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Die Flakinsel auf der Alster

Geschrieben von: Michael Grube   

Während des Zweiten Weltkriegs gab es in und um Hamburg weitreichende Vorkehrungen zur Abwehr feindlicher Flugzeuge bzw. Bomber/-verbände. Wichtigster Bestandteil waren die Flugabwehrgeschütze, die sogenannte Flak (siehe dazu unseren Artikel "Flakschutz für Hamburg"). Eine der bemerkenswertesten Flakbatterien der Stadt, die sogenannte "Bürgermeister-Krogmann-Stellung", befand sich im Zentrum Hamburgs an einer überaus ungewöhnlichen Stelle: Man hatte eigens für sie eine künstliche Insel in die Außenalster gebaut.

Wie die Elbe war auch die Alster aus der Luft leicht erkenn- und identifizierbar und erleichterte den Bombern der Alliierten so die Orientierung und das Auffinden der jeweiligen Ziele ganz erheblich. Um dies zu erschweren, führte man an markanten Gebäuden (z.B. Hauptbahnhof und Dammtorbahnhof) und Plätzen Tarnmaßnahmen unterschiedlichster Art durch. Die leichte Erkennbarkeit der Alster versuchte man zu mindern, indem die gesamte Binnenalster mit Hilfe von Holz-, Draht- und Reetkonstruktionen bis auf ein schmales Fahrwasser als Stadtgebiet getarnt wurde. Eine "falsche" Lombardsbrücke auf der Außenalster sollte die Illusion perfektionieren. Mitte März 1941 war die Tarnung etwa zur Hälfte, die falsche Brücke zum größten teil fertig gestellt, am 8. April 1941 waren die Tarnmaßnahmen schlueßlich komplett. Funktioniert haben diese Tarnversuche praktisch kaum, da bei der stereografischen Auswertung von Luftbildpaaren leicht erkennbar war, daß es sich um flache Konstruktionen und nicht etwa um echte Gebäude handelte. So konnten die alliierten Besatzungen leicht entsprechend instruiert und auf diese Tarnung aufmerksam gemacht werden.

Tarnung der Aussenalster

Das durch die Alster gegebene freie Sicht- und Schußfeld war ideal für eine Flakstellung und so wurde mit dem Bau künstlicher Inseln begonnen, um auf der Außenalster eine komplette Flakbatterie installieren zu können. Mitte März 1942 war das Gewässer noch komplett zugefroren, nur etwa einen Monat später konnte mit den Rammarbeiten für die Zentralplattform begonnen und diese gegen Ende des Monats auf die anderen Plattformen ausgedehnt weden. Am Freibad Schwanenwik (schon damals keine Insel mehr) wurden Fernmelde-, Unterkunfts- und Aufenthaltsbaracken für die Flaksoldaten und -helfer aufgestellt. Am 27. Mai des Jahres waren die Stege und Plattformen bereits komplett fertiggestellt. Vom Umrandungssteg des Freibads führte ein langer, auf hölzernen Rammpfählen gegründeter Holz-Laufsteg hinaus auf die Alster zu den Plattformen. Bei Alarm mußten die Soldaten und Flakhelfer zwischen den Baracken und den Geschützen bzw. Posten eine Laufstrecke von rund achthundert bis tausend Meter zurücklegen. Die Geschützfundamente bestanden aus etwa zwei Meter starken, ebenfalls auf starken Holz-Rammpfählen gegründeten Beton-Plattformen oberhalb des Wasserspiegels, die mit befahrbaren Holzstegen verbunden waren. Jede Stellung war mit hölzernen Splitterschutzwänden umgeben, die mit Ziegelsteinen gefüllt waren. An den Ecken jeder Stellung befanden sich Munitionsbunker, weitere Munition lagerte als Reserve an bestimmten Stellen entlang der Lauf- bzw. Fahrstege. An der nördlichen Geschützplattform befand sich eine Anlegestelle - Munition und Geschützrohre wurden mittels umgebauter, mit speziellen Plattformen versehener Schuten vom "Kleinen Fährhaus" in Harvestehude herübergebracht bzw. nach Verbrauch wieder auf diesem Weg abtransportiert.

Angenäherte Rekonstruktion

Die Bewaffnung bestand ursprünglich aus sechs Geschützen 8,8cm, Ostern 1943 wurde diese durch vier elektrisch betriebene 10,5cm-Geschütze ersetzt. Die mittleren bzw. nördlichen Plattformen blieben nach der Umrüstung unbesetzt. Schutz gegen Tiefflieger sollten zwei relativ zentral positionierte 2cm-Flakgeschütze gewährleisten. Ein weiteres leichtes Flakgeschütz befand sich auf einem Hochhaus an der Binnenalster. Die Messstaffel der Batterie verfügte über ein Kommandogerät (4m-Basis) und ein Funkmessgerät, wahrscheinlich vom Typ Würzburg Riese. Zusätzlich wurden in einer speziellen Baracke auf einer der Plattformen Positionsangaben aus Messungen anderer Batterien mit Hilfe einfacher Rechengeräte auf den eigenen Standort "umgewertet".

