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Der Großschutzraum in der U-Bahnstation Bonn Hauptbahnhof

Geschrieben von: Christoph Lubbe   

Der Großschutzraum in der U-Bahnstation Bonn Hauptbahnhof

Tagtäglich wird die U-Bahnstation am Bonner Hauptbahnhof von mehreren tausend Menschen frequentiert. Ob als eigentliches Fahrtziel, Durchgangsstation oder Umsteigebahnhof gleicht dieser U-Bahnhaltepunkt äußerlich denen vieler anderer deutscher U-Bahnstationen. Triste, rein funktional gestaltete Zugangstunnel für Fußgänger, rutschfester Fußbodenbelag aus Gumminoppen sowie farblich wenig geschmackvoll im Charme der 70er und 80er Jahre gestaltete Wandverkleidungen und Bestuhlungen prägen das Erscheinungsbild im Bahnsteigbereich.

Was jedoch viele Reisende nicht ahnen versteckt sich hinter unauffälligen Türen, Abdeckungen und Sichtblenden. Dort zeigt sich dann, dass dieser U-Bahnknotenpunkt gleichzeitig auch noch für eine ganz andere Verwendung vorgesehen ist. Errichtet in der Zeit des Kalten Krieges, in der man sich der Gefahr eines bewaffneten Konfliktes mit den Ostblockstaaten konfrontiert sah, wurde die Station gleichzeitig als Zivilschutzbunker ausgebaut. Auch heute noch erfüllt dieses Bauwerk die Funktion eines Großschutzraumes und soll im Krisen- oder Katastrophenfall 4.500 Menschen Schutzplätze für einen Aufenthalt von bis zu 14 Tage bieten.

Abluftrohre der NetzersatzanlageNiedergang zur D-EbeneZugang zu den Technikräumen auf der D-EbeneGrundriss der D-Ebene

Neben der U-Bahnstation Bonn HBF gibt es in der Stadt noch weitere Verkehrsbauwerke mit der Zusatzfunktion als öffentlicher Schutzraum. 5 Zivilschutzanlagen wurden in Kombination mit U-Bahnstationen, 7 in Kombination mit Tiefgaragen und ein Schutzraum in Kombination mit einem Straßentunnel errichtet. Auch in mehreren Behördenbauten befinden sich noch heute Tiefgaragen die gleichzeitig als Behördenschutzraum errichtet wurden, aber nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Diese Schutzbauwerke mit einer Doppelnutzung tragen die Bezeichnung Mehrzweckanlagen (MZA) und wurden bis Anfang der 90er Jahre durch den Bund beim Neubau von Verkehrsbauwerken durch Zuschüsse gefördert.

Öffentliche Schutzräume als Mehrzweckanlagen in Bonn:

Verkehrsbauwerk
Standort
Schutzplätze
Tiefgarage Friedensplatz
3.750
Tiefgarage Oxfordstraße
2.486
Tiefgarage Adenauerallee 250 (Haus der Gesch.)
785
Tiefgarage Josef-Wirmer-Str. 1 (BGW)
850
Tiefgarage Südstr. 123 (Bundeswehrverband)
531
Tiefgarage Koblenzer Straße 109
317
Tiefgarage Hans-Böckler-str. 17
1.362
U-Bahn-Station Hauptbahnhof
4.500
U-Bahn-Station Wurzenstraße
2.000
U-Bahn-Station Plittersdorfer Straße
2.000
U-Bahn-Station Bahnhof Bad Godesberg Mitte
2.310
U-Bahn-Station Bad Godesberg Stadthalle
2.360
Straßentunnel Bad Godesberg-Tunnel (B9)
7.200

Der schwerfällige Weg von der Planung bis zur Umsetzung

Lange Zeit konnten sich Stadtverwaltung und Bund nicht über die Finanzierung des Bauprojektes einigen. Einer der schwierigsten Vertragspunkte war die Höhe der Bezuschussung der zivilschutzbedingten Mehrkosten durch den Bund.

