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Flugplatz und Erprobungskommando Lärz

Geschrieben von: Michael Grube   

Die Geschichte der Erprobungsstelle Rechlin begann bereits 1917/1918, als ein erster Flugplatz für das Kaiserliche Heer eingerichtet wurde. In den Folgejahren bis 1933 wurde Sportfliegerei betrieben und dabei auch der Ausbau zur Erprobungsstelle vorbereitet. Die E-Stelle bestand während der NS-Zeit aus insgesamt drei Flugplätzen, die dicht beieinander lagen: Rechlin, Roggenthin und Lärz. In diesem Artikel haben wir uns vorerst auf den letztgenannten Flugplatz konzentriert, Ergänzungsberichte über die weiteren Anlagen der E-Stelle werden voraussichtlich später folgen.

Auch in Lärz war bereits im Sommer des Jahres 1918 Betrieb, eine Flieger-Funker Versuchsabteilung hat dort u.a. zum erstenmal erfolgreich Flugzeugpeilungungen durchgeführt. Die beiden erstgenannten Flugfelder hatten nur eine Grasbahn, Lärz dagegen bekam bereits Ende der dreißiger Jahren eine Beton-Hartbahn, später sogar noch eine zweite. Für diesen und weitere Ausbauten wurde 1939 in Retzow ein Barackenlager errichtet, das zunächst vom Reichsarbeitsdienst genutzt wurde. Später wurden dort Fremdarbeiter und schließlich KZ-Häftlinge aus Ravensbrück untergebracht.

Das Erprobungskommando Lärz wurde nach Kriegsbeginn aufgestellt, um die sog. Vorserien- oder Nullserienmuster zu testen. Am 12./13. Juni 1943 fand in der Erprobungsstelle eine Ausstellung statt, zu der sogar einige Journalisten zugelassen waren. Ein Teil der Ausstellung fand wohl auch auf dem Lärzer Flugfeld statt. Gezeigt wurden in Lärz damals u.A. Ju-88 G1, Ju-88 S3, Ju-388, He-177 B5, Do-335, Ta-154, Ta-152, He-219, Ar-234, Me-410, Hs-219, Me-109- He-219 mit "schräger Musik", Kauba V4, Me-262 und Me-163. Außerdem waren Beutemaschinen ausgestellt, die natürlich als Studienobjekte dienten und zum Teil später sogar zum Einsatz kamen. Die Luftwaffe hatte die folgenden Maschinen der Alliierten herangeschafft: B-17F, B-24, P-47D, P-51, P-38, Avro Lancaster, Mosquito, Typhoon, Spitfire u.A.. Die B-17F wurde von Juli bis September 1943 für Erprobungen mit dem Gleiter DFS-230 eingesetzt und danach an das Kampfgeschwader 200 übergeben (Über diese B-17 gibt es einen Artikel auf den Seiten der 303rd Bomb Group Association.).

Beuteflugzeug B-17F in Lärz

Ab Mitte 1944 hatte dann die Erprobung der damals neuen Strahlflugzeuge Me-262, Ar-234 und He-162 höchste Priorität. Nach den ersten Bombenangriffen der Alliierten, die die beiden nördlich gelegenen Plätze recht empfindlich getroffen hatten, fiel Lärz eine immer wichtiger werdende Rolle zu. Die Bombardierung von Rechlin-Nord am 25.August 1944 führte dann dazu, daß praktisch alle wichtigen Erprobungen komplett nach Lärz verlegt wurden.

Neben den o.g. Strahljägern gab es viele weitere Versuche mit unterschiedlichsten Maschinen, darunter z.B. die Fi-103 Reichenberg III, eine bemannte Version der V1. Der erste bemannte Flug, von einer He-111 auf Höhe gebracht, wurde von Willy Fiedler unternommen, einen erfahrenen "Einflieger". Die Landung aus dem ungewöhnlich schnellen Gleitflug (noch ohne eigenen Antrieb) ging glatt und weitere Flugversuche mit anderen Piloten (darunter auch Hanna Reitsch) folgten. Später kamen auch Flüge mit doppelsitzigen Versionen hinzu, leider aber auch mehrere Unfälle.

Sockel eines FuMG Würzburg Riese in Lärz

Ein anderes Projekt trug den Namen "Mistel". Hierbei handelte es sich um eine Ju-88, die ein Jagdflugzeug (Me-109 bzw. Fw-190) auf dem Rücken trug und statt des Cockpits mit einer 3,5-Tonnen-Sprengladung versehen war. Gesteuert wurde das Ganze vom Piloten des Jägers, der den unteren Teil dann am Ziel auskoppelte und zurückkehren sollte. Eines der geplanten Ziele waren große Kraftwerke in der Sowjetunion und obwohl über 250 "Misteln" gebaut worden sind, kam es nie zu dieser Operation "Eisenhammer". Ein Grund dafür könnte die Zerstörung von 18 Maschinen am Boden während eines Tages-Angriffs auf Lärz gewesen sein.

In den beiden letzten Kriegsjahren waren relativ viele unterschiedliche Verbände auf dem Platz stationiert, oft nur für sehr kurze Zeit. Darunter waren u.a.: II./JG4, II./JG7, Stab/JG11, I./JG11, III./JG11 und 8./ZG26.

Der letzte Luftangriff erfolgte am 10.April 1945. 103 Bomber vom Typ B-24 zerstörten den Platz praktisch komplett. Die wenigen Reste wurden von den verbliebenen deutschen Truppen gesprengt bzw. zerstört, bevor der Platz am 2.Mai 1945 von den sowjetischen Truppen übernommen wurde.

