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Geheimdienst-Horchposten in Berlin

Geschrieben von: Michael Grube   

Kaum ein Ort war während des Kalten Krieges so günstig für die westliche Fernmeldeaufklärung gelegen wie Westberlin. Entsprechend hoch war denn auch die Anzahl der "Horchposten" der verschiedensten Betreiber. Obwohl es natürlich eine gewisse Zusammenarbeit der Geheimdienste gab, kochte doch letztlich jedes Land, ja sogar jeder Geheimdienst innerhalb derselben Nation, meist sein eigenes Süppchen. Einen kleinen Überblick möchten wir hier vermitteln.

Site 1 - Rudow

Diese Anlage, von der ASA (Army Security Agency - der "militärische Arm" der amerikanischen NSA) betrieben, befand sich im äußersten Südosten von Westberlin direkt am Todesstreifen. Die Einrichtung muß Anfang der fünfziger Jahre erfolgt sein, abgebaut wurde die Station erst nach dem Mauerfall. Site 1 nimmt eine besondere Rolle in der Geschichte Berlins ein - von hier aus ließen die CIA und der britische SIS 1954 den berühmten Spionagetunnel der "Operation Gold" (siehe weiter unten) nach Ostberlin anlegen. Die ursprüngliche "Site 1" wurde im Herbst 1971 geschlossen -das Gelände wurde aber weiterhin genutzt.

Site 1, Berlin-RudowSite 1 im Jahr 2003

Bei den kleinen, im Bildvordergrund erkennbaren Gebäuden handelt es sich um die Häuschen von Kleingärtnern. Heute ist von der "Rudow Site" nichts mehr zu erkennen, das gesamte Gelände wurde inzwischen mit Einfamilienhäusern überbaut.

Site 2 - Tempelhof

Der Flughafen Berlin-Tempelhof wurde praktisch sofort nach dem Krieg von den US-Truppen übernommen und es dürfte nicht sehr lange gedauert haben, bis dort auch die ersten Fernmelder der US Air Force stationiert wurden. Spätestens mit der Berlin-Blockade dürften sich dann auch die ersten Nachrichtendienstler in der "Tempelhof Air Base" eingefunden haben. Die 6912th Radio Squadron Mobile (später 6912th Electronic Security Group) des US Air Force Security Service betrieb seine Arbeit in den oberen Stockwerken eines Flügels des Flughafengebäudes. Zeitweise hatten offenbar auch Einheiten der ASA in benachbarten Räumen ihren Arbeitsplatz. Die Antennenanlage befand sich unter einer viereckigen Polyester-Verkleidung auf einem der mittleren "Türme" des Gebäudes. Weitere Antennen standen weiter östlich auf dem Gelände - wahrscheinlich dort, wo heute die der Flugsicherung stehen.

Tempelhof - auf diesem Turm befanden sich die AntennenRadom am Flughafen Tempelhof

Im Jahr 1984 wurde zusätzlich ein 72 Meter hoher Turm für eine Radaranlage zur militärischen Luftraumüberwachung errichtet. Sie konnte (und kann) Flugbewegungen in einer Höhe bis zu 30km in einem Umkreis von rund 350km erfassen. Seit 1994 wird der Turm von der Bundeswehr genutzt.

Am 1. Juli 1991 wurden die bisher von den Alliierten genutzten Anlagen an die Berliner Flughafen-Gesellschaft übergeben und bis zur Einstellung des Flugbetriebs am 31.10.2008 als regulärer Zivilflughafen betrieben. In einem Teil residiert noch heute das Polizeipräsidium, andere sind an verschiedene Firmen vermietet, das Flugfeld und Teile des Flughafens sind nun als "Tempelhofer Park" eine Art Insel inmitten der Stadt.

Site 3/Field Station Berlin - Teufelsberg

Benannt wurde der 115 Meter hohe, aus Kriegsschutt über den Ruinen der "Wehrtechnischen Fakultät" aufgehäufte, künstliche Hügel nach dem nahegelegenen Teufelssee. Ab 1951 befand sich hier oben auf dem Teufelsberg ein "Horchposten" der USA. Etwa 1964 wurde die bis dahin benutzte mobile Technik durch permanente Installationen ersetzt. Bis 1990 betrieb die U.S. Army & U.S. Air Force Intelligence zusammen mit der NSA diese Anlage zum Abhören und Stören des Ostblock-Funkverkehrs und für ähnliche Aufgaben. Sozusagen Gast-Nutzer der Anlage waren aber auch verschiedene andere Nachrichtendienste, so z.B. ein Detachment des britischen 13th Signals Regiments, das bis 1967 in Gatow gearbeitet hatte, die CIA, die NSA und französische Einheiten. Rund 230 Personen sollen hier im Schichtdienst gearbeitet haben, Stab und Mitarbeiter waren in den "Andrews Barracks" in Lichterfelde untergebracht.

