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Der Kaispeicher B im Hamburger Hafen

Geschrieben von: Michael Berndt   

An der Magdeburger Strasse 1, auf der Ecke zwischen dem Brooktor- und dem Magdeburger Hafen, steht der Kaispeicher B, das älteste noch erhaltene Bauwerk im Hamburger Freihafen. Der imposante Backsteinbau wurde in den Jahren 1878/79, also noch vor der Ratifizierung des Zollanschlusses und der Einrichtung des Freihafens und etwa 10 Jahre vor dem Bau der Speicherstadt errichtet. Auftraggeber war die Silospeicher Kommandit-Gesellschaft J.W. Boutin, die Architekten waren Bernhard Georg Jacob Hanssen und Wilhelm Emil Meerwein.

Nordwestgiebel um 1890Nordwestgiebel 2004
Giebel Magdeburger WestgiebelLadeöffnungenKaispeicher BvKaispeicher B, HamburgTreppenhaus

Das Gebäude besteht, wie auch die in der Konstruktion sehr ähnlichen Bauten der Speicherstadt, aus einem tragendem Innengerüst aus Holz- und Stahlstützen und -balken mit ebenfalls tragenden Außenwänden aus Ziegelmauerwerk. Der Speicher verfügt über acht, teilweise neun Stockwerke (sogenannte "Böden"). Die Fassaden sind durch einzelne Natursteinteile und farbig glasierte Backsteinschichten, vor allem aber durch Gesimse, Spitzbögen, Treppengiebel und Mauerreliefs gestaltet. Sie kommen ganz ohne die zu der Zeit sehr beliebten Formsteine aus. Die östliche Außenwand ist als Brandmauer ohne Gliederung und Öffnungen ausgebildet. Hier befinden sich heute zwei Verbindungsbrücken in verschiedenen Höhen als Übergang zu dem nach dem Zweiten Weltkrieg erbauten Nachbarspeicher.

In den neugotischen Formen, der unterschiedlichen Gliederung der Bauteile entsprechend ihrer Funktion, ihrer asymmetrischen Gruppierung und der abwechslungsreichen Kubatur spiegelt sich der stilistische Einfluss der Hannoverschen Bauschule. Durch diese anspruchsvolle und aufwändige Gestaltung sollte die Zweckarchitektur des Speichers aufgewertet und ein repräsentativer Eindruck erreicht werden. Dieser Eindruck wird beim Betrachter noch heute erweckt, obwohl das Bauwerk im Laufe der Zeit Verluste hinnehmen mußte. So fehlen heute u.a. der Schornstein und ein kleiner Giebel im Bereich der ehem. Kraftzentrale (siehe große Bilder ganz oben), Aufzugswinden an der Westfassade, eine Eckfiale am Westgiebel und ein Balkon. Mehrere Fenster in der Westfassade wurden verschlossen. Die Dampfmaschine zur Energieversorgung des Speichers wurde mit dem Anschluß an die externe Energieversorgung entfernt.

Der Bau war ursprünglich als eine Kombination aus Silospeicher für Getreide und Bodenspeicher für Stückgut angelegt, nach heutigem Kenntnisstand das einzige derartig kombinierte Gebäude in Hamburg. Für den Getreideumschlag gab es sogar bereits ein dampfgetriebenes Becherwerk, an das noch heute der Schornsteintorso an der nordwestlichen Gebäudeecke erinnert. Angeblich allerdings rüttelte diese Anlage aber so stark, dass sich bei der Förderung des Getreides zuviel an Staub und Spellen löste und so das Gewicht verminderte. Und das rechnete sich offenbar nicht im Vergleich mit den Lohnkosten des bis dahin üblichen Getreideumschlages per Hand. So wurde das Becherwerk stillgelegt und bereits 1884 unter der Leitung des Architekten Schäffer auch der östliche Teil des Gebäudes, der mehrere quadratische Silozellen enthielt, zu einem Bodenspeicher umgebaut.

Gußeiserne Stützen im Bodenspeicherteil
Ehemalige Eisenbahn-EinfahrtStützen im 6. BodenStützen im Siloteil
DachkonstruktionDachkonstruktionBodenraum

Und auch bei den Umbauarbeiten bewies man damals bereits Einfallsreichtum und Kostenbewusstsein: "Bei diesem Umbau wurden schmiedeeiserne Stützen durch Winkeleisen gebildet, welche von unten nach oben in den Hohlräumen der hölzernen Silos allmählich hinaufgeführt wurden. Alsdann legte man die tafelförmig herausgeschnittenen Wände der einzelnen Silozellen als tragfähige Fußböden direkt auf eiserne Unterzüge, welche von oben beginnend und von Stockwerk zu Stockwerk nach unten fortschreitend an den Stützen befestigt wurden." (1).

Durch diesem Umbau erhielt man im östlichen Gebäudeteil neun Böden hinzu, gegenüber nur acht Böden im westlichen Speicherteil bei gleichem Dach und gleicher Traufhöhe. Dadurch erklärt sich auch der Höhenversprung zwischen den Stockwerken und den Öffnungen in den Außenmauern. Loses Getreide wurde aber auch weiterhin gelagert, nun wieder in Körben und mit Winden nach oben transportiert und in einzelne Zellen auf den Speicherböden geschüttet. Die Führungsschienen für die Unterteilung dieser Zellen sind zum Teil bis heute an den Stützen erhalten. Nach dem Umbau standen insgesamt etwa 11.000 qm Lagerfläche zur Verfügung. Die Tragfähigkeit der Böden betrug 1.500 kg/qm.

