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Operation Backfire / Versuchskommando Altenwalde

Geschrieben von: Michael Grube   

Nach dem Zweiten Weltkrieg führte die britische Armee verschiedenste Untersuchungen über den Stand der deutschen Rüstungstechnik durch. Zu den wichtigsten und für die Alliierten interessantesten Objekten zählte natürlich Wernher von Brauns Rakete A4/V2. Diesem Thema widmete sich so eine gesonderte Operation mit dem Namen "Operation Backfire", die das gesamte Waffensystem bis ins Detail untersuchen, deutsches Personal befragen und schließlich einige Raketen zu Versuchszwecken starten sollte.

Eine der für die Operation Backfire vorbereiteten V2 im RAF-Museum Cosford 

Gegen Kriegsende wurde der britische Teil der Allied Air Defence Division zur Special Projectile Operations Group (SPOG). Die Air Defence Division war damit beauftragt worden, Informationen über das geheime deutsche Raketenprogramm zu sammeln, um effektive Gegenmaßnahmen treffen zu können. Obwohl die Alliierten einiges über die V2 wussten, stammten die meisten Informationen doch aus Spionagequellen und waren recht ungesichert. Ende 1944 stürzte eine V2 nach einem Versuchsabschuss über schwedischem Gebiet ab und die britische Regierung konnte Teile davon untersuchen lassen. Aus dem verbliebenen Haufen Metallschrott konnten die Alliierten zwar einige Erkenntnisse gewinnen, über Transport, Betankung und Abschussprozedur der Rakete konnten sie weiterhin nur spekulieren.

Die Alliierten hatten nach dem Ende des Krieges mehr als 8.000 Soldaten und Techniker der Raketentruppe bzw. ähnlicher Einheiten in Gefangenschaft genommen, dazu kamen hunderte von Wissenschaftlern aus Peenemünde und anderen Denkfabriken. Die Air Defence Division schlug daher vor, daß die Deutschen die offenen Fragen durch Vorbereitung und Abschuss einiger Raketen vor alliierten Spezialisten klären sollten. Unter der Federführung der neu gebildeten SPOG wurde hierfür grünes Licht gegeben. Leiter der Operation war Major-General Cameron, zuständig für Ausführung und Dokumentation war General Staff Colonel W. S. J. Carter.

Geographischer Überblick 

Aufgrund der günstigen Lage des ehemaligen Artillerie-Schießplatzes Altenwalde direkt an der Nordseeküste und der dort gegebenen guten Möglichkeiten zur Radar-Verfolgung wurde dieser als Ort für die geplanten Versuche ausgewählt. In einem ungenutzten Waldstück wurde eine große Betonplatte als Fundament gegossen und Beobachtungsbunker angelegt. Die ehemaligen Marine-Installationen wie Hangars etc. wurden zur Vorbereitung der Tests benutzt. Der gesamte Ablauf wurde auf unzähligen Fotos und zig Rollen Film festgehalten. Viele dieser Zeitdokumente werden heute in Filmen und Publikationen über die V2 benutzt. Eine so umfassende und weitgehende Dokumentation und Evaluierung der V2 hatte es bisher nicht einmal von deutscher Seite gegeben. Die zuständigen Stellen hatten, wie auch sonst, jeden Beteiligten nur das Nötigste wissen lassen.

Die Angehörigen der deutschen Raketentruppe willigten schließlich ein und bald wurden rund 200 Soldaten dieses Truppenteils, 200 Wissenschaftler aus Peenemünde und etwa 600 andere deutsche Kriegsgefangene nach Cuxhaven gebracht. Nach ihrer Ankunft wurden sie in zwei Gruppen aufgeteilt, die separat verhört und befragt wurden. Die Ergebnisse wurden danach zur Verifikation verglichen. Die deutschen Wissenschaftler und Soldaten des "Versuchskommandos Altenwalde" wurden in Lagerkomplexen des Schießplatzes, des Schützenhauses Brockeswalde und in der Küstenfunkstelle Berensch untergebracht. Rund 2.500 britische Soldaten wurden nach Altenwalde versetzt, um die notwendigen Bauarbeiten zu unterstützen. Auch Wernher von Braun und der General der Raketentruppe, Walter Dornberger, wurden nach Cuxhaven gebracht, allerdings nicht zur Abschussstelle.

