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Alt-Garge - Kraftwerk Ost-Hannover und KZ-Außenlager

Geschrieben von: Michael Grube   

In den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts führte die zunehmende Elektrifizierung von Haushalten, Gewerbe und Industrie zu einem stetig wachsenden Stromverbrauch. Immer mehr Häuser und Betriebe bekamen elektrisches Licht, Gaslaternen wurden vielerorts durch elektrische Beleuchtung ersetzt, Elektromotoren verdrängten den Dampfantrieb. Als zum Ende der dreißiger Jahre die Kriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten auf Hochtouren liefen, resultierte dies natürlich zusätzlich reichsweit in einem stark gestiegenen Strombedarf. Um die Nachfrage decken zu können, begannen auch die Hamburger Electricitäts-Werke (HEW) 1938/1939 mit der Planung eines zusätzlichen Kohle-Großkraftwerkes mit einer Leistung von rund einhundertundvierzig Megawatt.

Die Anlage war als Höchstdruck-Kraftwerk konzipiert, der Entwurf stellte angeblich das modernste Kohlekraftwerk der damaligen Zeit dar. Teile der Entwürfe sollen in der Folgezeit in die des von Albert Speer konzipierten "Einheitskraftwerks" übernommen worden sein. Wohl auch angesichts der drohenden Kriegsgefahr wurde ein Bauplatz deutlich außerhalb der Hansestadt gesucht. Nachdem das ursprünglich ausgewählte Gelände bei Geesthacht aufgrund der Intervention des schleswig-holsteinischen Gauleiters Lohse nicht mehr zur Verfügung stand, fiel die Wahl auf den kleinen, rund 65 km Luftlinie von Hamburg entfernt gelegenen Elbort Alt-Garge. 


Wahrscheinlich als vorbereitende Maßnahme entstand 1939/1940 an der Dorfstraße ein Lager mit rund dreißig Baracken für rund 1.500 kroatische, serbische und slowenische Kriegsgefangene und "Fremdarbeiter". Die im Volksmund damals "Kroatenlager" genannte Einrichtung wurde 1940 zunächst mit etwa siebzig Slowaken belegt, im April kamen Tschechen und Polen hinzu.

Die Erdarbeiten für den eigentlichen Kraftwerksbau begannen 1940 unter Einsatz der Arbeitskräfte aus Lager A. Bereits knapp ein Jahr später war der Materialmangel so groß, daß die Bauarbeiten zunächst eingestellt werden mußten. Erst im März 1942 konnte mit den eigentlichen Hochbauarbeiten begonnen werden. Zum Schutz gegen Bomberangriffe sollte das Kraftwerksgebäude mit verstärkten Wänden und Decken aus Eisenbeton ausgerüstet werden, doch dieses Ziel konnte aufgrund der anhaltenden Baustoffknappheit nicht in die Tat umgesetzt werden.

Kraftwerk Alt Garge - Baustelle 

Im Jahr 1943 wurde das etwa 6,7km lange Anschlussgleis des Kraftwerks in Betrieb genommen, so daß ein Teil des Materialzuflusses von diesem Zeitpunkt an mit schweren Zügen über die Bahn herangeschafft werden konnte. Die weiteren Gleisanlagen vom Kohlenplatz zum Krafzwerk sowie diverse Ver- und Entsorgungsgleise entstanden wahrscheinlich in etwa zur gleichen Zeit.

Kraftwerk Alt Garge - ZufahrtKraftwerk Alt Garge - Spillanlage

Das Kriegsgefangenenlager ("Lager A") wurde spätestens im Frühjahr oder Sommer 1944 aufgelöst. Im August 1944 entstand, etwas näher am Kraftwerksgelände, ein neuer Lagerkomplex ("Lager B") als Außenkommando des Konzentrationslagers Neuengamme. Am 24. August 1944 brachte ein erster Transport mit zehn Güterwaggons aus dem KZ Sachsenhausen fünfhundert Männer nnach Alt-Garge. Die meisten von ihnen waren polnische Widerstandskämpfer, etwa zwanzig waren anderer Nationalität. Die Häftlinge mußten zunächst ihre eigenen Baracken errichten und wurden danach hauptsächlich für Erdarbeiten eingesetzt. Wie die beteiligten Bauunternehmen arbeiteten die Lagerinsassen für den Generalunternehmer HEW (damals als "Nationalsozialistischer Musterbetrieb" ausgezeichnet), dessen Baustellenverwaltung den Häftlingseinsatz direkt mit der Lagerkasse des KZ Neuengamme abrechnete.

