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Das Reichsautobahn-Rasthaus Chiemsee

Geschrieben von: Michael Grube   

RAB-Rasthaus ChiemseeDie immer stärkere Verbreitung des Automobils führte besonders in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu ganz neuen infrastrukturellen Erfordernissen. Ein Auto benötigt einen ganz anderen Straßenbelag als die Pferdekutsche und statt des Ausspanns brauchte man nun Tankstellen. Die höheren Geschwindigkeiten führten bald zu dem Wunsch nach kreuzungsfreien Autostraßen – den Autobahnen. Adolf Hitler griff diese bereits vor 1933 entstandenen Ideen und Pläne auf und begann, sie propagandagerecht in die Realität umzusetzen. Entsprechend der nationalsozialistischen Idee des „Heimatschutzes“ führte man die Trassen durch die landschaftlich schönsten Gebiete des damaligen Reiches. Entlang der Strecken der neuen Reichsautobahn entstanden Tankstellen und Rasthäuser, an denen die Reisenden sich und ihre Fahrzeuge versorgen konnten.


Gemeinsam war all diesen Raststätten das konservative, am regionalen Baustil ausgerichtete Design und eine Einrichtung, die doch eher an ein deutsches Wohnzimmer als an ein Restaurant erinnerte. Auch hier stand der "Heimatschutzgedanke" bei Planung und Ausführung klar im Vordergrund. Die Gebäude des ersten Autobahn-Rasthauses, des damals auch als propagandistisches Vorzeigeprojekt dienenden „Rasthaus Chiemsee“ entwarf der Münchner Architekt Friedrich Norkauer, der sich als Vorbild für den Betrieb einer modernen Tank- und Rastanlage die Funktion einer historischen Poststation vorgestellt hatte. Als landschaftlichen Berater verpflichtete Fritz Todt, Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen und Leiter der Obersten Bauleitung der Reichsautobahnen (OBR), wohl auch aus weltanschaulichen Gründen den linientreuen Architekten Alwin Seifert.


Auf einer lang gestreckten, fast dreieckigen Fläche zwischen der Autobahn und dem Ufer des Chiemsee wurde die an ein typisch bayerisches Großgehöft im Landhausstil erinnernde Anlage in den Jahren 1937/1938 errichtet. Ein Glockentürmchen mit Uhr und Seejungfer als Wetterfahne, weiß handverputzte Außenmauern, hohe Lärchenholz-Fenster, schwere Holztüren und ein klassisches Schindeldach unterstreichen den Eindruck einer historisch gewachsenen, landestypischen Hofanlage.

Architekturmodell der RasthausanlageLuftbild, Ansicht von SüdwestenLuftbild, Ansicht von Nordwesten

Das ursprüngliche Ufer-Ödland wurde großzügig aufgefüllt und befestigt, zahlreiche, vor allem mit Sonnenblumen bepflanzte Beete und ein „Bauerngartl“ angelegt. Der Schilfgürtel verschwand und wurde durch Baumpflanzungen und eine auf Pfählen gegründete Ufermauer aus Nagelfluh ersetzt. Diese Uferbefestigung schließt Restaurant und Terrasse zum Seeufer hin ab und wurde zusammen mit einem Promenadenweg rund eineinhalb Kilometer in östlicher Richtung fortgesetzt.

Die Rastanlage war großzügig ausgestattet, sie verfügte neben dem Hoteltrakt über ein Restaurant mit Terrasse für 1.300 Gäste, Andenkenläden, einen Friseur, ein See-Freibad mit Liegewiese, eine Dampferanlegestelle und einen kleinen Hafen für Motor- und Segelboote. Südlich der Autobahn schlossen sich weitere zur Raststätte gehörende Bauwerke an, darunter Wirtschaftsgebäude mit Wäscherei und Metzgerei, Garagen und Unterkunftsmöglichkeiten für Fernfahrer. Der scheinbar geschäftstüchtige Direktor der Anlage wünschte sich sogar eine Bühne für Wasserflugzeuge. Seifert, der solche modernen, eher großstadttypischen Attraktionen ablehnte und das ländliche Konzept konsequent verfolgte, verhinderte dies jedoch.