Bereits 1968, sechs Jahre vor Baubeginn, begannen erste Gespräche zwischen der Stadt und den verschiedenen Bundesressorts (BMI, BM Schatz, BMWo, BMF, BMV) über die Realisierung eines öffentlichen Großschutzraumes im Zuge der unterirdischen Verlegung der Stadtbahn im Zentrum Bonns. Schnell fasste man den Haltepunkt am Bonner HBF als MZA ins Auge, da hier durch die zentrale Lage eine schnelle Erreichbarkeit gegeben war und andere Haltepunkte entweder aufgrund zu geringer Bahnsteiglängen und somit zu geringer Schutzplatzkapazitäten ausschieden oder aber der Planungsstand zu weit fortgeschritten war und eine Neuplanung als gleichzeitige Zivilschutzanlage nicht mehr realisiert werden konnte.

Anfang des Jahres 1969 legte der Bund der Stadt Bonn das Angebot vor, bei einer Realisierung einer Mehrzwecklösung im Sinne des Zivilschutzes, das Projekt mit bis zu 1.790 DM je Schutzplatz zu fördern. Die Stadt aber lehnte ab und zeigte große Bedenken gegenüber der Mehrzwecklösung, da in einem Belegungsfall durch die Gleisabschottung der U-Bahnverkehr nicht mehr aufrechterhalten werden könne. Dazu führte man das Beispiel Berlins im 2. Weltkrieg an. Schon damals wäre ein funktionierendes Nahverkehrssystem in Spannungszeiten, als auch nach einem Angriff unerlässlich gewesen. Die einzig vorstellbare Lösung läge in einem separaten Bunkerbauwerk über der unterirdischen Bahnhofshalle. Der Bund aber lehnte einen isolierten Schutzraum mit der Begründung ab, dass dadurch der Einsparungseffekt einer Mehrzweckanlage nicht mehr gegeben sei und somit die Auflagen einer Bezuschussung nicht mehr erfüllt würden. Man sei aber bereit, alle zivilschutzbedingten Mehrkosten, sowie die Planungskosten einer Zivilschutzlösung in Mehrzweckbauweise zu übernehmen.

Flur im Technikbereich der MZAWandbeschriftung


Im Februar 1970, mehr als ein Jahr nach Vorlage des ersten Angebots von Seiten des Bundes, erklärt sich die Stadt nun doch einverstanden die U-Bahnstation gleichzeitig als Zivilschutzbunker in Mehrzweckbauweise zu errichten. Doch die Frage der finanziellen Bezuschussung sollte noch bis in das Jahr 1972 ungeklärt bleiben. Neue Forderungen der Stadt über einen Zuschuss von bis zu 2.500 DM je Schutzplatz, was einer Gesamtbezuschussung von weit mehr als 10 Millionen DM entsprochen hätte, konnte und wollte der Bund nicht nachkommen. Dem Bund lagen zur damaligen Zeit für die BRD nur etwa 17 Millionen DM an jährlichen Gesamt-fördermitteln für Zivilschutzmaßnahmen in Mehrzweckanlagen zur Verfügung.

Erst im Jahre 1972 konnte der Vertrag zwischen der Stadt Bonn und dem Bund zum Bau und zur Förderung der U-Bahnstation Bonn Hauptbahnhof als Mehrzweckanlage für den Zivilschutz geschlossen werden. Der Förderbetrag je Schutzplatz blieb bei den bereits 1969 angebotenen 1.790 DM, jedoch musste die Stadt nicht, wie es bis dahin bei Mehrzweckanlagen üblich war, jeden Schutzplatz einzeln nachweisen und abrechnen, sondern konnte ungehindert von umständlichen Einzelnachweisen und doppelter Planung, ganz unbürokratisch eine Pauschalzahlung von 1790 DM je Schutzplatz als Fördermittel beanspruchen. Unmittelbar nach Vertragsunterzeichnung im Jahre 1972 beginnt das Münchener Ingenieurbüro Obermeyer mit den Planungsarbeiten für den öffentlichen Großschutzraum.

