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In den frühen fünfziger Jahren stieg auch in den USA die Angst
vor einem Atomschlag durch Langstreckenbomber der Sowjetunion. Flak-Artillerie
kam nicht mehr in Frage, die neue Abwehrwaffe waren Boden-Luft--Raketen.
Nach tausenden von Tests, hauptsächlich auf dem White Sands Missile
Range in New Mexico, wurden 1954 die ersten Nike Ajax - Raketen in
Dienst gestellt. Diese erste Stufe dieser zweistufigen Rakete wurde noch
mit hochbrisanten Flüssigtreibstoffen angetrieben. Sie hatte eine
Reichweite von rund vierzig Kilometern. Die ersten Batterien wurden zum
Schutz von Großstädten stationiert: Boston, Providence, Philadelphia/New
York und Baltimore/Washington, danach Seattle, San Francisco und Los Angeles.
Weitere Städte und Militärstützpunkte folgten, darunter
Miami, Cleveland, Milwaukee und Detroit. Da die amerikanischen Gesetze
für die oberirdische Lagerung von Sprengstoffen und -körpern
schon in den fünfziger Jahren bestimmte Mindest-Grundstücksgrößen
vorschrieben (für eine Nike Ajax - Feuerstellung rund 80ha) und diese
in stadtnahen Gegenden oft nicht zur Verfügung standen, suchte man
nach einer Lösung, Man fand sie in der Form unterirdischer Magazine,
was die benötigte Fläche auf etwa 17ha reduzierte.

Die Nike Ajax wurde in den Jahren 1958 bis 1963 von der
deutlich verbesserten Nike Hercules abgelöst. Sie wurde von vier
Feststoff-Boostern angetrieben, konnte mit einem nuklearen Sprengkopf
ausgerüstet werden und hatte eine Reichweite von rund 120km. Eine
weitere wichtige Neuerung bestand im wesentlich verbesserten Zielerfassungs-Radar.
Eine Hauptforderung der Army war weitgehende Kompatibilität mit
den Abschussvorrichtungen der Nike Ajax gewesen, so daß bestehende
Batterien ohne große Umbauten weiterbenutzt werden konnten.

Anfang der siebziger Jahre sank die Wahrscheinlichkeit eines
Angriffs durch Bomber immer mehr, die Gefahr durch sehr hoch und sehr
schnell fliegende ballistische Interkontinentalraketen (ICBM) nahm dagegen
immer mehr zu. Die Nike hatte somit, zumindest in den USA, ausgedient.
Das Waffensystem als solches blieb weiterhin in fast allen NATO-Staaten
in Dienst, allerdings meist im mobilen oder semi-mobilen Einsatz. In einigen
Armeen findet die Nike Hercules noch heute Verwendung. Die meisten Nike-Stellungen
in Nordamerika wurden um 1974 außer Dienst gestellt, die letzten
in den späten siebziger Jahren.
Eine dieser Nike-Stellungen möchten wir an dieser Stelle
einmal näher betrachten. Es handelt sich um die Anlage SF-88, eine
von sechzehn im Raum San Francisco. Jede Stellung bestand prinzipiell
aus drei Funktionskomplexen, die in den meisten Fällen auch räumlich
mehr oder weniger voneinander getrennt waren:
Wohn- und Verwaltungsbereich (Administrative Area) - SF-88A
Hierüber lässt sich naturgemäß nur wenig sagen.
Meist handelte es sich um ein nahegelegenes Gebäude oder einen Komplex,
der je nach Gegebenheiten vollkommen unterschiedlich aussehen konnte.
Wenn es die Lage erlaubte, konnte der Wohnbereich auch Teil einer in der
Nähe befindlichen Kaserne sein. SF-88A befand sich oberhalb des Abschussbereichs
in einem Militärgebäude aus der Zeit kurz nach der Jahrhundertwende.
Heute befindet sich in den Räumen ein YMCA-Heim.
Kontroll- und Radarbereich (Integrated Firing Control - IFC) - SF-88C
Diese abgesetzte und per Leitung mit dem Abschussbereich verbundene Einrichtung
befand sich auf der "Wolf Ridge", einem Hügel westlich
der Feuerstellung. Jede IFC war natürlich umzäunt und bewacht,
es gab nur einen Eingang zum Gelände. Auf dem Gelände waren
Ziel- und Flugkörper-Erfassungsradar, Radar-, Kontroll- und Generatorengebäude
untergebracht. Die Radar- und Kontroll-Anhänger standen auf Betonplatten,
darüberhinaus gab es auf SF-88C auch noch einen Hubschrauber-Landeplatz.


Das Areal ist heute verlassen und liegt in einem Naturschutzgebiet. Die
Straße auf den Hügel ist während des Erdbebens von 1989
um ca. 12m abgesackt, so daß der Zugang etwas kompliziert ist. Auf
dem Gelände selbst befinden sich noch einige Sockel und die erwähnten
Betonplatten.
Abschussbereich (Launch Area) - SF-88L
Die Feuerstellung selbst ist natürlich ebenfalls ein eingezäuntes
Areal, das sich in einen äußeren Bereich und einen nochmal
eingezäunten, inneren Abschussbereich mit dem Magazin bzw. den Magazinen
gliedert.