Field Station Berlin 1983

Obwohl es zu mindestens einem schweren Fall des Geheimnisverrats an die DDR kam, konnte am Teufelsberg stationierte US-Einheiten die "Travis Trophy"gleich zweimal gewinnen. Dieser Preis wird jährlich von der NSA an die militärische oder zivile Fernmeldeaufklärungs-Einheit vergeben, die über das Jahr die beste und wertvollste Leistung für die USA erbracht hat. Interessant ist auch eine andere Begebenheit: Eines Tages stellten die Techniker fest, daß sich bestimmte Signale während einer wiederkehrenden, kurzen Zeit im Jahr besser als sonst empfangen ließen. Es dauerte eine ganze Weile, bis man bemerkte, daß dies immer während des Deutsch-Amerkianischen Volksfestes der Fall war - das Riesenrad auf der Truman Plaza, rund fünf Kilometer südöstlich der Station, schien für bestimmte Frequenzen wie ein Verstärker zu wirken. Man ließ es daraufhin einfach ein Weilchen länger stehen ...

FSB - Blick vom Grunewald-TurmAuf dem GeländeÜberwuchtert - Treppe im Gelände
EmpfangsbereichÜberblickVergitterter EingangRampe
KabelschächteFeuerlöschanlageCrest im Bereich der WachePanzerschränke
Die Vandalen haben gewütetAm ParkplatzDie Anlage in den 1980er JahrenBerlin Brigade on Watch

Vor dem Fall der Mauer war eine Modernisierung der FSB in mehreren Schritten bis zum Jahr 1995 geplant, wofür jährlich zwischen 12 und 60 Mio. Dollar angesetzt waren. Der Fall der Mauer machte dies überflüssig. Im August 1992 wurde der Großteil des elektronischen Equipments schließlich abgebaut und das Gelände an die Berliner Landesentwicklungs-Gesellschaft (BLEG) übergeben. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch bekannt, daß die Bundesrepublik bis dahin rund 300 Millionen DM zum Aufbau der Anlage zugeschossen hatte. Zwischenzeitlich war  ein "Teufelsberg Resort" geplant und auf dem Gelände wurde bereits gebaut. Im Herbst 2003 standen die Bauarbeiten schon mehrere Monate still. Im Jahr 2005 stellte sich heraus, daß das Projekt gescheitert ist. In der Folgezeit suchten Vandalen das Gelände heim und zerstörten so ziemlich alles, was kaputt zu machen war.  Seit Mitte 2006 ist die Renaturierung der Liegenschaft in Planung. In einigen Jahren dürfte von diesem Relikt des Kalten Krieges nichts mehr zu sehen sein.

Panorama - Im Inneren des Radoms Panorama - vor dem Aufzug


Auf den Seiten der Field Station Berlin Veterans Group finden sich viele weitere interessante Informationen und Fotos zur FSB, den Einheiten, Kasernen und der Zeit des "Eisernen Vorhangs" in der heutigen Hauptstadt.

LFC SchafbergLFC - "La Fit Claire", Wannsee

Iin Wannsee befand sich , gleich neben dem zivilen Fernsehturm, eine Kopfstation der Telefon-Richtfunkstrecke Westberlin - Bundesrepublik. Die Gegenstelle im Westen befand sich auf dem Torfhaus im Harz. Aber auch hier auf dem Schäferberg, nur wenige Kilometer von Potsdam entfernt, war bis Anfang der Neunziger (wahrscheinlich 1991) Personal der amerikanischen ASA tätig.

Wahrscheinlich taten nur wenige Soldaten in dem beengten Fernsehturm hier Ihren Dienst, über ihre Mission ist uns nichts bekannt. Seit wann der Turm auch für diese Zwecke benutzt wurde, ist leider ebenfalls relativ unklar. Bekannt ist lediglich, daß in dieser Hinsicht bereits 1972 reger Betrieb geherrscht haben muß und daß es offenbar eine recht enge Zusammenarbeit mit dem Teufelsberg gab.