Grundriss der verschiedenen Bauwerksebenen dargestellt im Belegungsfall

Im Sommer 1974 beginnen die Rohbauarbeiten. Ab Frühjahr 1977 wurde dann mit dem Innenausbau der Anlage begonnen. Im Sommer 1979 konnte dann das Tiefbauamt der Stadt Bonn, als Aufsichtsbehörde, die Fertigstellung der Gesamtanlage verkünden. Seit Planungsbeginn im Jahre 1968 bis zur Fertigstellung im Jahre 1979 sind 11 Jahre vergangen. Die Baukosten für den Zivilschutzmehraufwand betrugen 11.100.000 DM. Die Unterhaltskosten der Anlage betrugen im Jahre 1989/90 etwa 50.000 DM im Jahr. Heute dürften diese Kosten aufgrund verminderter Mittelbereitstellungen im Bereich des baulichen Zivilschutzes deutlich geringer liegen.

Funktion und Aufbau des Schutzbauwerks

Die U-Bahnstation bietet den insgesamt 4.500 Menschen im Spannungs- und Katastrophenfall einen Grundschutz von bis zu 14 Tagen vor:

  • herabfallenden Trümmern
  • Brandeinwirkungen
  • radioaktiven Niederschlägen
  • biologischen Kampfmitteln
  • chemischen Kampfstoffen

Außerdem besteht ein Schutz gegen Druckwellenbelastungen von atomaren und konventionellen Detonationen. Dieser sogenannte Grundschutz definiert sich aus den für diese Anlage maßgeblichen "Bautechnischen Grundsätzen für Großschutzräume in Verbindung mit unterirdischen Mehrzweckbauten" des Jahres 1971. Hierdurch ergeben sich für das Bauwerk folgende Wandstärken:

  • Außenwände max. 1,00m
  • Innenwände min. 0,40m
  • Decke 0,60m
  • Sohle 1,30m
  • Drucktore 0,40m

Während MZA in Tiefgaragen teilweise nach älteren Bautechnischen Grundsätze errichtet wurden und mit höheren Wandstärken einen gewissen Schutz vor direkten Treffern boten, besteht dieser Schutz bei neueren Anlagen im Grundschutz nicht.

Die 4.500 Schutzplätze sind überwiegend auf den Bahnsteigen der C-Ebene angeordnet, sowie in 24 Wagons der U-Bahnen damaliger Bauart. 1.200 Schutzplätze wären auf den Sitzen und 216 Schutzplätze auf Matten in den Wagen vorgesehen. Weitere 3.084 Schutzplätze würden in Sitz-Liege-Kombinationen auf den Bahnsteigen und teilweise in Nebenräumen errichtet werden.

In Friedenszeiten lagern die Bettengestelle und Sitze vorwiegend gestapelt in dafür vorgesehenen Lagerräumen an den Bahnsteigenden. Nach Aufstellung der Sitz-Liege-Kombinationen können diese Lagerräume ebenfalls als Schutzräume genutzt werden. Für die 4.500 Schutzrauminsassen stehen im Belegungsfall 6 Toiletten- und Waschräume mit insgesamt nur 90 Wasserentnahmestellen, 90 Toiletten und 20 Urinalen bereit. Neben der Notküche in der D-Ebene befinden sich noch Lagerräume für Lebensmittel, verschiedenste Geräte, Werkzeuge und Versorgungsmittel wie Decken, Essgeschirre, Hygieneartikel und medizinische Versorgungsmittel. Lebensmittel wären allerdings erst kurz vor einem Belegungsfall eingelagert worden.


