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Ein Braunkohle-Bergwerk bei Hamburg - Robertshall

Geschrieben von: Michael Grube   

Ein Braunkohlebergwerk in Hamburg? Diese zunächst doch eher erstaunliche Tatsache erfordert einen Blick in die Vergangenheit - sehr weit in die Vergangenheit sogar. Braunkohle entstand aus verlandeten Sumpfwäldern und Mooren des Tertiärs vor rund fünf Millionen Jahren. Als sich vor etwa 600.000 Jahren die gewaltigen Gletscher der sogenannten Elster-Eiszeit über Norddeutschland schoben, wühlten sie den Boden teilweise mehrere hundert Meter tief auf (Auf der schematischen Datstellung weiter unten mit einer schwarzen Linie dargestellt). Dabei erfassten sie die verschiedenen angetroffenen Erdschichten, darunter auch die feinkörnigeren Anteile der tertiären Braunkohle, schoben diese mit sich und zermahlten sie dabei zum Teil. Zusammen mit von Schmelzwasser ausgewaschenen Sanden lagerte sich das feinere Material schließlich an günstigen Stellen vor dem Gletscher wieder ab. Während der zweiten, sog. Saale-Eiszeit erfolgte an vielen Stellen eine erneute Umlagerung der Schichten. Nicht nur in den Harburger Bergen, sondern auch im Hannoverschen Wendland, im Raum Lauenburg, bei Uelzen und in Schleswig-Holstein kommt solche, meist mit eiszeitlichen Sanden vermengte Braunkohle vor. Aufgrund von Bernsteinfunden nimmt man an, daß ihr ursprünglicher Entstehungsort im Bereich der Ostseeküste lag. 


Diese, im Vergleich zu denen in Mittel- und Westdeutschland eher kleinen Braunkohle-Vorkommen waren schon etwa Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt, in Lauenburg waren schon 1852 erste Probebohrungen beantragt und 1857 durchgeführt worden. Die Vorkommen wurden zunächst als nicht abbauwürdig eingestuft. Die beginnende Industrialisierung bewirkte einen erhöhten Brennstoffbedarf und so wurde nach 1873 schließlich doch die Förderung aufgenommen und bis 1923 fortgeführt. Zwischen 1867 und 1913 fanden im norddeutschen Raum zahlreiche weitere Mutungen statt. Bei seiner Gründung im Jahr 1913 verzeichnete das Bergamt Celle bereits 25 verliehene Felder im Raum Hannover, zehn in Schleswig-Holstein und drei im vormals selbstständigen Bergrevier Herzogtum Lauenburg. In der Zeit von 1913 bis 1976 folgten einundzwanzig weitere Verleihungen, eine bergmännische Förderung erfolgte aufgrund der meist geringen Ergiebigkeit aber nur in den seltensten Fällen.

Geologisches Profil
Schichtstärken im Bereich des Bergwerks Robertshall
12 - 15 m Sande und Kiese
8 m Braunkohle (1. Lager)
12 - 15 m weiße und graue Sande
4 - 10 m Braunkohle (2. Lager)
12 m Sand
8 m Braunkohle (3. Lager)

Im Hamburger Bereich findet man zwei braunkohleführende Horizonte. Im oberen, oberflächennahen gibt es stellenweise bis zu zehn, meist allerdings sehr schwache Flöze, von denen nur drei eine Mächtigkeit um bzw. über zwei Meter erreichen. Der untere Horizont liegt in einer Teufe von etwa hundert bis teilweise über dreihundert Meter und führt ebenfalls nur wenige, etwas mächtigere Flöze (2-4m). Lediglich in Altona wurde bei einer Mutung stellenweise eine Mächtigkeit von bis zu dreißig Meter ermittelt. An einigen Stellen, so beispielsweise in den Harburger Bergen, verläuft der obere, braunkohleführende Horizont besonders oberflächennah.

Im Harburger Ortsteil Hausbruch war man 1917 bei der Anlage eines Brunnens auf ein stärkest Vorkommen gestoßen. Die Eigentümerin des Grundstücks, die Witwe des Fuhrunternehmers Paul, ließ sich sogleich durch das Bergamt Celle die Schürfrechte für eine Fläche von 4.231.771 m 2 (die Felder "Robert" und "Louis") verleihen und veräußerte diese 1918/1919 an die Dortmunder Firma Gebrüder Stern KG. Die Kohlennot in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg verteuerte diesen Energieträger erheblich und ließ so auch den Abbau vorher als nicht förderwürdig angesehener Vorkommen wirtschaftlicht erscheinen. Nach Abschluß eines Liefervertrages mit der Vereinigten Gummiwarenfabrik Harburg-Wien - der späteren Phoenix - begann die neu gegründete Gewerkschaft Robertshall am 6. Dezember 1919 mit der bergmännischen Ausbeutung. Die Strom- und Kohlenknappheit hatte die Gummifabrik zur Umstellung ihrer Energieabteilung auf alle damals gangbaren Heizungssysteme einschließlich der Ölfeuerung gezwungen und schließlich die Förderung der Hausbrucher Braunkohle angestoßen.