Die gesamte Stellung war zwischen Juli 1942 und Februar 1943 als Insel getarnt worden. Zwischen den Plattformen und um sie herum war eine Holzkonstruktion in der Art eines Lattengerüstes montiert, die ein Drahtgeflecht trug. In dieses hatte man Blätter aus Blech und Reetmatten, wie sie damals auch beim Hausbau noch üblich waren, eingearbeitet. Es ist anzunehmen, daß diese Tarnversuche kaum erfolgreicher waren als die erwähnte, vergebliche Abtarnung der Binnenalster.

Flakinsel, von einem der Laufstege fotografiert
Eine der Baracken am UferEine der PlattformenFlakmannschaft bei der RohrreinigungFlakmannschaft bei der Rohrreinigung

Eingesetzt waren hier Soldaten der 1. Batterie der schweren Reserve-Flakabteilung 225. Im Februar 1943 wurden zusätzlich Schulkinder als Flakhelfer zur Unterstützung herangezogen. Die meist gerade einmal Sechzehnjährigen wurden aus zwei sechsten Klassen der Oberschule Arngartstraße (soweit Jahrgang 1926/1927) und je zwei siebten Klassen der Oberschule St. Georg und der Walddörferschule (soweit noch Jahrgang 1926) rekrutiert.

Während der schweren Angriffe auf Hamburg Ende Juli/Anfang August 1943 wurde auch der größte Teil des Freibads zerstört, ebenso einige der Unterkunftsbaracken. Laut Zeitzeugen soll die Hitze des "Feuersturms" auf der Alster nicht spürbar gewesen sein, allerdings seien die Tage aufgrund des Qualmes oft dunkel und verhangen gewesen. Während dieser Zeit wurden die Flakhelfer und -Soldaten zwischen den Angriffen häufig zu Löscharbeiten im Uferbereich eingesetzt. Ebenfalls Ende Juli 1943 schlug nahe der Bettung "Dora" eine Luftmine ein und richtete schwere Schäden an. Eines der Geschütze blieb danach unbrauchbar. An der Schwanenwik erinnert heute eine Gedenkplatte an einen Flakhelfer und zwei Flaksoldaten, die am 25.7.43 bzw. 30.7.43 an der Alsterbatterie gefallen sind. Nach den schweren Angriffen wurde die Tarnung an der Flakstellung wie auch die der restlichen Alster nicht mehr in Stand gesetzt und quasi ihrem Schicksal überlassen. Im Sommer 1944 war davon kaum noch etwas zu sehen.

Die oben genannte Flakeinheit zog Anfang Dezember 1944 ab und wurde wahrscheinlich durch eine andere abgelöst. Ein Zeitzeuge glaubt, sich daran zu erinnern, auf den Plattformen später leichte Flak 3,7cm gesehen zu haben. Ein anderer Zeitzeuge weiß, daß auch im Frühjahr 1945 noch Soldaten in den Baracken untergebracht waren, erinnert sich aber nicht mehr daran, ob es Flaksoldaten waren und ob die Alsterbatterie zu diesem Zeitpunkt noch über Geschütze verfügte.

Nach Kriegsende verpflichtete die Britische Stadtkommandantur die Hamburger Taucherfirma Flint zur Munitionsbergung aus der Alster. Am 5. Juni 1945 war die Stellung noch komplett vorhanden, nicht einmal drei Monate später waren die Holzstege bereits ewarlos verschwunden - das Holz fand sicherlich dankbare Abnehmer. Im Oktober des Jahres war der Abbruch schon stark fortgeschritten, zum Jahresende war von der Alsterflak nichts mehr zu sehen. Im Juni 1946 zog die Firma Flint auf der Außenalster 177 Holzpfähle, bei denen es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um die der Stege der Flakinsel handelte.

Quellen:
- Die Boden-Luftverteidigung Hamburgs im 2.Weltkrieg, Helmuth Wegwerth
- Das Gesicht der Hansestadt Hamburg im Wandel der Zeiten 1939-1945, F.Werner 1945
- Versch. Zeitzeugenaussagen
- Sammlung Jürgen Fritz, England
- Archiv Christiansen
- Eigene Recherchen


 
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