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ATLAS-Interkontinentalraketen (ICBM) in den USA

Geschrieben von: Michael Grube   

In den fünfziger Jahren hielt, nach der Entwicklung der Langstreckenbomber, der nächste große Entwicklungsschritt im Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion Einzug - die Langstrecken-Interkontinentalrakete (ICBM). Die US Air Force entwickelte das Waffensystem ATLAS (SM-65) und wandte sich 1958 an das US Army Corps of Engineers (Pioniere), das die Abschussbasen bauen sollte.

Übersichtskarte 

Zu diesem Zeitpunkt war das Programm noch immer in der Entwicklungsphase, vieles war noch unklar und mußte immer wieder geändert werden. Das ging so weit, daß bereits erstellte Einbauten wieder abgerissen und entsprechend modifiziert werden mußten. Auch die endgültige Anzahl der ICBM-Einheiten war noch unbekannt und selbst über den für die Raketen und das Personal nötigen Schutz war man sich noch nicht ganz klar. Schließlich entschied sich die USAF für eine bestimmte Strategie und beauftragte das Corps of Engineers Ballistic Missile Construction Office (CEBMCO), Basen für dreizehn ATLAS-Einheiten, verteilt über fast die gesamten USA, zu bauen. Diese Anlagen, pro Einheit zwischen fünf und vierzehn Abschußbasen, wurden zwischen 1958 und 1964 errichtet.

Um die Fertigstellung voranzutreiben und möglichst bald einsatzbereit zu sein, wurden drei unterschiedliche Konfigurationen gebaut. Die ersten Objekte waren einfache, überirdische Anlagen, die innerhalb kürzester Zeit gebaut werden konnten und wenig Wert auf den Schutz der Flugkörper legten. Im Jahr 1960 wurden die ersten Schwadronen auf solchen sog. Soft Sites in Dienst gestellt. Die Rakete selbst war hier in einem 31,5m x 46,6m großen Stahlbetongebäude untergebracht. Zum Start konnte das Dach hydraulisch aufgeklappt, die 25,4m lange, mehr als 120 Tonnen schwere Rakete aufgerichtet und abgefeuert werden.

Die Atlas-Familie

Die nächste Stufe waren die Semi-Hard Sites, auch Särge genannt, die für die ATLAS E gebaut wurden. Auch hier war die Rakete liegend untergebracht, allerdings waren alle Installationen unterirdisch, so daß praktisch nur der Silodeckel hervorschaute. Das Silogebäude hatte hier eine Grösse von etwa 30m x 32m, wobei der seitliche Bereich als Betriebs- bzw. Werkstattbereich diente. Eine etwa zwanzig Meter lange Röhre verband den Silobereich mit dem Kontrollzentrum.

Atlas E Stellung 

Den Höhepunkt in der Entwicklung dieses Waffensystems stellte die ATLAS F dar. Sie war in sogenannten "Hard Sites", den ersten eigentlichen Vertikal-Silos, untergebracht. Der Siloschacht, der von 4,2m starken, 45 Tonnen schweren Türen nach oben hin abgeschlossen wurde, hatte einen Durchmesser von fast sechzehn Metern und war 53 Meter tief. Die Wandstärke betrug oben 3m, unten etwa 1,8m. Die Rakete wurde von einer "Crib" (Krippe) genannten Metallstruktur im Silo gehalten. Diese Konstruktion hing an vier Federn elastisch im Schacht. Während der Abschuss-Prozedur, die fünfzehn bis dreißig Minuten beanspruchte, wurde der Flugkörper aufgetankt, dann von einem Aufzug ins Freie gehoben und schließlich abgefeuert. Das erneute "Laden" des Silos hätte nach einem Abschuss etwa dreißig Tage gedauert. Hierbei wurden zwei Spezial LKW am Silomund mittels Bolzen verankert, die Rakete aufgerichtet und abgesenkt. Danach wurde der Gefechtskopf vom zweiten LKW aus auf ähnliche Weise montiert.

Schema einer Atlas F - Stellung 

Während des Baus der dreizehn Abschuss-Komplexe kamen zwölf Arbeiter ums Leben. Der Grund lag einfach darin, daß Tag und Nacht, Sommer wie Winter unter schwierigsten Umständen (Einstürze, Wassereinbruch, starker Frost, große Hitze) gearbeitet werden mußte. Die Kosten pro Silo bzw. Abschuss-Objekt betrugen rund 20 Millionen US$.

Bau von Kontrollzentrum und Silo für ATLAS-FErdarbeiten für ein ATLAS-F-Silo

Auch die Kontrollzentren der verschiedenen Atlas-Modelle waren unterschiedlich ausgelegt. Handelte es sich bei den Typen D und E noch um rechteckige, einstöckige Bauten, so hatte das der F-Serie nun eine runde Form und zwei Etagen. Hier arbeitete eine Besatzung von nur acht Personen, für die vier Betten zur Verfügung standen. Der Stress muß unbeschreiblich gewesen sein. Mehrmals im Monat gab es Übungen, die bis zur Abschussklarheit des ICBM gingen. Daß es sich nur um eine Übung handelte, wurde immer erst dann klar, wenn der Befehl kam, den Flugkörper wieder in Ruhestellung zu bringen. Da der Gefechtskopf in jedem Fall immer erst nach dem Start scharf gemacht worden wäre, gab es praktisch keinen für die Mannschaft erkennbaren Unterschied zwischen Übung und Ernstfall.