Da die meisten V2 durch alliierte Angriffe zerstört worden waren, mußten erst einmal intakte Exemplare für die Operation Backfire gefunden werden. Die US-Truppen hatten genügend Einzelteile aus der unterirdischen Fabrik Mittelbau Dora bei Nordhausen geborgen, um daraus etwa zweihundert komplette Raketen fertigen zu können. Danach bargen die britischen Spezialisten, was noch übrig war, bevor die sowjetische Armee das Mittelwerk übernahm. Die Briten stellten schließlich fest, daß sie acht Raketen zusammensetzen konnten, einige wichtige Komponenten und Transportfahrzeuge fehlten ihnen allerdings.

Um die fehlenden Teile aufzutreiben, begann nun eine beispiellose Suche in fast ganz Europa. Soldaten mit guten Sprachkenntnissen wurden mit dieser Aufgabe betraut - begleitet von ganzen LKW-Konvois mit zusammen beinahe 200 Fahrzeugen. .Als die Suche beendet war, brachten rund vierhundert Güterwaggons und circa siebzig Lancaster-Flüge fast 250.000 Einzelteile und sechzig Spezialfahrzeuge nach Cuxhaven. Um sie zu finden und zusammenzutragen, war insgesamt fast eine halbe Million Kilometer zurückgelegt worden. Die hinteren Rumpfteile waren schwer zu finden, so daß einige davon aus den USA angefordert werden mußten. Auch die Erzeugung flüssigen Sauerstoffs stellte sich im zerstörten Deutschland als Problem dar. Den Großteil erzeugte man schließlich mit einer Anlage aus der Raketenversuchsstelle Trauen. Die Sprengladungen der Raketen wurden entfernt und durch Sand ersetzt, um die ballistischen Eigenschaften des Flugkörpers nicht zu verändern.

Anfang Oktober 1945 war es schließlich soweit, rund dreißig V2 hatte man zusammengetragen, alles war für die Versuche bereit. Die Raketen wurden in einem schwarz-weißen Schachbrettmuster gestrichen, dem Muster der frühen Versuche in Peenemünde sehr ähnlich. Der erste Startversuch am 1. Oktober mißlang aufgrund einer fehlerhaften Zündeinheit. Eine zweite vorbereitete V2 war einsatzfähig und so startete am 2.10.1945 die erste "britische" V2 der Geschichte - fast genau drei Jahre nach dem ersten erfolgreichen Test in Peenemünde. Der dritte und letzte Start unter britischer Leitung fand am 15.10.1945 unter Beobachtung von britischen, amerikanischen und sowjetischen Offiziellen statt. Die Rakete funktionierte einwandfrei und landete nahe dem vorgesehenen Zielpunkt in der Nordsee. Kurz darauf wurde Operation Backfire als erfolgreich beendet betrachtet.

V2 in AltenwaldeV2 in AltenwaldeEhemaliges Verladegleis am Bahnhof Altenwalde 

 

Wahrscheinlich ging es neben den Versuchen mit und an der V2 auch darum, möglichst viele und fähige deutsche Wissenschaftler davon zu überzeugen, ihre Arbeit künftig in und für Großbritannien zu leisten. Schon vor Kriegsende herrschte ein gewisser Streit um die deutschen Wissenschaftler zwischen den westlichen Alliierten. Die Amerikaner hatten sich letztlich bereiterklärt, den Briten einige der deutschen Top-Wissenschaftler für die Operation "auszuleihen".

