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Projekt JLT - Die Aufklärungstürme des Heeres

Geschrieben von: Michael Grube   

Nach der Tschechienkrise - damals beendeten 600.000 Soldaten aus der UdSSR, der DDR und Ungarn mit Gewalt die Reformpläne in der CSSR - forderte die Bundeswehr drei "grenznahe fernmeldeelektronische Aufklärungsstellen". Dieser "ortsfeste Systemanteil" mit dem Projektnamen JLT sollte die bis dahin meist mobilen Operationen ergänzen bzw. ablösen. Da einige der geplanten Standorte bereits von der Luftwaffe beansprucht wurden, einigten sich die beiden Waffengattungen darauf, daß das Heer in den bestehenden und geplanten Luftwaffen-Anlagen einige Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt bekäme.

Im Jahr 1970 ging in Daun bei der Zentralauswertung (Fernmeldestab 94, Fernmeldebataillon 940) der erste Großrechner in Betrieb. 1976 konnten dann die Türme in den drei bisher schon mobil genutzten Standorten Barwedel (FmBtl 120), Großer Kornberg (FmBtl 220) und Hoher Meissner (FmBtl 320) in Dienst gestellt und von den inzwischen aufgestellten Fernmeldekompanien 945, 946 und 947 übernommen werden.

Meßaufbau des Antennensystems

Bauphase auf dem KornbergProjekt JLT ELOKADas TorWachhäuschen
LüftungEingangsbereichBarwedel 1987

Bei den Bauten handelte es sich jeweils um einen rund siebzig Meter hohen Turm, der im Zentrum eines rechteckigen, zweistöckigen Betriebsgebäudes stand. Dazu kamen zusätzliche Bauten wie Garagen, Zisterne, Wachhäuschen etc.. Anders als in den Fm-Türmen der Luftwaffe lagen die Betriebsräume hier nicht im Turm selbst, sondern im Hauptgebäude. Sie wurden bereits 1985 recht eng und so stockte man die Gebäude von jeweils zwei auf drei Stockwerke auf - diese Maßnahme war bereits bei der Projektierung eingeplant worden. Das Flachdach diente dabei als Fundament für die Kreisgruppen-Antenne sowie weitere Antennen, z.B. für Troposcatter.

Ansicht 1988

Im Zentrum jedes Turms gab es einen Aufzug, aber keine echten Stockwerke - lediglich Treppen und Etagen aus Gitterrosten füllten den Raum zwischen Turminnenwand und Aufzugschacht. In der nach Osten zeigenden "Nase" des Turms befanden sich Antennen und kleinste Technikräumen der erkennbare Wulst beherbergte eine Parabolspiegel-Anlage. Zum Einsatz kam für damalige Verhältnisse recht neue Technik wie z.B. Watson-Johnson WJ-1140 mit Parabolantenne, eine Kreisgruppenantenne 20-1.000 MHz, der VHF-Sichtfunkpeiler SFP-2000 und weitere Anlagen für VHF, UHF und Richtfunk. Neben den im bzw. am Turm montierten Antennenanlagen befanden sich weitere auf gesondert stehenden Gittermasten.

Turm Groér Kornberg mit Kreisgruppenantenne

Mit dieser Ausstattung konnten in Zusammenarbeit mit der Zentrale in Daun Peilungen bereits mehr oder minder automatisch durchgeführt werden, selbst eine teilautomatische Klassifizierung von Radargeräten wurde damit möglich. Ziele der Bemühungen waren der Truppenfunk der Armeen in der DDR und CSSR sowie Richtfunknetze im Bereich dieser Länder.

Als das Projekt JLT Anfang der neunziger Jahre aufgrund der veränderten Weltlage aufgegeben und abgeschlossen wurde, beliefen sich die Gesamtkosten aus etwa 160 Millionen Mark, ursprünglich waren sogar 185 Millionen Mark vorgesehen gewesen. Bis zum kompletten Abzug der sowjetischen Truppen im Jahr 1994 wurden die grenznahen Aufklärungsstellen noch mit verringertem Personal weiter betrieben, danach außer Dienst gestellt.

Die Anlage auf dem Großen Kornberg (826m) im Fichtelgebirge ist noch heute teilweise in Betrieb, allerdings nicht mehr zur Fernmeldeaufklärung. Seit 1998 dient sie der Arbeitsgruppe ADTM des Fraunhofer-Instituts und verschiedenen Universitäten zu Ausbildungs- und Demonstrationszwecken. Entsprechend gut ist der Zustand, die Anlage ist praktisch fast komplett erhalten. Seite Oktober 2003 gibt es auf dem Turm sogar Webcams.