Die MZA verfügt über folgende Räumlichkeiten:

  • Aufenthaltsräume: vorwiegend Bahnsteige und Bahnsteigköpfe der C-Ebene
  • Versorgungsräume: Notküche, drei Rettungsräume, zwei Krankenräume, zwei Aufsichtsräume, drei Waschräume, drei Toilettenräume
  • Technikräume: Sandfilter, Luftventilatoren, Raumfilter, Öltank, Netzersatzanlage, Trafo, Klimageräte, Trinkwasser, Brunnen
  • vier Eingangsschleusen

Querschnitt über alle Ebenen des Bauwerkes

Bauwerksabmessungen

Der Baukörper liegt teilweise im Grundwasser. Das Hauptbauwerk, die Bahnsteighalle, welche zur Unterbringung der Schutzplätze dient, wurde daher als fugenloser Baukörper errichtet. Die Gesamtlänge des Bauwerks beträgt 190 m, die Breite etwa 31 m. Die höchste Stelle der MZA liegt etwa 2m unter der Geländeoberkante und die tiefste Stelle bei etwa 17,80 m. Der Schutzbau verfügt über eine Gesamtfläche von 6.716 m2 mit einer Aufenthaltsfläche von 3.640 m2 (0,81 m2 pro Person).

Betonschwelle im Bereich der HubschwenktoreFunktionsprüfung der Hubschwenktore bei der Schutzraumabnahme im Jahre 1979Schutzraumabschlüsse

Die U-Bahnstation lässt sich im Krisen- und Katastrophenfall an den Bahnsteigzugängen und an den Tunnelein- und ausfahrten durch insgesamt 12 Schutzraumtore zu einem abgeschotteten Großschutzraum umwandeln. Die Tore bestehen aus einem Stahlgerüst mit einer 40 cm dicken Betonfüllung. Im Gleisbereich werden zum Verschluss insgesamt 8 Hubschwenktore mit einem jeweiligen Gewicht von ca. 20 Tonnen mittels Kolben-Hydraulik-Zylindern angehoben und aus ihren Wandnischen in den Tunnelbereich hineingeschwenkt und auf eine Betonschwelle zwischen den Schienen herabgelassen. Die verbleibende Öffnung zwischen Schiene und Betonschwelle im Boden wird durch Gummikeile abgedichtet. Zusätzlich wird das gesamte Hubschwenktor mittels Schraubbolzen an die an der Tunnelwand entlanglaufende Zarge herangezogen. Eine Gummiwulst auf der Zarge verhindert das Eindringen radioaktiver Stäube sowie chemischer oder biologischer Kampfstoffe.

Des Weiteren gibt es an den beiden südlichen Treppenaufgängen der Bahnsteige zwei Hubtore, welche durch Kolben-Hydraulikzylinder aus dem Boden gehoben werden können und somit dem Schutzbereich sicher abschotten können. Um im angehobenen Zustand des Verschlusses nicht ständig auf den Hydraulikzylindern zu lagern, werden die Hubtore zur Entlastung entsprechend mechanisch arretiert.
Die beiden Schutztore an den nördlichen Bahnsteigzugängen befinden sich eine Ebene über dem Bahnsteig in der Nordpassage, unmittelbar vor den Bahnsteigabgängen. Hier wurden Schiebetore errichtet, die mittels Handkurbeln über Kettenräder und Rollketten aus Wandnischen herausgezogen werden können. Zum Verriegeln werden die Schiebetore wie die Gleistore mittels Gewindebolzen luft- und gasdicht an die Zarge herangezogen.

Sowohl die beiden Hubtore an den Bahnsteigaufgängen der Südpassage, als auch die beiden Schiebetore an den Bahnsteigabgängen der Nordpassage werden in Friedenszeiten durch unauffällige Aluminiumwandverkleidungen und Bodenplatten verdeckt, so dass sie dem uninformierten Fahrgast kaum auffallen dürften.