Der Fernsehturm steht noch heute und wird weiterhin zivil genutzt, die Richtfunkstrecke ist längst abgebaut.

Site 4 - Grunewald

Unterhalb des Teufelsberges, im Jagen 87 des Grunewalds, befand sich die sogenannte "Site 4" der amerikanischen ASA. Leider ist unklar, wann sie in Betrieb genommen wurde - sicher ist, daß sie 1953 bereits existierte. Aufgelöst wurde sie höchstwahrscheinlich 1975. Es handelte sich lediglich um ein einzelnes, barackenähnliches und umzäuntes Gebäude mit ein paar Antennen.

Site 4 Grunewald

Um zu verhindern, daß man von außen hörte, was innen vorging, waren Außenlautsprecher installiert, die 24 Stunden am Tag das Programm des Radiosenders AFN spielten. Heute ist von all dem nichts mehr erkennbar, das Gelände steht als Trockenrasengebiet unter Naturschutz.

USAFSS/ESC Station - Marienfelde

In Marienfelde, ebenfalls ganz nah an der Grenze, befand sich eine Station des US Air Force Security Service/Electronic Security Command. Zumindest in den siebziger Jahren war die 6912th ESG (Tempelhof) für die Anlage zuständig, die zwischen 1962 und 1965 eingerichtet worden war. Die Station arbeitete im 24-Stunden-Betrieb, offiziell war ihre Aufgabe die Sicherung des Flugverkehrs und die "Erkundung von atmosphärischen Phänomenen". Durch Unterlagen der Stasi (der Fall des MfS-Spions "Kid") ist aber recht klar belegt, daß hier auch elektronische Kampfführung betrieben wurde. Auch die britische Royal Air Force war hier als Gast aktiv.

Marienfelde während der aktiven ZeitMarienfelde 2004Marienfelde 2004

Das Gelände umfaßte vierzehn Gebäude auf einer Gesamtfläche von etwa dreizehn Hektar. Sechs der Gebäude waren sog. "Operations Buildings", also Abhörbetriebsgebäude, ein Bau diente als Munitionsdepot. Die jährlichen Unterhaltskosten lagen bei rund US $ 470.000, der Großteil davon für Kommunikationsanlagen.

Im September 1991 wurde die Anlage geschlossen, heute ist auf dem Areal absolut nichts mehr von der ehemaligen Nutzung erkennbar. Nur ein Hügel ist geblieben.

Gatow

Im Westen Berlins betrieb das Army Air Corps der britischen Royal Air Force bereits seit Mitte 1945 den ehemaligen Flughafen Gatow als Militärflugplatz. Von dort aus betrieben Angehörige der Special Signals Division (Detachment 3 des 365 Signal Regiment aus Uetersen) ab 1951 taktische Funkaufklärung (die Einheit wurde später in 5 Signals Wing umbenannt). Zu dieser Zeit gab es eine Peilantenne auf den Flugfeld und wahrscheinlich eine hölzerne Antennenträger-Konstruktion auf dem Tower-Gebäude.

1955 nahm ein Detachment des 13th Signals Regiments aus Birgelen die Arbeit in Gatow auf, zog aber 1967 auf den Teufelsberg um. Auch Mitarbeiter des US ASA waren hier tätig. Ebenfalls 1955 wurde der Funkaufklärungsbereich vom Kontrollturm in Block 15 ("Hanbury Block") verlegt, da man im Fall einer zweiten Luftbrücke den Tower anderweitig nutzen wollte. Im Jahr 1962 waren im Hanbury Block Übersetzer für Russisch, Polnisch, Tschechisch und Deutsch beschäftigt - hieran kann man in etwa ermessen, was so alles "belauscht" wurde. Etwa zur selben Zeit tauchten in Gatow auch die ersten amerikanischen SIGINT-Einheiten mit mobilem Equipment auf.

Radome in Gatow

Bereits 1963 folgte der nächste Umzug: Diesmal zog ein Teil auf den Teufelsberg, ein anderer in den Hangar 4 des Flugplatzes. Um die notwendigen räumlichen Voraussetzungen zu schaffen, wurde der Hangar extra umgebaut. In seiner Nähe hatte die Firma Rohde & Schwarz im selben Jahr einen rund dreißig Meter hohen Radarturm errichtet.

