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Augen in Nacht und Sturm - Die Entwicklung der Funkmeßtechnik

Geschrieben von: Markus Scholz   


Heinrich HertzChristian HülsmeyerHeinrich Hertz stellte 1886 beim experimentellen Nachweis von elektromagnetischen Wellen fest, daß Radiowellen von metallischen Gegenständen reflektiert werden. Elf Jahre später wiederholte der Inder Jagadis Chandra Bose die Hertzschen Versuche in Kalkutta, diesmal jedoch mit einer kürzeren Wellenlänge. Gegen 1900 wies Nikolas Tesla das erste mal auf die Möglichkeit der Funkortung nach dem Rückstrahlprinzip hin. Am 30. April 1904 meldete der deutsche Wissenschaftler Christian Hülsmeyer beim Reichspatentamt ein Verfahren an, um entfernte metallische Gegenstände mittels elektrischer Wellen einem Beobachter zu melden. Das Radar war geboren. Was eigentlich der Handelsschiffahrt zugute kommen sollte, geriet erst einmal in die Hände des Militärs. Vor und während des Zweiten Weltkriegs entwickelten die Techniker immer leistungsfähigereGeräte.

Am 18. Dezember 1939 starben die Besatzungen von zwölf britischen Bombern, die Wilhelmshaven angreifen sollten und dabei Opfer einer erstmalig eingesetzten "Waffe" wurden. Diese Waffe erschien harmlos, da sie selbst mittelbar nicht in der Lage war, einem Menschen Schaden zuzufügen. Sie tat nichts anderes, als elektromagnetische Wellen auszusenden, die von einem Flugzeug oder Schiff als Echo zurückgeworfen wurden. Die Wellen waren so schwach, daß weder Flugzeug- noch Schiffsbesatzungen etwas davon spürten.

Echo-Zacken auf der Braunschen RöhreDiese Waffe hieß bei der Wehrmacht "Funkmeßtechnik" und bei der Royal Army "radio detection and ranging" (Radar). Sie bestand aus einer riesigen Antenne, einem Sendegerät und einem Empfänger, der die zurückgeworfenen Echos der Ziele auf einer Braunschen Röhre sichtbar machte. Am Anfang konnte nur die Entfernung der Ziele gemessen werden. In kurzer Zeit wurden die Geräte immer weiter entwickelt, dadurch konnte später auch die Höhe der Ziele präzise bestimmt werden.

Im Dezember 1939 befand sich die Funkmeßtechnik noch am Anfang ihrer Karriere. Die deutsche Luftwaffe hatte zu diesem Zeitpunkt gerade acht Funkmeßgeräte vom Typ "Freya" im Einsatz. Zwei dieser Geräte gehörten zur "Versuchsgruppe Wangerooge" des in Köthen stationierten Luftnachrichten-Regiments 1. Diese beiden "Freya"-Geräte hatten den britischen Bomberverband schon in 113 Km Entfernung erfasst. Die Meldung wurde an den "Jagdführer Deutsche Bucht" weitergegeben und die Wellington-Bomber wurden noch vor der Küste von Me109 abgefangen. Dadurch hatte die Funkmeßtechnik ihren ersten Sieg errungen und war nun zu einer kriegsentscheidenden Waffe geworden.

Seit 1929 arbeitete Dr. Rudolf Kühnhold, wissenschaftlicher Leiter der Nachrichten-Versuchsanstalt der Reichsmarine in Kiel, an einem Verfahren, um getauchte U-Boote mit Schallwellen zu orten. 1931 meldete er diese Unterwasser-Schallortung von Zielen, heute Sonar (sound navigation and ranging) genannt, zum Patent an. Dadurch kam Dr. Kühnhold auf die Idee, dieses Verfahren, allerdings mit elektromagnetischen Wellen, gegen Flugzeuge und Schiffe zu verwenden. Um diese Idee in die Tat umsetzen zu können gründete er 1934 die "Gesellschaft für Elektroakustische und Mechanische Apparate" (GEMA). Am 20. März 1934 führte die GEMA den ersten Funkmeßversuch erfolgreich durch: Auf der Kieler Förde wurde das Linienschiff "Hessen" aus 600 Meter angepeilt und das Versuchsboot "Grille" aus zwei Kilometer Entfernung geortet. Im September 1935 wurde das erste voll funktionsfahige Funkmeßgerät Offizieren der Reichsmarine vorgeführt. Der gepulste Sender hatte eine Frequenz von 600 MHz und eine Sendeleistung von 800 Watt. Aus der Laufzeit eines Pulses vom Sender zum Zielobjekt und zurück zum Empfänger konnte die Entfernung errechnet werden. Zum Senden und Empfangen wurde eine Jagi-Antenne mit Reflektor benutzt. Wärend der Vorführung konnte die Grille aus 8 und 12 Kilometern erfasst werden