Hubtor. Wandverkleidung, Bodenplatte        Hubore am Aufgang zur Südpassage        Schiebetor. Wand-, BodenverkleidungSchiebetore & Schleusen Nordpassage

Im Zustand des Vollverschlusses gibt es für die Schutzsuchenden die Möglichkeit über vier Schleusen das Schutzbauwerk zu betreten. Zwei der Schleusen befinden sich im Bereich der Bahnsteigabgänge in der Nordpassage. Erst wenn die beiden dort verbauten Schiebetore geschlossen sind, wird der Weg zu den jeweiligen äußeren Schleusentüren frei. Die anderen beiden Schleusen befinden sich in Höhe der Bahnsteigebene. Man erreicht sie über ein Treppenhaus und einen etwa 70 m langen Zugangstunnel. Die äußeren, als auch die inneren Schleusentüren besitzen eine Druckresistenz von jeweils 3 bar. Über ein Bleiglasfenster, einen Raumspiegel und eine Gegensprechanlage kann der Schleusenwärter dem Schutzsuchenden im inneren der Schleuse Anweisungen geben. Nach einem bereits erfolgten Angriff mit ABC-Waffen können dies zum Beispiel Anweisungen zur Dekontaminierung sein. Dazu stehen in den Schleusen Duschen bereit. Dem Duschwasser wird zur besseren Wirkung Alkylarylsulfonat beigemischt. Mittels Handpumpen kann das dekontaminierte Duschwasser ins Netz abgepumpt werden. Eine Weitergabe verseuchter Partikel an die Schutzrauminsassen muss vermeiden werden. Daher müssen die Schutzsuchenden beim Einschleusungsvorgang ihre Kleidung ablegen und für diese Fälle eingelagerte Ersatzkleidung anlegen. Um jederzeit über den aktuellen Stand der Schutzraumbelegung informiert zu sein, stehen den einzelnen Schleusenwärtern Zählwerke zur Verfügung. Die jeweiligen Zählstände der vier Schleusen gehen in ein zentrales Zählwerk des Bunkerwartes ein. Ist die maximale Belegungsstärke von 4.500 Personen erreicht, ist der Bunkerwart angewiesen den Einschleusungsvorgang zu beenden und die Schleusentüren endgültig zu verriegeln. Zur Vermeidung von Verletzungen und um jederzeit die Kontrolle über die Schleusen zu behalten, stehen den Schleusenwärtern so genannte Dosierungsanlagen (auch Drängelschutztore genannt) zur Verfügung. Die Dosierungsanlagen sind unmittelbar vor den äußeren Schleusentüren angebracht und sollen bei einem Massenandrang den Schleusenwärtern die Möglichkeit geben, die äußeren Schleusentüren sicher über eine elektromagnetische als auch hydraulische Absperrvorrichtung zu verschließen, ohne die Gefahr dabei Personen im Schwenkbereich der Türen zu verletzen. Dabei schieben die Drängelschutztore mit ihren beiden abgerundeten Schaufeln die hineindrängenden Schutzsuchenden aus dem Bereich der äußeren Schleusentüren heraus, schließen aber nur soweit, dass Gliedmaßen nicht gequetscht werden sollen.

PersonenschleuseHandzähler SchleusenwartFluoreszierende Orientierungsstreifen
Dusche zur DekontaminierungBleiglasfenster SchleusenwartBaugleiche Dosierungsanlage (Drängelschutztor)Baugleiche Dosierungsanlage (Drängelschutztor)

Stromversorgung

Die Stromversorgung der Mehrzweckanlage Bonn HBF erfolgt im Friedens-, als auch im Spannungsfall über das städtische Netz. Kommt es im Krisenfall zu einem Ausfall des Stadtnetzes, so kann die Zivilschutzanlage über zwei Netzersatzanlagen (NEA) mit Energie versorgt werden. Die beiden Dieselaggregate verfügen jeweils über 12 Zylinder, einem Hubraum von 20.910 cm³ sowie einer Einzelleistung von etwa 270 kVA (Gesamtleistung ca. 540 kVA). Ein Dieselkraftstoffvorrat von insgesamt 44.000 Litern (davon jeweils 2.000 l im Tagestank) soll für einen netzunabhängigen Betrieb von bis zu 14 Tagen reichen. Gleichzeitig dienen die NEA im Friedensbetrieb der Notstromversorgung des Bahnbetriebs der Stadtwerke Bonn. Für die Übergangszeit zwischen Stromausfall des Stadtnetzes und der Eigenstromversorgung durch die NEA, sowie bei einem Totalausfall beider Stromquellen, stehen 47 batteriebetriebene Handleuchten in Ladegeräten bereit. Darüber hinaus sind in großen Teilen des Bauwerks fluoreszierende Leuchtstreifen aufgemalt, welche für einen begrenzten Zeitraum eine ausreichende Orientierung ohne energiebetriebene Lichtquellen ermöglichen.


