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Die "Engelsburg" - der Rundbunker Töpferweg in Lübeck

Geschrieben von: Regina M. Fischer   


Bauliche Details des BunkersIm zweiten Weltkrieg wurde unter der nationalsozialistischen Herrschaft nach einem Sofortprogramm die Errichtung von Luftschutzbauten zum Schutz der zivilen Bevölkerung angeordnet. Lübeck zählte dabei aufgrund der Küstenlage und den kriegswichtigen Werften zu den bevorzugten Angriffszielen. Der Entwicklung folgend wurde in der Hauptverwaltung der Hansestadt die Abteilung Luftschutzbau unter der Leitung von Dr. Ing. Hespeler von der Baupolizei eingerichtet. In die Zuständigkeit des Kriegsschädenamtes fiel die bauliche Unterhaltung, Ausstattung und Bewirtschaftung verwaltete die Abteilung Luftschutz des Polizeipräsidiums. Bei Kriegsende waren zwanzig errichtete Haus- oder Turmbunker für den Luftschutz in Benutzung.

An der Ecke Moislinger Allee / Töpferweg in der Nähe des Drägerwerks steht einer der Hochbunker, die im Zweiten Weltkrieg zum Selbstschutz bei Bombenangriffen errichtet wurden. Vor dem in freier Landschaft geplanten Luftschutzbunker steht heute Bebauung, so dass die Vorderansicht nicht mehr frei von der Moislinger Allee her zu sehen ist. Dieser Hochbunker, bei dem die vier Geschosse von außen erschlossen werden, wurde 1941 als Rundbunker ausgeführt. Im Ovalturm kränzten Stützen einen mittigen, sechseckigen Innenhof. Auf den Stützenvorlagen wurde das runde Staffelgeschoss errichtet, das der Lüftungsanlage vorbehalten war. Segmente bildeten die Raumgefüge der anderen Geschosse. Die Erschließung erfolgt innen nur durch eine einläufige Treppe. Außen sind zwei Treppenanlagen symmetrisch angeordnet und führten zweiläufig mit hölzernen Umwehrungen bis zum 2. Obergeschoss, in das folgende Geschoss wurden die Läufe gradlinig und um die halbe Laufbreite zur rechten und zur linken Seite wie ein V im Baukörper eingelassen, auf das Dach führte nur ein Lauf.

Der Bunker im Jahr 1943 

Die backsteinsichtige Außenhaut ist zugleich Brüstung der Dachflächen und Verkleidung der oberen Treppe bis Geländerhöhe. Die abgetreppten, unverkleideten Scheiben der unteren Treppen bilden einen Kontrast dazu. Die Südostansicht sollte ein getöpferter Adler zieren. Im Zuge von Umbaumaßnahmen nach Kriegsende wurde nicht nur der Auslass für den Adler vermauert und zwei eingesetzte umlaufende Ziegelprofile im oberen Dachbereich zurückgebaut, auch der Treppenlauf zum Dach wurde durch Feuerwehrtreppen ersetzt. Treppenläufe wurden teilweise mit Teerpappe unwegsam gemacht und ehemalige Umwehrungen in Zink erneuert. Ebenso wurde der Innenhof zurückgebaut und wie auch die Segmentteilungen in den Geschossen, so dass die Grundrisse jetzt großräumlich sind.

Nordwestansicht vom Stichweg Südostansicht von der Moislinger Allee - Bunker hinter dem Autohaus Hansa  Spielplatz vom Töpferweg - links der Bunker, rechts der Stichweg
Ansicht von Südwesten mit EingangsbereichModerne LüftungsanlageWaschraum, im Hintergrund die Treppe zum Obergeschoß

Konstruktive Ausführung

Die Abmessungen des Ovals betragen 26,00m auf 23,00m, die der rechteckig vorgelagerten Treppenhäuser 3,15m mal 9,46m. Die Höhe misst von Oberkante Erdoberfläche bis Oberkante Dachoberfläche 13,31m. Die Sohle besteht aus 1,40m Stampfbeton, ebenso wie die Bombendecken ebenfalls 1,40 m stark sind. Die Außenwände in einer Wanddicke von 2,00m sind in armierten Beton mit Blendmauerwerk errichtet, die 1,10m starken Wandscheiben der Treppen in unverkleidetem Beton.