Nach den Tests hatten die Briten versucht, diese Wissenschaftler erneut abzuwerben und das US War Department hatte Mühe, alle wieder zurückzubekommen. Letztendlich willigten die Briten der Rückkehr der Wissenschaftler nach Amerika ein. Als Gegenleistung wollten sie vier oder fünf der führenden Köpfe in London ausführlich zu "technischen Aspekten befragen". Wie sich später herausstellte, hat es diese "technischen Diskussionen" nie gegeben. Von Braun, Dornberger und einige andere wurden von den Briten durch London gefahren, um ihnen die Zerstörungen zu zeigen, die ihre Raketen gebracht hatten. Von Braun und die Anderen wurden kurz darauf wieder den US-Truppen in Deutschland übergeben, Dornberger blieb hingegen in London. Die britische Regierung wollte ihn behalten - nicht wegen seines Wissens über die V2, sondern um ihn zur Verantwortung zu ziehen. Er verbrachte zwei Jahre in England und wanderte 1947 in die USA aus, wo er später u.a. für Bell und die NASA arbeitete.

Fast sämtliche für das Projekt errichteten Anlagen wurden von den Briten nach dem erfolgreichen Abschluß der Versuche wieder entfernt. Die Bunker wurden gesprengt, die Betonplatte der Abschussstelle beseitigt. Von ihr blieb lediglich eine Vertiefung im Wald zurück. Der Beobachtungsbunker war in seiner Gesamtheit offenbar noch in den siebziger Jahren recht gut erkennbar, heute dient ein speziell umgebauter Hohlraum in den Trümmern Fledermäusen als Quartier.

Reste des KommandobunkersEhemaliges Verladegleis am Bahnhof Altenwalde

Poststempel Raketenpost 1964Zwischen 1957 und 1964 wurde die Gegend um Sahlenburg und Arensch ein weiteres Mal zum Schauplatz von Raketenversuchen. Im Wattenmeer testeten deutsche Wissenschaftler der DAFRA bzw. späteren Deutschen Raketengesellschaft - darunter Karl Poggensee, Berthold Seliger und Ernst Mohr - in diesem Zeitraum unterschiedlichste Flugkörper. Verfolgt und gesteuert wurden diese Erprobungen aus einem ehemaligen Beobachtungsbunker der Marine direkt an der Küste. Gemeinsam war all diesen Raketen zunächst ihre rein wissenschaftliche und zivile Ausrichtung, sie waren für Post-, Versorgungs-, Rettungs- und Forschungszwecke gedacht. In Sahlenburg wurde während solcher Tests oft ein spezielles Postamt eingerichtet, das "Raketenpost" entgegennahm. Die Sendungen wurden in die Rakete geladen und nach dem Flug wieder nach Sahlenburg befördert, von wo sie nach Aufbringen eines Sonderstempels auf normalem Weg zum Empfänger weitergeleitet wurden. Doch bereits 1963 wurden im Rahmen einer Vorführung auch wieder militärische Raketen gestartet. Veranstalter war ein Firmen-Zusammenschluss namens Luftrüstungs-AG. Mitte 1964 hatte all dies aber ein Ende, in Braunlage war bei einem nicht mit Cuxhaven zusammenhängenden Raketenstart durch einen Unfall ein Junge getötet worden und die inzwischen in "Herrmann-Oberth-Gesellschaft" umgetaufte Vereinigung erhielt daraufhin keine Genehmigungen mehr für weitere Starts an der Nordsee.
 

 

Heute ist sowohl der Wernerwald, in dem die Abschüsse der Operation Backfire stattfanden, als auch das vorgelagerte Wattenmeer Naherholungs- und Naturschutzgebiet.

Quellen (Auszug):
- Ministry of Supply, Report on Operation "BACKFIRE", The War Office, London, 1946
- "Crossbow & Overcast" - James McGovern, 1965
- verschiedene Artikel von Harald Lutz
- "After the Battle #6" - 1974

Dieser Artikel ist teilweise die Übersetzung eines englischsprachigen Textes von Tracy Dungan / V2Rocket.com , dem wir an dieser Stelle für die gute Zusammenarbeit und die freundliche Genehmigung danken möchten.

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