Fluoriszierende Leutfarben

Wasserver- und Entsorgung

Die Trinkwasserversorgung erfolgt im Belegungsfall über das städtische Leitungsnetz. Beim Ausfall steht den 4.500 Schutzrauminsassen zusätzlich ein Trinkwassertank mit einem Fassungsvermögen von insgesamt 160.000 Litern zur Verfügung. Bei einem Aufenthalt von 14 Tagen stehen somit min. 2,5 l Trinkwasser pro Person und Tag bereit.


Zusätzlich zum Trinkwasser kann die Mehrzweckanlage nach Ausfall der städtischen Wasserversorgung Brauch- und Kühlwasser über einen eigenen Brunnen gewinnen. Dies ist notwendig um die technischen Anlagen mit Brauchwasser zu versorgen und die Abwärme der Schutzrauminsassen durch wassergekühlte Kaltluft zu verringern. Die Abwasserbeseitigung erfolgt über eine Hebeanlage in das städtische Kanalnetz.

Trinkwassertank 160 cbmBrauch- und KühlwasserbrunnenBrauch- und KühlwasserbrunnenArmaturen

Luftversorgung

Der Mehrzweckbau Bonn Hauptbahnhof kann durch drei verschiedene Weisen be- und entlüftet werden:

  • Normalluft im Frieden
  • Schutzluft 1 im Krisenfall mit konventionellen Angriffswaffen
  • Schutzluft 2 im Krisenfall mit Einsatz von ABC-Waffen

Bei allen drei Luftversorgungsarten erfolgt die Luftansaugung aus dem Stadtbahntunnel. Die Abluft wird über einen Schacht und einen Entlüftungsturm nach außen abgegeben. Zu- und Abluft sind somit räumlich ausreichend voneinander getrennt. Die Außenluft aus dem Tunnel wird über eine Lüftungskammer angesaugt. Bei der Normallüftung gelangt die Luft unmittelbar über zwei Außenluftgeräte und zwei Teilklimageräte (mit Luftkühler- und erhitzer sowie Staubfilter) in die Umluftventilatoren.

Bei Schutzlüftung 1 hingegen wird die Luft durch geöffnete Druckklappen, vier Schutzluftventilatoren und Feinfilter sowie Teilklimageräte angesaugt. Die Druckklappen verhindern das Eindringen von Druckstoßwellen, welche durch Waffeneinwirkung entstehen können.

Im Betrieb Schutzlüftung 2 wird die Außenluft zuerst über einen Sandfilter und gegebenenfalls über insgesamt acht ABC-Raumfilter geführt, bevor sie die Teilklimageräte und Schutzluftventilatoren erreicht. Der Sandfilter hat die Aufgabe heiße Luft, hervorgerufen durch Brände oder atomare Explosionen, soweit abzukühlen, so dass ein schadenfreies Ansaugen ermöglicht wird. Die Schutthöhe des Sandfilters über den Ansaugrosten beträgt 1,5 m. Die acht Raumfilter vom Typ R 10 filtern die Luft zusätzlich vor atomaren, biologischen und chemischen Kampfstoffen.
Insgesamt kann die Lüftungsanlage eine Luftmenge von 100.000 m3/h umwälzen. Trotz Schalldämpfern erreicht die Lüftungsanlage im Schutzbereich noch eine Lautstärke von bis zu 65 dB (A). Um die MZA vor eindringenden schädlichen Partikeln und Gasen zu schützen, muss im Belegungsfall ein ständiger Raumüberdruck gegenüber der Außenluft bestehen. Zur Überwachung des Überdrucks wurden an den Schleusen Raumüberdruckanzeiger angebracht.