Seetakt-Gerät auf der Admiral Graf SpeeKurz vor Kriegsbeginn waren bereits die größeren Schiffe der Kriegsmarine, wie die "Admiral Graf Spee", mit Funkmeßgeräten vom Typ "Seetakt" ausgerüstet. Aus Gründen der Geheimhaltung wurden diese Geräte mit Segeltüchern verhängt, deswegen wurden sie auch von den Matrosen als Matratze bezeichnet. Beim Marinemanöver 1937 bewährte sich das "Seetakt"-Gerät, zu diesem Zeitpunkt betrug die Reichweite 15 km, später wurde sie auf 25 km erhöht. Aus dem "Seetakt"-Gerät wurde das Frühwarngerät "Freya" entwickelt, dessen Stärke die breite Streuung der Radiowellen, 120 Km Reichweite und Drehbarkeit um 360° war. Die Schwächen des Gerätes lagen in der Unmöglichkeit, die Flughöhe und Anzahl der Ziele festzustellen. Als Ergänzung dazu wurde das "Würzburg"-Gerät entwickelt, dessen rotierender Dipol eine enge Radarkeule mit einer Wellenlänge von 50 cm aussendete. Die "Würzburg"-Geräte waren klein und leicht beweglich und konnten über eine Reichweite von 40 Km genaue Angaben über Anzahl und Höhe der Flugziele liefern. Bald war die Genauigkeit der Geräte so gut, daß sie auch den hohen Anforderungen der Flakartillerie genügten. Im Oktober 1939 bestellte die Luftwaffe 5000 "Würzburg"-Geräte. Damit besaß das Deutsche Reich eine Geheimwaffe, aber besaß es sie alleine?

Erschrocken horchten die deutschen Wissenschaftler auf, als Meldungen eintrafen, nach denen an der englischen Küste mehrere hohe Stahlgittermasten aufgebaut wurden. Hatten die Briten auch das Funkmeßverfahren entdeckt? Auf Grund der Meldungen startete am 3. August 1939 das Luftschiff "Graf Zeppelin" mit Wissenschaftlern und Funkmeßempfängern und erkundete erfolglos die englische Ostküste. Diese Fahrt wurde einige Tage wiederholt, jedoch blieben auch diesmal die Empfänger stumm. Die empfindlichen Geräte lieferten keine Antwort auf die Frage, ob England Funkmeßgeräte hat. Der Grund dafür war einfach: Die britischen Sender arbeiteten mit einer, für deutsche Wissenschaftler unsinnigen, Wellenlänge von 13 Metern.

Fast zur gleichen Zeit fragten sich die Wissenschaftler des "National Physical Laboratory", ob die Deutschen auch Radar haben. Einer Geheimdienstmeldung zufolge sollen in der Kurischen Nehrung eigenartige, hohe Sendetürme gebaut worden sein. Daraufhin schickten die Briten den führenden Radar-Wissenschaftler Sir Robert Watson-Watt und seine Frau nach Deutschland. Diese wanderten die ostpreußische Küste entlang, allerdings fanden sie nicht einen Sendeturm. Sie waren nämlich an der falschen Küste unterwegs. An der Lübecker Bucht bei Pelzerhaken hätten sie die Anlagen der Funkmeßversuche finden können. So kehrten die Eheleute Watson-Watt ohne Kenntnis der deutschen Funkmeßtechnik nach England zurück.

