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Luftmunitionsanstalt 4/XI Höfer und U-Verlagerung LÖWE, Mariaglück

Geschrieben von: Michael Grube   

Schacht Mariaglück - U-Verlagerung "Löwe"


Die bergbauliche Geschichte Höfers reicht zurück bis ins Jahr 1906 zur Gründung der Gewerkschaft Mariaglück - zunächst in Gotha. Am 11. März 1910 wurde dann die Bergbaugesellschaft Mariaglück mbH in Celle gegründet. Bei ersten Probebohrungen war man bei einer Teufe von 120m auf einen Salzstock gestoßen, weitere Bohrungen folgten. Im Jahr 1910 begannen die ersten Bergleute mit dem Ausbau zweier Schächte (Schacht Mariaglück in Höfer und etwa 1.300m entfernt Schacht Fallersleben bei Habighorst). Im Jahr 1911 wurde eine Bergwerksgesellschaft gegründet, die 1916 in Habighorst mit der Förderung beginnen konnte. Nachdem die beiden Schächte miteinander verbunden waren, nahm 1922 auch Mariaglück die Förderung auf. 1924 wurde Schacht Fallersleben bereits wieder stillgelegt und sorgte nur noch für die Bewetterung der Anlage. Bis 1943 hatte man die Jahresproduktion auf rund 240.000 Tonnen gesteigert.

Schacht Mariaglück, Höfer
Ehemaliges Galvanisiergebäude

Zum Ende des Krieges, als immer mehr Rüstungsfirmen ihre Produktion in sichere, untertägige Lokationen auslagerten, blieb aber auch Mariaglück nicht verschont. Die Unternehmen wurden in mehreren, etwa 30m hohen und rund 30m x 100m großen Räumen auf der damals tiefsten Sohle (710m) untergracht. Schelter & Giesecke aus Leipzig fertigte ab März 1944 auf einer Fläche von etwa 7.000m² Fahrwerksteile für Me-109, Ju-88 und Ju-188, Opel stellte hier ebenfalls Fahrwerke her. Mehr als 600 Menschen mussten in dieser unterirdischen Fabrik arbeiten. Auch die Luftmunitionsanstalt lagerte zeitweise im Schacht ein. Zugkraftwagen- und LKW-Teile auf einer Fläche von rund 12.000m². Auf der 630m-Sohle wurde in einem etwa 120m langen Begleitstollen Bergungsgut der Stadtbibliothek Hannover, der Provinzialbibliothek Hannover, des Staatsarchivs Kiel, des Landeskirchenarchivs Hannover und der Firmen Vogelsang (Hamburg), Continental (Hannover) und Panna eingelagert. Die Anlage trug die Verlagerungsnummer 12 und den Decknamen LÖWE.

Im Jahr 1951 waren im kleinsten und nördlichsten Bergwerk der Kali & Salz immerhin wieder 420 Mitarbeiter beschäftigt, 1958/59 brachte man den Schacht von 710m auf 860 bzw. 890m Teufe. Trotz allem, bereits 1970 wurde die Kaliförderung eingestellt, am 8. Juli 1977 verließ die letzte Förderlore den Schacht. Zu dieser Zeit arbeiteten bereits nur noch 26 Menschen im Bergwerk (davon zehn untertage) an der Bereitstellung von Streusalz. Damit war die Bergbaugeschichte des kleinen Ortes beendet. Über dreizehn Millionen Tonnen Steinsalz und Kali hatte Mariaglück hergegeben. Noch im selben Jahr wurde die Schachtanlage als Endlager für Atommüll in Betracht gezogen, die Entscheidung fiel aber aus verschiedenen Gründen auf den Schacht in Gorleben.

1994 gab es nochmals Überlegungen, die riesigen unterirdischen Hallen des Bergwerks, insgesamt über fünf Millionen Kubikmeter, als Endlager für anderen Sondermüll zu verwenden, aber auch diese Pläne wurden schließlich verworfen. Am 30. Juni 2001 wurde der Förderturm Mariaglück abgebaut, Die Planungen zur vorgeschriebenen Flutung der Anlage laufen bereits, in einigen Jahren werden die Mundlöcher mit Geröll verfüllt und endgültig verschlossen werden.

Heute erinnern nur noch eine Seilscheibe und ein Förderwagen an die Bergbauära in Höfer.


Letzte Reste von Mariaglück

Luftmunitionsanstalt 4/XI Höfer

Der kleine Ort wuchs durch den Bergbau recht schnell - dieses Wachstum stieg noch an, als 1934/1935 mit dem Bau einer Luftmunitionsanstalt am Aschenberg begonnen wurde. Gleichzeitig wurde ein normalspuriger Bahnabzweig und die nahegelegene Siedlung ausgebaut. Neben 130 Bunkern entstanden Verwaltungs-, Kasernen und Betriebsgebäude. Später entstand zwischen der Munitionsanstalt und der Ortschaft Höfer ein weiteres Außenlager, das sogenannte "Waldlager". Zur Tarnung des bis dahin recht kahlen Heidegeländes wurden rund 100.000 Bäume gepflanzt. Eine Maulbeerbaum-Hecke im Gelände diente später erfolgreich zur Zucht von Seidenraupen, wie ein Zeitzeuge berichtet.