Gesamtansicht von der SeeseiteBlick über den Parkplatz zum Rasthaus, 1939Das Hauptgebäude im WinterTerrasse

Der ländliche Stil setzte sich auch im Inneren der Gebäude fort. So erhielten die Hotelzimmer eine nach „Bauernart“ verzierte Einrichtung, der große Gastraum eine Decke aus massivem Fichtenholz, deren Unterzüge von drei mattroten Säulen aus Ruhpoldinger Marmor gestützt wurden. Die Fußböden entstanden aus Eiche und Nussbaum, die Kronleuchter und Beschläge fertigte die Münchner Kunstschmiedewerkstätte Reinhold Kirsch, während die kunsthandwerklichen Schreinerarbeiten von der Schreinerei Josef Hallhuber aus München durchgeführt wurden. Zahlreiche großformatige Ölbilder des Garmischer Künstlers Heinrich Bickel zierten die Wände des Gastraums. Sie zeigen, passend zum „Heimatschutzgedanken“, Szenen mit „alpenländischen Volkstypen“, darunter der Jäger des Schwangau, Schützen aus Wackersberg, Flößer aus Tölz, eine Sennerin von der Zwieselalm, der Bergführer vom Wilden und ähnliche Motive.

Großer SpeisesaalGroßer SpeisesaalSalon

Zur Eröffnung des Restaurants am 27. August 1938 kamen zahlreiche Besucher aus dem gesamten Umland, aus Salzburg, Tirol, Berchtesgaden und vor allem aus München. Die Presse erwähnte damals selbst ausländische Gäste aus Italien, Holland, Frankreich und England. Insgesamt zählte man an diesem Eröffnungstag rund 8.000 Gäste mit etwa 1.800 Kraftfahrzeugen und sechzig Bussen und servierte mehr als 5.000 Tassen Kaffee.

Speisekarte der Arbeitstreffens der RAB-Straßenmeister 1940Am 19. und 20. Juli 1940 beherbergte die Raststätte Chiemsee die jährliche Arbeitstagung der RAB Straßenmeister. Neben reich fachlichen Themen spielte natürlich auch hier die NS-Ideologie eine große Rolle. In einer Rede im Rahmen der Veranstaltung postulierte Fritz Todt reißerisch „[...] Sie sind die Straßenmeister der Reichsautobahnen. Diese Straßen werden nicht nur, so lange wir leben, unser Schicksal sein, sondern auch nach tausend Jahren werden sie noch die Straßen des Führers heißen. An ihnen zu arbeiten, sind Sie und Ihre Mitarbeiter berufen. [...]“. Zu diesem Zeitpunkt war die Nutzung des Rasthauses als Nebenbetrieb der Autobahn allerdings in Wahrheit bereits fast beendet, kurz darauf wurde die Anlage der Wehrmacht zur kriegswichtigen Nutzung als Genesungsheim übergeben. Die Luftschutzräume im Keller des Hoteltraktes sind als Zeugnis des Krieges bis heute größtenteils erhalten geblieben und wurden laut der Jahreszahlen auf den noch vorhandenen Typenschildern wohl schon beim Bau des Rasthauses eingebaut. Die zahlreichen, mal mehr und oft weniger künstlerischen Wandmalereien in diesen Räumen legen auf Grund ihrer Unterschiedlichkeit die Vermutung nahe, dass sich hier bis zum Kriegsende mehrere Personen über einen längeren Zeitraum hinweg "verewigt" haben.

Nach Ende des Krieges übernahm die amerikanische Armee das Anwesen, um dort ein Erholungszentrum für US-Soldaten und ihre Familien zu schaffen. Das „AFRC Lake Hotel“ (AFRC = Armed Forces Recreation Center) war über Jahrzehnte hinweg ein beliebtes Urlaubsdomizil vieler in Deutschland stationierter, amerikanischer Soldaten. Die in den Jahren 1989/1990 von den US-Streitkräften sanierte und modernisierte Gesamtanlage gliederte sich nun in drei Bereiche: Das Seehotel (das eigentliche, ehemalige Rasthaus, Nutzfläche ca. 10.600qm, bebaute Fläche ca. 5.500qm), das Parkhotel im südlichen, ehemaligen Wirtschaftsbereich und den Hafenbereich. Das Seehotel verfügte über 83 Gästezimmer mit insgesamt etwa 166 Betten sowie ein Restaurant, eine Cafeteria, eine Bar und mehrere Tagungsräume, während das Parkhotel etwa 146 Betten in 73 Gästezimmern bot. Obwohl der ursprüngliche Charakter bei allen Modernisierungen fast vollständig erhalten blieb, hinterließen auch die Amerikaner ihre Spuren – sei es in Form eines SB-Restaurants oder schlicht als typisch amerikanischer Hotel-Teppichboden.