Aufgrund der politischen Weltlage hatte England Furcht vor einem Luftkrieg, dem es sich schutzlos ausgeliefert sah. Seit 1935 wurde daher die Radar-Technik erforscht. Robert Watson-Watt hatte dabei die gleiche Idee wie einige Jahre vor ihm Dr. Kühnhold: Radiowellen sollen durch Reflexion an einem Ziel dem Menschen ein elektronisches Auge schaffen, mit dem man bei jedem Wetter hunderte Meilen weit sehen kann.

Knickebein-Anlage bei BredstedtZu Kriegsbeginn besaß England dann eine, dem deutschen Funkmeßwesen in weiten Teilen unterlegene, Radar-Ausrüstung. An der Küste standen zwar die 80 Meter hohen Masten des "Chain Home"-Systems, welches den deutschen "Freya"-Geräten ähnelte, allerdings waren die englischen Geräte unbeweglich und konnten nur einen Sektor von 120° absuchen, dafür betrug die Reichweite 200 km. Dem "Würzburg"-Gerät konnten die Briten nichts entgegen setzen, auch verfügte die Royal Navy nicht über ein dem "Seetakt" ähnliches Gerät. Auch das Zielfindungsverfahren des "Knickebein"-Systems der deutschen Luftwaffe war den Engländern weit überlegen. Mit Hilfe von feststehenden und sich überkreuzenden Funkleitstrahlen wurden die deutschen Flugzeuge ans Ziel geführt. Doch dafür verfügte die Royal Air Force bereits seit 1942 über "Air to Surface Vessel Radar" (ASV-Radar), ein kleines Gerät, das in Flugzeuge eingebaut wurde, um See- und Luftziele zu erkennen. Seit Karfreitag 1939 wachte an der englischen Ostküste und am Ärmelkanal ein engmaschiges Radar-Netz. Alle Entwicklungen um die britische Radar-Technik wurden vom Luftfahrtministerium zielbewusst und planmäßig gesteuert. So hatten die Briten bereits ein Funksystem entwickelt, um ihre Jagdflugzeuge nach den Radarinformationen an die angreifende Feindflugzeuge heranzuführen.

Chain Home Sendeturm in SüdenglandWenige Minuten, nachdem der Premierminister Neville Chamberlain seine Radioansprache am 4. September 1939 mit den Worten "Dieses Land befindet sich jetzt im Krieg mit Deutschland" beendet hatte, begann für die britische Luftverteidigung der Ernstfall. Die Radar-Stationen am Ärmelkanal hatten ein unbekanntes Flugzeug geortet, das sich schnell der britischen Küste näherte, und so heulten in ganz Südengland und London die Sirenen zum ersten Fliegeralarm in diesem Krieg. Doch das Flugzeug war harmlos, in ihm saß der stellvertretende Luftwaffenattaché der französischen Botschaft in London, der von einem Wochenendausflug aus Frankreich zurückkam, allerdings vergessen hatte, seinen Flugplan einzureichen. Millionen Briten waren vor ihm in die Luftschutzkeller geflüchtet.

Während der Luftschlacht um England ein Jahr später wird aus der Komödie eine Tragödie für die deutsche Luftwaffe. Die wenigen Jagdstaffeln der Royal Air Force finden auf geheimnisvolle Weise die deutschen Bomberverbände, ohne ihren Treibstoff für unnötige Patrouillenflüge zu vergeuden. Die Radar-Geräte liefern ihnen die nötigen Informationen. Da die Verluste der deutschen Luftwaffe auf dreißig Prozent steigen, befiehlt die Luftwaffenführung Angriffe auf die britischen Radar-Stellungen. Die Stationen werden befehlsmäßig zerstört, jedoch senden kurz nach den Angriffen kleine Funktrupps Signale auf der Radar-Frequenz, die der deutsche Funkhorchdienst empfängt. Die deutsche Luftwaffenführung nahm deswegen an, daß sich weitere Angriffe auf die Radar-Stationen nicht lohnen. Der britische Bluff war gelungen.