Ab 1941 gab es in der Nähe ein Kriegsgefangenenlager und in der Muna wurden, wie so häufig in den Rüstungsbetrieben der NS-Zeit, auch Zwangsarbeiter eingesetzt. Diese stammten in Höfer meist aus der Ukraine, Belgien und Frankreich und waren in meheren Lagern untergebracht: Den Waldlagern I und II, dem Habighorster Lager mit etwa 500 Personen und dem Lager Höfer-Heuberg mit etwa sechzig Personen (heute Dorfplatz). Ein weiterer Lagerbereich bei Habighorst diente als Unterkunft für die Landesschützen, die die Anlagen bewachten.

Reste eines Munitionslagerhauses
Luftschutzkeller der WacheSchalter an einem BunkerSchutzraum

Ursprünglich war die Muna nur als Lager vorgesehen, während des Krieges wurde neben fabrikneuer später auch zurückgelieferte, sogenannte Schlachtfeld-Munition eingelagert, untersucht und entweder aufgearbeitet oder auf einem nahegelegenen Sprengplatz vernichtet. Für die Untersuchung dieser Munition waren extra zwei spezielle Arbeitshäuser, getrennt nach Munitionsart, eingerichtet worden. Bei der eingelagerten Munition handelte es sich um Infanterie-, MG-, Leucht und Signalmunition, Landminen, Wurfgranaten, Fliegerbomben (darunter auch besonders starke Kaliber zum Einsatz gegen Großobjekte) und sogenannte "D-Munition".

Ein Teil der gefertigten und gelagerten Munition war u.a. für eine Luftlandung in Ägypten bestimmt. Zu diesem Kontingent sollten auch einhundert neuartige Panzerminen mit jeweils 9kg Sprengstoff gehören, die in Höfer erstmalig versuchsweise gefertigt wurden. Hierbei kam es am 8. November 1942 zu einer Explosion, die neun Menschenleben forderte - darunter vier junge Mädchen - und ein Arbeitshaus vollkommen zerstörte. Bei einem zweiten Explosionsunglück am 24.5.1943 kamen während der Munitionsverladung elf Menschen ums Leben.

Bei mehreren Jagdbomber-Angriffen auf Munitionszüge hatte es immer wieder Schäden gegeben, eine echte Bombardierung der Anlagen in und um Höfer hat aber nie stattgefunden. Am 13. April 1945 erreichte die britische 227. Brigade den Ort. Tags zuvor hatten die deutschen Truppen bereits umfangreiche Sprengungen in der Luftmunitionsanstalt vorgenommen, damit "dem Feind nichts in die Hände falle". Weitere Sprengungen durch die Briten folgten, teilweise sogar mit Evakuierung des Dorfes. 1945 bis 1947 wurden die Anlagen entmilitarisiert, auf provisorischen Sprengplätzen führten die Briten in dieser Zeit die Vernichtung von Munition - nicht nur aus Höfer - durch. Wie leider so häufig in dieser Zeit schichteten die Soldaten simpel einen Munitionshaufen auf und brachten diesen zur Explosion. Fast immer flog dabei eine nicht unerhebliche Menge beschädigter, aber undetonierter Granaten teilweise kilometerweit in die Umgebung - so auch in Höfer. Dieses Vorgehen führte in der Folge noch bis in die fünfziger Jahre zu Unfällen und sogar Todesfällen durch Munitionsfunde. Noch Jahre später kam es in heissen Sommern zu selbstentzündeten Bränden, hervorgerufen durch immer noch im Boden befindliche Phosphorreste.

Die Flächen der ehemaligen Luftmunitionsanstalt wurden in den sechziger/siebziger Jahren wieder einer militärischen Nutzung zugeführt - als NATO-Korpsdepot der Bundeswehr. Aufgrund der unzureichenden Munitionsvernichtung kurz nach dem Kriege mußte das Areal erneut untersucht und geräumt werden - dies geschah im Jahr 1980. Zwischen dem Muna-Hauptgelände und der dazugehörigen Siedlung entstand nach dem Krieg das Institut für Kleintierforschung, das sich hauptsächlich mit Geflügel beschäftigte.

Munitionslagerhaus der Bundeswehr

Nach Ende des Kalten Krieges wurde das Bundeswehr-Depot außer Dienst gestellt, Ende der Neunziger schloß auch das Geflügel-Forschungsinstitut. Die Siedlung am Aschenberg ist nach wie vor bewohnt und in gutem Zustand. Das ehemalige Depot wurde inzwischen an ein Privatunternehmen veräußert.

Quellen (Auszug):
- Archiv T.Wolf, Stedden
- Techn. Denkmäler in der BRD, Bd.3, Die Kali- und Steinsalz-Industrie, Rainer Slotta
- Gefährdungsabschätzung von Rüstungsaltlasten in Niedersachsen, Nieders. Umweltministerium
- Erkundungsbericht des WKK XI vom 6.3.1944
- Heimatkalender für die Lüneburger Heide, 1977
- Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld, Bestand ACC 9-14
- Bundesarchiv/Militärarchiv, Bestände RL 25/185, RW 21 42/4
- Chronik der Familie K. aus Höfer
- JIOA Report Item No.2
- Public Record Office Bestand AIR 26/505
- Das nationalsozialistische Lagersystem, Martin Weinmann
- versch. Publikationen der Firma Kali & Salz
- versch. Zeitungsberichte, vor allem Cellesche Zeitung
- versch. Aussagen von Anwohnern

 
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