Neben dem Bodenspeicher- und dem Siloteil umfasste das Gebäude auf seinem insgesamt fast quadratischen Grundriss noch die Kraftzentrale im Nordwesten sowie das Haupttreppenhaus mit angeschlossenen Kontorräumen im Südwesten. Diese verschiedenen Bauteile mit ihren unterschiedlichen Dachformen und -höhen gruppieren sich zu dem Gesamtkomplex mit seiner differenzierten und imposanten Silhouette. Die verschiedenen Nutzungen lassen sich auch an den unterschiedlichen Fenstergrößen und -höhen in den Fassaden ablesen.

DachbodenWindenkopfLichtschalter - antikLadeöffnungEingang
EisenbahntorLadekran

Der Speicher verfügt über zwei Wasserseiten am Magdeburger Hafen und am Brooktorhafen. An diesen beiden Fassaden befinden sich in jedem Stockwerk mehrere Ladeöffnungen, über die mit Winden das direkte Entladen von Schiffen und Lastkähnen möglich war. Die Landseite verfügt ebenfalls über solche Ladeöffnungen. Außerdem gab es ursprünglich sogar einen direkten Eisenbahnanschluss, der bis in das Erdgeschoss des Gebäudes führte und dort das witterungsgeschützte Be- und Entladen von Eisenbahnwaggons ermöglichte. Der Gleisanschluß ist heute nicht mehr vorhanden. Das große Einfahrtstor in der Südfassade ist zwar teilweise ausgemauert worden, aber noch deutlich erkennbar.

Im Jahre 1890 erwarb die Stadt Hamburg den Komplex, der seitdem die Bezeichnung "Kaispeicher B" trägt. Am 12.10.2000 wurde das Gebäude in die Denkmalliste der Stadt Hamburg eingetragen. Noch bis Ende 2003 diente der Bau in seiner ursprünglichen Funktion als Lager von Stückgütern.

In den nächsten Jahren soll der Kaispeicher B für das "Internationale Schifffahrts- und Meeresmuseum Peter Tamm" umgebaut werden.Das Wissenschaftliche Institut für Schifffahrts- und Marinegeschichte von Professor Peter Tamm beherbergt die international größte Privatsammlung zur Schifffahrts- und Marinegeschichte. Die Sammlung wird von Professor Peter Tamm in die "Peter Tamm Sen. Stiftung" eingebracht, die sie der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen will. Die Freie und Hansestadt Hamburg wird der Stiftung dafür den Kaispeicher B für 99 Jahre unentgeltlich im Wege des Erbbaurechts überlassen. Das museale und wirtschaftliche Konzept für den Betrieb des Museums wird zur Zeit erarbeitet. "Grundzüge dieses Konzepts sollen die Darstellung der geographischen und maritimen Entdeckungen, der technischen Entwicklung und deren Konsequenzen für die Menschheit sein. Umfassend präsentiert werden sollen die Entdeckungen berühmter Seefahrer, die Öffnung neuer Seewege, die Entwicklung nautischer Instrumente, die Forschung, die Seekriege, die technische Revolution, die Emigrantenströme, die Kunst und das Handwerk, die Handelsschifffahrt und die Entwicklung der Handelsströme." (8).

Nach einer detaillierten Bestandsaufnahme werden derzeit auch die Pläne für den Umbau erstellt. Mit den Umbauarbeiten soll noch im Sommer 2004 begonnen werden, die Eröffnung des Museums ist für August 2005 geplant.

Quellen und Literatur:
(1) Architekten- und Ingenieurverein zu Hamburg e.V. (Hrsg.): Hamburg und seine Bauten. Hamburg 1890
(2) Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz (Hrsg.): Aufgaben und Perspektiven der Hafendenkmalpflege : Schriftenreihe des Deutsches Nationalkomitees für Denkmalschutz Band 40. Bonn
(3) Kulturbehörde/Denkmalschutzamt der Freien und Hansestadt Hamburg (Hrsg.): Industriekultur und Arbeitswelt an der Wasserkante : zum Umgang mit Zeugnissen der Hafen- und Schiffahrtsgeschichte = Industrial culture and industrial work in costal areas / Internationales Hafendenkmalpflegesymposium (Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Hamburg Nr. 11). Hamburg 1992
(4) Ralf Lange, Henning Rademacher: Hafenführer Hamburg. Hamburg 1999
(5) Karin Maak: Die Speicherstadt im Hamburger Freihafen : Arbeitshefte zur Denkmalpflege in Hamburg Nr. 7. Hamburg 1985
(6) Dieter Maass: Der Ausbau des Hamburger Hafens : 1849 - 1910. Hamburg 1990
(7) Kulturbehörde/Denkmalschutzamt der Freien und Hansestadt Hamburg: Gutachten vom 26.07.2000 zur Schutzwürdigkeit des Kaispeichers B
(8) Internationales Schifffahrts- und Meeresmuseum Peter Tamm findet Heimat im Kaispeicher B. Pressemeldung der Feien und Hansestadt Hamburg vom 22.07.2003.

Die Peter Tamm Sen. Stiftung ist Inhaber der wirtschaftlichen Rechte an dem Gebäude und bat uns, ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß eine wirtschaftliche Nutzung von Fotografien des Kaispeichers B - hinausgehend über das Urheberrecht - der schriftlichen Genehmigung der Peter Tamm Sen. Stiftung bedarf.

 
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