Seit dem Ende des Frankreichfeldzuges wussten Deutsche und Briten, daß die jeweilige Gegenseite Radar-Technik einsetzte. Auf beiden Seiten des Ärmelkanals lauschten Funkhorchdienste nach den Radar-Strahlen des Gegners um sie auszuwerten. Jedoch kannte man noch keine Einzelheiten über die feindlichen Geräte. Die Geheimdienste setzten Agenten darauf an, um Informationen über Radar und Funkmeßtechnik zu sammeln.

Die Briten schlugen nach der Luftschlacht um England zurück und griffen mit immer stärker werdenden Bomberverbänden das Deutsche Reich an. Dadurch wurde die Luftwaffe zum Aufbau eines Abwehrsystems gezwungen. Da die Engländer nachts angriffen, musste die bisher nur lückenhaft vorhandene Nachtjagd weiter aufgebaut und die Nachtjäger von Funkmeßtechnik geführt werden. Obwohl die deutschen Nachtjäger durch die Funkmeßstellungen an die britischen Bomberverbände herangeführt wurden, fanden diese die Bomber meistens nicht in der Dunkelheit. Die Jagdflugzeuge brauchten ein eigenes Funkmeßgerät an Bord mit denen sie selbst die feindlichen Flugzeuge sehen konnten. Oberleutnant Becker erzielte im August 1941 den ersten Nacht-Abschuß mit Hilfe des in kurzer Zeit von Telefunken entwickelten "Lichtenstein"-Geräts, das in seiner JU-88 montiert war. Es arbeitete auf 60-cm-Wellenlänge bei einer Reichweite von 2.000 bis 3.000 m und setzte sich dank steigender Abschußziffern trotz des sperrigen Antennengeweihs am Bug der Jäger durch. Das streng geheime Gerät, im Funkverkehr "Emil Emil" genannt, fiel den Briten am 9. Mai 1942 unversehrt in die Hände. Zeitgleich wurden bei Siemens die Neptun-Geräte für kleiner Flugzeuge, wie die Me262, entwickelt.

Liechtenstein-Gerät an einer He-219

Als die Royal Air-Force im Jahr 1940 mit Nachtangriffen auf Deutschland begann, errichtete die Luftwaffe eine Verteidigungslinie aus sogenannten "Himmelbett"-Stellungen, die bei den Engländern unter dem Names seines Organisators, Generalmajor Josef Kammhuber, als "Kammhuber-Linie" bekannt wurde. Die zuletzt über 1000km lange "Kammhuber-Linie" zog sich von Dänemark bis nach Ostfrankreich und war ein ausgeklügeltes System aus Funkmeßstellungen, Jägerflugplätzen, Flakbatterien und Flugwachen, die alle telefonisch mit Jägerleitständen verbunden waren. Die "Kammhuber-Linie" suchte und fand seine Opfer. Die Funkmeßstellungen bestanden aus einem "Freya" und zwei "Würzburg"-Geräten. Das "Freya"-Gerät ortete den anfliegenden Feind aus weiter Entfernung und meldete die Flugzeuge an das Flugwachkommando. Das Flugwachkommando löste die Alarme "Luftgefahr 30" und "Luftgefahr 15" aus, das bedeutete, das der Feind 30 oder 15 Flugminuten entfernt war. Von "Freya" übernahm eines der "Würzburg"-Geräte den anfliegenden Bomberverband. Das zweite "Würzburg" hatte die eigenen Nachtjäger erfasst. Beide Geräte meldeten die Positionen der Flugzeuge an einen Gefechtsstand, auf dessen "Seeburg-Tisch", einer großen Mattscheibe, der feindliche Verband als roter Punkt dargestellt wurde. Per Sprechfunk führte der Jägerleitoffizier die Nachtjäger so dicht an die anfliegenden Bomber heran, daß diese auf den Bildschirmen des "Lichtenstein"-Gerätes im Nachtjäger erschien. Das "Himmelbett" wurde noch erfolgreicher, als die "Würzburg"-Geräte ab 1942 durch neue Funkmeßgeräte vom Typ "Würzburg-Riese" mit einem Spiegeldurchmesser von 7,5m und einer dadurch vergrößerten Reichweite von bis zu 70 km abgelöst wurden. Bis Kriegsende wurden etwa 4000 "Würzburg" und etwa 1500 "Würzburg-Riese"-Geräte gebaut.