Nach dem Passieren der Wache sieht man zuerst den "Launch
Control Trailer" (LCT). Er war das Kontrollzentrum und Herz des Systems.
Hier liefen die Informationen von der IFC ein und von hier wurde auch
der Abschuss der Raketen gesteuert. Gleich dahinter befindet sich das
1962 errichtete Montage- und Testgebäude, in dem die nicht-explosiven
Teile der Nike Hercules montiert und jeder Flugkörper regelmäßig
elektronisch getestet und gewartet wurde. Für den Ernstfall mußte
die Stellung natürlich auch auf Stromausfall vorbereitet sein. Vier
Dieselgeneratoren wurden bei jedem Alarm präventiv gestartet. Sie
befinden sich, zusammen mit den Dieseltanks, im Generatorenhaus nur wenige
Meter neben dem Montagebereich.
 
Hinter einem Erdwall befindet sich ein weiterer Bereich
mit einem zweiten Montagegebäude. Hier wurden die Flüssigbooster
der Nike Ajax mit der brisanten Mischung aus Kerosin und Dimethylhydrazin
(UDMH) und IRFNA betankt. Im Gebäude selbst wurden die Gefechtsköpfe
an den Flugkörper montiert und diese Funktion behielt es auch,
als die Nike Hercules ihren Vorgänger ablöste. Zum Waffensystem
Nike Hercules gehörte neben dem konventionellen Gefechtskopf T-45
mit rund 270kg Sprengstoff auch ein nuklearer Gefechtskopf mit der Typenbezeichnung
W-31. Er hatte eine einstellbare Sprengkraft von zwei bzw. vierzig Kilotonnen.
Anders als in Europa war er hier hauptsächlich dazu gedacht, mit
einer Rakete einen möglichst großen Verband feindlicher Flugzeuge
zerstören zu können. Es ist leider nicht bekannt, ob und wann
Raketen mit Nuklear-Gefechtsköpfen hier oder in einer anderen Feuerstellung
bereitstanden.
Direkt anschließend beginnt der gesondert eingezäunte
und bewachte Abschuss-Bereich, der über ein eigenes Wachhäuschen
verfügt. Nicht jeder, der in der Feuerstellung bedienstet war,
hatte hier Zugang. Von dieser Wache aus wurden auch das Beleuchtungs-
und Alarmsystem sowie die elektrischen Tore gesteuert. Ebenfalls im
äußeren Geländebereich, bei SF-88L hinter dem Abschussbereich,
gab es ein Areal, auf dem die Trainingsgeräte und Zwinger der Wachhunde
aufgestellt waren.

  
Im unmittelbaren Abschussbereich sind normalerweise
je vier Abschussrampen auf einer Ladeschiene pro gemeinsamem unterirdischem
Magazin bzw. Silo vorgesehen. SF-88L verfügt über zwei Magazine,
also acht Rampen. Die Raketen selbst werden sowohl unter- als auch
überirdisch auf einem quer zur Schussrichtung montierten Schienensystem
bewegt und sind so austariert, daß selbst eine einzelne Person
sie bewegen könnte. Ungefähr auf zwei Drittel der Schienenlänge
befindet sich der Aufzug zum Magazin, der gleichzeitig Rampe Drei
trägt.

Im abgesenkten Zustand verschließen zwei herunterklappbare
Deckel den Schacht zum Magazin, in dem bis zu sechs Nike Ajax bzw.
Nike Hercules gelagert werden können. Eine festgelegte Feuersequenz
gab es nicht, zwei Methoden wurden aber bevorzugt angewandt bzw. geübt:
Bei der ersten Methode wird eine Rakete mit dem Aufzug hochgefahren,
abgefeuert, wieder hinuntergefahren und eine neue Rakete geladen.
Die Vorteile bestehen darin, freie Auswahl zwischen den vorhandenen,
möglicherweise mit unterschiedlichen Gefechtsköpfen bestückten
Raketen zu haben und einen großen Teil der Arbeit geschützt
durchführen zu können. Die zweite Methode besteht im vollständigen
Laden aller Rampen, bevor die erste Rakete abgeschossen wird (wiederum
die auf dem Aufzug). Hier liegt der Vorteil natürlich eindeutig
darin, mehrere Raketen schnell hintereinander abfeuern zu können.
Bei der besuchten Stellung funktioniert der hydraulische
Aufzug sogar noch, die Fahrt dauert 34 Sekunden. Und auch die Flugkörpern
befinden sich noch auf den Rampen - heute natürlich demilitarisiert
und vollkommen harmlos. Im Magazin selbst gibt es neben den beschriebenen
Schienen und dem Aufzug einen kleinen Schutzraum für die Mannschaft
und ein Kontrollpanel, von dem aus im Notfall die Raketen abgefeuert
werden konnten. Eine kurze Treppe führt ins Freie.

  
 
Panorama Die gesamte Stellung gehört heute dem National
Park Service und kann zu bestimmten Zeiten besichtigt werden - nähere
Infos dazu gibt es hier.
Eine Gruppe Enthusiasten betreut und restauriert die Anlage mit viel
Arbeit und persönlichem Einsatz. Weitere Informationen, Bilder,
Dokumente und vieles weitere (auf Englisch) findet man aufEd
Thelens Webseiten.
Quellen (Auszug):
- Unterlagen des National Park Service zur Site SF-88
- US Army Aviation & Missile Command
- Rolfs NIKE
Pages
- Nike Site SF-88
- Ed Thelen's
Nike Missile Web Site
- versch. Interviews
- eigene Recherchen
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