Nach dem Krieg stand der Platz zunächst leer, Anfang 1946 quartierten sich sowjetische Luftstreitkräfte ein. Die Ausstattung bestand zuerst aus amerikanischen P-40 (Kittyhawk) , dann JAK 9M, D und U, später MIG 15, MIG 17, MIG 19 und MIG 21. Ab ca. 1960 belegte den Platz das 19. Garde Fliegerregiment der Jagdbomber
(19.Gw.APIB), das der 125. Fliegerdivision (125.ADIB , Stab in Rechlin) unterstand. Flugzeugmuster des 19.Gw.APIB waren zunächst amerikanische P-39 (Aircobra), später JAK 11, MIG 17F und MIG 17PF und SU 7B, MIG 23, MIG 23UB und danach bis zum Ende in Lärz 1993 MIG 27. Ein echtes Kuriosum war sicherlich die öffentliche Straße, die fast direkt am Aufsetzpunkt entlanglief und bei Landungen mit einer Ampel gesperrt wurde - die Jets überflogen sie in geringster Höhe.

Landung einer Mig-29 in Lärz

Seit Mitte der 70er Jahre wurde auch der nördliche Teil des Platzes (am Anfang der seit Kriegsende nicht mehr genutzten Bahn 15) von Hubschrauberkräften mit der Ausstattung MI-2 , MI-8T und MI-8WKP benutzt. Später nutzte dann eine Staffel des 439.OBWP (Parchim) mit MI9, MI24K und MI24RCh diesen Standort. Der sowjetische Deckname für den Platz Lärz war "Husar". Am 23.3.1993 verließen die Flugzeuge (30 MIG 27 , 7 MIG 23UB) des 19. Gw .APIB dann Lärz in Richtung GUS. Der Abzug des Personals und des Materials waren bis zum 15.7.1993 abgeschlossen.

Im Laufe der "russischen" Jahre wurden verschiedene Bauten errichtet, darunter eine große Zahl der typischen splittergeschützen Flugzeughallen in "Halbtonnen-Form" (shelter), aber auch ein unterirdischer und hervorragend getarnter Bunker vom Typ "GRANIT-2" zur Lagerung von Atomsprengköpfen und wahrscheinlich auch -Bomben.

Im April 1994 wurde Rechlin/Lärz als ziviler Flugplatz wiedereröffnet, 1997 wurden die Reste einer abgestürzten JAK 11 auf dem Platzgelände gefunden.. Heute sind nur noch wenige Gebäude aus der Zeit der E-Stelle auf diesem Gelände vorhanden. Lediglich einige Trümmer, ein Ende '45 mit Hilfe von Mistel-Sprengköpfen gesprengter Bunker und die ehemalige Flugplatzleitung erinnern an die NS-Zeit. Der Großteil der Bauten aus der Ära unter sowjetischer Kontrolle ist noch vorhanden und inzwischen zum Teil vermietet oder verkauft. Auch hier finden sich die üblichen Provisorien der russischen Armee - so wurde ein Kastenaufbau eines Fahrzeug kurzerhand halb eingegraben und offensichtlich als Lager benutzt.

Flugzeugsheltergesprengter Bunkergesprengster BunkerFahrzeugunterstand
Eingegrabener Anhängergesprengter BunkerGranit II - AtomwaffenlagerFlugzeugshelter

Panorama

Bunkerruine in Lärz

Ein echter Leckerbissen findet sich in der ehemaligen Flugplatz-Kommandantur. Einige Enthusiasten betreiben hier das Rechlin/Lärz Luftfahrt-Museum. Das Gebäude und seine Räume muten noch etwas provisorisch an, dafür sind die Ausstellungsstücke umso interessanter. Unmengen von Originalen, von Uniformen über Motoren und Bewaffnung, Propeller und Flugzeugteile aller Art, einer Ausstellung über die E-Stelle bis hin zu Teilen einer V1 werden gezeigt, viele davon sind Funde aus dem Raum Rechlin. Der Museumsleiter befaßt sich seit über dreißig Jahren mit der Materie und weiß neben Unmengen von Informationen auch die eine oder andere Anekdote zu erzählen. Das Museum ist definitiv einen Besuch wert.

KommandanturMuseumMuseum

In Rechlin-Nord gibt es das Luftfahrttechnische Museum Rechlin, das auch über zwei Flugzeuge (eine Z-37 und eine MIG) sowie einen Helikopter MI-8T verfügt. Das Museum ist etwas anders aufgebaut als das in Lärz und verfügt neben den Luftfahrt-Teil auch über eine heimatgeschichtliche Sammlung. Es ist recht interessant und wer gerade in der Gegend ist, sollte auch hier unbedingt einmal vorbeischauen.

MuseumMuseum

Der Flugplatz Lärz und das dort früher von der Sowjetarmee benutzte Gebiet sind bewachtes Privatgelände, ein unbefugtes Betreten ist nicht gestattet!

Quellen (Auszug):
- H.-D. Kraft, Rechlin/Lärz Luftfahrtmuseum
-
Fliegerhorste und Einsatzhäfen der Luftwaffe, Karl Ries/Wolfgang Dietrich
- Die deutsche Luftfahrt - Flugerprobungsstelen bis 1945, Beauvais/Kössler/Mayer/Regel
- COMBAT CHRONOLOGY OF THE US ARMY AIR FORCES
- Public Record Office Bestand AIR 40/2836
- The Radar War, Gerhard Hepcke
- Where We Have Been, Donald W. Cairns
- DSSD/WGT - http://www.kowi2002.de/frank.htm
- http://www.ww2.dk
- Military Airfield Directory
- eigene Recherchen

 
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