Großer Kornberg 1979
Blick vom TurmDieselaggregatAktensafe
Reste alter TechnikDer Aktenvernichter

  Panorama

Kornberg


Der Turm Barwedel (75m ü.NN), der ungewöhnlicherweise mitten im Ort, umgeben von Wohnhäusern, gelegen ist, wurde inzwischen teilweise vermietet. Mobilfunk-Betreiber nutzen die obersten Turmetagen, eine Firma Räume des Betriebsgebäudes. Entsprechend gut ist auch hier die Substanz. Die Elektronik wurde natürlich entfernt, ebenso die Kreisgruppen-Antenne. Lediglich Teile der Parabolantenne des Systems WJ-1140 und einige Kontrollschränke sind verblieben - heute natürlich funktionslos.

BarwedelDachzugangParabolantenneHornantenne
Hoher MeissnerBarwedel im Herbst 2005
Steuerung der KreisgruppenantenneGroßer KornbergGroßer KornbergGroßer Kornberg

Das Gelände am Hohen Meissner (bei etwa 500m ü.NN) hatte eine recht interessante, weiter reichende Geschichte. Schon 1948 wurde es als vorgeschobener Posten der Organisation Gehlen (Vorläufer des BND) genutzt, seit 1951 auch vom militärischen Geheimdienst der US Army (Army Security Agency). 1952 entstand das erste Gebäude auf dem Areal, neben dem dann später der Turm des Heeres errichtet wurde. Hier waren zu verschiedenen Zeiten u.a. die folgenden Einheiten stationiert: Border Site Cmd 302 ASA Btn, ASA Det M, Co.C, 319th ASA Btn und die 851st ASA Co. Anfang der Sechziger arbeiteten hier etwa zwanzig bis vierzig Amerikaner in "geheimer Mission". Auf mehreren Gittermasten waren Yagi- und LogPeriodic-Antennen für den VHF- und HF-Bereich montiert. Bis zur Fertigstellung des Turms war die Bundeswehr am Vorderhang des Meissner aus einer Baracke am Turm Schwalbenthal heraus tätig. zunächst noch mit der 3. Kompanie des Fernmeldebataillons 320 aus Frankenberg/Eder, nach der Umgliederung 1971 mit der FmKp 947 aus Hessisch-Lichtenau.

Detachment M, Hoher Meissner

Obwohl die deutsche und die amerikanische Anlage Zaun an Zaun standen, gab es doch eine strikte Trennung. Man sah sich, kannte sich, grüßte sich, hatte aber beruflich nichts miteinander zu tun. Dennoch gab es auf der Heeresanlage auch US-Technik: Der Turm war rund fünfzehn Meter höher als seine beiden Schwesterbauten, in den zusätzlichen Stockwerken war Richtfunktechnik der Amerikaner untergebracht. Sie erlaubte es ihnen, die direkte Verbindung der Field Station Augsburg mit dem La Fair Vite - System aufzubauen (siehe dazu Wurmberg).

Heute erinnert fast nichts mehr an dieses ehemals gut gesicherte Gelände. Die acht bis zehn, teilweise zweistöckigen Gebäude der US-Truppen wurden nach deren Abzug im Jahr 1992 abgerissen. Das direkt benachbarte, ehemalige Bundeswehr-Objekt war zuletzt in einem erbärmlichem Zustand. Vandalen hatten offenbar so ziemlich alles zerstört, was noch einigermaßen heil war. Am 11. November 2002 wurde der Turm schließlich gesprengt. Tim Leymann hat die Sprengung gefilmt und uns freundlicherweise einen Clip zur Verfügung gestellt.

Sprengung JLT-Turm Hoher Meissner

Quellen(Auszug):
- Tim Leymann (Videoclip) - Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
- LIKE Uni Erlangen (Großer Kornberg)
- Archiv M.Bischoff
- Archiv M.Frahm
- Archiv Werner Krall
- Empfänglich für Geheimes, Erisch Schmidt-Eenboom
- Abrüstungsatlas, Burkhard Luber
- Archiv Michael Hein, www.kornberg.de
- Geschichte der Fernmeldetruppe des Heeres in der Bundeswehr, Dr.Peter Berrenberg
- Die materielle Ausstattung der Fernmeldetruppe Eloka des Heeres in den Jahren 1956 bis 1990, Rudolf Grabau
- "Antenne", Sonderheft 100 Jahre Fernmeldetruppenn
- Headquarters Germany, Klaus Eichner/Andreas Dobbert
- Intelligence and National Security, Matthew M.Aid/Cees Wiebes
- Militarisierungsatlas der Bundesrepublik, Alfred Mechtersheimer/Peter Barth
- freigegebene Unterlagen des US Dept. of Defense
- Mediatus 07/1989
- versch. Zeitzeugen-Aussagen
- eigene Recherchen

 
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