KlimageräteSchaltschränke KlimaABC-Raumfilter R10ABC-Raumfilter R10
ABC-Raumfilter R10LüftungsschächteArtos-Außenluftgeräte zu den versch. Raumeinheiten         Verbindungsgang

Kritik an der Funktionalität der Mehrzweckanlage

Die große Kritik an dieser Mehrzweckanlage und an Mehrzweckanlagen generell begründete sich damals wie auch heute an dem Umstand, dass die Anlage erst eine längere Vorbereitungszeit benötigt, um von einem U-Bahnhof zu einem voll einsatzfähigen Schutzraum umfunktioniert zu werden. Für die Umrüstung als Schutzraum müssen erst leere Straßenbahnen in den Schutzraum eingefahren werden. Die 12 Schutzraumabschlüsse an den Fußgängerzugängen und Tunneleinfahrten müssen aufwendig verschlossen werden. Bei den Gleistoren muss dazu erst der Fahrdraht von den Oberleitungen abmontiert werden. Da in Friedenszeiten keine Lebensmitteleinlagerung erfolgt, müssten die Lager erst gefüllt werden. Kurz nach Fertigstellung der Mehrzweckanlage Bonn HBF, rechnete man mit einer Vorbereitungszeit von 2 Tagen. Heute dürfte diese Umrüstungszeit aufgrund des Alters der Technik und gekürzter Mittel zur Pflege und Wartung länger sein.

Die Zukunft der Mehrzweckanlage Bonn HBF

Die Zukunft der Mehrzweckanlage am Bonner Hauptbahnhof ist ungewiss. Im Mai 2007 verkündete das Bundesinnenministerium sein Schutzraumkonzept zu überarbeiten und die bis dahin wartungspflichtigen öffentlichen Schutzräume aus der so genannten "Zivilschutzbindung" zu entlassen. Für Bunkeranlagen im Bundesbesitz bedeutet dies, dass das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) alle Schutzbauten aus Bundeseigentum an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) übergeben muss, welche sich dann mit der Weiterverwertung der Räumlichkeiten befassen wird. Eine Wartungs- und Vorhaltungspflicht entfällt somit. Dies gilt ebenso für Schutzbauten die sich im Besitz der Städte und Gemeinden befinden.

Das Amt für Katastrophenschutz der Stadt Bonn sowie die Feuerwehr Bonn sind sehr bemüht, trotz gestrichener Gelder und Wegfall der Zivilschutzbindung, zumindest Anlagen mit vertretbaren Unterhaltskosten an zentralen Standorten mit hohem Bevölkerungsaufkommen als Schutzräume für die Bevölkerung zu erhalten.

Ob dies dann auch für die Mehrzweckanlage am Bonner Hauptbahnhof zutreffen wird, ist zur Zeit (Herbst 2008) noch völlig unklar.

Quellen:
- Feuerwehr Bonn
- Kölner Stadtanzeiger 07.02.2006 "Relikte aus dem Kalten Krieg"
- Kölner Stadtanzeiger 07.02.2006 "Schutzräume in Bonn"
- Stadt Bonn, Amt 37, Amt für Feuer- und Katastrophenschutz
- WDR, "Der Ernstfall: Zivilschutz in Bonn"; Heer, Hannes; BRD 1986
- Zivilverteidigung 9/1970
- Zivilverteidigung 7/1971
- Zivilverteidigung 1/1979
- Zivilverteidigung 3/1979
- ZS-Magazin 10/1975



 
Privater Schutzraumbau
Zivilschutzanlagen-Verzeichnis

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