Würzburg-RieseInnenansicht der Technik-KabineFunkmeßstellung mit einem Freya und zwei Würzburg-RiesenHimmelbett-Funkmeßstellung mit einem Freya und zwei Würzburg-Riesen

Auch die Flak arbeitete nun nach den präzisen Informationen der Funkmeßgeräte. Sie erhielten von den "Freya" und "Würzburg"-Geräten die Richtwerte übermittelt, und auch die Scheinwerfer wurden durch einen zusätzlich montierten "Parasit" automatisch auf die anfliegenden Feindflugzeuge gerichtet. Die deutschen "Himmelbett"-Stellungen ließ die Verluste der britischen Bomber so hochschnellen, daß die Führung der Royal Air Force überlegte, die Luftangriffe gegen Deutschland einzustellen.

FuMG 39  Würzburg D

Die deutschen Funkmeßanlagen konnte man nur durch intensive und überraschende Störmaßnahmen überwinden. Allerdings kann man nur Geräte stören, von denen man die Funktionsweise kennt, daher brauchten die Engländer schnellst möglich ein deutsches Funkmeßgerät. Daraufhin fotografierten britische Aufklärungsflugzeuge systematisch die Küste Nordfrankreichs. Luftbilder von Funkmeß-Stellungen wurden besonders genau ausgewertet. Die Auswerter fanden die Aufnahme eines "Freya"-Geräts bei Bruneval, 20 Km nordwestlich von LeHavre, interessant. Diese Stellung erschien den Briten günstig für ein Kommandounternehmen. Noch einmal startete der Aufklärerpilot Tony Hill, um das "Freya" bei Bruneval aus geringer Höhe zu fotografieren. Besonderes Augenmerk lag dabei auf einem Trampelpfad, der zu einem schwarzen Objekt führte. Hill riskierte einen lebensgefährlichen Tiefflug durch das deutsche Abwehrfeuer und brachte gestochen scharfe Fotos von dem rätselhaften Objekt mit, dabei handelte es sich um ein "Würzburg"-Gerät. In der Nacht vom 27. zum 28. Februar 1942 sprang der britische Major Frost zusammen mit 110 Fallschirmjägern und Radartechnikern bei Bruneval ab und stürmt bei der Operation "Biting" die Funkmeß-Stellung. Die deutsche Bedienmannschaft wehrt sich zwar heftig gegen die Angreifer und will die Funkmeß-Geräte sprengen, jedoch wurden aus Sicherheitsgründen die Sprengladungen und Zünder getrennt von einander gelagert und so reichte die Zeit nicht mehr für die Sprengung. Die deutschen Soldaten wurden überrannt und nur drei von ihnen überlebten den Angriff. Die britischen Techniker fotografierten und zerlegten das "Würzburg"-Gerät. In der Eile sägten sie einige Teile ab, die sie auch leicht hätten abschrauben können. Kurz bevor eine deutsche Kompanie bei der Funkmeß-Stellung eintrifft, erreicht der britische Stoßtrupp mehrere Landungsboote. Unter dem deutschen MG-Feuer und dem Verlust von acht Mann verluden die Briten ihre Beute und fuhren geschützt durch mehrere Kriegsschiffe zurück nach England.