Die sechseckige Betonwand des Dachgeschosses mit einer Seitenlänge von 5,0 m ist von kreisförmigen Blendmauerwerk umschlossen, das als Brüstung 0,90m hochgeführt ist, bei der Flachdachfläche des 2.OG beträgt die Brüstungshöhe 0,70m. Die Stärke der Verkleidung beträgt in dem Bereich 0,41m, bei den Geschossen ist sie nur 0,26m stark.

Schnitt durch den Bunker Grundriss Erdgeschoß Grundriss Obergeschoß Grundriss Dachgeschoß 

Lage

Für den LS-Bau in Nähe des Drägerwerks (Hersteller von Lüftungsanlagen und Atemschutzmasken) wurde nach Überlegungen der hintere Teil vom ehemaligen Gelände einer Aktienbrauerei in der Moislinger Allee vorgesehen. Eigentlich war dort eine Kirche geplant, deren Errichtung im Zweiten Weltkrieg jedoch nicht für möglich gehalten wurde. Die Lage war in freier Umgebung gewählt, die Wohnblocks am Töpferweg entstanden erst 1945.

Der Katasterplan von 1944 zeigt die recht freie LandschaftWohnblocks im Töpferweg 

Historische Gestalt

Das erbaute Gebäude erinnert an die Engelsburg – der Castel Sant´ Angelo in Rom. Als Mausoleum ließ Kaiser Hadrian sie in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. nach dem Mausoleum des ersten römischen Kaisers Augustus errichten. Vorläufer des Typs gehen zurück auf den Hellenismus ab 3 Jh. v. Chr.. Die als Grabstätte und Brückenkopf der Stadt vorgelagerte Anlage am Tiber wurde später in das städtische Verteidigungswerk einbezogen. Seit dem Mittelalter ist sie durch einen Gang mit dem Vatikan verbunden. Statt der Kaiserstatue wird die Burg von dem gepanzerten Erzengel Michael in Erinnerung an seine päpstliche Vision nach einer Bittprozession gekrönt. Die historische Engelsburg wird auch als „Monument der Ewigkeit“ bezeichnet.

Castel Sant´Angelo in Rom –die Engelsburg in Rom:  

Entwurf im Töpferweg

Der Entwurf mit expressionistischen Zügen ist von Oberbaurat Hespeler als Leiter der Abteilung Luftschutz-Bau unter der Berücksichtigung der Stellungnahme von Baudirektor Pieper und in Abstimmung mit Architekt Professor Mühlenpfort von Dräger entstanden, der Vorschlag des Hoheitszeichens geht ganz auf Professor Mühlenpfort zurück. Laut Wille des „Führers“ Adolf Hitler sollten LS-Gebäude schnellstens verwirklicht werden, wie Hespeler am 29.11.1941 berichtet, und das ohne irgendwelche städtischen Belange zu berücksichtigen. Nach Ansicht Piepers sollte sich jedoch in einer Stadt wie Lübeck jeder Neubau vorsichtig und taktvoll in das Gesamtbild einfügen, das heißt mit überlegter Standortwahl und Vorsicht in der Kubatur. Ansonsten befürchtete er städtebaulichen Schaden in der tradierten Stadt. Auf eine Eingeschossigkeit als offenbar anfänglich geäußerten Wunsch von Dräger wurde bei der Planung nicht eingegangen, da der Bau eines mehrgeschossigen Bunkers wirtschaftlicher war. Klöckring erwähnt die „Drägersche Anlage“ 1950 als eine städtebauliche Bereicherung. Von ihm hatte Hespeler die Idee aufgegriffen, bei der Form der Bunker auf historische Vorbilder zurückzugreifen.

Bauausführung und Nutzung

Dokument zum Bau des BunkersDie Ausführung des Bunkers erfolgte unter dem bauleitenden Architekt Blunck, beteiligt waren unter anderem die Firmen :

  • Hansische Bau- und Kunsttöpferei, Ausführung des Adlers erstellt nach Veranlassung vom 25.07.1941
  • Willy Kahns, Malermeister Malerarbeiten Auftrag für Wände etc. erteilt am 27.10.1941
  • Blunck und Sohn, Baugeschäft, Beton- und Mauerarbeiten mind. 639 cbm Beton wurden verarbeitet
    Drägerwerk Raumlüftung, Auftrag erteilt am 31.12.1941, die Schlussrechnung vom 20.4.1943 betrug 40 827,33RM
  • Johs. Groth, Klempnerarbeiten

1942 wird nach Palmarum der LS Bunker verstärkt aufgesucht und eine zweite Zuwegung beantragt. In dem Jahr sind auch nachträglich noch Familienzellen eingebaut worden. Das bis Kriegsende 1945 eingelagerte Hoheitszeichen wurde letztlich nicht eingesetzt. Die von den Besatzungsmächten geforderte Entmilitarisierung ist im Töpferweg nicht erfolgt. 1948 wird die Lüftungsanlage von der Firma Heinrich Rosenbach ausgebaut und im Lager Seegrenz - Schlachthof der Bauverwaltung der Hansestadt Lübeck eingelagert.

