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Nike-Stellung SF-88, San Francisco

Geschrieben von: Michael Grube   

In den frühen fünfziger Jahren stieg auch in den USA die Angst vor einem Atomschlag durch Langstreckenbomber der Sowjetunion. Flak-Artillerie kam nicht mehr in Frage, die neue Abwehrwaffe waren Boden-Luft--Raketen. Nach tausenden von Tests, hauptsächlich auf dem White Sands Missile Range in New Mexico, wurden 1954 die ersten Nike Ajax - Raketen in Dienst gestellt. Diese erste Stufe dieser zweistufigen Rakete wurde noch mit hochbrisanten Flüssigtreibstoffen angetrieben. Sie hatte eine Reichweite von rund vierzig Kilometern. Die ersten Batterien wurden zum Schutz von Großstädten stationiert: Boston, Providence, Philadelphia/New York und Baltimore/Washington, danach Seattle, San Francisco und Los Angeles. Weitere Städte und Militärstützpunkte folgten, darunter Miami, Cleveland, Milwaukee und Detroit. Da die amerikanischen Gesetze für die oberirdische Lagerung von Sprengstoffen und -körpern schon in den fünfziger Jahren bestimmte Mindest-Grundstücksgrößen vorschrieben (für eine Nike Ajax - Feuerstellung rund 80ha) und diese in stadtnahen Gegenden oft nicht zur Verfügung standen, suchte man nach einer Lösung, Man fand sie in der Form unterirdischer Magazine, was die benötigte Fläche auf etwa 17ha reduzierte.

Nike AjaxNike Hercules

Die Nike Ajax wurde in den Jahren 1958 bis 1963 von der deutlich verbesserten Nike Hercules abgelöst. Sie wurde von vier Feststoff-Boostern angetrieben, konnte mit einem nuklearen Sprengkopf ausgerüstet werden und hatte eine Reichweite von rund 120km. Eine weitere wichtige Neuerung bestand im wesentlich verbesserten Zielerfassungs-Radar. Eine Hauptforderung der Army war weitgehende Kompatibilität mit den Abschussvorrichtungen der Nike Ajax gewesen, so daß bestehende Batterien ohne große Umbauten weiterbenutzt werden konnten.

Luftverteidigung der USA

Anfang der siebziger Jahre sank die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs durch Bomber immer mehr, die Gefahr durch sehr hoch und sehr schnell fliegende ballistische Interkontinentalraketen (ICBM) nahm dagegen immer mehr zu. Die Nike hatte somit, zumindest in den USA, ausgedient. Das Waffensystem als solches blieb weiterhin in fast allen NATO-Staaten in Dienst, allerdings meist im mobilen oder semi-mobilen Einsatz. In einigen Armeen findet die Nike Hercules noch heute Verwendung. Die meisten Nike-Stellungen in Nordamerika wurden um 1974 außer Dienst gestellt, die letzten in den späten siebziger Jahren.

Eine dieser Nike-Stellungen möchten wir an dieser Stelle einmal näher betrachten. Es handelt sich um die Anlage SF-88, eine von sechzehn im Raum San Francisco. Jede Stellung bestand prinzipiell aus drei Funktionskomplexen, die in den meisten Fällen auch räumlich mehr oder weniger voneinander getrennt waren:

Wohn- und Verwaltungsbereich (Administrative Area) - SF-88A

Hierüber lässt sich naturgemäß nur wenig sagen. Meist handelte es sich um ein nahegelegenes Gebäude oder einen Komplex, der je nach Gegebenheiten vollkommen unterschiedlich aussehen konnte. Wenn es die Lage erlaubte, konnte der Wohnbereich auch Teil einer in der Nähe befindlichen Kaserne sein. SF-88A befand sich oberhalb des Abschussbereichs in einem Militärgebäude aus der Zeit kurz nach der Jahrhundertwende. Heute befindet sich in den Räumen ein YMCA-Heim.

Kontroll- und Radarbereich (Integrated Firing Control - IFC) - SF-88C

Diese abgesetzte und per Leitung mit dem Abschussbereich verbundene Einrichtung befand sich auf der "Wolf Ridge", einem Hügel westlich der Feuerstellung. Jede IFC war natürlich umzäunt und bewacht, es gab nur einen Eingang zum Gelände. Auf dem Gelände waren Ziel- und Flugkörper-Erfassungsradar, Radar-, Kontroll- und Generatorengebäude untergebracht. Die Radar- und Kontroll-Anhänger standen auf Betonplatten, darüberhinaus gab es auf SF-88C auch noch einen Hubschrauber-Landeplatz.

Typische, stationäre IFC
Radargeräte des Waffensystems NikeRadar-Sockel der IFC

Das Areal ist heute verlassen und liegt in einem Naturschutzgebiet. Die Straße auf den Hügel ist während des Erdbebens von 1989 um ca. 12m abgesackt, so daß der Zugang etwas kompliziert ist. Auf dem Gelände selbst befinden sich noch einige Sockel und die erwähnten Betonplatten.

Abschussbereich (Launch Area) - SF-88L

Die Feuerstellung selbst ist natürlich ebenfalls ein eingezäuntes Areal, das sich in einen äußeren Bereich und einen nochmal eingezäunten, inneren Abschussbereich mit dem Magazin bzw. den Magazinen gliedert.