Window/Chaff - Lametta zur RadarstörungDie britischen Experten fanden schnell den Schwachpunkt des "Würzburg"-Geräts: es sendete nur auf einer festen Frequenz und ließ sich nicht auf andere Wellenbereiche umschalten. Der britische Stoßtrupp gab der deutschen Luftwaffe einige Rätsel auf, aber man kam zum richtigen Schluß, daß die Engländer auf der Suche nach Störmaßnahmen waren. Deshalb wurde unter dem Decknamen "Wismar" eine Möglichkeit der Frequenzumschaltung entwickelt und denkbare Störmöglichkeiten erforscht. Der Telefunken-Ingenieur Rosenstein entdeckte bald eine einfache Störmethode: Wenn ein Streifen Aluminiumfolie halb so lang ist wie die Wellenlänge der Sendefrequenz, reflektiert er die Aluminium-Chaff mit FallschirmRadiowellen genau so wie ein Flugzeug. Ein mit 54 cm Wellenlänge arbeitendes "Würzburg"-Gerät konnte also mit 27 cm langen Stanniolstreifen gestört werden. Das Verfahren wurde, nach dem Gut Düppel bei Berlin, wo die ersten Versuche stattfanden, "düppeln" genannt. Als Reichsmarschall Göring davon erfuhr, verbot er weitere Versuche, damit der Feind nichts davon erfuhr. Doch die Untersuchung des erbeuteten "Würzburg"-Geräts hatte die Briten schon auf diese Idee gebracht, dessen Grundprinzip schon seit 1937 durch den englischen Wissenschaftler Dr. Jones bekannt war. Auch die britische Regierung befürchtete, daß die Deutschen dieses Störverfahren gegen die englischen Radar-Geräte einsetzen könnten und beschlossen, die "Window" genannten Düppel erst einzusetzen, wenn das Bomberkommando eine Stärke erreicht hat, mit der man einen großen Gegenschlag führen konnte.

Gestörtes Signal auf dem SichtgerätIn der Nacht zum 25. Juli 1943 begann das Unternehmen "Gomorrha", 740 britische Bomber flogen nach Deutschland und wurden von den Funkmeßgeräten erfasst, 24 Minuten nach Mitternacht heulten in Hamburg die Luftschutzsirenen. Die Funkmeßstellung "Hummer" auf Helgoland meldete, daß sie von vielen, sich langsam bewegenden Punktzielen gestört wurde. In den Nachtjagdleitstellen trafen Meldungen ein, daß sich der Feind plötzlich vervielfachte und die Nachtjäger sahen auf ihren "Lichtenstein"-Geräten ganze Wolken von Feinden. Die Flakbatterie 1./607 in den Harburger Bergen meldete ein Gewirr von Zacken auf den Anzeigegeräten. Durch die Störmaßnahmen fielen die Feuerleitgeräte der Flak rund um Hamburg aus, die Luftverteidigung war zusammengebrochen. Flugzeuge mit Störsendern verwirrten darüber hinaus das Frühwarnsystem.

Von der deutschen Flugabwehr fast ungehindert legten die Bomber in einem der schrecklichsten Luftangriffe des Krieges Hamburg in Schutt und Asche. In den folgenden Tagen flog die Royal Air Force noch drei weitere Angriffe auf die Hansestadt. Durch die erfolgreichen Störmaßnahmen sanken die britischen Verluste auf drei Prozent, in Hamburg aber starben etwa 50.000 Menschen im Feuersturm. Das Unternehmen von Bruneval hatte sich für die Briten ausgezahlt, die deutsche Flugabwehr war lahmgelegt. Das "Himmelbett"-Verfahren funktionierte auch deshalb nicht mehr, weil die Bomber ihre Angriffstaktik änderten. Statt in auseinandergezogenen Verbänden anzugreifen, überschwemmten sie die Nachtjagdreviere mit einem "Bomber-Strom", konnte doch jedes Nachtjagdrevier maximal zwei Nachtjäger gleichzeitig an die Feinde heranführen. Bald aber wurden die "Würzburg"-Geräte mit einem "Würzlaus" genannten Zusatzgerät entstört, dadurch mussten die Engländer die dreifache Menge an Folien abwerfen, um die Geräte zu stören. Gegen Ende des Krieges half das "K-Laus"-Gerät einen noch zwanzigmal stärkeren "Window"-Nebel zu durchdringen. Im August 1943 erhielten die Nachtjäger das neuentwickelte "Lichtenstein SN 2"-Gerät, statt bisher 3 km konnten sie nun dank einer Wellenlänge von 3,30m 7 bis 8 km weit störungsfrei sehen. Damit erholte dich sie deutsche Luftverteidigung wieder.