Ansichtskarte der AFRC-Resorts in Deutschland

Als eines der AFRC-Schwesterhotels in Berchtesgaden 1994 aufwändig renoviert werden mußte, wurde die Anlage geschlossen, um sie der Bundesrepublik im Gegenzug zur Übernahme der geschätzten 29 Millionen US-Dollar Renovierungskosten zu übergeben. Die tatsächlichen Kosten für Berchtesgaden stellten sich schließlich als zu hoch heraus und der Plan wurde verworfen. Das AFRC-Hotel in Berchtesgaden wurde geschlossen und Chiemsee wiedereröffnet. Mitte 2000 beschloß der amerikanische Kongress die Zusammenlegung aller europäischen AFRC-Resorts in die Hotelanlage in Garmisch. Auf Grund der geänderten Weltlage nach Ende des Kalten Krieges und der Operation „Iraqi Freedom“, dem ersten Irak-Krieg, war die potentielle Kundschaft durch Truppenabzug stark geschrumpft. Am 2. September 2003 schloß das AFRC Lake Resort Chiemsee endgültig seine Pforten.

Zeremonie zur Schließung im September 2009

Am 30.Dezember 2004 wurde die Liegenschaft von den US-Streitkräften freigegeben und der Bundesrepublik Deutschland als Eigentümer zurückgegeben. Heute steht die gesamte Anlage mit Ausnahme der von den US-Streitkräften errichteten Bauten unter Denkmalschutz.. Der Hafenbereich wurde von der Gemeinde Bernau als weitgehend öffentlich nutzbarer Jachthafen erworben, der Grossteil der Gesamtanlage stand jedoch jahrelang leer. Erst 2008 erwarb ein Investor die Liegenschaft vom Bund. Ein geplantes Fünf-Sterne-Hotel ließ sich nach Angaben des damaligen Käufers aus bautechnischen und statischen Gründen nicht realisieren. Heute gehört die Liegenschaft einer Holding mit Sitz in Amerang (Kreis Rosenheim), zu der die Krankenhauskette Medical-Park gehört. Das Unternehmen eröffnete im September 2011 auf dem Gelände den "Medical Park Chiemseeblick", eine Orthopädie-Klinik mit rund 180 Patientenplätzen..

Foto-Galerie

Uhr mit Seejungfrauen am GiebelÜberdach in Richtung HoteleingangWegweiser aus Rasthaus-ZeitenHoteleingang
NebeneingangTafel neben dem HoteleingangBootsanleger der AusflugsdampferDie Meerjungfrau - Symbol des Rasthauses
Ufermauer im GartenbereichSpielplatz aus US-ZeitenBarbecue-Grill aus US-ZeitenUS-Beschriftung
HotelrezeptionEin Gang im Zwischentrakt erinnert beinahe am den Stil der NS-OrdensburgenEin Gang im typischen US-StilDer große Gastraum
Der große GastraumBickel-Gemälde im großen GastraumBickel-Gemälde im großen GastraumBickel-Gemälde aus dem  großen Gastraum
Bickel-Gemälde aus dem  großen GastraumBickel-Gemälde aus dem  großen GastraumKellergang mit GasschutztürWandmalerei in einem der Luftschutzkeller
Wandmalerei in einem der LuftschutzkellerWandmalerei in einem der LuftschutzkellerWandmalerei in einem der LuftschutzkellerWandmalerei in einem der Luftschutzkeller
Wandmalerei in einem der LuftschutzkellerWandmalerei in einem der LuftschutzkellerWandmalerei in einem der LuftschutzkellerWandmalerei in einem der Luftschutzkeller

Panorama-Galerie

Salon mit Bar Gang im Gästezimmer-Bereich Das so genannte Führerzimmer
Cafeteria Schnellrestaurant Zwischentrakt
Terrasse

Die Galerie-Fotos und -Panoramen entstanden im September 2007 mit freundlicher Genehmigung der Bundesagentur für Immobilienaufgaben.

Quellen:
- Der RAB Straßenmeister, Heft 8/1940
- Reichsautobahn im Spannungsfeld von Natur und Technik, Dr.-Ing. Charlotte Reitsam, 2004
- Die Chiemsee-Autobahn, Planungsgeschichte und Bau der Autobahn München – Salzburg 1933-1938, Richard Vahrenkamp, 2007
- Stars & Stripes, Ausgabe 4. September 2003
- USAREUR Public Affairs Office
- Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Verkaufsexposé- Süddeutsche Zeitung 27.01.2009

 
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