Plan der Stellung SF-88

Nach dem Passieren der Wache sieht man zuerst den "Launch Control Trailer" (LCT). Er war das Kontrollzentrum und Herz des Systems. Hier liefen die Informationen von der IFC ein und von hier wurde auch der Abschuss der Raketen gesteuert. Gleich dahinter befindet sich das 1962 errichtete Montage- und Testgebäude, in dem die nicht-explosiven Teile der Nike Hercules montiert und jeder Flugkörper regelmäßig elektronisch getestet und gewartet wurde. Für den Ernstfall mußte die Stellung natürlich auch auf Stromausfall vorbereitet sein. Vier Dieselgeneratoren wurden bei jedem Alarm präventiv gestartet. Sie befinden sich, zusammen mit den Dieseltanks, im Generatorenhaus nur wenige Meter neben dem Montagebereich.

sTEUERUNGSPANELtEST-gEBÄUDEtESTELEKTRONIK

Hinter einem Erdwall befindet sich ein weiterer Bereich mit einem zweiten Montagegebäude. Hier wurden die Flüssigbooster der Nike Ajax mit der brisanten Mischung aus Kerosin und Dimethylhydrazin (UDMH) und IRFNA betankt. Im Gebäude selbst wurden die Gefechtsköpfe an den Flugkörper montiert und diese Funktion behielt es auch, als die Nike Hercules ihren Vorgänger ablöste. Zum Waffensystem Nike Hercules gehörte neben dem konventionellen Gefechtskopf T-45 mit rund 270kg Sprengstoff auch ein nuklearer Gefechtskopf mit der Typenbezeichnung W-31. Er hatte eine einstellbare Sprengkraft von zwei bzw. vierzig Kilotonnen. Anders als in Europa war er hier hauptsächlich dazu gedacht, mit einer Rakete einen möglichst großen Verband feindlicher Flugzeuge zerstören zu können. Es ist leider nicht bekannt, ob und wann Raketen mit Nuklear-Gefechtsköpfen hier oder in einer anderen Feuerstellung bereitstanden.

Direkt anschließend beginnt der gesondert eingezäunte und bewachte Abschuss-Bereich, der über ein eigenes Wachhäuschen verfügt. Nicht jeder, der in der Feuerstellung bedienstet war, hatte hier Zugang. Von dieser Wache aus wurden auch das Beleuchtungs- und Alarmsystem sowie die elektrischen Tore gesteuert. Ebenfalls im äußeren Geländebereich, bei SF-88L hinter dem Abschussbereich, gab es ein Areal, auf dem die Trainingsgeräte und Zwinger der Wachhunde aufgestellt waren.

aSSEMBLY bUILDING
nIKE aJAXgEFECHTSKOPFINNERE wACHEhUNDEZWINGER

Im unmittelbaren Abschussbereich sind normalerweise je vier Abschussrampen auf einer Ladeschiene pro gemeinsamem unterirdischem Magazin bzw. Silo vorgesehen. SF-88L verfügt über zwei Magazine, also acht Rampen. Die Raketen selbst werden sowohl unter- als auch überirdisch auf einem quer zur Schussrichtung montierten Schienensystem bewegt und sind so austariert, daß selbst eine einzelne Person sie bewegen könnte. Ungefähr auf zwei Drittel der Schienenlänge befindet sich der Aufzug zum Magazin, der gleichzeitig Rampe Drei trägt.

Abschußbereite Stellung

Im abgesenkten Zustand verschließen zwei herunterklappbare Deckel den Schacht zum Magazin, in dem bis zu sechs Nike Ajax bzw. Nike Hercules gelagert werden können. Eine festgelegte Feuersequenz gab es nicht, zwei Methoden wurden aber bevorzugt angewandt bzw. geübt: Bei der ersten Methode wird eine Rakete mit dem Aufzug hochgefahren, abgefeuert, wieder hinuntergefahren und eine neue Rakete geladen. Die Vorteile bestehen darin, freie Auswahl zwischen den vorhandenen, möglicherweise mit unterschiedlichen Gefechtsköpfen bestückten Raketen zu haben und einen großen Teil der Arbeit geschützt durchführen zu können. Die zweite Methode besteht im vollständigen Laden aller Rampen, bevor die erste Rakete abgeschossen wird (wiederum die auf dem Aufzug). Hier liegt der Vorteil natürlich eindeutig darin, mehrere Raketen schnell hintereinander abfeuern zu können.

Bei der besuchten Stellung funktioniert der hydraulische Aufzug sogar noch, die Fahrt dauert 34 Sekunden. Und auch die Flugkörpern befinden sich noch auf den Rampen - heute natürlich demilitarisiert und vollkommen harmlos. Im Magazin selbst gibt es neben den beschriebenen Schienen und dem Aufzug einen kleinen Schutzraum für die Mannschaft und ein Kontrollpanel, von dem aus im Notfall die Raketen abgefeuert werden konnten. Eine kurze Treppe führt ins Freie.

Nike Ajax im Magazin
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Panorama 
Das Silo von innen

Die gesamte Stellung gehört heute dem National Park Service und kann zu bestimmten Zeiten besichtigt werden - nähere Infos dazu gibt es hier. Eine Gruppe Enthusiasten betreut und restauriert die Anlage mit viel Arbeit und persönlichem Einsatz. Weitere Informationen, Bilder, Dokumente und vieles weitere (auf Englisch) findet man aufEd Thelens Webseiten.

Quellen (Auszug):
- Unterlagen des National Park Service zur Site SF-88
- US Army Aviation & Missile Command
- Rolfs NIKE Pages
- Nike Site SF-88
- Ed Thelen's Nike Missile Web Site
- versch. Interviews
- eigene Recherchen

 
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