt es auf den Seiten der GEKA, einer bundeseigenen Gesellschaft, die die Anlagen Mitte 1998 übernahm und seitdem betreibt.

Die historischen Anlagen heute

Der gesamte Bereich der Kommandantur wurde von den britischen Truppen von 1945 bis November 1993 unter dem Namen "Dennis Barracks" als Kaserne genutzt. Nach dem Abzug der Briten aus Munster wurde die Kaserne zum klassischen Konversionsobjekt - Freiflächen wurden bebaut, zum Teil mit Wohnhäusern, zum Teil mit Gewerbegebäuden. Die vorhandenen Bauten wurden restauriert und teilweise umgebaut und dienen heute größtenteils als Gewerbefläche. Im ehemaligen Kommandanturgebäude residieren jetzt die Stadtwerke Munster, das Offizierskasino wurde zum Hotel umgestaltet. Die Gebäude des sog. Schirrhofes gehören offenbar noch der Bundeswehr, sind aber zur Zeit ungenutzt. Eines der Gebäude wurde Mitte der Neunziger abgetragen und als Vereinshaus des Golfclub Munster an anderer Stelle wiedererrichtet..

Heeresversuchsstelle Munster-Nord / Dennis Barracks - KommandanturHeeresversuchsstelle Munster-Nord / Dennis Barracks - OffizierskasinoHeeresversuchsstelle Munster-Nord / Dennis Barracks - LaborHeeresversuchsstelle Munster-Nord / Dennis Barracks - Funktionsgenäude
Heeresversuchsstelle Munster-Nord / Dennis Barracks - NordwacheHeeresversuchsstelle Munster-Nord / Dennis Barracks - SchirrhofHeeresversuchsstelle Munster-Nord / Dennis Barracks - SchirrhofHeeresversuchsstelle Munster-Nord / Dennis Barracks - Schirrhof
Heeresversuchsstelle Munster-Nord / Dennis Barracks - MunitionslagerhausHeeresversuchsstelle Munster-Nord / Dennis Barracks - MunitionslagerhausHeeresversuchsstelle Munster-Nord / Dennis Barracks - PanzerhalleHeeresversuchsstelle Munster-Nord / Dennis Barracks - Schild

Die Produktions- und Versuchsanlagen wurden nach dem Krieg, wie schon oben gesagt, demontiert und gesprengt. Den größten Teil des Geländes beanspruchen heute die Anlagen des WIS und der GEKA. Das ehemalige Kasernengelände kann, von Privatgrundstücken natürlich abgesehen, frei betreten werden. Praktisch sämtliche anderen Bereiche der ehemaligen Heeresversuchsstelle sind militärischer Sicherheitsbereich und gehören heute sicherlich zu den bestgesichertsten Einrichtungen der Bundeswehr.

Quellen (Auszug):
- Archiv des WIS Munster
- Informationen der GEKA mbH, Munster
- Archiv T.Wolf, Stedden
- Privatarchiv Ron Dawber
- Publikationen des NLÖ
- Deutscher Bundestag, Drucksachen 11/2192, 11/6972, 13/2733
- Stationierungskonzept der Bundeswehr 2001, BMVg
- Das nationalsozialistische Lagersystem, Martin Weinmann
- Zahlreiche Bestände des Public Record Office, London
- Die Entwicklung der Gemeinde Breloh .., H.Garbers in "Der Niedersachse"
- Die Heeres-Gasschutzlaboratorien am Ende des Zweiten Weltkrieges, Gebhard Schultz
- 100 Jahre Soldaten in Munster - Ein Rückblick, Stadt Munster
- 50 Jahre Truppenübungsplatz (Munster), Walter Schrey
- Der Kieg, der nie stattfand, Günther W.Gellermann
- Der lautlose Tod, Olaf Groehler
- Das bittere Ende zwischen Weser und Elbe, Ulrich Saft
- Kriegschronik 1945 der Stadt Soltau und Umgebung, Willy Klapproth
- Lüneburg 45, Helmut C.Pless
- Munster - Unsere kleine Stadt - Heimat ihrer Bürger, Heinrich Peters
- Tödliche Gefahr aus der Tiefe, Andreas Oberhol
- Aussagen von Anwohnern und Zeitzeugen
- eigene Recherche

 
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