Die Häftlinge des KZ-Außenlagers mußten schwerste körperliche Arbeit leisten, wurden dabei aber nur unzureichend ernährt und bekleidet. Der Tag begann für die Häftlinge um 4:30 Uhr, danach konnten sie sich mit kaltem Wasser waschen, sofern die Wasserversorgung funktionierte. Es folgte der Zählappell und der Abmarsch zur Baustelle, wo die Arbeit um 6:00 Uhr begann. Um 9 Uhr gab es eine kurze Frühstückspause, ein Frühstück im Sinne von Essen gab es für die Zwangsarbeiter allerdings nicht. In der halbstündigen Mittagspause ab 12:00 erhielt jeder Häftling 0,5 Liter wässrige Steckrübensuppe, der Rückmarsch zum Lager begann um 18:00 Uhr. Im Lager durfte für jede Baracke etwas Koks geholt werden, die Öfen durften allerdings nur bis 21 Uhr betrieben werden. Die sanitären Verhältnisse waren katastrophal, die Notdurft mußte an einem "Donnerbalken" verrichtet werden, Kalk oder Sand zum Abdecken stand nicht zur Verfügung und so stellten sich im Lager schon sehr bald Ratten ein. Bewacht wurde das Lager von zwanzig SS-Angehörigen, welche die Häftlinge häufig schlugen und misshandelten.

Kraftwerk Alt Garge - KZ-Lagerbaracke

Bereits im Oktober 1944 waren etwa einhundert Häftlinge durch Mangel, Krankheit und Erschöpfung so geschwächt, daß sie nicht mehr einsatzfähig waren und nach Neuengamme zurück transportiert werden mußten. Als Ersatz brachte ein Transport dänische und norwegische Häftlinge aus dem Konzentrationslager. Weitere Rücktransporte wurden im Dezember 1944 und im Januar 1945 notwendig, als Ersatz schickte Neuengamme Häftlinge aus verschiedensten Ländern: Dänen, Norweger, Franzosen, Belgier, Italiener, Jugoslawen, Russen, Niederländer, Tschechen und Zigeuner. Mindestens 49 Lagerinsassen (40 Polen, 4 Dänen, 2 Norweger, ein Franzose, ein Belgier und ein Russe) kamen in Alt-Garge durch Entkräftung, Misshandlung und Arbeitsunfälle ums Leben. Einige von ihnen fanden auf dem Gemeindefriedhof von Barskamp ihre letzte Ruhestätte.

Die ersten Maschineneinbauten im Kraftwerk erfolgten 1944. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um die Dampfkesselanlage, Turbinen und Generatoren des ersten Kraftwerksblocks. Die Bauarbeiten gingen nur schleppend voran. Iim Januar 1945 beabsichtigte das SS-Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt, die zu diesem Zeitpunkt etwa 350 eingesetzten Lagerinsassen zur anderweitigen Verwendung abzuziehen. Die HEW erhob sofort schriftlich Einspruch, bat darum, die Häftlinge bis zum 15. März 1945 im Einsatz zu lassen und versprach, sich inzwischen zu bemühen, Polen oder Italiener als Ersatz zu bekommen. Das KZ-Außenkommando Alt-Garge wurde dann schließlich doch bereits am 15. Februar 1945 aufgelöst, die Häftlinge teilweise per Schiff zurücktransportiert und in das Außenkommando Hannover-Misburg weitergeleitet. Die Arbeiten am Kraftwerk wurden noch bis zum Eintreffen der alliierten Truppen am 20./21. April 1945 fortgesetzt, wahrscheinlich durch französische Kriegsgefangene, die in einem der beiden Lager untergebracht wurden.

Die beiden Lagerbereiche dienten nach Kriegsende für einige Jahre als DP-Lager ("displaced persons"), vorwiegend für Menschen aus den baltischen Staaten. Beide Lagergelände wurden 1948 an die deutschen Behörden übergeben. Das Unterkunftsgebäude des Wachpersonals, einer der wenigen Ziegelbauten, wurde in der Folge noch einige Zeit als Dachziegelfabrik genutzt.

Kraftwerk Alt Garge - Blick von der Elbe, ca.1960

Auf der Baustelle wurde schon ab 1. Oktober 1945 wieder gearbeitet - nun natürlich ohne Zwangsarbeiter. Im Mai 1946 konnte der erste Kraftwerksblock mit einer Leistung von siebzig Megawatt erstmals in Betrieb genommen werden. Noch im selben Jahr wurden die ersten Filter zur Staubminderung eingebaut. 1949 konnte der zweite Maschinenblock mit weiteren siebzig Megawatt in Betrieb genommen werden. Das Kraftwerk lieferte seinen Strom hauptsächlich nach Hamburg, an die PEMAG und bis zum Jahr 1958 auch in die damalige DDR. Ebenfalls 1949 gründeten die HEW die Tochterfirma "Deutsche Porenbeton", die auf einem Gelände zwischen Kraftwerk und Kohlenplatz aus der Schlacke Baumaterialien aus Gasbeton herstellte.