Neben Silo und Kontrollzentrum gab es weitere Gebäude, so z.B. KFZ-Hallen, Wirtschafts- und Bürobaracken, Tanks, mehrere feste und versenkbare Antennen. Die Gelände waren jeweils großzügig umzäunt und mit der damals besten Sicherheitstechnik ausgerüstet.

Trotz des hohen Aufwands war die Atlas-Serie nur kurz in Dienst und wurde schon sehr bald von Raketen mit Feststoff-Treibsätzen wie beispielsweise der Minuteman abgelöst. Schon 1965 ging die letzte ATLAS-Einheit außer Dienst. Alles brauchbare Material wurde aus den Komplexen entfernt und die Anlagen verlassen. Die von Lockheed Martin hergestellten Trägerraketen wurden von ihren Gefechtsköpfen befreit und dienten teilweise noch bis 1994 dazu, Satelliten ins All zu transportieren.

Nach der Stillegung wurden die Anlagen lange Zeit vergessen, bevor die Regierung sie an Privatleute bzw. Firmen veräußerte. Aufgrund der Abgelegenheit und der sonstigen ungünstigen Voraussetzungen für eine zivile Nutzung gab es sie eine Zeit lang recht günstig. Heute wechseln sie für eine Viertelmillion Dollar und mehr den Besitzer, angeboten werden sie u.a. von der Firma 20th Century Castles . Meist handelt es sich um Individualisten, die entweder ein ungewöhnliches Gewerbe (z.B. Ultraleicht-Flugzeugbau, Hochsicherheits-Server) unterbringen möchten oder eine außergewöhnliche Wohnidee haben.

Wir hatten Gelegenheit, zwei solche Anlagen im US-Bundesstaat Kansas zu besuchen.

Beim ersten Objekt, das zur Forbes Air Force Base gehörte, handelt es sich um eine Abschussbasis für das Modell ATLAS E. Das horizontale Silo dient heute als Garage und Abstellbereich, die angrenzenden Räume als Werkstatt. Durch einen Tunnel, der früher zur Hälfte mit Kabeln und Leitungen gefüllt war, gelangt man zum früheren unterirdischen Kontrollbereich. Über diesem, heute als Wohnung dienenden Bereich wurde ein Gebäude mit vielen Fenstern und Glasdach errichtet, so daß immer etwas Licht in die direkt unter dem Einstieg liegende Wohnküche fällt. Die KFZ-Hallen und Antennen sind heute nicht mehr vorhanden, trotzdem stellt sich das Gelände an vielen Stellen noch relativ original dar. Aus einem anderen Komplex hat der Besitzer sogar noch die Original-Bedienkonsole retten können.

Verbindungstunnel
Silodeckel und Gleitbett (ATLAS-E)Blick vom Silodeckel auf das nachträglich errichtete WohnhausAbschuß- und Kontrollkonsole (ATLAS-E)Horizontalsilo der ATLAS-E
Elektrisch betriebenes Tor zum Horizontal-Silo einer ATLAS-EKontrollzentrum - heute Wohnzimmer 

Die zweite Anlage gehörte zur Schilling Air Force Base und war mit einer ATLAS F bestückt. Der heutige Besitzer baut das ehemalige Kontrollzentrum zur Wohnung aus und hat dabei schon einige Fortschritte gemacht - ohne Frage liegt aber noch ein weiter Weg vor ihm. Er hat selbst einmal in einem solchen Komplex gearbeitet und möchte mittel- bis langfristig eine Ausstellung und ein Café im Siloschacht eröffnen. Dieser ist heute noch gähnend leer, die erwähnten, federnd hängenden Stockwerke aus Stahl wurden vor vielen Jahren demontiert. Auch dieses Gelände ist nicht mehr Original, auch hier fehlen die KFZ-Hallen und einige andere Einrichtungen. Verblieben sind neben den unterirdischen Bauwerken auch Zugangsgebäude, Lüftungsschächte, Antennensockel und weitere Details wie beispielsweise der Zaun.

Silodeckel von aussen (ATLAS-F)Außenansicht eines Silodeckels (ATLAS-F)Antennensockel, Eingangsbauwerk und Entlüftung (ATLAS-F)
Verbindungsgang Kontrollzentrum - Silo (ATLAS-F)Silotüren von unten (ATLAS-F) 

Zugegeben. diese Form des Wohnens ist extrem und bestimmt nicht für jeden geeignet. Das Gefühl, an einem der ehemals möglichen Ursprungsorte des Dritten Weltkriegs zu leben, geht sicherlich an den Wenigsten spurlos vorüber.

Quellen:
- Publikationen des US Dept. of Defense
- Publikationen des US Army Corps of Engineers History Office
- Angaben der heutigen Eigentümer
- Angaben verschiedener Luftfahrtmuseen
- eigene Recherchen

 
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