Im Süden der Stadt Lübeck befindet sich im Industriegebiet
an der Geniner Straße eines der markantesten und wohl auch ungewöhnlichsten
Bauwerke der Stadt. Als weithin sichtbare Landmarke steht dort ein ca.
70 Meter hoher, 80.650 Kubikmeter fassender Gasbehälter.

Es handelt sich um einen sogenannten Scheibengasbehälter der Bauart
"Klönne-Trockengasbehälter". Innerhalb des
festen, zylindrischen Behälters befindet sich eine bewegliche Scheibe,
die als Deckel auf der Gasfüllung "schwimmt" und sich je
nach Füllstand nach oben oder unten bewegt. Auf der Scheibe angeordnete
Betongewichte sorgen für einen konstanten Druck innerhalb des Behälters.
Der gasdichte Anschluß der beweglichen Scheibe an die festen Behälterwände
wird mit Ledermanschetten erreicht, die von Andruckrollen an die innere
Wandung gepresst werden. Die Behälterwände sind mit Fett beschichtet,
das sowohl schmiert, dichtet als auch vor Korrosion und im Winter vor
Vereisung schützt.
Scheibe und Dichtung werden mehrmals wöchentlich,
im Winter täglich, von Technikern kontrolliert, die auch den Fettfilm
ständig erneuern müssen.
Der Füllstand des Behälters wird außen mit einem Zeiger
auf einer runden Skala angezeigt. Der Zeiger wird über Seilzüge,
Umlenkrollen und Gewichte rein mechanisch entsprechend der Lage der
Scheibe verstellt.

Um das Innere des Behälters zu erreichen, muß
man zunächst mit einem Aufzug, der in einem vor der Außenwand
angeordneten "Rohr" installiert ist, auf das Dach des Behälters
fahren. Von dort ist über einen auf der Dachfläche verlegten
Steg die Laterne in der Mitte des Daches erreichbar. Im Inneren befindet
sich dort eine kleine Arbeitsplattform. Die Scheibe selbst kann dann
von dort aus mit einem Fahrkorb erreicht werden. Dieser Korb hängt
freischwebend an Stahlseilen, starre Führungsschienen oder ähnliche
Konstruktionen wären wegen der beweglichen Scheibe unmöglich.

   
In der Umgebung des Behälters und vor allem im Inneren gelten selbstverständlich
strengste Sicherheitsbestimmungen. Beim Aufenthalt im Behälter wird
der Gasgehalt der Atemluft ständig mit Spürgeräten überprüft.
Für den Notfall liegen in Behältern auf der Arbeitsplattform
und auch auf der Scheibe Atemschutzgeräte bereit.
Der Gasbehälter steht auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerkes
II und wurde Ende 1954 fertiggestellt. Trotz seines Alters ist er nach
Auskunft der Stadtwerke in einem technisch einwandfreien Zustand und soll
noch einige weitere Jahre seinen Dienst tun. Der Behälter dient dabei
nicht der langfristigen Speicherung von Gas sondern vielmehr zum Ausgleich
kurzfristiger Verbrauchsspitzen. Würde die gesamte Gasversorgung
der Stadt Lübeck allein aus dem Behälter gespeist, wäre
er nach etwa 45 Minuten leer.
Die Geschichte der Gasversorgung in Lübeck
Die Gaswerke der Stadt Lübeck, heute Energie und Wasser Lübeck
GmbH, können auf eine inzwischen fast 150jährige Geschichte
zurückblicken. Anlass zur Einrichtung einer städtischen Gasanstalt
war auch in Lübeck vornehmlich der Wunsch nach einer Gasbeleuchtung
der öffentlichen Straßen und Plätze.
Nachdem bereits 1826 in Hannover als erster deutscher Stadt und 1846
in Hamburg eine gasbetriebene Straßenbeleuchtung installiert worden
war, entschloss man sich 1852 auch in Lübeck zum Bau einer Gasanstalt.
Vorausgegangen war ein jahrelanger Streit um die private oder kommunale
Trägerschaft des Gaswerkes und der Straßenbeleuchtung. Am 20.
Februar 1854 erging schließlich der Beschluss des Senates und der
Bürgerschaft zum Bau einer Gasanstalt. Der Beschluss enthielt bereits
sehr konkrete Vorgaben zur Finanzierung, Größe und auch zur
Ausführung der Anlagen und Bauwerke:
"Die massiv in rohem Mauerwerk aufzuführenden, mit Schiefer,
kannelierten Eisenblechen oder Asphaltfilz zu deckenden Gebäude und
die Gasbereitungsapparate sollen so angelegt werden, daß sie zunächst
außer der Straßenbeleuchtung 1.500 bis 2.000 Privatflammen
versorgen, aber auch ohne Schwierigkeit bis für 4.000 Privatflammen
vergrößert werden können."
Die Straßenbeleuchtung war mit 550 Straßen- und 130 Gangflammen
vorgesehen.
Für den Bau wurde ein Grundstück südlich des Holstentores
direkt am Stadtgraben ausgewählt. Das Gas sollte in 8 Öfen mit
36 Retorten aus Steinkohle gewonnen werden, während der Bauzeit entschloss
man sich zum Bau eines weiteren Ofens mit 7 Retorten. Am 20. Dezember
1854 nahm die Gasanstalt den Betrieb auf.