Robertshall - historisches Foto

Robertshall - GemäldeDer untertägige Abbau des Braunkohlesandes in dem bis zu 8,5m starken obersten Flöz erfolgte zunächst auf einer 17m-Sohle. Die vorgetriebenen Stollen wurden mit Grubenholz-Türstücken gesichert und nach und nach durch Beraubung der Decke auf eine Höhe von bis zu vier Meter gebracht. Da man auf diese Weise nicht die gesamte Stärke des Flözes nutzen konnte, wurde im März 1921 eine zweite Sohle auf 13m aufgefahren. Das hier abgebaute Material wurde durch Löcher über Rutschen in Loren auf der 17m-Sohle verbracht und von dort zum Schacht transportiert. Nach der restlosen Ausräumung eines Bruches wurden die Grubenholz-Stempel meist wieder entfernt, was natürlich häufig zum Einsturz der hängenden Sanddecke führte. Die entstandenen Erdfälle an der Oberfläche sind noch heute vielerorts am Osthang des Emmetals sichtbar. Ein Zwangsbewetterung der Stollen war nicht notwendig. Wurde an einer Stelle die Luft zu knapp, stieß man einfach eine Belüftungsöffnung zur Oberfläche durch. Abgesehen von einsickerndem Oberflächenwasse  gab es keine nennenswerten Wassereinbrüche in der Anlage. Die eindringende Feuchtigkeit wurde ganz simpel in Rinnen an den Seiten der Stollen gesammelt und zum Schacht geleitet. Die Arbeit mit der Spitzhacke war hart, Arbeitsschutz im heutigen Sinne war noch unbekannt. Mit Filzmützen "geschützt" und Karbidlampen ausgerüstet, fuhren die Arbeiter in die Stollen ein - wobei dieser bergmännische Begriff für den Abstieg in den 17m tiefen Schacht über drei Leitern trotz allem etwas übertrieben scheint. Gearbeitet wurde in drei Schichten im Akkord, mit je etwa sechzig Mann unter Tage und etwa acht bis zehn Mann übertage (Heizer, Maschinisten, Handwerker und Arbeiter in der Kohlenwäscherei) - LKW-Fahrer nicht mitgerechnet.

Robertshall - Lageplan

Das geförderte Material bestand durchschnittlich aus etwa 45% Sand und 55% Braunkohle, so daß die störenden Sandanteile vor der Verwendung ausgewaschen werden mußten. Anfangs wurde das Fördergut mit Loren zum nahegelegenen "Jägerhof" gebracht, von dort per LKW zur Gummifabrik transportiert und dort auf dem Werkshof gewaschen. Obwohl die Braunkohle eine Umstellung der Feuerungsanlagen notwendig machte, bezeichnete die Phoenix das Material als durchaus hochwertig. Schon nach kurzer Zeit wurde neben dem Schacht eine Kohlenwäscherei mit zwei 3m-Siebtrommeln gebaut und fortan die Reinkohle per Diesellok zu einem neben dem "Jägerhof" errichteten, zehn Meter langen und vierzehn Meter hohen, hölzernen Silo gebracht. Als Waschwasser wurde das aus dem Schacht hinaufgepumpte Sickerwasser verwendet (Anfang 1921 rund 1.080m 3 pro Stunde). Ernsthaftere Umweltprobleme gab es aber auch schon damals. So teilte der Landrat des benachbarten Kreises Jork 1921 der Hamburger Landherrenschaft mit, daß die durch Francop fließende Landscheide hauptsächlich durch die Einleitung der Abwässer von Robertshall derart verschmutzt werde, daß das Wasser nicht mehr als Trinkwasser benutzt werden könne.

