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1938 ist die verschlafene 5.000-Seelen-Stadt Malchow aus ihrer
Ruhe gerissen worden. Im westlich benachbarten Wald begann der
Bau eines großen Munitionswerkes, in dem im letzten Kriegsjahr
etwa 5.500 Menschen beschäftigt waren. Heute führt die
Autobahn 19 Berlin-Rostock mitten durch das 340 Hektar große
Werksgelände, das eine dicht bewaldete Trümmerlandschaft
ist. Vor allem die Lager für die Zwangsarbeiter und die 1940
begonnenen Bauten der Sandfeld-Siedlung aber erinnern noch heute
eindrucksvoll an dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte.
Aus Sicht der Rüstungsindustrie ist der Standort Malchow
nahezu ideal gewesen. Die abseits gelegene Region in der Mecklenburger
Seenplatte galt als strukturschwach. Das Werksgelände war
abgelegen, preiswert und durch den Wald gut getarnt. Dank der
Chaussee und der Bahnlinie Karow-Malchow-Waren war die Verkehrsinfrastruktur
günstig. Plauer See und Petersdorfer See im Zuge der Elde-Müritz-Wasserstraße
sicherten den hohen Wasserbedarf der Chemiefabrik. Und für
die Lager und Siedlungen gab es genug Baugrund.

Ein Jahr lang baute die Dynamit Nobel AG (DAG) am Werk. Dann
nahm ihre Tochterfirma, die GmbH zur Verwertung chemischer Erzeugnisse
(Verwertchemie), es Ende 1939 mit etwa 2.000 Beschäftigten
in Betrieb. Eigentümer aber war die Montan Industriewerke
GmbH, ein Unternehmen des Deutschen Reiches. Damit hatte das Reich
Einfluß auf die Rüstungsproduktion, trat aber nicht
als Produzent auf. Außerdem nahm es der DAG, die es auch
wegen des Know-hows benötigte, große Teile der Investitionskosten
und damit das wirtschaftliche Risiko weitgehend ab. Die Gewinne
waren einträglich, nicht zuletzt, weil die Verwertchemie
ausländische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge einsetzte.
Nach diesem Muster wurden damals viele Rüstungsfabriken betrieben.
So hatte die Verwertchemie auch Munitionswerke in Ueckermünde
und Dömitz, die Pommerschen
Industriewerke eines in Barth. Im Ersten Weltkrieg soll das in
Dömitz mit 30.00 Beschäftigten sogar größter
Rüstungsbetrieb in Mecklenburg gewesen sein. In Malchow erreichte
die Produktionsmenge im Dezember 1939 550 Tonnen, im September
1944 lag sie bei rund 600 Tonnen. Der Anteil an PETN lag 1940
bei etwa 150 Tonnen/Monat, 1944 bereits bei rund 450 Monatstonnen,
dazu kamen monatlich etwa 50.000km Sprengschnur und 50 Millionen
Sprengkapseln.
Das Malchower Werk stellte vor allem den Sprengstoff Nitropenta
her. Dafür wurde der kristalline Alkohol Pentaerythrit in
drehbaren Kesseln mit Salpetersäure vermischt, gefiltert,
gewaschen, umkristalliert, getrocknet und schließlich mit
Wachs vermischt, um es gegenüber Erschütterungen unempfindlicher
zu machen. Nitropenta und auch andere Sprengstoffe wurden dann
zu Zünd- und Sprengladungen für Granaten gepresst. Außerdem
wurden Sprengkapseln, Sprengschnüre und Zündpillen hergestellt.
Im ersten Jahr wurden auch Bomben gefüllt. Die Produktion
war auf Dutzende von relativ kleinen, in die Erde eingelassenen
Stahlbeton-Gebäuden im Wald verteilt. Sie war damit gut getarnt
und bei auftretenden Explosionen blieb das Unglück auf das
jeweilige Gebäude beschränkt.

 
Etwa die Hälfte der Beschäftigten waren
ausländische Zwangsarbeiter, welche die Machthaber zum
Arbeitseinsatz nach Deutschland verschleppt hatten. Später
wurden auch Häftlinge aus dem Konzentrationslager Ravensbrück
unter äußerst unmenschlichen Bedingungen eingesetzt.
Sie lebten alle beengt in sogenannten Bereitschaftslagern im
Nordwesten von Malchow, deren Steinbauten noch heute in der
West-Siedlung erhalten sind. Nach dem Krieg wurden die Lager
überwiegend als Wohnraum genutzt; im Gemeinschaftshaus
des Frauenlagers sitzt heute eine Jugendherberge, in dem des
Männerlagers war lange der VEB Herrenkonfektion Leipzig
ansässig. Die zehn Baracken des KZ-Außenlagers, die
für jeweils einhundert Personen gebaut und teilweise fünffach
überbelegt waren, wurden abgerissen. Das Lager wurde am
2. Mai 1945 befreit.
Das Werk selbst wurde nach Kriegsende zunächst grob demontiert
und von 1948 bis 1952 dann systematisch zerstört bzw. gesprengt.
Noch jahrelang bargen örtliche Handwerker Baumaterial aus
den Ruinen. Inzwischen lässt sich die Struktur des Werkes
im Wald nur noch erahnen. Der Wald ist heute ein Refugium der
Natur; in vielen Ruinen leben Fledermäuse. Erhalten sind
die Zwangsarbeiterlager, der für das Werk stark ausgebaute
Bahnhof und das Wasserwerk (Straße der Jugend), das Verwaltungsgebäude
(heute Alten- und Pflegeheim) und die Wohnhäuser für
die leitenden Angestellten (heute Ernst-Thälmann-Siedlung)
an der Karower Chaussee sowie die Wohnhäuser für die
"deutschen Beschäftigten" im Süden und Westen
der Sandfeld-Siedlung.

  
Die für das Dritte Reich durchaus typischen
Bauten im Stil des Heimatschutzes sind nicht automatisch schlecht,
weil sie von den Nationalsozialisten bevorzugt wurden. Sie haben
durchaus ihre Qualitäten und werden von ihren heutigen
Nutzern - nicht zuletzt wegen des hohen Grünflächenanteils
- geschätzt. Einige werden gepflegt und im alten Stil rekonstruiert,
andere sind mit unpassenden Türen, Fenstern, Verblendfassaden
und anderen Anbauten erheblich verschandelt worden. Architektonisch
und historisch gesehen ist hier ein wertvolles Ensemble erhalten
geblieben, das aber besser gepflegt und vermittelt werden müßte.
Immerhin hat die Stadt Historische Spaziergänge ausgearbeitet
und weist mit großen Tafeln auf einige Reste des Malchower
Munitionswerkes und seine unselige Vergangenheit hin.
Quellen(Auszug):
- Sawatzki/Treu/Bröcker/Nill, "Das Munitions- und Sprengstoffwerk
in Malchow 1938-1945", Stadt Malchow
- United States Strategic Bombing Survey
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