Bereits nach wenigen Jahrzehnten reichte die Kapazität des Werkes
nicht mehr aus, so daß 1893/94 ein weiteres Gaswerk ("Gaswerk
II") in der Geniner Straße direkt am Elbe-Lübeck-Kanal
gebaut werden musste. Doch schon 1901-03 mussten auch hier die Anlagen
erweitert und die bestehende Technik modernisiert werden. Außerdem
ging 1903 die erste Ferngasleitung Deutschlands von Lübeck nach Travemünde,
immerhin über eine Länge von 19,5 km, in Betrieb. 1908/09 wurde
die Leistung des Gaswerkes II durch Installierung einer Wassergasanlage
nochmals gesteigert.
Doch der Gasverbrauch stieg so rasant an, daß schon nach wenigen
Jahren wieder die Grenze der Leistungsfähigkeit erreicht war. Nach
längerer Diskussion wurde 1911/12 ein Anschluß des Gasnetzes
an die Kokerei des seit 1905 bestehenden Hochofenwerkes hergestellt. Das
Gas fiel dort bei der Produktion des Hochofenkokses quasi als Abfallprodukt
an, wenn auch in zunächst minderwertiger Qualität. Mit dem Hochofenwerk
wurde die Lieferung von täglich bis zu 30.000 m³ aufbereiteten
Gases vertraglich vereinbart. Die Eigenproduktion der Gaswerke lag zu
diesem Zeitpunkt bei 47.500 m³ /Tag.

Im ersten Weltkrieg nahm der Gasverbrauch zunächst weiter zu, auch
weil das Konkurrenzprodukt Petroleum kaum noch zur Verfügung stand.
Gegen Ende des Krieges musste dann aber auch die Gasproduktion wegen Kohlemangels
reduziert werden. Eine noch 1917 vorgenommen nächste Erweiterung
des Gaswerkes II konnte daher kaum noch ausgenutzt werden. In den Nachkriegsjahren
und während der Inflation wurde die Situation nicht besser. Ende
1923 kostete ein Kubikmeter Gas ganze 230 Milliarden Mark, die Arbeiter
der Werke wurden täglich entlohnt, das Geld verlor innerhalb von
Stunden seinen Wert. Erst Ende 1923 trat mit der Währungsreform wieder
eine Stabilisierung ein.
Das alte Gaswerk an der Moislinger Allee wurde 1923/24 abgebrochen, nachdem
der Betrieb dort schon Jahre vorher eingestellt worden war.
1928 wurde in einem neuen Vertrag mit dem Hochofenwerk die Lieferung
von bis zu 100.000 m³ Gas täglich vereinbart. Im Gegenzug sollte
die Eigenproduktion von Steinkohlengas im Gaswerk II eingestellt werden.
Am 5.07.1930 wurden die Anlagen dort stillgelegt, seit dem sind die Gaswerke
der Stadt Lübeck "nur" noch ein Betrieb zur Speicherung
und Verteilung von Gas.
In den 30er Jahren wurden im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwunges die
Anlagen erneuert und modernisiert. 1937 wurde sogar eine Gastankstelle
eingerichtet. Auch der Zweite Weltkrieg brachte zunächst eine weitere
Steigerung der Produktion. 1941/42 wurde ein 50.000 m³ fassender
Gasbehälter ("Gaswerk III") errichtet.

In der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 wurde Lübeck Ziel
eines schweren Bombenangriffs. Auch die Anlagen der Gaswerke und vor allem
das Leitungsnetz wurden schwer getroffen. Ein Gasbehälter wurde aufgerissen,
zwei weitere gerieten in Brand, 964 Privatanschlussleitungen wurden zerstört.
Noch 1943/44 betrug der Gasverlust ca. 3 ½ Millionen Kubikmeter.
Im April 1945 musste die Gasversorgung dann ganz eingestellt werden und
konnte erst Ende Oktober mit starken Einschränkungen wieder aufgenommen
werden. Noch bis 1949 gab es Rationierungen.
Nach der Währungsreform wurde sofort ein großangelegtes Programm
zur Erneuerung und Erweiterung der Verteilungsanlagen und Rohrnetze in
Angriff genommen, das mit dem Bau des vorgestellten Gasbehälters
zunächst seinen Abschluß fand. Schließlich wurde zwischen
1965 und 1969 schrittweise der Betrieb auf das umweltfreundlichere und
preiswertere Erdgas umgestellt, das zudem noch einen höheren Brennwert
aufweist. Der Verbrauch stieg in diesen Jahren nochmals stark an.
Allerdings verschwanden mit dem Stadtgas auch bis Ende der 80er Jahre
die meisten Gaslaternen der Straßenbeleuchtung, die einst der Anlass
zur Gründung der Gasanstalt waren. Erst in den letzten Jahren werden
in einigen historisch (und wohl auch touristisch) bedeutsamen Altstadtstraßen
wieder neue Gaslaternen aufgestellt.
Wir danken der Energie und Wasser Lübeck GmbH,
Frau Urban, für die freundliche Unterstützung sowie Herrn Dr.
Friedrich Balck von der TU Clausthal für die Überlassung der
Aufnahmen aus dem Inneren des Gasbehälters. |