Im September 1994 übernahm die Bundeswehr das Gelände und betreibt heute in einigen Hangaren und auf dem früheren Flugfeld das sehr interessante Luftwaffenmuseum. Das südlich des Flugfeldes gelegene Gelände dient heute unter dem Namen General-Steinhoff-Kaserne u.a. auch dem Fernmeldesektor D der Luftwaffe als Standort.

Antenne der Cite FochCité Foch

In Berlin-Waidmannslust in der Cyklopstraße/Rue Montesquieu hatte auch der französische Geheimdienst seine Ohren in's Umland gerichtet. Leider ist uns über die damalige Stärke oder technische Ausrüstung diueser Einrichtung nichts näheres bekannt.

Nach der Wende wurde der Mast kurzzeitig zur Abstrahlung von Hörfunkprogrammen benutzt. Heute hat hier der Bundesnachrichtrendienst seinen Berliner Dienstsitz.

Weitere Stationen

Neben diesen Stationen gab es noch weitere ähnliche Objekte im Westteil der Stadt:

  1. Flughafen Tegel - Betrieben von der französischen Armee. Zeitweise soll hier auch der BND mit zehn Personen "Untermieter" gewesen sein.
  2. Spandau - Anlage des BND.
  3. Spandau - Anlage des britischen SIS.

Wahrscheinlich sind das noch lange nicht alle, die es gegeben hat. Reine Büros und kleinere Funkstationen, wie z.B. die in den Botschaften üblichen, haben wir hier nicht berücksichtigt.

"Operation Gold"

Einer der spektakulärsten Fälle von Fernmelde-Spionage kam im Jahr 1956 ans Licht. Von Ende 1954 bis Frühjahr 1955 hatte die CIA, zusammen mit dem britischen Secret Service SIS, einen rund 420 Meter langen Tunnel (davon etwa 350m unter DDR-Gebiet) vom Gelände der "Site I" in Rudow unter das Gebiet von Altglienicke (Ostberlin) vorgetrieben, um dort sowjetische Militärleitungen abzuhören. Drei Kabel mit je 275 Doppeladern wurden angezapft, so daß theoretisch rund 1.200 Gespräche gleichzeitig abgehört werden konnten. Durchschnittlich wurden rund 30 Fernschreiber und etwa 120 Telefongespräche gleichzeitig mitgeschnitten. In Spitzenzeiten waren fast 700 Menschen mit dieser Aufgabe betraut und verbrauchten dabei rund 50.000 Spulen Tonband auf hunderten von Ampex-Tonbandgeräten, die in der Lagerhalle der "Site 1" installiert waren. 443.000 Gespräche wurden mitgeschrieben, davon 368.000 russische und 75.000 deutsche. Tragischerweise war diese, etwa 25 Millionen US Dollar teure Aktion mit dem Tarnnamen "Operation Gold" bereits in der Planungsphase von einem britischen Agenten an den KGB verraten worden. So fand dann auch im April 1956 ein ostdeutscher Techniker bei Wartungsarbeiten "zufällig" den Tunnel und das Thema wurde propagandistisch ausgeschlachtet. Trotz des Verrats und obwohl die Sowjets über die Operation im Bilde waren, konnten die westlichen Geheimdienste doch eine nicht unerhebliche Menge an Informationen gewinnen.  Ein Segment des Tunnels ist heute im Alliiertenmuseum an der Clayallee ausgestellt.

Spionagetunnel



Quellen (Auszug):
- Alliiertenmuseum, Berlin
- Empfänglich für Geheimes, Erich Schmidt-Eenboom
- Hambühren, Lower Saxony - A Military History 1939-1999, Peter Jackson
- Headquarters Germany - Die amerikanischen Geheimdienste in Deutschland, Klaus Eichner/Andreas Dobbert
- Special Signal Unit History, Davis Haysom
- Battleground Berlin, D.E.Murphy, S.A.Kondraschev, G.Bailey
- Fotos von Patrick Breloehr
- versch. Drucksachen des Bundestages und der Länder
- Field Station Berlin Veterans Group http://fsbvg.org
- Intelligence and National Security, Matthew M.Aid/Cees Wiebes
- hist. Dokumente des CIA zur "Operation Gold"
- Militarisierungsatlas der Bundesrepublik
- West-Arbeit des MfS, Hubertus Knabe
- Aussagen von Zeitzeugen
- eigene Recherchen

 
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