Funkmessgerät FuMG 65 Würzburg RieseFunkmessgerät FuMG 65 Würzburg RieseFunkmessgerät FuMG 65 Würzburg RieseFunkmessgerät FuMG 65 Würzburg Riese
Funkmessgerät FuMG 65 Würzburg RieseFunkmessgerät FuMG 65 Würzburg RieseSockel eines Funkmessgerät FuMG 65 Würzburg Riese

Auf See war die Situation ähnlich: Am Anfang des Krieges hatte das deutsche Funkmeßwesen eine klare Überlegenheit, bis dann auch die Royal Navy ihre Kriegsschiffe mit Radar ausrüstete. Dem Radar war auch der Erfolg bei der Jagd auf das Schlachtschiff "Bismarck" zuzuschreiben, die "Bismarck" erschien immer wieder als Echozacken auf der Braunschen Röhre der britischen Radar-Geräte.

Gegen den Rat seiner Admiräle riskierte Hitler am 12. Februar 1943 den Kanaldurchbruch der teilweise in Brest festsitzenden Kriegsmarine. Angesichts der lückenlosen britischen Überwachung des Ärmelkanals musste das Unternehmen zwangsläufig in einem Desaster enden, jedoch wurde das "Unternehmen Cerberus" ein Erfolg. Ein Grund dafür war der Einsatz von deutschen Störflugzeugen, die den Engländern einen angreifenden deutschen Flugzeugverband an der Ostküste vortäuschten. Ein anderer Grund aber sind Pannen, die in zwei britischen Aufklärungsflugzeugen auftraten. In einem Fall war lediglich eine Sicherung im ASV-Radar durchgebrannt. Eine kaputte Sicherung rettete möglicherweise tausenden deutschen Seeleuten das Leben und verhalf Hitler zum Triumph.

Doch durch das Radar starben die deutschen U-Bootbesatzungen und das, obwohl Radarstrahlen nicht in das Wasser eindringen können. Da unter Wasser die Geschwindigkeit zu gering und die Kapazität der Batterien schnell erschöpft waren, tauchten die U-Boote nur für den Angriff bei Tageslicht und bei Gefahr. Die aufgetaucht fahrenden U-Boote wurden jedoch durch das Radar der Suchflugzeuge auch bei Nacht erfasst. Das Flugzeug wurde zum gefährlichsten Feind der U-Boote. Nach verheerenden Verlusten erhielten die U-Boote "Metox"- und später "Sadir"-Empfänger am Turm montiert, die die Besatzung durch einen Alarmton warnte, wenn das U-Boot von einem feindlichen Radar angepeilt wurde. Allerdings sank dadurch die Verlustrate bei den U-Booten nur kurzzeitig, denn die Alliierten waren mit dem "Huff-Duff"-Gerät imstande, die genaue Position der U-Boote auch bei sehr kurzen Funksprüchen anzupeilen. Der ursprüngliche Vorsprung der deutschen Funkmeßtechnik auf See und in der Luft ging an die Engländer verloren. Die Deutschen hielten an den längeren Wellenbereichen fest, doch die Briten arbeiteten mit immer kürzeren Wellenlängen, und die Erfolge gaben ihnen Recht. Sie hatten plötzlich das "Rotterdam" genannte H2S-Radar an Bord ihrer Flugzeuge, das fähig war, den Erdboden abzutasten und so bei Nachtangriffen auf Deutschland bebautes Gebiet sichtbar zu machen. Die britischen Bomber fanden scheinbar mühelos ihre zu bombardierenden Ziele mit Hilfe des "Oboe"-Systems aus festliegenden Leitstrahlen. Es funktionierte so ähnlich wie das deutsche "Knickebein"-Gerät.

Berlin N1ADas 1943 von Telefunken entwickelte "Berlin N1A"-Bordradar hatte bereits wesentliche Merkmale späterer Nachkriegsgeräte. Es verfügte über einen Parabolspiegel mit 70cm Durchmesser und einem rotierenden Dipol. Das Gerät arbeitete mit einer Sendefrequenz von 3,3 GHz und einer Reichweite von etwa neun Kilometern. Am Bug des Flugzeugs wurde es durch einen hölzernen Radom abgedeckt. Insgesamt wurden 25 Berlin-Geräte der Reihe N1A gebaut. Die deutschen Wissenschaftler arbeiteten fieberhaft. Radar erzeugte Anti-Radar, Täuschung eine Gegentäuschung. Beide Seiten entwickelten Geräte, die sich die gegnerischen Radiowellen zunutze machten, um den Feind zu finden und zu vernichten. Plötzlich wurde es lebensgefährlich, Radarimpulse auszusenden. Die alliierte Invasion in der Normandie am 6. Juni 1944 wurde zum Höhepunkt der Täuschungsmaßnahmen. Radarsender gaukelten den Deutschen schwere Schiffsverbände vor, wo überhaupt keine waren. Alliierte Bomberstaffeln flogen eine Scheininvasion bei Caen, um von der wirklichen Luftlandung abzulenken.