Diese "zweite Aufbauphase" sorgte während der schwierigen Nachkriegszeit in gesamten, eher ländlich strukturschwachen Region für viele Arbeitsplätze und einen regelrechten Aufschwung. Hiervon profitierte nicht nur die alteingesessene Bevölkerung, auch viele der hier "gestrandeten" Flüchtlinge aus Mittel- und Osteuropa fanden auf der Baustelle und im Kraftwerk Beschäftigung. Bald wurde auch eine entsprechende Infrastruktur notwendig. Die Hamburger Elektrizitätswerke als Eigner des Werkes errichteten Werkssiedlungen in Alt-Garge und Bleckede, über die Bahnstrecke Alt-Garge-Bleckede gab es einen unentgeltlichen Personenverkehr jeweils zu Schichtbeginn und -Ende.

Kraftwerk Alt Garge - WerkslokZwischen Kohlenplatz, Porenbetonwerk und Kraftwerk verkehrten werkseigene Lokomotiven, darunter eine MaK Typ 650 D und von 1948 bis 1975 eine Dampfspeicherlok O&K 4959. Letztgenannte wurde 1985 vor dem HEW-Museum "Elektrum" aufgestellt, seit 2003 befindet sie sich in der Hand der Arbeitsgemeinschaft Geesthachter Eisenbahn e.V..

Nachdem der Hamburger Strombedarf nach und nach immer mehr von Kraftwerken im Stadtgebiet abgedeckt wurde, benötigten die HEW das nun unrentabel gewordene Kraftwerk Alt-Garge nur noch zur Abdeckung der Spitzenzeiten. Im Jahr 1973 erfolgte die Einstellung des Personenverkehrs zwischen Alt Garge und Bleckede, ein Jahr darauf wurde auch das Kraftwerk endgültig vom Netz genommen und stillgelegt. Es folgten Jahre des Dornröschenschlafs, in denen die Anlagen vollkommen ungenutzt waren. Erst im Herbst 1987 begannen die Abbrucharbeiten, zunächst am Kohlebunker auf dem Kohlenplatz, ab 1988 auch am Kraftwerk selbst.

Kraftwerk Alt Garge - Hafen 1943Kraftwerk Alt Garge - Hafen 1943Kraftwerk Alt Garge - Kohlenspeicher ca. 1978-1980
Kraftwerk Alt Garge - AbrissKraftwerk Alt Garge - AbrissKraftwerk Alt Garge - Abriss

Einzig ein Umspannwerk, einige Bauten des Porenbeton-Werks, das Pförtnerhäuschen, die Baracke der Bauleitung und der 700m³ fassende Wasserbehälter oberhalb des Kraftwerks blieben stehen. Zusammen mit Kühlwasser-Zu- und -Ablauf, Gleisen, Kaianlagen und einigen weiteren Resten erinnern sie heute noch an die HEW in Alt-Garge. Das Schicksal der hier zu Tode gekommenen KZ-Häftlinge mahnt seit einigen Jahren eine kleine Gedenkstätte in der Nähe des ehemaligen Lagers B an.

Kraftwerk Alt Garge - AnlegerKraftwerk Alt Garge - UmspannwerkKraftwerk Alt Garge
Kraftwerk Alt Garge - WasserturmKraftwerk Alt Garge - KühlwasserzuflussKraftwerk Alt Garge - Kühlwasserabfluss
KZ-Aussenlager Alt Garge - Gedenkstein

Quellen (Auszug):
- Die Hölle in der Idylle, John Hopp, 1987
- Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide, Nils Köhler, 2003
- Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu den Stätten des Widerstandes und der Verfolgung, Band 2, Niedersachsen I
- 1894 - 1933 -1994 - 100 Jahre HEW - ein alternativer Bericht, D.Seifert
- Sammlung Knut Wiese, Arbeitsgemeinschaft Geesthachter Eisenbahn e.V. http://eisenbahn.geesthacht.de/
- HEW, Umweltbericht 2000
- Sammlung Niels Engelke
- Bahn-Express Online
- Aussagen von Zeitzeugen und Anwohnern
- Eigene Recherchen



 
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