Ruine der Braunkohlewäscherei
Ruine der BraunkohlewäschereiBlick auf die BergeErdfall

Um die Transportwege zu optimieren, wurde im Frühjahr 1921 eine rund drei Kilometer lange Seilbahn vom Silo quer durch die Haake bis nach Bostelbek eingerichtet. Sie schaffte von nun an die Reinkohle zur sogenannten Braunkohle-Umschalgstelle, von wo der Weitertransport mit Fuhrwerken erfolgte. Heute befindet sich an dieser Stelle an der heutigen Stader Straße eine Bus-Wendeschleife.

Bereits wenige Jahre später hatte sich die Lage auf dem Rohstoffmarkt wieder gebessert und es stand wieder ausreichend Reinkohle am Markt zur Verfügung. Für das Harburger Bergwerk bedeutete dies, nicht weiter wirtschaftlich arbeiten zu können und so schloß der Betrieb bereits am 30. September 1922 wieder seine Pforten. Während der kurzen Betriebszeit waren 80.400t Braunkohlensand gefördert worden, aus denen nach dem Waschen 49.600t Reinkohle mit einem eher geringen Heizwert von nur rund 8.400kJ/kg entstanden waren. Obwohl anderweitige Anfragen vorlagen, war die Vereinigte Gummiwarenfabrik Harburg-Wien aufgrund der beschränkten Kapazitäten der einzige Kunde des Bergwerks geblieben. Nach der Betriebsaufgabe wurden die Luftschächte, der Förderschacht und die unter der Straße verlaufenden Stollen mit Sand verfüllt. Im Verlauf der Jahre gab es nochmal einen Versuch, mit einem Schrägschacht von der 17m-Sohle des ersten Lagers - nur dieses war bisher ausgebeutet worden - in das zweite, tiefer gelegene Lager vorzudringen, dies scheiterte jedoch an massivem Wassereinbruch und das Vorhaben wurde wieder aufgegeben. Die Bauten verfielen im Laufe der Jahre, verwaiste Loren und andere Überreste sollen den Hausbrucher Kindern noch bis zum Zweiten Weltkrieg als "Abenteuerspielplatz" gedient haben. Kurz vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde aufgrund erneuter Kohlenknappheit in Betracht gezogen, die Förderung wieder aufzunehmen. Am 8.Juli trafen sich auf dem Gelände Angehörige des Landeswirtschaftsverbandes Hamburg mit Vertretern des Niederlausitzer Brikettvertriebs West GmbH, um ein mögliches weiteres Vorgehen abzuklären. Es folgten insgesamt zwölf Probebohrungen, welche die noch vorhandenen Kohlenvorräte klären sollten. Das Ergebnis: Günstigstenfalls könnten aus dem ersten Lager von rund 280.000t Kohle etwa 115.000t gefördert werden. gefördert werden, Selbst unter Zugrundelegung der damaligen Notsituation erschien allen Beteiligten das Risiko zu groß.

Modell des Bergwerks im Helms-Museum

Seitdem ist Ruhe eingekehrt in den Harburger Bergbau. Von den Schacht- und Förderanlagen ist heute bis auf Mauerreste der Kohlenwäscherei in der Nähe der Straße "Beim Bergwerk" praktisch nichts mehr zu erkennen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite findet man hier und dort immer noch Bodenvertiefungen, die von eingestürzten Stollen herrühren. Eine Vorstellung über die Anlage vermittelt ein 1956 entstandenes Diorama, das sich heute in der Sammlung des Harburger Helms-Museums befindet.

Quellen:
- Das Braunkohlenbergwerk "Robertshall" bei Hamburg-Hausbruch, H.Prigge, in Harburger Jahrbuch 1956, Museums- und Heimatverein Harburg Stadt und Land e.V.
- Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld (Hrsg.): Das Oberbergamt in Clausthal-Zellerfeld und der Bergbau in seinem Bezirk, Internationale Industrie-Bibliothek Band 111/206, Berlin 1977
- Hundert Jahre Weltwirtschaft im Spiegel eines Unternehmens, Phoenix-Gummiwerk 1856-1956, Verlagsanstalt Klemm/Seemann, Freiburg 1956
- Hausbrucher Geschichten, Hans F.Cords, Harburger Anzeigen und Nachrichten, 1985
- Zwischen Deich und Heide - Bilderbogen Süderelbe, Ralf Burmeister, Neugraben 1985
- Geschichte der Hamburger Wasserversorgung, Alfred Meng , Hamburg 1993
- Archiv der Phoenix AG, Hamburg-Harburg
- Die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Lauenburg/Elbe, Martin Kleinfeld, Hamburg : Kovac, 2000
- Helms-Museum, Harburg

 
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