Am 13. Juni 1944 erlitt das deutsche Funkmeßwesen einen weiteren Schicksalsschlag, als eine Nachtjägerbesatzung nach England desertierte. An Bord ihrer JU-88 befand sich eine komplette Hochfrequenzeinrichtung, darunter das "Lichtenstein SN2" und das Zielfindungsgerät "Flensburg". Das "Flensburg"-Gerät nutzte die Signale des in britischen Bombern eingebauten Warngerätes "Monica" um diese aufzuspüren. Ein weiterer Vorsprung ging den Deutschen verloren, denn die Briten lernten die "Flensburg"- und "Lichtenstein SN2"-Geräte zu täuschen. Dafür störten die Deutschen das britische "Oboe"-System, die Engländer wiederum störten den Sprechfunkverkehr der Nachtjäger mit Klingelzeichen und Hitler Reden. Weitab von den Schlachtfeldern kämpften in Laboren und Forschungsinstituten deutsche gegen alliierte Wissenschaftler. Doch Deutschland holte in der Funkmeßtechnik noch einmal auf: Dem "Würzburg-Riesen" folgte das "Wassermann"-Gerät und diesem der "schwere Wassermann", der vom "Heidelberg"-Gerät abgelöst wurde. Das "Heidelberg"-Gerät hatte eine Reichweite von 400 km und konnte die britischen Bomber bereits beim Start über ihren Flugplätzen erfassen. Aus dem "Freya"-Gerät wurde das 360°-Rundumsuchgerät "Jagdschloß" entwickelt. Bei Kriegsende standen "Elefant"- und "Mammut"-Geräte mit Reichweiten bis zu 600 km bereit. Die deutschen Wissenschaftler hatten inzwischen mit kurzen Wellenlängen bis hinab zu 1,5cm- und 9mm-Welle zu experimentieren begonnen. Geräte zur Flugabwehr wie "Naxos", "Korfu" und "Hohentwiel" gelangten nicht mehr an die Front. Auch Zusatzgeräte zur Entstörung wie "Taunus" und "Steinhäger" kamen zu spät. Die Flak erhielt das Zielsuchgerät "Marbach", das mit der 9cm-Welle arbeitete und 35, später 50 km weit messen konnte.

Funkmeßgerät JagdschlossFunkmeßgerät Wassermann MFunkmeßgerät Wassermann S
Dreh-FreyaFuMG Mammut

Bei Kriegsende hatte Deutschland die verlorengegangene Spitzenposition in der Funkmeß-Technik zurück errungen. Doch anfangen ließ sich damit natürlich auch nichts mehr, der Krieg war zu Ende.

Quellen (Auszug):
- Bundeswehr WTD81, Greding
- FGAN - 100 Jahre Radar www.100-Jahre-Radar.de, mit frdl. Genehmigung - an dieser Stelle unser besonderer Dank dafür.
- Stephen M. Hutton, The 36th Bomb SouadronN RCM - http://www.36rcm.com
- EADS Deutschland GmbH, Defence Electronics
- Dissolution of the Luftwaffe, HMSO 1947, mit frdl. Genehmigung
- Soldat & Technik 6/1969
- K-O Hofmann - Die Geschichte der Luftnachrichtentruppe
- Fritz Trenkle - Die deutschen Funkmessverfahren bis 1945
- Gebhard Aders - Geschichte der deutschen Nachtjagd 1917-1945
- Frank Reuther - Funkmeß
- Sammlung M.Svejgaard, Gyges
- Sammlung Nick Catford
- Sammlung Helge Fykse
- Sammlung M. Scholz
- Sammlung M.Grube
- eigene Recherche

 
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