Entwicklung bis 2005

1962 wird ein taktisches Gutachten erstellt. Darin wird die Bedeutung des Bunkers für den öffentlichen Luftschutz nachgewiesen. Es wird festgestellt, dass die Gründe sich seit der Errichtung nicht geändert haben. Mit 880 qm bietet er Schutz für annähernd 900 Personen. 1963 wird die Bundesvermögensstelle angewiesen, den Bunker aufzukaufen. Das Zuwegerecht soll von dem städtischen Gründstück am Töpferweg ohne Entgelt erfolgen. Danach sollen schnellstens die Instandsetzungsarbeiten beginnen. Anlässlich der Politik des Kalten Krieges sollte ein bestimmter Prozentsatz an Schutzplätzen für die Bevölkerung hergerichtet werden mit einer technischen Ausstattung, die abgestimmt auf die stattgefundene Entwicklung zur Atombombe war. 1987 berichtet die LN über den Potest der SPD gegen den Wiederaufbau zu einem Bunker. Die SPD hat keinen Erfolg mit ihrer Meinung, dass es auch andere Nutzungsmöglichkeiten für die „Engelsburg“ gibt.
Am 1. November 1989 übernimmt die Feuerwehr den als nutzbar gemachten Hochbunker mit 778 Schutzplätzen. Er ist einer von insgesamt acht iin Lübeck während des Zweiten Weltkriegs errichteten Bunker, die bis 1991 wieder hergestellt wurden. Somit entspricht auch der Bunker im Töpferweg heute den Ansprüchen und Forderungen an eine Zivilschutzanlage für Kurzzeit-Aufenthalt. Bis auf Mobiliar im Raum des Bunkerwarts mit Waschbecken und Vorhaltungen für Müll und Trockentoiletten ist der Bunker leer. Eine Sekundärnutzung war dem Autohaus Hansa mit einem Reifenlager eingeräumt, solange kein Notfall eintrat.

Nach 2005

Das Autohaus Hansa hat inzwischen den Standort aufgegeben, die Gebäude wurden abgerissen und stattdessen ein Lebensmitteldiscounter errichtet. Die Vorderansicht der Zivilschutzanlage ist auch weiterhin nicht frei von der Moislinger Allee her zu sehen. Nach dem Beschluss der Innenministerkonferenz vom Frühjahr 2007 zur Aufgabe des flächendeckenden Schutzraumprogramms wird wahrscheinlich auch dieser Bunker zukünftig einer neuen Nutzung zugeführt werden.
 

Quellen:
1) Akteneinsicht bei der Feuerwehr der Hansestadt Lübeck
2) Bauvorschrift von 1940
3) Johannes Klöckring, St. Lorenz – die Holstentorvorstadt Lübecks und der westliche Landwehrbezirk, Verlag Max Schmidt Römhild Lübeck 1953
4) im Archiv der Hansestadt Lübeck Einsicht in die Tiefbauamt Akten: Luftschutz 1937 / 1939 – 1941
5) Archiv der Hansestadt Lübeck – Findbuch Feuerwehr
6) Anita Rieche – Das antike Italien aus der Luft, 2. Auflage 1987, 1978 Gustav Lübbe Verlag GmbH, Bergisch Gladbach
7) Rom Reiseführer DuMont visuell, DuMont Buchverlag, Köln, 3. aktualisierte Auflage 1997, 1993 Editions Gallimard Nouveaux – Loisirs, Paris
8) Lebenserinnerugen von Elfriede Dräger zusammengestellt und herausgegeben von Lisa Dräger, Verlag Graphische Werkstätten Lübeck 1990
9) Michael Foedrowitz – Bunkerwelten – Luftschutzarten in Norddeutschland – 2002 Berlin

 
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